Bronislaw Geremek, Dr. Dr. h.c.,

Univ.-Professor,

1997-2000 Polnischer Außenminister Die Idee der Universität

Eine Reflexion

Die "Idee der Universität³? Die Formulierung ruft Skepsis hervor. Das Pathos solcher "Abschlußformeln³ und "Höchstwerte³, die für eine Praxis, die doch vor allem organisiert werden muß, nicht taugen, paßt nicht in unsere Gegenwart. Diese ist geprägt von Leitbildern, nicht von Ideen. Grund genug für eine nachdenkliche Rückfrage.

Europäische Universitäten mit ihrer langen Tradition haben im Rahmen der sich vollziehenden Vereinigung Europas eine besondere Mission zu erfüllen. Es geht darum, daß die Europäische Union (EU) der Herausforderung der Globa-lisierung und der weltweiten Konkurrenz gerecht wird. Dies wiederum hängt in erster Linie von dem Stand der Wissenschaft und Bildung ab. Es geht auch darum, daß die EU das Gefühl der geistigen Einheit hat, sich der fundamentalen Werte, die in der europäischen Tradition verwurzelt sind und die Grundlage der europäischen Zukunft bilden, bewußt ist. Dies kann und sollte die heutige Idee der Universität bestimmen.

Neue Herausforderungen

Indem wir in ein neues Jahrhundert, sogar in ein neues Jahrtausend hineingehen, haben wir das Gefühl, daß wir neuen Herausforderungen gegenüberstehen. Sie betreffen in erster Linie die Wirtschaft und die Technologie sowie auch neue Bindungen zwischen Zivilisationen und Nationen, wie auch die Stellung des Menschen in der Welt. Deutlicher als je zuvor stehen vor uns die Dilemmata der moralischen Verantwortung des Menschen. In die Bilanz des 20. Jahrhunderts muß Europa die schmerzhafte Erfahrung von zwei großen Weltkriegen und zwei totalitären Systemen eintragen. Es stellt sich die Frage, wie das Bildungssystem sein soll, damit die Lektionen der Vergangenheit richtig verstanden werden. Der Fortschritt in der Wissenschaft, der sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat, erfordert neue Methoden der Verbreitung des Wissens und der Herausbildung der Eliten mit guten Fachkenntnissen. Gleichzeitig wirft er die Frage nach der Stellung ethischer Kriterien in der Forschungsarbeit auf. Die Universität samt dem ganzen Bildungssystem muß diese Fragen in erster Linie auf sich beziehen.

In der sich wandelnden Welt scheint die Institution der Universität eine unveränderliche "Bundeslade³ zwischen neuen und alten Zeiten zu sein. Hinter ihr liegen doch lange Jahrhunderte der Geschichte und unabhängig von epistemolo-gischen Diskontinuitäten stützen sich sowohl die Universität als auch die Wissenschaft im allgemeinen auf die Kontinuität. Es ist jedoch unmöglich, der Frage nach der Idee der Univer-sitätsbildung, nach ihrem Ziel, nach der Stellung der Universität im gesellschaftlichen Leben, also nach der Idee der Universität, auszuweichen. Und es muß dies eine kritische Reflexion sein.

Eben eine solche Reflexion begleitete die Geschichte der europäischen Universität im Laufe ihrer tausendjährigen Historie. In diesem langen Zeitraum der Präsenz der Universität in der europäischen Kultur gab es sowohl Tief- als auch Höhepunkte. Die Universitäten waren eine Stätte des schöpferischen und innovativen Denkens, sie waren jedoch auch eine Stätte der Erstarrung des Wissens und der Abkehr von der Suche nach Wahrheit. Die autokritische Reflexion erkennt man als eines der Merkmale der europäischen Zivilisation an und eben eine solche Reflexion gewährleistete der Universität als Institution und als Idee diese lange Existenz und manchmal sogar die Chance des Überlebens.

Die mittelalterliche Universität war eine Tochter der Kirche und teilte ihre universale, also übernationale oder überpartikuläre Berufung. Das Latein als allgemein verbreitete Sprache der intellektuellen Kommunikation schuf die Möglichkeit, eine solche Mission zu verwirklichen. Die mit der urbanen Kultur und der Herausbildung der Schicht der Intellektuellen oder Kleriker verbundene Universität jener Epoche brachte das Modell der Gemeinschaft magistrorum et scholarum hervor, unabhängig von dem Typus der institutionellen Beziehungen zwischen Professoren und Studenten sowie der Gemeinschaft, also der Einheit, der Wissenschaften. Die Universität als eine Gemeinschaft auf diesen zwei Ebenen, der Bildung und des Wissens, aufzufassen, blieb eine beständige Botschaft des mittelalterlichen Erbes. Eine solche Universität trug eben das studium als die dritte Gewalt neben der weltlichen Macht und dem Priestertum, also neben das imperium und sacerdotium in die universale Organisation der Welt ein. Die Bewunderung für die Wissenschaft, die von Friedrich Barbarossa im Jahre 1158 in dem Privileg für Studenten, in dem er über Forscher und Scholaren spricht, deren Wissen die Welt erleuchtet (quorum scientia mundus illuminatur) so eindeutig zum Ausdruck gebracht wurde, war die Grundlage für die Entstehung und das Aufblühen der mittelalterlichen Hochschulen.

Die Herausforderungen der neuzeitlichen Epoche fanden keine Antworten in einem solchen Modell der Universität. Dies führte zu Konflikten innerhalb der Universitäten, zum Niedergang vieler von ihnen und zur Entstehung neuer, und schließlich zur Gründung von Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften. Auf diese Weise eben entstand gegen die Sorbonne in Paris im 16. Jahrhundert das Collegium regium Galliarum, aus dem dann das Collège de France hervorging. Die neuzeitlichen Universitäten befreiten sich von der Abhängigkeit von der Kirche und nahmen die Nationalsprachen an. An die Spitze ihrer Aufgaben rückte bereits nicht mehr die Bildung des Klerus, sondern der Beamten und der Lehrer; es vertiefte sich auch die Bindung zwischen der Universität und dem Nationalstaat. Weiterhin jedoch blieb die Überzeugung aufrechterhalten, daß ein konstitutives Element der Universitätsbildung die Vermittlung des Universalwissens und die Ausbildung gesellschaftlicher Eliten in der Allgemeinkultur ist und unabhängig von dem Fortschritt der mittelalterlichen Wissenschaft bestimmte die Teilung in trivium und quadrivium für lange Zeit den Horizont und die Bildungsstruktur neuzeitlicher Universitäten.

Verbindung von Bildung und Forschung

In der Evolution der Universitätsidee in Europa erfolgte eine Differenzierung der Entwicklungstendenzen. Englische Universitäten waren auf die Herausbildung geistiger Eliten eingestellt, die französischen hingegen, insbesondere infolge der Napoleonischen Reform, zielten darauf ab, Spezialistenkader vorzubereiten. In den beiden Fällen jedoch wurde den Universitäten eine Bildungs- und didaktische und nicht eine wissenschaftliche Rolle zugeschrieben. Auf eine ganz andere Art und Weise formulierte Wilhelm von Humboldt das Universitätsmodell, als er 1810 nach jahrelangen Vorbereitungen die Berliner Universität gründete. Sie sollte Bildung und wissenschaftliche Forschungen untrennbar verbinden, wobei die Suche nach Wahrheit, frei von jeglichen Vorurteilen, als ein übergeordneter Imperativ betrachtet wurde. Diesem Prinzip sollte auch die Einführung von Seminaren und Laboren in die Organisation der Universität und das Lehrsystem dienen. Die Universität wurde von dem Staatshaushalt finanziert, sie sollte mit dem Nationalgeist verbunden sein und dem Staat dienen.

Das Humboldtsche Universitätsmodell bestimmte in den nächsten zwei Jahrhunderten das Hochschulwesen in der Mehrheit europäischer Staaten wie auch auf anderen Kontinenten, obwohl seine konstitutiven Grundelemente, insbesondere die Verbindung des Lehrprozesses und der wissenschaftlichen Forschung sowie die etatistische Philosophie der Universitätsinstitution Gegenstand der Kritik und Umwertungen waren. Die Herausforderungen der Zeit wie auch die dramatischen Konvulsionen der Gegenwart warfen die Frage nach der Stellung der Universität in der Welt auf, also nach der Idee der Universität. Ich berufe mich hierbei auf zwei solche Erwägungen, die unterschiedlichen intellektuellen Kulturen und Universitätstraditionen entstammen von John Henry Newman und Karl Jaspers.

Das im Jahre 1873 veröffentlichte Buch "The Idea of a University³, dessen erster Abriß mit Vorlesungen im Zusammenhang steht, die der neuliche Konvertit in Dublin hielt und im Jahre 1852 herausgab, war die Frucht sowohl seiner fast zwanzigjährigen Tätigkeit an der Oxford Universität als auch der das Programm betreffenden Reflexion über die ihm anvertraute Aufgabe der Gründung einer katholischen Universität in Dublin. Indem Newman die Unumgänglichkeit der Theologie an der Universität zu beweisen sucht, schreibt er der Universität die Aufgabe zu, die Allgemeinbildung zu lehren und nicht Forschungsarbeiten zu betreiben, die Akademien und wissenschaftliche Gesellschaften führen sollten. Der künftige Kardinal schließt aus der Universitätsbildung den moralischen Unterricht oder die religiöse Ausbildung aus, indem er meint, daß die Aufgabe der Universität nicht darin bestehe, tugendhafte Personen zu erziehen. Für das richtige Ziel der Lehrprozesses an der Universität hält er die Herausbildung einer Person, die ein breites Wissen, kritische Intelligenz und soziale Empfindlichkeit hat. Die Universität soll demnach Gentlemen ausbilden. Newman versteht unter diesem Begriff einen Lebensstil und nicht ein gesellschaftliches Privileg. Die Universität ist demnach keine Institution für Eliten, sondern eine Institution, die die Eliten herausbildet und gleichzeitig die intellektuelle Kultur in der Gesellschaft fördert.

Karl Jaspers stützte sein 1923 herausgegebenes Buch "Die Idee der Universität³ auf die Erfahrung des Humboldtschen Modells, das die Wissenschaft und den Lehrprozeß in einer gemeinsamen Suche nach der Wahrheit durch die Gemeinschaft der Wissenschaftler und der Schüler untrennbar verband. Er versteht die Universität also als eine "berufliche Institution, deren Ziel es ist, die Wahrheit durch die Wissenschaft und die Bildung³ zu suchen. In einer solchen Institution sind die Schüler selbständige Denker, die ihren Lehrern kritisch folgen.

Die Kultur als einen Wert zu fördern, ist in dieser Botschaft der Hauptzug der liberalen Universität und die Freiheit der Wissenschaft die Grundlage der Idee der Universität. Die Verbindung der Wahrheit und der Freiheit ist nicht nur eine fundamentale moralische Autorität der Universität, sie schafft auch eine besondere Verantwortung für die Universität. Der Lebensweg des Philosophen aus Heidelberg und Basel, des Autors der "Schuldfrage³, eines schmerzhaften Essays über die Verantwortung für den Totalitarismus, hat diese Idee der Verantwortung der Universität sehr gut illustriert. Jaspers verkündete auch die Trennung der Universität von der Politik. "Die Politik³, schreibt er, "betritt die Universität nicht als ein Element des Kampfes, sondern als Forschungsgegenstand³.

Diese beiden Botschaften sind nicht nur durch eine unterschiedliche Universitätstradition, auf die sie sich berufen, gekennzeichnet, sondern auch durch die Zeit ihrer Entstehung. Sie stellen Fragen von Schlüsselbedeutung für das Verständnis der Idee der Universität, nach dem Ziel der Universitätsbildung, nach den Beziehungen zwischen der Wissenschaft und der Bildung, nach der Stellung der Universität in der Welt, nach der Zerrissenheit zwischen den Imperativen des öffentlichen Dienstes und den Anforderungen des Arbeitsmarktes. Aktuell bleiben weiterhin sowohl die Fragen als auch die Antworten des englischen Religionsdenkers als auch des deutschen Existentialphilosophen. Die Herausforderungen unserer Zeit, sowohl die, die wir im Stande sind richtig zu entziffern, als auch die, die sich am Horizont abzeichnen, jedoch in der Dunkelheit der Unsicherheit verbleiben, erfordern jetzt eine neue und kritische Reflexion über die Idee der Universität. Ich möchte ganz kurz auf drei Fragen verweisen: auf das Modell der Hochschule und des Bildungssystems, auf die Stellung der Universität im gesellschaftlichen Leben und auf den Einfluß neuer Informationstechnologien auf die Gestalt der Universität.

Das Modell der Hochschule

Das Modell der Hochschule scheint dramatisch zwischen den Anforderungen der sowohl wissenschaftlichen als auch der professionellen Spezialisierung einerseits und der Einheit der Wissenschaft sowie der ständigen Notwendigkeit der interdisziplinären Integration in der Wissenschaft und in dem Lehrprozeß andererseits, zerrissen zu sein. Der wissenschaftliche Fortschritt erfordert eine zunehmende Spezialisierung. Die heutigen Forscher könnten nach dem mittelalterlichen Philosophen wiederholen, daß sie wie Zwerge auf den Schultern der Riesen sind, so groß ist die Ansammlung des Wissens in jeder wissenschaftlichen Disziplin. Der wissenschaftliche Fortschritt erfordert jedoch auch das Überschreiten der Grenzen dieser Disziplinen, an ihrer Kreuzung entstehen eben neuen Ideen und wichtige Entdeckungen. Der moderne Staat und die moderne Wirtschaft brauchen immer mehr Fachleute, das ist eine Binsenwahrheit. Gleichzeitig jedoch erfolgt der Schwund bestimmter Fachbereiche und es entstehen neue, es vollziehen sich ebenfalls so wichtige Wandlungen der Technologien und des Wissens, daß die Fachausbildung, die im Studium erworben wird, sich als veraltet oder unbrauchbar erweist. Unter solchen Umständen nimmt die Bedeutung des intellektuellen Trainings und der schöpferischen Neugier zu, und dem kann die Allgemeinbildung dienen. Das Studium der klassischen Kultur oder der reinen Mathematik kann für die Ausbildung von Informatikern sehr nützlich sein. So verstehe ich die Formel von Kardinal Newman von der Ausbildung der Gentlemen es geht um die Herausbildung der geistigen Kultur. Die utilitäre Auffassung der Hochschulbildung ist ein Gebot der Zeit. Sie entspricht den gesellschaftlichen Erwartungen sowie den Aspirationen der Jugendlichen, die zum Studium kommen, um eine Chance auf Erfolg zu haben und Genugtuung im Leben zu haben. Es ist jedoch eben die Notwendigkeit der Nützlichkeit des Studiums in der sich schnell verändernden Welt, die dafür spricht, daß die Bedeutung der allgemeinen Bildung im Modell der Hochschulbildung wiederhergestellt wird, um dem vorzubeugen, was Ortega y Gasset "die Barbarei der Spezialisierung³ nannte.

Stellung im gesellschaftlichen Leben

Die Stellung der Universität im gesellschaftlichen Leben hängt mit den Werten zusammen, die sie verkündet und denen sie dient. Einer der Philosophen der "Frankfurter Schule³, Max Horkheimer, sagte den Studenten in seiner Rektoransprache im Jahre 1952: "Die Universität soll Ihnen die Elemente Ihres künftigen Berufes geben. Außer dem brauchbaren Wissen, das sie erwerben, sollten Sie auch Verständnis für ein Leben, das auf Wahrheit ausgerichtet ist, gewinnen³. Eine so verstandene Mission der Universität spricht dafür, daß wissenschaftliche Forschungen, sowohl theoretische als auch angewandte, ihren Platz im Modell der Hochschule haben, indem sie ihre Rolle in der Förderung der Wahrheit und der Freiheit festigen, wie es Jaspers postulierte. Die Verbreitung des Hochschulwesens, die ein wichtiges Instrument des gesellschaftlichen Aufstiegs ist, darf nicht das Streben der Universität nach Vollkommenheit und nach einem hohen Wissensstand schwächen. Die Politik der Unterstützung akademischer Institutionen der Vollkommenheit, die gegenwärtig von der Europäischen Union betrieben wird, ist ein Ausdruck dessen. Und noch ein wichtiges Element der öffentlichen Funktionen der Universität: der offensichtliche Universalismus der Wissenschaft, der eine Bildung gebietet, die Offenheit gegenüber anderen vorsieht und aus der Benutzung der Fremdsprachen ein Element des Universitätstrainings macht, der nicht im Widerspruch mit der Pflege der nationalen Tradition, mit der Aufrechterhaltung und Festigung der nationalen Identität und der bürgerlichen Pflicht steht.

Respekt und Kritik

Man muß hierbei jedoch auch ein gewisses inneres Dilemma erwähnen, vor dem die Universität steht. Die Universität bringt auf natürliche Art und Weise Respekt für Autoritäten bei und indem sie auf den öffentlichen Dienst und die Koexistenz mit anderen vorbereitet, bildet sie Anpassungshaltungen heraus. Gleichzeitig ist sie jedoch genauso natürlich eine Stätte der kritischen und sogar rebellischen Reflexion über die vorgefundene Welt. Eine solche Reflexion und eine solche Haltung braucht das Land, sie ist eine Bedingung für die Entwicklung der Wissenschaft und eine Antwort auf die Herausforderungen der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens.

Die Entwicklung neuer Informationstechnologien erschüttert traditionelle Lehrmethoden an der Universität und führt zu der Überzeugung, daß die moderne Hochschule sich nicht nur der Computer und der elektronischen Medien bedient, sondern in Abhängigkeit von ihnen gerät, indem sie dem virtuellen Unterricht Platz macht. Die Karriere des Internet zeigte, wie schnell sich hier Veränderungen vollziehen. Das elektronische System des Zugangs zum Wissen, das manchmal als elektronische Universität bezeichnet wird, schafft die Möglichkeit, in allen Bereichen zu lernen, was nicht einmal die renommierteste Hochschule bieten kann. Dies ist eine Veränderung, die nicht zu überschätzen ist und gegenwärtig ist es kaum möglich, ihre Folgen für die moderne Kultur und Bildung vorherzusehen. Sie beschränkt sich nicht nur auf die Lern- und Lehrtechniken, sondern verändert auch den Charakter der Institution selbst. Ähnlich wie die Arbeit, so hört auch die Universität auf, so eng wie bisher mit einem konkreten Platz verbunden zu sein. Ich glaube jedoch nicht, daß der virtuelle Lehrer den Professor ersetzen kann. Die Mission der almae matris beruht auf dem unmittelbaren Kontakt zwischen dem Lehrenden und dem Studenten: wie Newman schrieb, ist die Universität eine Mutter, die ihre Kinder kennt und nicht eine Schmiede, eine Geldprägestelle oder eine Tretmühle. Ich bin hingegen davon überzeugt, daß neue elektronische Technologien die Universität auf ein Tätigkeitsfeld von ungewöhnlicher Bedeutung für die Zukunft hinweisen auf die permanente Bildung. In der heutigen Welt muß man ständig lernen und das ein paar Jahre dauernde Hochschulstudium ist nur eine Einführung in die beruflichen Rollen, die die jungen Menschen im Leben erfüllen werden, daher sollte es das Lernen lehren. Die Hochschule ist nicht nur der Abschluß der Bildung der Jugendlichen, sondern auch die Eröffnug des Zyklus der permanenten Bildung, der die neuen Kommunikationstechnologien ausgezeichnet dienen. Die moderne Universität findet auch neue Funktionen indem sie Erwachsenen, die eine jahrelange berufliche Praxis haben und die nächste Phase des intellektuellen Trainings sowie den Erwerb neuen Wissens und neuer Fertigkeiten brauchen, die Rückkehr zu neuen Studienzyklen ermöglicht. Dann werden wir sagen können: Das Studium an der Universität wird nicht beendet, an der Universität ist man ständig.

Ich bin davon überzeugt, daß die moderne Universität vier grundlegende Funktionen in sich vereinen muß:

- erstens muß sie eine Forschungsstätte sein, in der sowohl theoretische als auch angewandte Forschung betrieben wird,

- zweitens sollte man an ihr Wissen, Fertigkeiten und Fachausbildung auf höchstem Niveau erwerben können,

- drittens sollte sie eine Stätte der permanenten Bildung der Menschen sein, zu der man nicht nur zum Studium kommt, sondern zu der man zurückkehrt.

- viertens sollte sie eine Stätte der Wahrheit und der Wahrheitskultur sein, dank dem sie auch eine Institution des öffentlichen Vertrauens und der moralischen Autorität sein kann.


© Forschung & Lehre 2003