Die verborgenen Quellen des Neuen
 
Kreativität und Planung im wissenschaftlich-technischen Fortschritt

Klaus Fischer, Dr. phil., Univ.-Professor, Philosophie, Universität Trier
 
 



  
     
      Die Zukunftsblindheit der Planer
       
    Seit die Wissenschaftshistoriographie sich mit dem Problem des Erkenntnisfortschritts beschäftigt, lebt sie mit einem Paradoxon.  Keine der Basisinnovationen, die die Geschichte der Wissenschaften, der Technik und der Kultur bestimmt haben, wurde je auf der Grundlage eines genauen Planes, eines begutachteten Forschungsprojektes oder einer staatlichen Forschungsinitiative geschaffen. Die großen Durchbrüche der Wissenschaft - die „Revolutionen“ in  Astronomie, Physik, Chemie, Biologie und Medizin - sind ausnahmslos von weitblickenden Einzelpersonen erzielt worden, fern von den Geldtöpfen der Wissenschaftsförderer und oft im Dissens mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft. In der Technik das gleiche Bild: Von der Druckerpresse über die Dampfmaschine, den Otto- und Dieselmotor, die elektrischen Maschinen bis zum Auto, Flugzeug und Computer waren die Pioniere Tüftler, die von einer Idee besessen waren und sie ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Verluste und den Spott der Umwelt weitertrieben. Und dennoch, ungeachtet ihrer erwiesenen Unfähigkeit, das Neue hervorzubringen, fährt die staatliche Wissenschafts- und Technologiepolitik fort, ihre Mittel nach genau jenen Kriterien zu verteilen, von denen der Wissenschaftshistoriker weiß, dass die wirklich großen Erfolge von ihnen nicht zu erwarten sind. 

    Doch zählen diese Beispiele heute noch? Haben Wissenschaft und Technologie zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht eine neue Phase erreicht, in der die einsamen Genies und die verschrobenen Tüftler ausgedient haben? Sind wir nicht in die Epoche der „Technoscience“ eingetreten, in der wir von der reinen Grundlagenforschung nicht mehr viel zu erwarten haben, und es nur noch darauf ankommt, das vorhandene Wissen in organisierter „Teamarbeit“ zum Wohle von Wirtschaft und Gesellschaft „effizient“ anzuwenden, zu rekombinieren, zu technisieren, zu transformieren und zu ergänzen? Diese Vorstellung, dass wir in der reinen Naturerkenntnis fast alles entdeckt haben, was es zu entdecken gibt, und es nur mehr um die Ausbeutung der gefundenen Schätze geht, ist weit verbreitet. Ein deutscher Forschungsmanager: „Wir brauchen keine Erfinder mehr. Wir brauchen Geld und Ingenieure, um unsere Ideen und Konzepte umzusetzen“ (DIE ZEIT, 31. März 1999, S. 35). In einer Auftragsstudie des Bundesbildungsministeriums (Wissens- und Bildungsdelphi), bei der tausend „Fachleute“ u.a. zur Rolle der Wissenschaft in einer zukünftigen „Wissensgesellschaft“ befragt wurden, kam heraus, dass man der zweckfreien Grundlagenforschung kaum noch eine Chance gibt. „Die meisten Wissensgebiete dienen der wirtschaftlich-technischen Leistungsfähigkeit, während kaum noch mit einer dynamischen Entwicklung des Wissens gerechnet wird, das zweckfrei aus Neugier entsteht“ (Heike Schmoll, „Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft“, FAZ, 8. Juli 1998). 
     

      Grandiose Erfolge - geplatzte Träume
       

    Die spektakulären Erfolge einiger technologischer Großprojekte des 20. Jahrhunderts scheinen diese Ansicht zu bestätigen. Die Mondlandung, Peenemünde, das Manhattan Projekt - waren dies nicht staatlich geförderte und mit großem administriellen und materiellen Aufwand durchgeführte Vorhaben, die die Effektivität der staatlich geplanten Technowissenschaft demonstrierten? Genügte es nicht, ein zielorientiertes Unternehmen großzügig auszustatten, eine große Anzahl fähiger Forscher anzulocken, für die nötige Ausstattung und Infrastruktur zu sorgen, eine fähige Organisation zur Planung des ganzen ins Leben zu rufen, und der Rest ergab sich (fast) von selbst? Obwohl diese Vorstellung heute von vielen Politikern, Kaufleuten und selbst von Forschungsmanagern und Sozialwissenschaftlern geteilt wird, ist sie falsch, wie sich anhand einfacher Gegenbeispiele zeigen lässt. Zumeist dezent verschwiegen wird, dass in der Bilanz staatlich geförderter wissenschaftlich-technologischer Großprojekte nicht nur Erfolge, sondern auch grandiose Fehlschläge zu finden sind. Hierzu zählt zum Beispiel die amerikanische „War-on-cancer“-Initiative der siebziger und achtziger Jahre, die die Geißel Krebs in einer koordinierten Gemeinschaftsanstrengung besiegen sollte. Die Wissenschaftler nahmen den Geldsegen dankbar auf, aber die Todesstatistiken haben sich seitdem kaum geändert. Mit einer Implosion der Erwartungen endete auch das japanische Projekt einer „fünften“ Computergeneration. Mit großem Pomp 1982 verkündet, hat es zwar seine hochgesteckten Ziele um Längen verfehlt, dafür aber so nützliche Erfindungen hervorgebracht wie den bekannten mechanischen Hund, der etwas ungelenk, aber im Übrigen wie ein richtiger Hund das Bein heben kann. Doch wozu? 

    Was unterscheidet die beiden Klassen wissenschaftlich-technologischer Großprojekte? War die Planung bei den Projekten der zweiten Gruppe fehlerhaft? Waren sie nicht hinreichend üppig ausgestattet? Mangelte es an der Motivation und den Fähigkeiten der Beteiligten? In beiden Fällen lautet die Antwort nein. Der Hauptunterschied zwischen den Erfolgen und den Flops wissenschaftlich-technologischer Großprojekte besteht darin, dass die Straße zum Erfolg im ersten Fall bereits durch die Grundlagenforschung bereitet war, während die entscheidenden operationalisierbaren Ideen im zweiten Fall fehlten. 
     


     

      Ideen kann man nicht planen
       
     Wo sind die Quellen, aus denen der wissenschaftliche und technologische Fortschritt sich speist? Liegen sie in der Höhe der bereitgestellten Geldmittel, in der Menge der großen und teuren Geräte, der Zahl der Projekte und Stellen? Nein. Trotz einiger Erfolge bei der Suche nach neuen theoretisch postulierten Teilchen verhalfen die „Big machines“ mit jeweils Tausenden von Mitarbeitern der Elementarteilchenphysik nicht zum geplanten Durchbruch zu einer neuen vereinheitlichten Theorie der grundlegenden Naturkräfte. Die Lösung ist noch nicht gefunden, aber wir ahnen heute, dass sie von einer ganz anderen Seite kommen könnte als zunächst vermutet, nämlich von der mathematischen Theorie der „strings“,  einer esoterischen Spezialität, zu deren Betrieb kein gigantischer Milliarden-Dollar-Beschleuniger, sondern nur das kleine menschliche Gehirn (einschließlich seiner Hilfsmittel wie Papier, Bleistift und PC) nötig ist. Was das große Brecheisen der „Big science“ nicht schaffte, könnte einer filigranen „Small-science“-Idee im Handstreich gelingen.  Jenseits einer moderaten Grundausstattung können alle materiellen Ressourcen eines nicht ersetzen: Ideen, Ideen, Ideen. In der Wissenschaft ist eine neue Idee wie der Funke, der den Zunder zum Glimmen bringt. Erst jetzt ist es sinnvoll, um im Bild zu bleiben, für die Zufuhr von Sauerstoff und Brennmaterial zu sorgen, um das Feuer zu entfachen - in der richtigen Dosierung, versteht sich. 

    Doch die Organisation der Forschung hat Tücken. Jede Organisation ist ein soziales Gebilde mit eigener Dynamik, das einer immanenten Sachlogik folgt, die selten mit der Sachlogik der Wissensentwicklung übereinstimmt. Sie entwickelt ein Eigenleben und weist ein beträchtliches Trägheitsmoment auf. Die historischen Erfahrungen zeigen, dass die Wissenschaft am besten gedeiht, wenn sie ihrem eigenen Impetus folgen darf und nicht in ein organisatorisches und planerisches Korsett gezwängt wird. Keiner weiß besser als der einzelne unabhängige Forscher, wo die interessanten und aussichtsreichen Probleme seines Spezialgebietes liegen, welches Wissen und welche Methoden man für ihre Lösung heranziehen könnte und nach welchen Kriterien die Lösungsvorschläge zu bewerten sind. Natürlich kann er sich irren - eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht. Äußere Anreize können nützlich sein, doch ob sie Innovationen wesentlich beschleunigen, erscheint fraglich. Sie erhöhen die Zahl der Beteiligten und erzeugen Geschäftigkeit, eine Quelle neuer Ideen sind sie nicht. Sicherlich kann es den Forscher beflügeln, wenn er weiß, dass ihm andere auf den Fersen sind und seine erhofften Ergebnisse vorwegnehmen könnten. Es kann aber auch dazu führen, dass er auf zeitraubende Kontrollexperimente und -rechnungen verzichtet und unreife Arbeiten publiziert. 

    Nach Berichten vieler Entdecker und Pioniere (vgl. dazu Eugen Diesel, Das Phänomen der Technik, Leipzig/Berlin 1939) ist der größte Anreiz ihrer Arbeit die innere Befriedigung, die sich einstellt, wenn sie etwas Neues gefunden oder ein Problem elegant gelöst haben. Die soziale Anerkennung durch „Peers“ mag dem Außenstehenden bedeutsam erscheinen, doch für den Entdecker ist sie nicht entscheidend. Viele Neuerer verscherzten sich diese Anerkennung durch ihre seltsamen Ideen - und machten weiter. Die Wege, die zum Neuen führen, erscheinen oft seltsam gewunden. Manchmal leiten scheinbare Umwege, die dem Außenstehenden rätselhaft und unsinnig erscheinen, zum Erfolg, während der scheinbar gerade Weg in einer Sackgasse endet. Der kreative Geist braucht eine passende Umgebung. Viele Forscher und Entdecker der Vergangenheit schufen sich diese Umgebung ohne Rücksicht auf Gesundheit, Ansehen oder materielle Verluste. Unter den Bedingungen einer verrechtlichten und regulierten Wissenschaft, die „Amateuren“ den Zugang zu vielen Chemikalien, Biomaterialien und Instrumenten verwehrt, ist dies zumindest in den experimentellen Naturwissenschaften nicht mehr möglich. „Freischaffende“ Theoretiker haben ein anderes Problem: sie scheitern zumeist an skeptischen Herausgebern oder Redakteuren wissenschaftlicher Periodika - in der Regel zu Recht.

     Vor einer Illusion sollte man sich hüten, dass nämlich das Neue an sich positiv zu bewerten ist. Wie die meisten Mutationen der DNS sind auch viele, vielleicht sogar die meisten Innovationen wertlos oder nachteilig. Viele technologische Neuerungen erweisen sich als Flops, manchmal nur aus Gründen des ungünstigen Umfeldes oder der falschen Zeit. Von dem kleinen verbleibenden Rest allerdings hängt das Schicksal der Ökonomie, des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts und der kulturellen Evolution ab. Systeme, denen es nicht gelingt, die Spreu vom Weizen zu trennen, können im Konkurrenzkampf nicht bestehen und werden deklassiert. 
     

      Kreativität und Organisation
       

    Wenn unter den Bedingungen moderner Gesellschaften Wissenschaft und Forschung vor allem in speziellen institutionellen Kontexten betrieben werden, dann müssen diese so organisiert werden, dass sie die Entwicklung des Wissens nicht verhindern. Im Idealfall sollten sie der Dynamik der Wissenserweiterung freien Lauf lassen. Von diesem Idealfall sind wir weit entfernt. Doch wie sähe dieser aus? Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Kernfrage jeder Wissensgesellschaft erhalten wir einige Hinweise aus Berichten von Entdeckern. Der Entdecker braucht eine starke intellektuelle Herausforderung, ein hohes Maß an Eigenverantwortung, intellektuelle Anregung ohne Überforderung, zeitweise Befreiung von Routineaufgaben und von Erfolgsdruck, freie Wahl des Forschungsthemas und der Art seiner Behandlung, flexible Disposition über Forschungsmittel für die Durchführung von Experimenten, freie Wahl von Arbeitszeit und (zumindest bei Theoretikern) Arbeitsort, gelegentliche Muße zum Nachdenken, zur Erkundung ungewöhnlicher Wege zum möglichen Erfolg. Die richtige Mischung von Muße und Stimulation scheint wesentlich, jede Hektik und erzwungene Umtriebigkeit kontraproduktiv. 

    Wichtig für Experimentatoren erscheint auch die persönliche Kontrolle über Instrumente. Da diese individuelle Kontrolle gerade an den großen, gutausgestatteten, gemeinschaftlich genutzten Zentren der Forschung nicht möglich ist, haben sich diese Zentren in einigen Bereichen als enttäuschend innovationsschwach erwiesen  (vgl. Martin Harwit, Die Entdeckung des Kosmos, München/Zürich 1981). Die meisten astronomischen und astrophysikalischen Entdeckungen in dem von Harwit untersuchten Zeitraum (bis etwa 1980) gingen aus Projekten hervor, die von ein oder zwei einzelnen Forschern betrieben wurden. Oft kamen diese aus angrenzenden Wissenschaften und arbeiteten mit neuartigen, zum Teil vom Militär ausrangierten Instrumenten, die für Fachastronomen eher ungewohnt waren. Die Faktoren, die die Entdeckung des Neuen in der Astronomie bestimmten, waren  Interdisziplinarität, der Gebrauch neuartiger Instrumente, sowie lückenlose persönliche Kontrolle über die Geräte.
     

     

      Kreativität und Kontrolle
       

    Noch Röntgen konnte es sich leisten, alle laufenden Arbeiten liegen zu lassen und sich für sechs Wochen nur auf die Untersuchung seiner Entdeckung zu konzentrieren. Er sah etwas Merkwürdiges und ignorierte es nicht, sondern ließ sich davon faszinieren. Er nahm sich die Freiheit, sich von seiner Routinearbeit ablenken zu lassen. Wieviele Forscher könnten dies heute noch tun? Wie viele Entdeckungen bleiben unrealisiert, weil man glaubt, sich nicht ablenken lassen zu dürfen, da eine Auftragsarbeit zu erledigen oder ein Projekt termingerecht weiterzutreiben ist, weil die Lehrverpflichtungen drängten und die Wochen mit Gremienarbeit oder Verwaltungskram überladen waren? Anstatt Bedingungen zu schaffen, unter denen Neues mit größerer Wahrscheinlichkeit entsteht, überbieten sich die Organisatoren der Wissenschaft im Versuch, die Mechanismen der Kontrolle zu perfektionieren. Sind die Bedingungen kreativer Wissenschaft in einer modernen Gesellschaft nicht mehr herstellbar? 

    Oder ist nach dem Zerfall der östlichen Kommandosysteme bei maßgebenden Politikern im Westen das Motiv zur Unterstützung freier Forschung entfallen? „Vertrauen ist gut! Kontrolle ist besser!“ lautet der neue Leitspruch. Die operative Bedeutung dieses Leninschen Mottos wird sichtbar, wenn man den Begriff „Vertrauen“ durch „Freiheit“ ersetzt. Wissen die Propagandisten der neuen Kontrollideologie eigentlich, in welcher geistigen Genealogie sie damit stehen? 

    Dass in industriellen Labors die geschilderten kreativitätsfördernden Bedingungen zumeist nicht erfüllt sind, überrascht weniger. Aufgrund der Ungewissheit des Ertrages glaubt sich ein privater Konzern in der Regel kein Labor leisten zu können, dessen  Angestellte die Freiheit haben, ihre Themen, Ziele und Erfolgskriterien selbst zu bestimmen. „Wir dürfen die Freiheit der Forschung nicht länger mit der Freiheit verwechseln, ohne klare Zielsetzung und ohne regelmäßige Erfolgskontrollen vor sich hinzuforschen“, wie es der Leiter des Zentralbereichs Forschung der Robert Bosch GmbH, Wolf-Dieter Haecker, jüngst ausdrückte (FAZ, 2. Februar 1999). Wie man hört, gibt es Ausnahmen wie das IBM-Labor in Rüschlikon, die Bell-Laboratories oder SAP, die das Potential freier Forschung erkannt haben. 

    Leider sieht die heutige Realität der industriellen Forschung anders aus (dazu: Herve Baratte, „Innovationen können in den Unternehmen nicht verordnet werden“, FAZ 18. Januar 1999, 29). Wer einem Forscher Kapital oder Steuermittel zur Verfügung stellt, möchte in der Regel sehr genau wissen, wofür es eingesetzt wird und was dabei herauskommen kann. Ein kleiner Erfolg in der gewünschten Richtung ist dem Geldgeber wichtiger als ein großer Erfolg bei der Lösung eines anderen Problems, das vielleicht aus der Eigendynamik der Wissenschaft folgt, den Geldgeber aber nicht interessiert, weil davon andere profitieren. Ein solches Handeln mag vom wissenschaftlichen Standpunkt aus kurzsichtig sein, wirtschaftlich ist es verständlich - zumindest dann, wenn man nur die nächsten Quartalszahlen im Blick hat. Auch in der militärischen Forschung kommt es nicht auf die langfristige Maximierung  des wissenschaftlichen Fortschritts, sondern auf die Lösung spezifischer Sachprobleme an - also nicht auf die Entwicklung einer besseren Festkörperphysik, sondern auf das Zusammenbrauen einer stabileren Legierung für die Schaufeln einer Turbine. Den militärischen Geldgebern mag klar sein, dass eine bessere Festkörperphysik auch zu einem Quantensprung für technologische Lösungen führen kann. Doch sie sehen nicht ein, warum sie etwas finanzieren sollen, wovon im Erfolgsfall auch der Gegner profitiert. Da die beteiligten Forscher hinsichtlich des Sinns ihrer Arbeit zuweilen anderer Ansicht als die Kaufleute sind, kommt es manchmal zu seltsamen Konstellationen. Entwicklungen, die von einer informellen Gruppierung in der Forschungsabteilung eines Unternehmens unter nicht erlaubter Abzweigung von Forschungsmitteln betrieben werden, nutzen dem Unternehmen hinterher oft mehr als die offiziellen Projekte. Nach Schätzungen von Insidern fliessen etwa 20 Prozent des Budgets einer Forschungsabteilung in solche konspirativen „U-Boot-Projekte“ (Ulrich Groothuis, „Geheimbund der Genies“, Wirtschaftswoche Nr. 31, 1992, 53).

    Diese Strategie, obwohl unerlaubt, erscheint funktional für das Gesamtsystem - in einer Situation, in der „kleinmütige Bedenkenträger und ein gigantischer Bürokratiemoloch die Kreativität agiler Pioniere (erstickt)“ und sie zu „frustrierten Außenseitern“ macht (Jürgen Berke u.a., „Todesurteil auf Raten“, Wirtschaftswoche Nr. 43, 1993, 103), obwohl nach einer Kienbaum-Studie 80 Prozent aller erfolgreichen Innovationen von dieser kleinen Gruppe kommen (a.a.O.; vgl. auch Klaus Kemper, „Der lange Marsch durch die Institu¿tionen“, FAZ 2. März 1996, S. 13). 
     

      Projektforschung, Kreativität und „Peer-Review“
       

    Sind diese Ergebnisse auf die wissenschaftliche Projektforschung übertragbar? Durchaus. Auch begutachtete Projektforschung soll nach dem Willen der Geldgeber nie „Forschung ins Blaue hinein“ sein, auf der Basis des Prinzips Hoffnung, geleitet von vagen Ideen, kühnen Spekulationen, Analogien und Metaphern. Sie braucht ein klares Ziel, einen praktikablen Plan, bewährte Methoden, einen festen Zeitrahmen und genaue Arbeitsgrundlagen, die die „vermuteten Ergebnisse“ nach Möglichkeit bereits hypothetisch vorwegnehmen. Da dies von der Sachlogik der Forschung her unsinnig ist, versuchen Wissenschaftler manchmal, unter dem Deckmantel uninteressanter und wissenschaftlich bedeutungsloser, aber sicherer und konsensfähiger Projekte jene Forschungen zu betreiben, die sie wirklich für wichtig und zukunftsweisend halten - ebenfalls eine Form von „U-Boot“-Forschung. Es gibt einen multinationalen Drittmittelgeber mit Sitz in Brüssel, der diese Strategie durch möglichst eng umschriebene, in ein Korsett fester Termine gezwängte und vorab definierte Zielforschung zu konterkarieren versucht. Damit dient er zwar den Interessen einer festen Klientel von Absahnern, aber nicht denen der Forschung und ihrer Nutznießer. 

    Die Strategie der „U-Boot-Forscher“ findet ihre Rechtfertigung darin, dass innovative Forschung oft nicht konsensfähig ist. Die Wissenschaftsgeschichte kennt viele Beispiele zukunftsweisender wissenschaftlicher Arbeit, die von der Mehrheit der Wissenschaftler ihrer Zeit, und somit auch von der Mehrheit der potentiellen Gutachter, zumindest zeitweise abgelehnt wurde. Man könnte viele Namen als Beispiele nennen, angefangen von Gottlob Frege, Robert Mayer, Gregor Mendel, Georg Cantor, Peyton Rous, Alfred Wegener, Ignaz Semmelweis, Alan Turing, Boris P. Belousov, Anatol M. Zhabotinsky, Konrad Zuse, Hermann Oberth bis zu Noam Chomsky, Mitchell Feigenbaum und Frank Rosenblatt.Über innovative Wissenschaft („science in the making“) können „Peers“ und Gutachter nicht abstimmen. Nur wenige sind jeweils kompetent, ein begründetes Urteil zu fällen. Etwas ähnliches hatte wohl Galileo Galilei im Sinn, als er in den Briefen über Sonnenflecken Folgendes sagte: „In den Wissenschaften zählt ein kleiner Funken Vernunft in einem einzelnen Menschen mehr als die Autorität von Tausend Meinungen“.  Im „Saggiatore“ findet man die passende Fortsetzung: „Deshalb halte ich es (...)  für nicht besonders vernünftig, die Meinung eines Mannes nach der Zahl seiner Anhänger zu beurteilen“.  In heutiger Terminologie bedeutet dies: Die grossen Erfinder und Entdecker haben keine „Peers“.
     

      Die vielfältigen Formen des Neuen
       

    Wissenschaftliche Innovationen, zumal solche in der Grundlagenforschung sind nicht planbar, Ergebnisse sind auch mit hohem materiellen Einsatz nicht zu erzwingen, ihre Anwendungen und die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Anwendungen sind nicht vorhersehbar, solange man die Lösungen nicht hat. Man kann nicht planen, was man noch nicht kennt. Doch für einige Probleme sind die Randbedingungen einer Lösung, die zu einer Entdeckung führen, besser definiert als für andere. Zunächst gibt es jene Entdeckungen, die wir zufällig nennen. Fleming konnte nicht planen, das Penicillin zu entdecken, Galilei nicht, die Jupitermonde zu sehen, Röntgen nicht, auf neue Strahlen zu stoßen, Kolumbus nicht, Amerika zu finden - von dem neuen Kontinent zwischen Asien und Europa wusste er nichts. Er glaubte bis zu seinem Tod, in einem Teil Hinterindiens gelandet zu sein. Andere Entdeckungen wie die der Spaltbarkeit schwerer Atomkerne hätte man gezielt ansteuern können, doch man hielt dieses Unterfangen auf der Basis des akzeptierten Wissens für unsinnig - und so wurde es doch wieder eine Entdeckung ohne Absicht und gegen alle Erwartungen. Bei einer dritten Klasse von Entdeckungen, in die zum Beispiel die elektromagnetischen Wellen oder die Struktur der DNS fallen, waren die Randbedingungen einer Lösung so gut definiert, dass man sie bei Unterstellung des notwendigen wissenschaftlichen Weitblicks absichtlich nennen könnte. Doch der Weg zum Ruhm ist nicht patentierbar. Auch hier kannte man das Resultat nicht, bevor man es tatsächlich hatte; eine Garantie auf Erfolg gab es nicht. Die Entdecker waren nicht jene, die von ihrer Reputation, ihrer akademischen Stellung und ihren Ressourcen her dazu prädestiniert gewesen wären, sondern wissenschaftliche Greenhorns, die sich ihre akademischen Sporen erst verdienen mussten. 

    Die quantitative Wissenschaftsgeschichtsschreibung hat festgestellt, dass die Häufigkeit von Innovationen mit dem Grad ihrer Wichtigkeit und ihrem Neuigkeitswert abnimmt (vgl. Nicholas Rescher, Wissenschaftlicher Fortschritt, Berlin/New York 1982). Finden wir bei Routinelösungen die bekannte inputabhängige exponentielle Entwicklung der Fallzahlen, so entspricht die Zahl der Ergebnisse mittlerer Bedeutung eher der Quadratwurzel und die Zahl der Schlüsselinnovationen bestenfalls der Kubikwurzel aus der Menge der Routinelösungen. Und gerade jene Schlüsselneuerungen, von denen die grossen technologischen und kulturell-zivilisatorischen Schübe der Menschheitsgeschichte abhingen, waren am wenigsten vorhersehbar, geschweige denn planbar. Das Dilemma der Wissenschafts- und Forschungsplanung besteht folglich darin, dass ihre Steuerungsinstrumente gerade bei den wichtigsten Innovationen kläglich versagen, während sie bei Routinearbeiten oft überraschend gut greifen. Da Wissenschaftsplaner Erfolge vorweisen wollen und deshalb das Risiko scheuen, fördert dieser negative Zusammenhang die Tendenz, sich auf die sichere Seite zu begeben und ausschließlich auf Routineforschung (auf die Kuhnsche „normale Wissenschaft“) zu setzen, zukunftsweisende Pionierforschungen  dagegen zu vernachlässigen. 
     

      Wissenschaftspolitik - wozu?
       

    Welche Funktion kann der staatlichen Wissenschaftsplanung und Forschungsförderung jenseits der Koordination von Routineforschung noch zukommen? Ist sie für den Bereich der wirklich wichtigen Innovationen wertlos? Soll sie auf jegliche Steuerung verzichten und die Mittel nach dem Prinzip der Gießkanne verteilen? Zwar sind staatliche wie privatwirtschaftliche Planung blind, was die Entstehung des Neuen betrifft, aber sie können die Bedingungen verbessern, unter denen es sich zu entwickeln vermag. Sie können das Neue aufnehmen, es selektiv fördern und für seine systematische Ausbeutung sorgen. Besitzt eine Idee großes Potential, dann mag es sich lohnen, Schwerpunktprogramme zu initiieren, Großforschungsinstitute zu gründen und zielorientierte Projektforschung in großem Maßstab zu betreiben - und sie wieder aufzulösen, wenn die Grenzerträge abfallen. Hier liegt die Aufgabe und die Funktion der staatlichen Wissenschaftspolitik, aber auch der unternehmenseigenen Forschung. Wenn der Grundlagenforschung eine Entdeckung gelungen ist, muss man über technische Entwicklungen und marktfähige Produkte, in denen sie eine Rolle spielen könnte, systematisch nachdenken. Richtig ist, dass die Anwendung der Grundidee, die Konstruktion und Verbesserung von Prototypen, ihre Übertragung in neue Kontexte, „technologische Weiterentwicklungen“ und „inkrementale Modifikationen“, die Entwicklung von Systemlösungen etc. ökonomisch von weitaus größerer Bedeutung sein können als die kleinen Geistesblitze, die die Rolle des Zünders spielten. Richtig ist aber auch, dass ohne die auslösenden Zünder der „Innovations-Pfad“ erst gar nicht gefunden worden wäre. Leider funktioniert die strategisch wichtige Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung nicht immer optimal (vgl. Karl-Heinz Karisch, „Forschungsstandort D - Wissenschaft und Industrie ziehen nicht an einem Strang“, Frankfurter Rundschau 4. Januar 1997, 9). Schuldzuweisungen sind hier kontraproduktiv: es gibt weder eine „Bring-Schuld“ der Produzenten noch eine „Hol-Schuld“ der Verwerter von Neuerungen. Die Produzenten wissen zumeist nicht, was an ihren Ideen ökonomisch sinnvoll umsetzbar ist, während die Verwerter in der Regel nicht wissen, wo die nutzbaren Ideen entstehen. Ein ständiger Austausch von Gedanken, Informationen, Ideen und vielleicht auch Personen ist notwendig, um diesen Mangel zu beheben. 
Forschung & Lehre 1999