Zufall oder Gesetzmäßigkeit?
Über die Entstehung des Neuen aus ökonomischer Sicht
Arnold Picot, Dr., Dr. h.c., Univ.-Professor, Institut für Organisation, Fakultät für Betriebswirtschaft,
Universität München
Sind systematisch zu beobachtende Randbedingungen oder gar Gesetzmäßigkeiten für das Neue verantwortlich oder sind es Zufälle, die Neues entstehen lassen? Lassen sich Rahmenbedingungen und Strukturen so gestalten, dass Neues leichter entstehen und sich durchsetzen kann?Es sind sowohl systematische Randbedingungen als auch Zufälle als auch gestalterische Potenziale, die Neues generieren. Einige Punkte aus diesem Panoptikum der Genese des Neuen sind im Folgenden anzusprechen.
Aus ökonomischer Sicht ist zunächst das Knappheitsproblem und die Überwindung von Grenzen als Ursache für neue Ideen und deren Umsetzung zu nennen. In der Wirtschaftswissenschaft ist es weithin üblich, den Menschen als „Nutzenmaximierer unter Restriktionen“ zu sehen. Jedes Individuum hat bestimmte Präferenzen (Ziele, Vorlieben, Interessen usw.), die es unter den jeweils gegebenen Begrenzungen (Zeit, Geld, Wissen, Kontakte usw.) möglichst weitgehend zu verwirklichen sucht. Stößt jemand bei der Verfolgung der Ziele an seine Restriktionen (z.B. Zeitmangel bei der Informationsrecherche im Internet), so kann dies die aktive Suche nach Möglichkeiten zur Verschiebung oder Überwindung der jeweiligen Barriere auslösen. Das ist um so wahrscheinlicher, je höher der Akteur die aufgrund der wirksam werdenden Knappheit vermuteten „Verluste“ (z.B. entgangene Informationsvorteile) einstuft (sog. Opportunitätskosten). Um den Handlungsspielraum auszudehnen, werden nicht selten neue Ideen entwickelt und ausprobiert (z.B. Erfindung einer Suchmaschine, Einschaltung eines neuartigen Intermediärs).
Aus dieser Sicht ist also das Neue eine Folge der Bemühungen, Knappheit zu verringern und Nutzen zu steigern. Je höher der erwartete Vorteil, desto intensiver die Suche nach neuen Lösungen. „Not macht erfinderisch“ sagt der Volksmund und bestätigt damit die ökonomische Betrachtungsweise. Beispiele hierfür gibt es zahlreich, man denke nur an die enormen Fähigkeiten und Kreativitätspotenziale der Menschen in Notzeiten oder die Vielzahl von Technologien sowie von rechtlichen, organisatorischen und gesellschaftlichen Institutionen, die entstanden sind, um bestehende Grenzen zu überwinden. Zu nennen sind beispielhaft neue Organisationsstrukturen, Standards, Infrastrukturen oder Transportsysteme.
Ökonomisch gesehen ist die Entstehung des Neuen demnach nicht die Folge voraussetzungslosen Phantasierens oder zufälligen Entdeckens. Sie wird letztlich von dem Anreiz getrieben, sich durch das Neue besser zu stellen. Unternehmer erkennen solche Gelegenheiten. Sie versetzen sich in die Lage von Menschen, die bei der Lösung ihrer Probleme an Grenzen stoßen, und suchen z.B. im Verbund mit qualifizierten Forschern und Entwicklern nach neuen Lösungen, um diese anschließend zu vermarkten und von der Zahlungsbereitschaft für neue, Grenzen verschiebende Problemlösungen zu profitieren. Wissenschaftler machen es im Prinzip kaum anders: Sie erkennen u.a. den Reputationsnutzen, der zu erlangen ist, wenn das Herausschieben bisheriger Erkenntnisgrenzen gelingt, und setzen ihre Kräfte entsprechend ein. Unternehmer, die Neues erkennen und anwenden, gibt es also nicht nur in Wirtschaft und Technik, sondern auch in Wissenschaft oder Politik. Gerade neue politische und organisatorische Systeme sind nicht selten als Reaktion auf übermäßigen Ressourcenverbrauch und zu hohe Opportunitätskosten der alten Systeme zu interpretieren: Der Feudalismus wurde von neuartigen bürgerlichen Demokratien abgelöst, weil das alte System einfach zu „teuer“ wurde, um angesichts der aus Industrialisierung und Wissensfortschritt resultierenden Chancendynamik leistungsfähig zu bleiben. Ähnliches gilt für den Übergang von traditionellen tiefgestaffelten funktionalen Unternehmenshierarchien zu neuartigen dezentralen modularen Organisationen oder vernetzten virtuellen Unternehmen.
![]()
Neugierig, experimentierfreudig und risikobereit
Um Neues hervorzubringen, sind weitere Voraussetzungen erforderlich: Besonders solche Menschen werden zum Zwecke der Grenzerweiterung Neues suchen, die neugierig, experimentierfreudig und risikobereit sind; denn die Resultate derartiger Anstrengungen sind unsicher. Die Wirtschaftswissenschaft hat diese Unterschiedlichkeit menschlicher Verhaltensprofile im Hinblick auf das Neue früh berücksichtigt, z.B. in der berühmten Theorie innovativer Pionierunternehmer von Joseph Schumpeter oder in der Theorie des dynamischen Wettbewerbs als Entdeckungsverfahren von Friedrich von Hayek. Aufbauend auf derartigen Überlegungen reicht es auch nicht, Neues zu erfinden und isoliert auszuprobieren, sondern es kommt erst richtig „in die Welt“, wenn es sich in der Breite durchsetzen kann. Erst dann wird die Invention zur Innovation. Neben den kreativen Unternehmern in Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft sind daher bei den Kunden, Nutzern und Anwendern des Neuen Pioniere, sog. lead users, erforderlich, um Aufnahme, Erprobung und Verbreitung des Neuen zu beschleunigen.
Neues kann aber auch zufällig entstehen. Das Penicillin wurde beispielsweise erfunden, weil der Erfinder zufällig einen Versuch mit einer Bakterienkultur, mit dem er einen ganz anderen Zweck verfolgte, während seines Urlaubes stehen ließ und bei Rückkehr feststellte, dass sich Pilze gebildet hatten, die Bakterien töteten. Auch die Erfindung der Röntgenstrahlen oder die Erfindung von Gruppenarbeitsmodellen auf Grund von Versuchen, bei denen die Auswirkungen der Beleuchtung getestet werden sollten (Hawthorne Experimente), erfolgte ungeplant. Zufällig kann also Neues auftreten, wenn z.B. für andere Zwecke angelegte Recherchen und Experimente überraschende Ergebnisse hervorbringen, Sachverhalte zufällig bemerkt und in kreativer Weise mit anderen Aspekten kombiniert werden, wenn also scheinbar aus heiterem Himmel zündende Ideen und neue Erkenntnisse entstehen.
![]()
Die Entstehung und Entwicklung von Neuem lässt sich gezielt fördern, indem man innovationsfreundliche Rahmenbedingungen schafft. Organisationsstrukturen mit flachen Hierarchien, die zeit- und standortbezogen flexible Arbeitsformen zulassen (Kreativität lässt sich nicht in den herkömmlichen 8-Stundentag und auch nicht in die Anwesenheit an einem bestimmten Arbeitsplatz zwängen), entsprechend gestaltete Anreizsysteme mit materiellen und immateriellen Komponenten sowie insbesondere ein offenes Kommunikationsklima schaffen den für die Entstehung von Neuem notwendigen schöpferischen Freiraum und Informationsaustausch. An die Stelle fest vorgegebener Informations- und Kommunikationswege („Dienstwege“) muss ein ungehinderter, einfacher Zugriff auf Archive und Datenbanken sowie ein freier Kommunikationsfluss mit der Möglichkeit eines direkten Wissensaustausches zwischen Personen (internen und externen) treten. Offene Diskussions-Plattformen, FuE- und Technologie-Zentren, Treffpunkte für den persönlichen Austausch, Begegnungsflächen und Cafeterias helfen, starre Organisationsstrukturen zu überwinden, überlieferte Informations- und Kommunikationswege zu entblockieren und den geplanten wie den ungeplanten Ideenfluss zu fördern. Sie tragen damit zur Entstehung eines Umfeldes bei, welches kreatives Denken und eine offene Kommunikationskultur unterstützt.
Neues gezielt fördern
Gelingt es, auf diese Weise „Spielwiesen“ und angstfreie Räume zu schaffen, in denen Menschen eigenverantwortlich und selbstkontrolliert, weitgehend befreit von anderem Tagesgeschäft und ohne direkten kurzfristigen Handlungsdruck experimentieren, unkonventionelle Fragen stellen und sich austauschen können, dann ist sicherlich eine wichtige Basis für die Entstehung von Neuem geschaffen. Natürlich sind auch für derartige „geschützte Brutzonen“ bestimmte Spielregeln erforderlich, um den Beteiligten eine gewisse Orientierung zu geben und zu verhindern, dass die Neuerungsaktivitäten in eine unerwünschte Richtung laufen. Hierzu gehört u.a. ein Klima der Fehlertoleranz, welches erste Fehlschläge nicht gleich bestraft, die Absprache globaler Ziele und Budgets sowie Anreizsysteme, die zu unternehmerischem Denken und Handeln bewegen.
![]()
Unter solchen Voraussetzungen ist auch eine weitere Quelle des Neuen leichter zu erschließen: die Zusammenführung unterschiedlicher, möglicherweise interdisziplinärer Sichtweisen. Schon immer entstanden z.B. neue Richtungen in Kunst und Handwerk durch das Zusammenführen verschiedener Stile und Kulturen. Wird Bestehendes vor dem Hintergrund einer neuen Blickrichtung, einer anderen Theorie oder einer fremden Kultur betrachtet und neu interpretiert, ergeben sich viele Ansatzpunkte für innovative Ideen. Interdisziplinär zusammengesetzte Arbeitsgruppen und FuE-Teams oder Methoden der Kreativitätsförderung, die auf der Integration verschiedener Sichtweisen basieren, sind nur einige Beispiele hierfür.
Interdisziplinäre Sichtweisen
![]()
Schließlich sind Innovationen selbst die Basis für etwas Neues. So führen neue Technologien und neue Methoden zu weitreichenden Innovationen im Wirtschaftsleben, im künstlerischen oder medizinischen Bereich und verändern bestehende Strukturen und Institutionen nachhaltig. Digitalisierung und Internet unterstreichen diesen Zusammenhang gegenwärtig besonders einprägsam: Innovative Internettechnologien eröffnen neuartige Visionen z.B. für eine in weiten Bereichen digitale Wirtschaft; die neuen Anwendungen des elektronischen Informationsabrufs und Geschäftsverkehrs erzeugen eine verstärkte Nachfrage nach mehr Digitalisierung und mehr Bandbreite in der technischen Kommunikation und bringen auf diese Weise weitere technische Neuerungen hervor. Neues regt damit die Entstehung von Neuem in anderen Feldern an. So gibt es beispielsweise wichtige Wechselwirkungen zwischen technologischen und organisatorischen Innovationen oder zwischen technologischen und Anwendungsinnovationen.
Neues schafft Neues
Zusammenfassend sind verschiedene Aspekte dafür verantwortlich, dass Neues entsteht:
- Knappheit bzw. Grenzen und der daraus resultierende Drang zur Verbesserung der eigenen Situation,
zufällige Gegebenheiten,
- die bewusste Gestaltung von kreativitäts- und innovationsfördernden Rahmenbedingungen,
- die Zusammenführung unterschiedlicher, auch interdisziplinärer Ansichten und Fachrichtungen und
- Innovationen selbst, die für Neuerungen in anderen Feldern sorgen.Diese Aspekte sind natürlich nicht unabhängig voneinander zu sehen. Entsprechend gestaltete Strukturen können helfen, zufällig etwas Neues zu entdecken oder rascher Neuerungen zu erzeugen, die Knappheit reduzieren. Vielen Unternehmen gelingt es, sich einerseits in die Rolle ihrer Kunden zu versetzen, um Probleme und Lösungsansätze zu erkennen, und andererseits kreativitätsfördernde, offene Strukturen zu realisieren, um Lösungen für diese Probleme zu entwickeln und durchzusetzen. Letztlich können alle Aspekte nur helfen, Kreativität zu fördern und zu entfalten. Denn damit Neues in die Welt kommen kann, sind Kreativität und Neugier, Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Wissensgebieten, Risiko- und Umsetzungsfreude erforderlich. Neues kann nur dann entstehen, wenn derartige Fähigkeiten schon frühzeitig gefördert bzw. ihre Entwicklung nicht behindert wird. Damit sind Erziehung, Schule und Ausbildung eine wichtige Basis für die Chance, dass Neues entsteht; denn: „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem besteht darin, wie es ein Künstler bleiben kann, wenn es aufwächst.“ (Pablo Picasso)
Forschung & Lehre 1999