Wolfgang Wirth,
Dr.-Ing., Univ.-Professor, Verkehrswesen
und Raumplanung,
Universität der Bundeswehr München
Das Ende des wissenschaftlichen Manuskripts
Beobachtungen eines Hochschullehrers
Hat die Arbeit mit Computern, mit Internet und Grafikprogrammen Folgen für
die Qualität von Seminar-, Studien- und Diplomarbeiten? Erste Anzeichen von
Qualitätsverlust durch totale Automation scheinen sich abzuzeichnen. Wird
die wissenschaftliche Literatur zunehmend standardisiert, portioniert,
aseptisch und fade?
LastMinuteRecherche und mangelnde Quellenkritik
Während früher die Quellenbeschaffung für ein wissenschaftliches Thema
Strategieüberlegungen und vor allem eine straffe Zeitplanung erforderten
man mußte Bibliotheken, ggf. Archive aufsuchen , kann dank der Vernetzung
heute die Recherche vom häuslichen PC aus zu jeder Tages- und Nachtzeit
erfolgen. Vor allem bei studentischen Arbeiten ist zu vermuten, daß in
Einzelfällen nicht nur die Recherche, sondern die ganze Arbeit am letzten
Abend vor dem Abgabetermin entsteht. Wie sonst wäre es zu verstehen, daß ein
Student bei einem Seminarvortrag erklärt, er könne zwar den Vortrag mit
einigen rudimentären Folien halten, das Manuskript dazu könne er aber nicht
abliefern, weil ihm in der Nacht zuvor sein PC abgestürzt sei. Ganze
Textpassagen inklusive Grafiken werden vom Netz heruntergeladen und digital
zu einem gedanklichen Flickenteppich zusammengeschustert, der dann auch noch
als eigenständige geistige Leistung ausgegeben wird. Das gezielte Einkreisen
eines Themas oder altmodische, aber bewährte Praktiken wie Bibliographieren
und Exzerpieren sind bei solcher Produktionsweise überflüssig geworden. Doch
die in ihren Strategien beschränkten Suchmaschinen ersetzen das Wälzen in
einem Schlagwortkatalog, womit immer auch eine gewisse "Denkarbeit"
verbunden war, nicht.
Bedenklicher noch ist, daß dabei jeglicher Sinn für Quellenkritik verloren
geht. Verwunderlich ist das nicht, wenn schon in der Schule der Computer als
Qualitätsmerkmal an sich angesehen wird: Der Surfer im Netz muß es erst
lernen, die Informationsspreu vom Informationsweizen zu trennen, ansonsten
erstickt er im Informationsmüll. Daß das Internet zu einem kulturellen
Götzen hochstilisiert wird, zeigt die von einem Professor im Hessischen
Rundfunk jüngst allen Ernstes verkündete Ansicht, wer nicht ins Internet
gehe, sei nicht gebildet. Gemeint ist wohl das kommerzielle
Bildungsmanagement, das mit dem alten Bildungsideal wenig zu tun hat.
Grundsätzlich ist die Flüchtigkeit der neuen Medien rezeptions- und
konzentrationsfeindlich. Den Vorteil einer Information schwarz auf weiß, die
man erstens ohne Zuhilfenahme eines technischen Auslesegerätes mit einem
bloßen menschlichen Sinnesorgan rezipieren kann und die zweitens unverändert
bleibt, sofern sie nicht durch Gewalteinwirkung oder einen Unglücksfall
untergeht, die also zum Nachschlagen in allen Situationen immer wieder
unverändert bereitsteht, kann man nicht hoch genug einschätzen. Nicht
umsonst werden kritische Daten mit militärischen Geheimnissen oder
unersetzliche Archivbestände nach wie vor auf Papier oder chemischem Film
gesichert. Sollten materielles Fachbuch und materielle Fachzeitschrift, wie
zu erwarten ist, in einiger Zeit vollständig durch digitale Speichermedien
ersetzt werden, so wäre die alte Tugend des geisteswissenschaftlichen
Traktats, nämlich die Zurückverfolgbarkeit eines in die Arbeit eingebrachten
Zitats, bis zur Urquelle, ohnehin obsolet; denn die digitalen Speichermedien
sind kein beständiger, sondern ein heimtückischer Datenträger: Ganz anders
als auf Papier sieht man es dem Binärcode nicht an, ob ein Zeichen
manipuliert oder gelöscht wurde.
Alles fuzzy
Unsystematisches Vorgehen und unscharfe Aussagen haben allenthalten
Konjunktur. Die "Unstrukturierten" sind auf dem Vormarsch und lassen die
wenigen systematisch Denkenden, Sprechenden und Schreibenden verzweifeln.
Zufälligkeit ist anzutreffen in der wissenschaftlichen Schlußweise, in der
Gliederungsstruktur und neuerdings auch in den Regeln der deutschen Sprache
selbst. Diese Art Kontingenz entspringt aber nicht gedanklicher Freiheit,
sondern gedankenloser Chaotik. Dazu passen dann die Worthülsen und
NullaussageStereotypen, die uns in TVInterviews und Talkshows täglich
begegnen, und die unsere Studenten nur zu gerne als Füllmaterial ihrer
Arbeiten nachäffen: gewissermaßen der geistige Bauschaum zum Ausfüllen der
intellektuellen Hohlräume in den wissenschaftlichen Arbeiten der neuen
Bildungsgeneration. Alarmierend ist der blinde Zufall, nicht zu verwechseln
mit dem wohlbedacht komponierten Bild eines Faktenmosaiks, wie es die
Kunstgattungen des Synkretismus` und Eklektizismus` hervorgebracht haben.
Beim wissenschaftlichen Manuskript besteht dasselbe Mißverständnis wie im
Videogeschäft: Nicht wenige meinen, die zufällige Aneinanderreihung von
beliebigen Einstellungen sei schon ein Film. Nein, es ist Schrott. Aber mit
Schrott läßt sich bekanntlich Geld verdienen wir leben im Zeitalter des
Recyclings. Daß diese Wiederaufbereitungsmentalität drauf und dran ist, auch
die wissenschaftliche Produktion zu erfassen, ist das Beunruhigende.
Natürlich ist die unbegrenzte Berieselung mit beliebigem Bild- und
Tonmaterial in unserer angeblichen Informations- und Kommunikationswelt der
Förderung des Ordnungssinnes nicht dienlich. Eine Umfrage in Bayern hat
gezeigt, daß musikalisch geschulte Jugendliche bei der Bewältigung von
Strukturierungs- und Ausdrucksproblemen besser abschneiden: Offensichtlich
stärkt das Erlernen eines Musikinstruments die intellektuellen Fähigkeiten,
lehrt die Beschäftigung mit den Ordnungssystemen der Musik, besser mit einem
undifferenzierten Brei von Informationen fertig zu werden und das einzelne
Element am richtigen Ort einzuordnen. Daß regelmäßige Strukturen (Versmaß,
Reim, Takt, Rhythmus...) das Auswendiglernen erleichtern, ist eine alte
Weisheit.
Manche Studienarbeiten behandeln den erforderlichen Stoff erschöpfend,
bringen ihn aber nicht in Form so, als ob ein Bauunternehmer sämtliche
Baustoffe für das zu errichtende Einfamilienhaus in der richtigen Menge auf
das Baugrundstück kippt und meint, er habe damit bereits die Bauleistung
erbracht. Die Strukturierung einer wissenschaftlichen Arbeit ist eine Sache,
das konsequente Durchhalten dieser Struktur und das ökonomische Abarbeiten
eines Themas eine andere. Ziel jeglicher wissenschaftlichen Abhandlung
sollte in bester Occamscher Tradition sein, die erstrebte Aussage bzw.
Beweisführung mit einem Minimum an argumentativen Aufwand zu erreichen. Eine
kluge Reduktion in diesem Sinn jedoch auf der Basis der formalen Logik
dient der Verständlichkeit und raschen Nachvollziehbarkeit eines dargelegten
Gedankengangs. Insofern sind künstliche Fallunterscheidungen, die nicht der
Sache dienen, zu vermeiden, Fakten die zusammengehören, gemeinsam zu
behandeln, Umwege und Sackgassen in der Argumentationskette auszumerzen und
Aussagen, die in mehreren Kapiteln identisch wiederkehren würden, "vor die
Klammer zu ziehen". Bei allen hierarchischen Gliederungen ist auf
Konsistenz, d.h. auf die peinliche Einhaltung der Rangstufen, zu achten. Ein
weiterer Punkt ist die strukturelle Koinzidenz von Plan und Durchführung:
Wenn die vorangestellte Aufzählung die Reihenfolge a), b), c) enthält, dann
sollten die nachfolgenden Ausführungen dazu in der gleichen Reihenfolge
erfolgen. Leider wird dieser selbstverständliche Grundsatz heute sogar von
einzelnen Nachrichtenmedien verletzt, womöglich bewußt zur "unterhaltsamen
Auflockerung" von Informationssendungen. Kein Wunder, daß die in den Medien
vorgeführte grenzenlose Beliebigkeit epidemisch um sich greift zu einer
Freizeit- und Fun-Gesellschaft mag sie ja passen.
Eigenartigerweise wächst gerade im Zeitalter der digitalen Medien mit ihren
binären Informationselementen null oder eins, also der denkbar schärfsten
Informationspräzision, die Beliebtheit der unscharfen, der weichen Aussage.
Das dürfte eine direkte Folge unserer datentechnischen Möglichkeiten,
insbesondere der enormen Miniaturisierung und Kapazitätssteigerung der
schnellen Speichermedien, sein. So erfreulich diese Entwicklung für
technische Bereiche ist, die auf Real-time-Verarbeitung sehr großer
Datenmengen angewiesen sind, so problematisch ist sie im Alltag, auch im
wissenschaftlichen: Je größer die Informationsmenge ist, die ohne
Differenzierung als bloße Addition angehäuft und abgerufen werden kann,
desto mehr geht der Gesamtüberblick verloren, desto schwieriger ist es, dem
Datenwust eine stringente Sachaussage zu entlocken. Man flüchtet sich dann
in Fuzzy-Aussagen siehe oben.
Assoziation, Abstraktion,
Generalisierung passé
Die neuen Techniken sind absolut kreativitätsfeindlich und führen zu einer
Rückbildung des Vorstellung- und Darstellungsvermögens, das für die
naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen, insbesondere die
Ingenieurwissenschaften unerläßlich ist. Um es klarzustellen:
Vorstellungsvermögen darf nicht mit schöpferischer Fantasie verwechselt
werden, vielmehr geht es darum, sich einen Prozeß, "vor dem geistigen Auge"
so anschaulich wie möglich vorzustellen. Mit virtueller Realität neuen Stils
hat das nichts zu tun. Computersimulation und CAD lassen die so wichtige
Fähigkeit, zu analysieren und aus den in der Analyse isolierten Elementen
ein sinnvolles Ganze zu synthetisieren, sich also ein Gesamtsystem und das
Zusammenwirken seiner Teile vorzustellen, völlig verkümmern. Vier Beispiele
aus scheinbar völlig verschiedenen Daseinsbereichen mögen das verdeutlichen:
das Herstellen von Farbauszügen in der herkömmlichen Drucktechnik, das
Aufnehmen von Phasenbildern für einen Zeichentrickfilm, wie die Animation
früher hieß, die Qualitätskontrolle, die schon dem mittelalterlichen
Handwerksmeister geläufig war, und das Projektmanagement im heutigen Sinn.
Zu eigen ist allen Beispielen, daß das menschliche Gehirn einen
kontinuierlichen Ablauf imaginieren muß, der sich aus einzelnen bekannten
Prozeßbausteinen zusammensetzt. Damit einher geht ein Verlust des
synoptischen Blicks. Durs Grünbein schreibt dazu in der FAZ vom 23. Juni
2001: "So wenig Anschaulichkeit wie heute war nie. Statt zu zeigen und
darzustellen, wird formuliert... Immer komplexere Modelle versuchen der
Unanschaulichkeit neuester Erkenntnisse Herr zu werden." Wir kennen diesen
Anschaulichkeitsschwund aus mancher Formulierung in Rechtsvorschriften:
Auch, was sich eigentlich nicht oder nur sehr schwer verbalisieren läßt,
wird gewaltsam in einen linearen Text gepresst, selbst wenn eine Tabelle
oder mathematische Beziehung den Sachverhalt hundert Mal einfacher und
eingängiger wiedergeben würde.
Daß sog. ZeichenSoftware wie das Allerweltsprogramm CorelDRAW mit seinem
völlig inflationären Angebot von abertausenden vorgefertigten Bildfragmenten
das Darstellungsvermögen und vor allem das Entscheidungsvermögen, was im
Einzelfall richtig ist, nicht fördert, ist klar; gute Baukästen leben stets
von einigen wenigen "Elementen". In den Zivilisationen, die sich dieser
unglücklichen Grafik-programme bedienen, verkommt die bildliche Darstellung
zum Zufallsprodukt einer Pseudokultur, in der es keine originelle Form und
kein originelles Gesamtwerk mehr gibt, sondern nur noch Klitterungen aus
Versatzstücken "von der Stange". Gleichzeitig lassen die immer einfacheren
Möglichkeiten einer Realfotomontage den Sinn für generalisierende
Abstraktion verkümmern; dennoch zeigt ein schematisiertes Diagramm z.B. die
Wirkungszusammenhänge in einer Volkswirtschaft wesentlich besser als ein aus
briefmarkengroßen Realfotos von Fabriken, Banken, Märkten usw.
zusammengesetztes Phantombild, in dem man den Wald vor lauter Bäumen nicht
sieht.
Beliebigkeit auch beim Mitteleinsatz
Das vielfältige und unübersichtliche Angebot von Darstellungsformen in
Grafik- und Textverarbeitungssystemen verführt dazu, ein Manuskript wahllos
mit irgendwelchem Zierat zu spicken: Das beginnt damit, daß ein Student in
einer Diplomarbeit über Fluggastabfertigungssysteme anstelle des
Spiegelstrichs ein Flugzeugsymbol verwendet (weil es die Software anbietet),
dann aber dieses nicht über die ganze Arbeit konsequent durchhält, sondern
nach der "KrautundRübenMethode" es doch wieder an einzelnen Stellen durch
einen Spiegelstrich oder einen fetten Punkt ersetzt; der Einsatz der
einzelnen Mittel repräsentiert aber keine Ordnung, sondern spiegelt nur den
Wirrwarr im Kopf des Autors wider.
Das geht weiter mit dem Mißverständnis, daß das Ausfüllen eines
Rasterschemas mit beliebigen Zeilen und Spalteninhalten schon eine Tabelle
sei. Und es endet mit den völlig sinnwidrigen perspektivisch verzerrten,
elliptischen "Tortendiagrammen". Darauf möchte ich kurz näher eingehen, weil
es ein Musterbeispiel für die gegenwärtige Visualisierungskrise ist.
Gemäß der ursprünglichen Idee dieser Diagrammform soll die Zerlegung einer
Gesamtmenge in Teilmengen z.B. die Zusammensetzung der Arbeitsbevölkerung
nach Berufsgruppen auf einen Blick übersichtlich dargestellt werden. Das
funktioniert aber nur bei Flächenproportionalität der Teilmengen, d.h. bei
Kreissektoren und damit beim Kreisdiagramm: Die Fläche bzw. die
Winkelöffnung des Kreissektors ist der Maßstab für die Größe der Teilmenge.
Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, den Kreis perspektivisch zur
Ellipse zu verzerren (ebenso wenig wie es Sinn macht, den auf der
Flächenproportionalität beruhenden Tatbestand dreidimensional, also als
"echte" Torte, darzustellen), übrigens auch deswegen, weil früher ohne die
elektronischen Hilfsmittel nur wenige überhaupt eine Perspektive zeichnen
konnten und Ellipsenschablonen rar waren. Heute ermöglicht die Software eine
"schicke" Darstellung (keine Unternehmensbilanz kommt ohne sie aus), der
Sinn des Kreisdiagramms, nämlich der maßstäbliche Überblick über das Ganze
und seine Teile, aber ist verlorengegangen.
Den Gipfel der Fragwürdigkeit in dieser Richtung stellt das "mitdenkende"
kombinierte Text-/Graphikprogramm dar, bei dem eine vorgegebene rechteckige
Abbildung durch Veränderung des Seitenverhältnisses und des Maßstabs
automatisch so verzerrt wird, daß sie in die sich aus dem Seitenumbruch
zufällig ergebende Textlücke "hineinpaßt". Maßstäbliche Plandarstellungen
sind damit ausgeschlossen, abgesehen von der grundsätzlichen
Respektlosigkeit gegenüber einem graphischen Original: Die Rubensfrau kann
zur Twiggy werden und umgekehrt. Die Art, wie hier der Inhalt der die äußere
Form vorgebenden Verpackung angepaßt wird, ist barbarisch und fand schon in
der griechischen Mythologie ihren makabren Niederschlag: Der sadistische
Bösewicht Prokrustes lauerte Reisenden auf und zwang sie in das berüchtigte
nach ihm benannte Bett. Waren sie für das Bett zu klein, so streckte er ihre
Glieder, waren sie zu groß, so hackte er ihnen die Füße ab: Abgesehen von
dem seltenen Fall, daß ein Reisender zufällig gerade die Größe der Bettstatt
hatte, eine tödliche Prozedur wie bei der automatischen Bildanpassung in
Word oder ähnlichen Programmen.
Wer mit der üblichen Text- und Graphiksoftware arbeiten will, muß sich deren
eigenartiger Logik und Ästhetik unterwerfen, sonst verzagt er. Man muß
wissen, daß man Start anklicken muß, um ein Programm zu beenden, man muß
sich der Beantwortung überflüssiger Fragen der Art "Wollen Sie den Block
wirklich löschen?" stellen, man muß Menütechnik und Mausklick
verinnerlichen, um in dieser Programmwelt zurechtzukommen. Daß die
Menütechnik jegliche individuelle Lösung erstickt, in dem sie nur noch
Vorgefertigtes anbietet, aus dem man auswählen muß, führt zur Nivellierung
individueller Optionen auf niedrigstem, nämlich dem multiplechoiceNiveau,
zu zunehmender Artikulationsunfähigkeit, zur Verkümmerung der Sprache
überhaupt. Das Arbeiten mit der Maus ist pure Infantilität, was ja wörtlich
Sprachlosigkeit bedeutet: Ein Kleinkind, der begrifflichen Sprache noch
nicht mächtig, wird auf die Frage, welchen von mehreren auf einem Foto
abgebildeten Gegenständen es sich wünscht, mit dem klebrigen Zeigefinger auf
dem Bild herumfahren und dann auf der gewünschten Stelle stehenbleiben.
Genauso funktioniert die Maus. Das Schlimme an dieser Entwicklung ist nicht
die Technik selbst, derer man sich bedienen muß, um im Kommunikations und
Informationszeitalter zu bestehen, sondern daß derartige Prozesse auf unsere
Denkweise abfärben und ganz unbewußt in unser gesamtes Leben eindringen.
So erfreulich Piktogramme für Analphabeten oder Sprachunkundige in einem
fremden Land sind, so feindlich sind sie demjenigen, der durch gezielte
theoretische Vorbereitung also das, was den planenden Ingenieur ausmacht
den Umgang mit einem System erlernen will. Die Piktogrammwelt fördert das
Lernen durch Herumprobieren, euphemistisch learning by doing genannt. Auch
deswegen, weil man Piktogramme, wie chinesische Schriftzeichen, nicht in
eine allgemein verbindliche, z.B. lexikographische, Ordnung bringen und
somit auch nicht systematisch katalogisieren und erläutern kann, es sei
denn, man nimmt doch wieder den Umweg über deren Identifikation durch die
begriffliche Sprache, also einen Piktogrammnamen.
Herumprobieren als Methode
Das Herumprobieren ist übrigens ein allgemeines Syndrom des digitalen
Zeitalters. Während früher ein Mensch ohne zeichnerische Fähigkeit und ohne
räumliches Vorstellungsvermögen z.B. nicht Architekt werden konnte,
ermöglichen heute interaktive CAD-Systeme jedem Durchschnittsbegabten, etwas
zu Papier zu bringen, was wie ein Gebäude aussieht, wenn er nur lang genug
herumprobiert. Gleiches gilt für die Komposition von Musikstücken, für das
Erstellen von Bildern, stehenden wie bewegten, für die typographische
Gestaltung von Texten, ja, sogar für die "Produktion von Literatur". Der
Profi kann allerdings sehr schnell erkennen, ob ein Laie am Werk gewesen
ist. Bei Fotomontagen z.B. kommt es auch in renommierten Vorlagen immer
wieder vor, daß die Perspektiven der Bildteile nicht übereinstimmen, weil
die Montage durch Herumprobieren entstanden ist, und der SoftwareAnwender
im allgemeinen keine Ahnung von den Gesetzen der Perspektive hat. Nur gilt
auch hier das bereits oben Gesagte: Durch die Überflutung mit falschen
Bildern gewöhnt sich der Normalverbraucher allmählich an das Falsche und
nimmt es schließlich als Richtschnur. Trial and error als Methode
funktioniert aber nur dann, wenn der error als die falsche Alternative
erkannt wird.
Ganz zu diesem Herumprobieren paßt die Programmschleife zum mehrmaligen
Durchlaufen einer Operation. Was für den gegen Stumpfsinn unempfindlichen
Computer sinnvoll ist, kann dem logischem Entscheidungsvermögen des Menschen
nur abträglich sein. Es erinnert an den im Kreis laufenden Ochsen in den
Göpelwerken antiker Kulturen oder an die Leibeigenen in den Treträdern
mittelalterlicher Hebezeuge. Das solcherweise Herantasten an eine
Problemlösung kann zwar ein Ergebnis zeitigen, eine intellektuelle Leistung
ist damit aber nicht verbunden. Befinden wir uns auf dem Weg zurück in die
Steinzeit?
Die "totale Automation"
Natürlich könnte man die Reihe dieser Symptome fast beliebig fortsetzen. Ich
wollte hier aber nicht in einen blinden Kulturpessimismus verfallen, sondern
beispielhaft einige bedenkliche Begleiterscheinungen der sog.
Kommunikations und Informationsgesellschaft aufzeigen. Sicherlich haben
viele von uns in irgendeinem Stadium ihres Assistentendaseins davon
geträumt, ein cleveres Computerprogramm möge selbständig eine Dissertation
schreiben oder besser noch die Produktion eines ganzen Forscherlebens
übernehmen. Wir wußten aber um den utopischen Charakter dieser Vorstellung.
Wir haben nicht oder höchstens ansatzweise versucht, ein solches
Computerprogramm zu realisieren, die "totale Automation" aber den
Science-fiction-Autoren überlassen. Heute scheinen wir auf dem besten Weg zu
sein, diese doch noch zu erreichen jedoch nicht dadurch, daß die
"künstliche" sich der "natürlichen" Intelligenz anpassen würde, sondern
umgekehrt. Dieses schleichende, unmerkliche Zurückschneiden unseres
intellektuellen Qualitätsanspruchs ist das Beunruhigende. Ich fürchte, daß
der Versuch, die "künstliche Intelligenz" um jeden Preis zu verwirklichen
und es gibt einige Wissenschaftlicher, die fest an sie glauben , sich wie
eine "geistige FastfoodKette" auswirken könnte: Alle haben
wissenschaftlich zu essen, aber auf welchem Niveau? Kontrolliert,
standardisiert, portioniert, aseptisch, fade.
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