Klemens Döpp,
Dr. rer. nat., Univ.-Professor, Mathematik, Schwerpunkt theor.
Informatik,Universität Bremen (bis 1997)
Englischsprachige Vorlesungen an deutschen Universitäten
Eine kritische Stellungnahme
Englisch ist die international dominierende Wissenschaftssprache. Wird durch
die Einführung des Englischen als Unterrichtssprache an den Hochschulen die
Attraktivität Deutschlands als Studien- und Forschungsstandort gefördert,
wie es die Befürworter behaupten?
Bevor ich mich mit der Frage einer Einführung des Englischen für bestimmte
Studiengänge auseinandersetze, will ich einräumen, daß auch ich es sinnvoll
und richtig finde, unter bestimmten Umständen im Wissenschaftsbereich
Englisch zu sprechen. Das gilt für internationale Tagungen, auf denen oft
viele Beteiligte eine andere Sprache gar nicht verstehen würden, und es ist
tatsächlich so, daß auf Deutsch geschriebene Aufsätze und Bücher weltweit
ein sehr viel weniger breites Publikum finden als englischsprachige. Es kann
sogar ausnahmsweise angebracht sein, in einer regulären deutschen
Hochschulveranstaltung Englisch zu sprechen, etwa wenn ein Kolloquium über
neuere Forschungen auch des Deutschen nicht mächtige Teilnehmer hat.
Kopie und Original
Zunächst ist festzuhalten, daß es bei der beabsichtigten Einrichtung von
englischsprachigen Studiengängen hauptsächlich um
mathematisch/naturwissenschaftlich/technisch/ökonomische Fächer geht. Deren
Fachsprachen sind durchsetzt mit stereotypen Wendungen und deshalb in ihrem
Kern weniger vielgestaltig als etwa die Umgangssprache des Alltags. Auch für
ausländische Studierende ist das Erlernen der deutschen Fachsprache
zumindest in den Fächern, um die es hier ja hauptsächlich geht noch das
kleinste Problem. Viel schwieriger ist es für sie doch, in allen Lebenslagen
auf Deutsch mit ihren deutschen Kommilitonen, Vermietern usw.
zurechtzukommen, und das bleibt ihnen keinesfalls erspart. Schließlich kommt
ein Großteil der in Deutschland studierenden bzw. anzuwerbenden Ausländer
gar nicht aus englischsprachigen Ländern und verfügt über keine besonders
großartigen Englischkenntnisse; wenigstens bei diesen dürfte die deutsche
Sprache, die sie ja ständig um sich herum hören müssen, kein wesentlich
größeres Hindernis darstellen als die englische.
Es stimmt auch nicht, daß die Einführung von englischsprachigen
Studiengängen diese für Ausländer erst richtig attraktiv machen würde: So
war vor einiger Zeit im Fernsehen eine Sendung über die deutschen Bemühungen
zur Anwerbung ausländischer EDV-Experten zu sehen, in der u.a. ein indischer
Professor ausführte, er hätte früher seine Studenten gern nach Deutschland
geschickt. Heute täte er dies aber nicht mehr, weil Deutschland sich
inzwischen der angelsächsischen Welt soweit angepaßt hätte, daß es sich
nicht lohne, die Kopie anstelle des Originals kennenzulernen. Überhaupt
sollte man eigentlich annehmen, daß ein Ausländer, der in Deutschland
studieren möchte, nebenbei etwas Interesse für das Land und seine Kultur
aufbringt, und dazu gehört schließlich auch die Sprache.
Nachteile von Fremdsprachigkeit
Nun ist aber der weitaus überwiegende Anteil der in Deutschland Studierenden
selbst deutsch und braucht die deutsche Sprache nicht mehr neu zu lernen.
Man könnte deshalb auf den Gedanken kommen, daß gerade die deutschen
Studierenden von englischsprachigen Veranstaltungen profitieren würden, weil
sie dabei zusätzlich noch eine und zwar die heute wichtigste fremde
Fachsprache erlernen müßten. Diese Vorstellung ist jedoch irrig, weil sie
von den tatsächlichen Verhältnissen bei der Lehre an den Hochschulen
absieht: Eine Vorlesung und erst recht ein Seminar oder eine Übung
erschöpfen sich nicht in der Mitteilung von Fachinhalten, obgleich es
natürlich in erster Linie um diese geht; vielmehr gehört dazu auch ein
vielgestaltiges Geflecht von Interaktionen auf ganz verschiedenen Ebenen.
Die englische Fachsprache bildet dabei nicht das Problem, sondern das
sprachliche Eingehen auf Situationen, die oft Feingefühl, Schlagfertigkeit
und Witz erfordern. Dies bringt man wenn überhaupt nur in einer Sprache
zustande, die man vollkommen beherrscht, also in aller Regel nur in der
eigenen. Wenn dieses zusätzliche Element fehlt, ist eine Veranstaltung
trocken und unlebendig; man würde deshalb in englischsprachigen deutschen
Studiengängen die langweiligsten Vorlesungen der Welt genießen können.
Das Beispiel Mathematik
Ich will die Schwierigkeiten beim Gebrauch einer Fremdsprache einmal
ausführlicher am Beispiel meines eigenen Fachs, der Mathematik, darstellen;
bei den übrigen fraglichen Fächern dürften die Verhältnisse ähnlich liegen.
(Deutsche Mathematiker schreiben ihre Fachartikel heute zu einem erheblichen
Teil auf Englisch; allerdings wird Deutsch häufiger benutzt als etwa in der
Informatik, wo fast nur noch auf Englisch veröffentlicht wird.) Bei der
Darstellung von mathematischen Sachverhalten lassen sich gewissermaßen drei
Schichten unterscheiden: Die erste bildet den eigentlichen mathematischen
Kern und ist gekennzeichnet durch das Schema Definition Satz Beweis.
Dort liegen für Lernende die weitaus größten Schwierigkeiten, die zur
Darstellung gebrauchte Sprache ist aber verhältnismäßig einfach und besteht
zum Teil aus stereotypen Wendungen. Diese Fachsprache läßt sich
verhältnismäßig leicht erlernen, und an den zu dieser Schicht gehörigen
englischsprachigen Ausführungen deutscher Mathematiker gibt es im
Allgemeinen wenig auszusetzen. Jedenfalls werden die fraglichen Sachverhalte
durchweg klar und verständlich ausgedrückt, und es spielt dabei keine Rolle,
wenn sich vielleicht hin und wieder ein kleiner sprachlicher Fehler
einschleicht. Im Hinblick auf das grundlegende Schema Definition Satz
Beweis befinden sich die meisten Englisch schreibenden deutschen
Mathematiker jedenfalls nicht in einem entscheidenden Nachteil gegenüber
gebürtigen Angelsachsen.
Das ist schon anders bei der zweiten Schicht: Zu einer guten mathematischen
Darstellung gehört ja nicht nur Korrektheit bei den das Grundschema
betreffenden Ausführungen; viemehr müssen häufig auch heuristische und
pragmatische Überlegungen dargestellt werden, etwa zur Erläuterung einer
Beweisidee oder der zu einer Begriffsbildung führenden intuitiven
Vorstellungen, gelegentlich auch von sachlichen oder historischen größeren
Zusammenhängen. In dieser Hinsicht sind Englisch schreibende Deutsche
gegenüber Angelsachsen gewöhnlich deutlich im Nachteil. Daß bei derartigen
Ausführungen die Klarheit der Darstellung im Allgemeinen unter einer
Fremdsprache zu leiden hat, sieht man um ein alltägliches Beispiel
vorzuführen auch recht gut bei Diskussionsrunden im Fernsehen mit
deutschen und ausländischen Journalisten. Dort können die deutschen
Teilnehmer gewöhnlich das, was sie sagen wollen, viel besser auf den Punkt
bringen als ihre ausländischen Kollegen. Ungeachtet ihrer von mir oft
bewunderten Beherrschung des Deutschen können diese den Kern der Sache oft
nur einkreisen, und man muß sich dann selbst zusammenreimen, was genau
gemeint war. Das liegt natürlich nicht daran, daß die Ausländer dümmer wären
als die Deutschen; es macht nur deutlich, wie schwierig es ist, eine andere
Sprache vollkommen zu beherrschen.
Hoffnungslos unterlegen sind Englisch schreibende Deutsche den Angelsachsen
in der dritten Schicht, bei der es um eine insgesamt ansprechende und
fesselnde Darstellungsweise geht. Dazu gehört u.a. die Fähigkeit,
gelegentlich ganz knapp zu werden, ohne dadurch an Genauigkeit zu verlieren,
und an anderen Stellen ohne Langatmigkeit ganz ausführlich zu sein. Das ist
nicht mit stilistischer Eleganz zu verwechseln, erfordert aber
nichtsdestoweniger eine hohe Beherrschung sprachlicher Mittel. Im
Allgemeinen läßt sich diese Fähigkeit in einer fremden Sprache offenbar
nicht mehr erwerben, selbst dann nicht, wenn man lange in dem fraglichen
Land lebt. Es ist daher ausgesprochen töricht, von deutschsprachigen
Wissenschaftlern zu erwarten, sie könnten durch fortgesetzte Übung
schließlich ebenso schöne Artikel auf Englisch verfassen wie ihre
angelsächsischen Kollegen. Wenn die Leute, die so etwas befürworten,
gescheit wären, würden sie sich stattdessen darum bemühen, dem Deutschen als
Wissenschaftssprache wieder mehr Geltung zu verschaffen, damit die eigenen
Leute auch in dieser Hinsicht gleichere Chancen erhalten.
Gesprochenes Englisch
Was hier gerade über schriftliche Darstellungen gesagt wurde, trifft in noch
größeren Ausmaß auf mündliche Ausführungen zu. Das ist mir vielfach auf
Tagungen vorgeführt worden, deren Verkehrssprache sinnvollerweise!
Englisch war. Auf solchen Tagungen habe ich kein einziges Mal einen
"wirklich schönen³ Vortrag gehört außer von richtigen Angelsachsen.
"Wirklich schön³ meint hier die wissenschaftliche Qualität des Inhalts, die
Klarheit der Darstellung sowie eine auch durch ihre Art der Darbietung
ansprechende Gestaltung. Die wissenschaftliche Qualität des Inhalts ist
natürlich sprachunabhängig, die Klarheit der Darstellung läßt bei subtileren
Gedankengängen vielfach schon zu wünschen übrig, und gegenüber einer
ansprechend und spannend gestalteten Darstellung müssen so gut wie alle
Nicht-Angelsachsen von vornherein passen. Auch von Deutschen habe ich schon
"wirklich schöne³ Vorträge zu hören bekommen, aber natürlich nur auf
Deutsch. (Hinzugefügt werden muß allerdings, daß in diesem Sinne "wirklich
schöne³ Vorträge ohnehin ziemlich seltene Ereignisse sind.)
Die besprochenen Schwierigkeiten sind natürlich noch wesentlich größer, wenn
der Alltagsbetrieb einer Hochschule sich vollständig in einer Fremdsprache
abspielen soll. Daß dazu die Beherrschung der Fachsprache allein nicht
genügt, ist mir vielfach auf den schon erwähnten englischsprachigen Tagungen
vorgeführt worden: Dort habe ich öfters über die Unbeholfenheit beim
Umgangsenglisch von Kollegen gestaunt, deren fachsprachliche Gewandtheit ich
vorher noch bei ihren Vorträgen bewundert hatte. Man kann sich daher
ausmalen, auf was für eine Art von Pidgin-Englisch sich der komplette
Betrieb eines englischsprachigen Studiengangs an einer deutschen Universität
abspielen würde.
Wenn nun die deutschen Hochschulen so üppig mit Lehrkräften bestückt wären,
daß man sich überlegen müßte, wie man diese Leute sinnvoll beschäftigen
soll, könnte man trotz allem gegen eine zusätzliche Einrichtung von
englischsprachigen Studiengängen nichts einwenden. Da aber die viel beklagte
Misere der deutschen Hochschulen zu einem erheblichen Teil auf ihrer
erbärmlich schlechten personellen Ausstattung beruht, wäre es ein
unverantwortliches Verschleudern von ohnehin zu knappen Ressourcen.
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