Christoph Bertram,
Dr. iur., Geschäftsführender Vorsitzender der Stiftung Wissenschaft und
Politik (SWP)
"Mehr schlechte Nachrichten, damit der Konsens wächst.³
Ein Gespräch über Reichweite und Grenzen der Politikberatung
Politikberatung als "Büttel³ des jeweiligen Auftraggebers, als
"realitätsfernes Gerede³ sind die Klischees berechtigt? Wie ernst werden
die Experten und Berater in der Politik genommen? Fragen an den Vorsitzenden
der größten der außenpolitischen "Denkfabriken³.
Forschung & Lehre: Lassen Politiker lieber denken, als es selbst zu tun?
Christoph Bertram: Nein, die meisten Politiker wissen fachlichen Rat zu
achten und herbeizuziehen. Sie sind auch nicht als Fachleute gewählt,
sondern als solche mit politischem Überblick, Engagement und Instinkt.
Sind Politiker einsichtslos oder die Experten realitätsfern?
Nach meiner Meinung trifft beides nicht zu. Die Experten sind nicht
realitätsfern, unterliegen aber in der Regel nicht politischen Sachzwängen;
Politiker dagegen tun dies. Auch der beste und zutreffendste Rat eines
Experten muß vom Politiker innerhalb der ihm zur Verfügung stehenden
Spielräume umgesetzt werden. Und das gelingt nun einmal nicht 1:1.
Der Satz: "Wir haben in Deutschland kein Theoriedefizit, sondern ein
Handlungs- und Umsetzungsdefizit³ ist derzeit populär. Stimmen Sie dem zu?
Ich stimme dem Satz weitgehend zu, so weit er sich auf die deutsche
Außenpolitik bezieht. Hier gibt es zwar ein klares, auch sehr überzeugendes
Engagement in der Europapolitik, die ohnehin heute schon ein Zwitter
zwischen Innen- und Außenpolitik ist. Aber alle Fragen jenseits der Grenzen
der Europäischen Union werden weitgehend mit guten Wünschen bedacht, aber
nicht als Aufgabe für gestaltende Politik verstanden. Da produzieren wir
feierliche Kommuniqués und schöne Reden, überlassen aber konkrete Handlungen
gerne anderen. Das ist angesichts einer internationalen Lage, in der gerade
die außereuropäischen Entwicklungen zu den entscheidenden strategischen
Herausforderungen heranwachsen, ungenügend.
Deutschland muß sich
nicht verstecken
Welchen Einfluß hat die Politikberatung in Deutschland im Vergleich zu
anderen Staaten?
Nicht weniger und nicht mehr. Wir brauchen uns in Deutschland nicht hinter
den Erfahrungen in den USA und in anderen westlichen Ländern zu verstecken.
Im Gegenteil: Hier haben Politiker wie Administration verstanden, daß man
nur dann von der Wissenschaft profitieren kann, wenn man ihr nicht die
Ergebnisse vorschreiben will. Außer-administrative Expertise wird in
Deutschland von der politischen Seite immer wieder gesucht und in Anspruch
genommen. Das ist angesichts der wachsenden Komplexheit politischer Probleme
auch kein Wunder.
Kann man in Deutschland für fast jede Meinung ein wissenschaftliches
Gutachten bestellen?
Nach meiner Erfahrung nicht. Natürlich ist auch Wissenschaft nie nur
objektiv, der Wissenschaftler selbst wird Elemente subjektiver Bewertung und
Wahrnehmung notwendigerweise in seine Gutachten einfließen lassen. Aber es
gibt einen großen Konsens über wissenschaftliche Fakten, auch wenn es keinen
über die daraus zu folgenden Konsequenzen gibt.
Begründeter Rat, ohne Polemik
Wie unbequem dürfen Ratschläge sein?
Ich kann das nur aus dem Bereich der Stiftung Wissenschaft und Politik
beurteilen. Hier können Ratschläge durchaus der Regierungs- und Parteilinie
widersprechen. Sie müssen das aber begründet und in einer Form tun, die jede
Polemik vermeidet. Ob allerdings unbequeme Ratschläge auch befolgt werden,
ist eine ganz andere Frage.
"Auf die Barrikaden³ ?
Müssen die Deutschen "auf die Barrikaden³?
Nein, das ist ein törichter Rat. In einer Demokratie rettet man die
Demokratie nicht dadurch, daß man auf die Barrikaden geht. Es ist ja im
übrigen auch bei uns nicht die Demokratie erstarrt, sondern es fehlt die
breite Bereitschaft zu umfassenden Reformen in den ökonomischen und sozialen
Sicherheitsnetzen. Diese Bereitschaft wird es nur geben, wenn die große Zahl
der Bürger erkennt, daß man so nicht mehr weiterwurschteln kann, sondern
auch schmerzhafte Reformen im Interesse der eigenen Zukunftsfähigkeit
hinnehmen muß. Eine Politik, die ohne ausreichenden Rückhalt im Land solche
harten Reformen durchsetzen will, braucht Mehrheiten, die die Bürger heute
bei den Wahlen kaum mehr bereitstellen. Die Beispiele reformfähiger
Nachbarstaaten Großbritannien, die Niederlande, Dänemarks sind da
Vorbilder zeigen, daß Demokratien erst dann zu einschneidenden Reformen
bereit sind, wenn die Krise allen bewußt geworden ist. Noch scheint dies in
Deutschland nicht der Fall zu sein.
Welchen Rat haben Sie, um die derzeitige Stagnation in der deutschen Politik
aufzubrechen?
Mehr schlechte Nachrichten, die den Konsens zum Wandel wachsen lassen, auf
dem dann der Mut politischer Führung aufbauen muß.
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