Ernst-Ludwig Winnacker, Dr. rer. nat., Univ.-Professor,
Biochemie, Universität München,
Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft


Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über neue Erfolge der Gentechnik berichtet wird. Die Rapidität der Entwicklung erfordert immer wieder neue ethische Klärungen. Ist dies ein Hase und Igel-Spiel, bei dem die Ethik auf der Strecke bleibt? Welche Konsequenzen haben die naturwissenschaftlichen Entdeckungen und ihre Umsetzung für das Menschenbild?

Forschung & Lehre: Wenn die Freiheit des Forschers unerläßlich ist, kann dann die Moral am Anfang stehen?

Ernst-Ludwig Winnacker: Die Freiheit der Forschung ist in der Tat unerläßlich. Sie war aber nie absolut. Eine Reihe von Grundrechten sind ihr übergeordnet, wie das Grundrecht auf Menschenwürde oder das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Gene und Umwelt

Wenn der Mensch letztlich vollständig, d.h. auch der Geist, auf biologisch-materielle Ursachen zurückgeführt wird, was bedeutet dies für das Menschenbild und damit für die Ethik?

In der Tat sind die Gene für das menschliche und alles andere Leben auf diesem Globus unbedingte Voraussetzung. Ohne Gene gibt es kein Leben. Aber: Die Beziehung zwischen den Genen als Informationsträgern und dem tatsächlichen Aussehen eines Organismus sind komplex. Bei der Augenfarbe, der Rot-Grünblindheit oder dem Veitstanz liegen die Verhältnisse noch einfach. Sie sind allein auf den Zustand von Genen zurückzuführen. Viele andere Merkmale, insbesondere aber die kognitiven Merkmale, die uns zu Menschen machen, wie Bewußtsein, Intelligenz, Musikalität etc. sind durch die Umwelt, also auch das sozio-kulturelle Umfeld, mitbestimmt. Wo genau die Grenze zwischen den Genen und der Umwelt liegt, ist im einzelnen nicht bekannt. Aber selbst ein so "einfacher" Parameter, wie die Körpergröße, ist bereits durch Umweltmerkmale, in diesem Falle die Ernährung und die medizinische Versorgung, mitbestimmt. Wie wäre es sonst zu erklären, daß die mittlere Körpergröße in den letzten 100 Jahren, also in nur vier Generationen, um 10 cm angewachsen ist?

Wissenschaft und Religion

Der amerikanische Nobelpreisträger James D. Watson hat sich kürzlich zu jenen gezählt, denen "die religiös motivierte Behauptung der Unantastbarkeit des Lebens nicht einleuchtet" und die statt dessen glauben, "daß menschliches und anderes Leben nicht von Gott geschaffen wurde, sondern durch einen evolutionären Prozeß entsteht, der den Darwinschen Prinzipien der natürlichen Auslese folgt". Konsequent sollte niemand dazu gezwungen werden, "ein Kind zu lieben und zu unterstützen, dessen Leben niemals Anlaß zur Hoffnung auf Erfolge gegeben hätte." Was halten Sie von dieser Auffassung? Kann sie in absehbarer Zeit mehrheitsfähig werden?

Menschliches Leben ist, wie alles andere Leben auch, das Ergebnis eines Evolutionsprozesses. Es gibt keinen Grund, die Darwin¹sche Evolutionslehre anzuzweifeln. Daraus folgt meiner Ansicht nach allerdings keineswegs, daß man "Kinder nicht lieben können soll, deren Leben niemals Anlaß auf Erfolg gegeben hätte". Für diese Einsicht bedarf es nicht einmal christlicher Motive.

Behindert, wie es Watson behauptet, der Glaube an Gott die Forschung?

Ich weiß nicht, wo und wann James Watson dies behauptet hat. Aus meiner Sicht muß der Glaube an Gott die Forschung nicht behindern. Wenn dieser Glaube allerdings mit Gewalt durchgesetzt wird, wie dies Galileo und andere erfahren haben, dann geht er zweifellos zu weit. Diese Zeiten scheinen gottlob vorüber. Ich erinnere aber an die Auseinandersetzung um die "Creationists" in Kansas, die zeigen, daß auch heute solche Fragen immer wieder hoch kommen. Auch die Diskussion um die Europäische Menschenrechtskonvention ist nicht immer frei von merkwürdigen oder mißverständlichen Diskussionen um den Begriff der Forschungsfreiheit.

Chancen und Risiken

Die Gentechnik bietet große Chancen mit sehr großen Risiken. Ist die Euphorie bei der Entdeckung des Genoms vergleichbar der Euphorie um die Nuklearenergie? Kommen gar "erst die Genies und dann die gefährlichen Zwerge" (Chargaff).

Von welchen "sehr großen Risiken der Gentechnik" sprechen Sie? Es wird schon Zeit, daß wir mit der Pauschalität der Urteile aufhören. In einer "Wissensgesellschaft" sollte es möglich sein, differenziert zu diskutieren.

Ich bin zu jung, um über die Euphorie der Nuklearenergie Genaueres zu wissen. Warum vergleichen Sie beide? Die Nuklearenergie ist ein Verfahren zur Energieerzeugung. Das Genom ist ein Werkzeug, das in erster Linie einmal die Biologie als Wissenschaft entscheidend befruchten wird. Da in jedem Genom Spuren der Geschichte des gesamten Lebens dieser Erde verborgen sind, wird man neue Erkenntnisse über die Entwicklung des Lebens, bis hin zur Entwicklung von Homo sapiens sapiens gewinnen. Außerdem geht es nun darum, aus dem Wissen um einzelne Gene eine systemische Biologie zu entwickeln, die die Komplexität der Wechselwirkungen von Genen und ihren Produkten vorauszusagen erlaubt, also gewissermaßen eine Theorie der Biologie. Und schließlich kann der Status von Genen mit unserer Gesundheit verknüpft sein. Dies wird zur Entwicklung von neuen diagnostischen und therapeutischen Verfahren für Krankheiten führen, die bislang nicht therapierbar sind. Natürlich gibt es in der Wissenschaft nicht nur Genies. Kann dies uns Anlaß dafür sein, nun alles zu unterlassen?

Fortschritt und Ethik

Einerseits fordert die rapide naturwissenschaftliche Entwicklung laufend ethische Klärungen, andererseits wird ein evtl. erreichter ethischer Konsens durch neue Entdeckungen sogleich überholt. Ist der wissenschaftliche Fortschritt - paradoxerweise - der Igel, der den Hasen in Form von Ethikkommissionen etc. zu Tode hetzt?

In der Tat setzt der wissenschaftliche Fortschritt die ethische Diskussion ganz schön in Trab. Es gibt aber keine Anzeichen dafür, daß er sie zu Tode hetzt, wie Sie vermuten. Es wird auch an der Naturwissenschaft und der Medizin liegen, diese Diskussion sehr viel mehr als in der Vergangenheit in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich halte aber die Verbesserungen auf diesem Gebiet schon für recht eindrücklich, man denke etwa an die Diskussionen um die Europäische Menschenrechtskonvention oder die Umsetzung der EU-Patentrichtlinie. Hier wird durchaus auch vorausschauend diskutiert.

Liegt die Genforschung eher in den Händen der Ökonomie als der Wissenschaft oder der Politik?

Eine merkwürdige Frage! Wenn Sie auf Herrn Craig Venter anspielen, so hat dieser nicht nur mit Geld, sondern auch mit viel Verstand operiert. Er hat ein Verfahren, die sogenannte Schrotschußsequenzierung, entwickelt, das die Lesegeschwindigkeit um Größenordnung beschleunigt hat. Andere sind auf diese Idee nicht gekommen. Der Wettbewerb zwischen diesen privat finanzierten Arbeiten und dem öffentlich finanzierten Genomprojekt hat allerdings dazu geführt, daß die Daten größtenteils öffentlich zugänglich sind (siehe die Pressekonferenz Clinton/Blair am 14. März 2000).

Und noch ein anderer Punkt: Wir haben in Deutschland lange Zeit keine Biotechindustrie gehabt. Alle diesbezüglichen Arbeitsplätze gingen ins Ausland. Nun hat sich langsam das zarte Pflänzchen einer solchen Kultur entwickelt. Unsere Studenten finden wieder Jobs und schon ist von der Vorherrschaft der "Ökonomie" die Rede. Zwei Drittel des Anteils von Forschung und Entwicklung in diesem Lande kommen von der Wirtschaft, und nur ein Drittel vom Staat. Wollen Sie wirklich alles durch den Staat machen lassen? Haben wir nicht gerade den Anlaß gefeiert, an dem wir uns vor 10 Jahren genau dieser Philosophie entledigt haben?

Daten und Gedanken

Handelt es sich bei der "Entschlüsselung des Genoms" vor allem um ein mechanisches Registrieren (Erwin Chargaff)? Werden Millionen in eine Forschung investiert, "die keine Gedanken erzeugt"?

Es trifft zu - das bloße Lesen der genetischen Schrift ist längst reine Mechanik geworden, nicht anders als das Fieber- oder das Blutdruckmessen. Wie diese jedoch legt es die Grundlagen für spätere Entscheidungen. Die Biologie hat bislang nicht verstanden, warum eine Maus aussieht wie eine Maus, und wie der eindimensionale Faden der Gene sich in eine 3D-Struktur eines lebenden Organismus umwandelt. Um diesen und anderen Problemen näher zu kommen, bedarf es der Analyse von Genomen. Ist die ganze Entwicklungsbiologie ein gedankenloses Unternehmen? Herr Chargaff selbst hat in den 40er Jahren etwas ziemlich Routinehaftes getan, nämlich den Gehalt der DNA an den vier Bausteinen zu bestimmen versucht. Damals wie heute kein gedankenschweres Experiment, das auch viele Daten erzeugt hat. Dieses Experiment hat aber die Grundlage für die Entdeckung der Struktur des Erbguts gelegt. Es ist aber nicht er, Chargaff, darauf gekommen, sondern es waren James Watson und Francis Crick, die 1953 die Struktur der DNA formuliert haben. Wenn es um den Mangel an Gedanken geht, sollte Herr Chargaff in der Formulierung zurückhaltender sein, und nicht nur auf andere schauen.

Muß man nicht im Blick auf Klonen und mögliche Gefahren der Gentechnik sagen: "Was der Mensch machen kann, das wird auch gemacht"? Das Denken kann man nicht verbieten. In einem demokratischen Staatswesen wie dem unserem sind aber der Freiheit des Handelns, der Forschungsfreiheit, durchaus Grenzen gesetzt. Ich erinnere an die vielen Gesetze, die sie, zu Recht, einschränken, wie Datenschutzgesetz, Tierschutzgesetz, Gentechnikgesetz, Embryonenschutzgesetz etc. Wissenschaft hat ihre Ziele und Methoden der Gesellschaft zu offenbaren, und diese hat über die Anwendungen zu entscheiden. Mit dieser Arbeitsteilung sind wir nicht schlecht gefahren.


© Forschung & Lehre 2000