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REZENSION Utopistischer Universitätstyp

Stefan Muthesius, The Postwar University - Utopianist Campus and College, Yale University Press, New Haven and London 2000, 340 Seiten, 32,50 Dollar.

In seinem Buch über die "utopistische" Universität geht Muthesius den Zusammenhängen zwischen Konzepten der Nachkriegszeit für neue Universitäten, den dafür entwickelten Bauplanungen und den realisierten Bauten nach. Der in Marburg promovierte Kunst- und Bauhistoriker lehrt und forscht seit über 30 Jahren an der University of East Anglia in Norwich, die ein charakteristisches Beispiel für diesen Universitätstyp ist.

In Nordamerika, Großbritannien und Deutschland wurden in dieser Zeit Universitäten konzipiert, die den Erwerb von Fachwissen und die Vorbereitung auf die Übernahme von Verantwortung in der Demokratie auf dem Campus zusammenführen sollten. Die Vorstellung des Campus kam in diesem Zusammenhang aus Nordamerika nach Europa.

Zu gestalten waren die neuen Universitäten als umfassende soziale Gemeinwesen, einschließlich Wohnen und extracurricularem akademischen Leben, meistens auf der grünen Wiese eher außerhalb der realen Gesellschaft. Studentisches Wohnen und die dafür bestimmten Bauten spielen eine wichtige Rolle. Die mannigfaltigen Fragen, die sich für jede einzelne Neugründung stellten, verfolgt Muthesius vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Traditionen, ihrer Aktualität in der Nachkriegssituation und den ersten Anstößen für starkes Wachstum im Hochschulbereich. In Deutschland treten die auf Humboldt zurückgehenden Vorstellungen von vorwiegend individueller Wissenschaftsfreiheit und Einheit von Forschung und Lehre in den Vordergrund gegenüber den eher aus der angelsächsischen Tradition stammenden wie Erziehung und institutionelle Unabhängigkeit.

Ursprüngliches Konzept und spätere Entwicklung

Mögen auch manche der erörterten Gebäudekomplexe erst später fertiggestellt worden sein, wird doch ganz deutlich, daß der utopistische Universitätstyp der Gedankenwelt "vor 68" entstammt. Die fürsorgliche Vorgehensweise der Universitätsgründer und -planer fand geradezu ihr Ende an den neuen Partizipationsvorstellungen.

Auch wer nicht Bauhistoriker ist, erfährt bedeutsam Neues oder Vergessenes über eine ganze Generation von Universitätsgründungen. Für Deutschland widmet Muthesius den Beispielen Bochum, Regensburg, Konstanz und Bielefeld eigene Abschnitte.

Die ursprünglichen Konzepte dieser Universitätsgeneration werden unter Schichten späterer Entwicklungen hervorgeholt und erscheinen gehaltreicher als es sich bei den in den Vordergrund getretenen Fragen der Bauunterhaltungskosten und des Alterns von Beton vorstellen läßt.

Jan Gehlsen, Kanzler der Universität Hannover




Riesenthema im Zwergenformat

Rautenberg, Ursula / Wetzel, Dirk: Buch. Grundlagen der Medienkommunikation, Niemeyer Verlag, Tübingen 2001, 106 Seiten, 21,- DM.

Der monumental-lakonische Titel "Buch" der eben vorgelegten Publikation von Ursula Rautenberg, Inhaberin des Lehrstuhls für Buchwissenschaft in Erlangen, und Dirk Wetzel (ebenda), weckt hohe Erwartungen, deren Einlösung auf den ersten Blick angesichts der schlanken kleinformatigen Broschur von gerade 106 Druckseiten fast unmöglich scheinen will. Aber die äußerste Knappheit des Umfangs gehört zur verlegerischen Vorgabe für die Bände der Reihe, sicher eine große Erschwernis für die Autoren.

Alles rund ums Buch

In fünf gleichgewichteten Kapiteln werden dargestellt: Theorie der Buchkommunikation, Herstellungstechnik, Das Buch in der Gesellschaft, Buchhandel und schließlich Buchmarkt. Wer von einem schlanken Bändchen süffige Anfängerliteratur erwartet, wird enttäuscht: die hochkompetente Darstellung der beiden Autoren (jeder Abschnitt ist durch Siglen zugeordnet) erfordert erhebliches Vorwissen und sehr aufmerksames, konzentriertes Lesen. Wer dies auf sich nimmt, wird reich belohnt, auch und gerade der Erfahrene. Vorzüglich etwa Abschnitte wie Medienkonkurrenz, Buchmarktforschung, Leserevolutionen (kritisch-zurückhaltend), gestaltende Typographie u.v.a.m. Vorbildlich der Abschnitt Papier: was da auf zwei Seiten steht, ist staunenswert (nur der Papierzerfall, ein Zentralproblem vieler Bibliotheken, ist allzu knapp gestreift).

Immer wieder stößt man auf wunderbar luzide, wie "eingekochte" Sätze, die man als Merksprüche auswendig lernen möchte. Ein Beispiel sei gebracht: "Die generelle Beherrschung der Kulturtechnik Lesen ist wohl zu unterscheiden von ihrer Anwendung im Leseakt". Sätze wie dieser geben reichlich Anlaß zum Nachdenken oder durchaus kritischer Auseinandersetzung. Sehr erfreulich auch das Literaturverzeichnis, von dessen rund 150 Titeln kaum einer vor 1985 erschienen ist: also leicht zugängliche, aktuelle Literatur, keine Anhäufung von Gelehrsamkeit.

Natürlich bleiben einer ersten Auflage auch einige kleinere Fehler und Mängel nicht erspart, die aber den vorzüglichen Gesamteindruck nicht wesentlich beeinträchtigen: der Buchblock wird nicht primär durch das Vorsatzpapier, sondern den Gazestreifen in die Decke gehängt, bei der Linotype hätten deren Kostenvorteile wohl erwähnt werden müssen (und auch der alte Mergenthaler hätte das verdient), der Zwischenbuchhändler KV sitzt nicht in Stuttgart (dort ist seine Schwestergesellschaft KNOe), sondern in Köln, und der Rezensent würde die allzu knappe Darstellung der Konzentrationsvorgänge im Verlagsbereich so auch nicht stehen lassen. Bei den Organisationen ist zwar die European Booksellers Federation (EBF) erwähnt, nicht aber die doch wohl wesentlich bedeutendere FEP (Federation of European Publishers). Im Literaturverzeichnis eines so stark auf medientheoretische Verortung und eine Grundlegung der Buchwissenschaft hin konzipierten Bandes hätte man im Literaturverzeichnis wohl auch Herbert G. Göpfert erwartet. Doch das sind alles Kleinigkeiten. Der große entscheidende Wunsch richtet sich an den Verlag: er möge diesen Autoren bei einer sicher recht bald anstehenden Neuauflage 50 Seiten mehr gönnen: für einige Abbildungen (eine einzige ist bei diesem Thema völlig unzureichend), für etwas mehr Text (um die Anschaulichkeit zu verstärken) und insbesondere für ein Sachregister - ohne ein solches kann der weniger erfahrene Leser nur sehr schwer die hohe Informationsdichte dieses Buchs erschließen. Fazit: Ein sehr gelungener mutiger Versuch, ein Riesenthema im Zwergenformat darzustellen. Etwas Wachstum würde dem Winzling ungemein bekommen.

Dr. Wulf D. von Lucius, Stuttgart




Bücher über Wissenschaft

Joachim Bublath, Chaos im Universum. Asteroiden und Kometen. Fremde Welten. Theorien über das Chaos, Droemer Verlag, München 2001, 250 Seiten, 25,90 Euro.

David C. Cassidy, Werner Heisenberg. Leben und Werk; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2001, 768 Seiten, Geb. 39,95 Euro, Halbln. 24,95 Euro.

Ernst Peter Fischer, Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein Verlag, München 2001, 464 Seiten, 24,- Euro.

Bernhard Kupfer, Lexikon der Nobelpreisträger, Patmos Verlag, Düsseldorf 2001, 479 Seiten, 34,77 Euro.

Dietmar Mieth, Die Diktatur der Gene. Biotechnik zwischen Machbarkeit und Menschenwürde, Herder Verlag, Freiburg 2001, 155 Seiten, 8,64 Euro.

Nobelpreise. Chronik herausragender Leistungen, F. A. Brockhaus, Leipzig 2001, 1056 Seiten, 49,85 Euro.

Martin Sabrow, Das Diktat des Konsenses. Geschichtswissenschaft in der DDR 1949-1969, R. Oldenbourg Verlag, München 2001, 488 Seiten, 44,80 Euro.

Peter Watson, Das Lächeln der Medusa. Die Geschichte der Ideen und Menschen, die das moderne Denken geprägt haben, C. Bertelsmann Verlag, München 2001, 1184 Seiten, 49,- Euro.

Ian Wilmut / Keith Campbell / Colin Tudge, Dolly. Der Aufbruch ins biotechnische Zeitalter, Hanser Verlag, München 2001, 405 Seiten, 18,41 Euro.

Klaus E. Zimmermann (Hg.), Neue Entwicklungen in der Wirtschaftswissenschaft, Physica-Verlag, Heidelberg 2001, 552 Seiten, 79,95 Euro.

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