BILDUNG ZAHLT SICH AUS
DER ARBEITSMARKT FÜR AKADEMIKERBernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit,
Nürnberg
![]()
Die besten Zinsen
Zunächst einmal gilt grundsätzlich: Bildung zahlt sich aus. Der amerikanische Präsident Benjamin Franklin hat einmal gesagt: „Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen.“ Dieser Satz gilt heute mehr denn je. Für den einzelnen fallen die Zinsen in Form von mehr Arbeitsplatzsicherheit, besseren Aufstiegschancen und höherem Einkommen an. Für die Volkswirtschaft zahlt sich ein hoher Bildungsstand in Wachstum und Beschäftigung aus.Je besser die Qualifikation, desto geringer ist das Risiko, arbeitslos zu werden. Dies zeigt sich deutlich, wenn man die Arbeitslosenquoten nach dem Bildungsabschluß vergleicht. So waren in Westdeutschland im September 1997 4,2 Prozent der Erwerbspersonen mit Universitätsabschluß und 2,9 Prozent der Erwerbspersonen mit Fachhochschulabschluß arbeitslos. Die allgemeine Arbeitslosenquote lag dagegen bei 9,1 Prozent; für Personen ohne Berufsausbildung sogar bei 18,3 Prozent.
Und die Bedeutung der Bildung wird weiter zunehmen. Dies ergibt sich aus dem Trend zu Arbeitsplätzen mit höheren Anforderungen an die Qualifikation. Damit nehmen zugleich die Beschäftigungsmöglichkeiten von Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung ab. Nach einer Projektion des IAB wird sich der Anteil der Arbeitsplätze für Ungelernte von 20 Prozent im Jahr 1994 auf 10 Prozent im Jahr 2010 halbieren. Dagegen wird der Bedarf an Kräften mit einem Hochschulabschluß steigen. Für 17 Prozent der Arbeitsplätze wird ein Universitäts- oder Fachhochschulabschluß notwendig sein, 1994 war dies erst bei 12 Prozent der Arbeitsplätze der Fall.
Daß ein Studium eine gute Basis für ein erfolgreiches Berufsleben bietet, zeigt auch die Entwicklung im vergangenen Jahr. Während die Erwerbstätigkeit insgesamt leicht zurückgegangen ist, wurden qualifizierte Fach- und Führungskräfte verstärkt gesucht. Zum Jahresende 1997 wurden den Arbeitsämtern deutlich mehr Stellen für Fach- und Führungskräfte genannt als zum Jahresende 1996.
Im gesamten Jahr 1997 wurden der Bundesanstalt für Arbeit über 100.000 freie Stellen für diesen Teilarbeitsmarkt gemeldet. Von diesen entfiel ein Drittel auf Ingenieure, ein weiteres Drittel auf besonders qualifizierte kaufmännische und Verwaltungsberufe. Stellenangebote für Geisteswissenschaftler machten 7 Prozent der Meldungen aus. Die Nachfrage der Betriebe und Verwaltungen konzentrierte sich vor allem auf Kräfte, die bereits über Berufserfahrung verfügen. Absolventen fanden einen Einstieg in das Berufsleben, wenn sie ihr Studium zügig und mit gutem Erfolg abgeschlossen hatten. Ein Teil der Absolventen mußte sich zunächst jedoch mit befristeten Verträgen zu finanziell ungünstigen Bedingungen zufrieden geben.
Den Arbeitsmarkt für Akademiker gibt es nicht. Die Entwicklung auf den Teilarbeitsmärkten verläuft häufig unterschiedlich. Dafür gibt es verschiedene Gründe:
-Auf den einzelnen Arbeitsmärkten schlägt sich die konjunkturelle Entwicklung in unterschiedlicher Weise nieder.
-Die einzelnen Berufsbereiche sind in unterschiedlich starkem Maße von den öffentlichen Ausgaben und dem Staat als Arbeitgeber abhängig.
-Auf vielen Teilarbeitsmärkten läßt sich der sogenannte „Schweinezyklus“ beobachten. Doch verlaufen die Zyklen zwischen einer Überschußnachfrage und einem Überschußangebot in den verschiedenen Segmenten nicht parallel.
![]()
„Schweinezyklus“ für Ingenieure
Besonders eindrucksvoll läßt sich der „Schweinezyklus“ auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure beobachten. Nachdem Anfang der 90er Jahre die Zahl der arbeitslosen Ingenieure deutlich angestiegen war, ließen sich viele junge Menschen bei ihrer Studienwahl davon beeinflussen. 1994 haben in Deutschland etwa 55.000 Erstsemester ein Ingenieurstudium aufgenommen. Das bedeutet gegenüber 1991, als die Zahl der Erstsemester in den Ingenieurwissenschaften einen Höchststand erreicht hatte, einen Rückgang um fast 25 Prozent. Stark zurück gingen die Anfängerzahlen besonders im Maschinenbau und in der Elektrotechnik. 1996 kam der negative Trend auf dem Arbeitsmarkt für Maschinenbauer und Ingenieure der Elektrotechnik zum Stillstand. Heute warnen Wirtschaftsverbände bereits wieder vor einem Mangel an Ingenieuren nach dem Jahr 2000. Spiegelbildlich dazu ist die Entwicklung bei den Bauingenieuren verlaufen. Während sich Anfang der 90er Jahre Architekten und Bauingenieure einer regen Nachfrage erfreuten, haben sich die Beschäftigungschancen in den vergangenen Jahren ungünstiger entwickelt. So wie diese Berufsbereiche vom Boom in der Baukonjunktur im Gefolge der deutschen Vereinigung besonders profitierten, so sind sie nun vom gegenwärtigen Abschwung der Bauwirtschaft entsprechend betroffen. Vom Baugewerbe abgesehen hatten fast alle Branchen 1997 einen höheren Bedarf an Ingenieuren als im Jahr zuvor. Elektroindustrie und Maschinenbau in den alten wie in den neuen Bundesländern suchten vermehrt nach Ingenieuren. Aber auch die Bereiche Fahrzeugtechnik, Medizintechnik und Kunststoff legten überdurchschnittlich zu.Die Stellenausschreibungen machten deutlich, daß die „Personaldecke“ in vielen Unternehmen nach den Rationalisierungen der vergangenen Jahre dünn geworden ist. Die Betriebe suchten vor allem Bewerber mit ersten Berufserfahrungen, die sich möglichst rasch integrieren können. In der zweiten Jahreshälfte besserten sich jedoch auch die Chancen für Berufsanfänger. Anhaltend schwierig blieb die Lage für Ingenieure über 45 Jahre.
![]()
Große Nachfrage
Einen Sonderfall stellen die Fach- und Führungskräfte in der Datenverarbeitung dar. Die Nachfrage nach ihnen hat im vergangenen Jahr explosionsartig zugenommen. Die Zahl der am Jahresende 1997 gemeldeten offenen Stellen stieg gegenüber dem Vorjahr um 87 Prozent auf 3.500. Insgesamt sind im Laufe des vergangenen Jahres 10.500 Stellenangebote neu genannt worden. Die umfassende Nachfrage nach dem Aufbau von betriebsinternen Netzwerken, die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes und das „Jahr 2000“-Problem haben den Boom nach Informationstechnikern ausgelöst. In allen Berufen der Datenverarbeitung war ein erheblich größeres Stellenangebot als im Vorjahr zu verzeichnen. Bei den Informatikern fiel der Zuwachs am deutlichsten aus. Allerdings legten die Betriebe trotz der Knappheit an Fachkräften nach wie vor großen Wert darauf, nicht „Nur-Informatiker“ zu gewinnen. Gesucht wurden Fachkräfte, die über Zusatzkenntnisse im kaufmännischen oder im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich verfügen.
in der DatenverarbeitungEine verstärkte Nachfrage gab es wegen der bevorstehenden Umstellung auf den Euro und das Jahr 2000 auch für den Bereich der Großrechner. Hier hatten ältere Fachkräfte in der Regel bessere Chancen als die Absolventen. Den Absolventen fehlen häufig Kenntnisse in den Programmiersprachen wie z.B. COBOL oder Assembler, die zur Umstellung der „alten“ Großrechner erforderlich sind, da diese Sprachen an den Hochschulen kaum noch unterrichtet werden.
![]()
Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler
Auch der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler (ohne Lehrer) wartete in diesem Jahr mit einer Überraschung auf. Die Zahl der arbeitslosen Geisteswissenschaftler stieg von 1996 auf 1997 um 3 Prozent und damit in deutlich geringerem Maße als die allgemeine Arbeitslosigkeit (+ 12 Prozent) oder die Arbeitslosigkeit der Hochschulabsolventen (+ 10 Prozent). Das heißt nicht, daß die Situation für Geisteswissenschaftler einfach geworden ist. Ende September 1997 waren 10.000 Geisteswissenschaftler ohne Arbeit. Im gesamten Jahr wurden den Arbeitsämtern 1.400 offene Stellen gemeldet.Aber die Absolventen dieser Fachrichtung zeichnen sich in besonderem Maße durch Flexibilität aus. Die meisten jungen Geisteswissenschaftler, so die Erfahrung der Fachkräfte in den Arbeitsämtern, kennen die Bedingungen ihres Arbeitsmarktes recht genau und schätzen ihre Lage richtig ein. Zwar bevorzugen sie weiterhin die klassischen Einsatzfelder im öffentlichen Dienst sowie im Bereich von Kultur und Medien. Dennoch bringen sie in besonderem Maße die Bereitschaft auf, auch fachfremd zu arbeiten. Der fachfremde Einstieg in Betrieben gelingt um so leichter, wenn die Absolventen Betriebspraktika und Zusatzkenntnisse in wirtschaftsnahen Bereichen mitbringen.
Selten gelingt es den Absolventen, ihre Arbeitsmarktchancen durch die Aufnahme von Zusatzstudiengängen zu verbessern. Ähnliches gilt für Bewerber, die über eine Kette von befristeten Verträgen und Lehraufträgen lange Zeit im Hochschulbereich verbleiben. Wer sich als fast 40jähriger um seine erste Stelle außerhalb der Hochschule bewirbt, dem bereitet sein vergleichsweise hohes Alter und seine Praxisferne ein Problem.
![]()
Schlüssel- und Zusatzqualifikationen
Für alle Hochschulabsolventen gilt: Die fachliche Qualifikation ist längst nicht alles. Schlüssel- und Zusatzqualifikationen gewinnen für die Betriebe bei der Auswahl der Bewerber zunehmend an Bedeutung. Das zeigt auch die Befragung, die das „Staufenbiel Institut für Studien- und Berufsplanung“ im Sommer 1998 durchgeführt hat. Die Befragung richtet sich zwar in erster Linie auf die Einstellung von Wirtschaftswissenschaftlern, doch dürften ihre Ergebnisse von allgemeiner Gültigkeit für Akademiker sein.Bei der Vorauswahl der Bewerber spielen häufig zunächst fachliche Qualifikationen die entscheidende Rolle. Die Examensnote und Berufserfahrungen, seien sie durch eine Ausbildung oder durch Praktika erworben, entscheiden in der Regel darüber, wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Schon an nächster Stelle folgt jedoch eine Reihe von persönlichkeitsbezogenen Merkmalen wie Teamfähigkeit, Mobilität und Kommunikationsfähigkeit. Diese Kriterien wurden von den befragten Betrieben häufiger als auswahlentscheidend genannt als etwa die Merkmale Studienschwerpunkte oder Studiendauer.
Junge Menschen, die heute vor der Entscheidung stehen, ob sie studieren und welches Studium sie aufnehmen sollen, erhalten Ratschläge von vielen Seiten. Eine sichere Vorhersage über ihre Berufschancen kann niemand treffen. Ebenso kann für den einen das Studium genau das richtige sein, mit dem ein anderer nicht glücklich wird.
Daher empfehle ich den Jugendlichen, sich intensiv zu prüfen: Was sind meine besonderen Fähigkeiten und Neigungen? Wo liegen meine Stärken und Schwächen? Daneben ist es wichtig, den Arbeitsmarkt für den angestrebten Beruf im Auge zu behalten. Dies gilt nicht nur vor Studienbeginn, sondern noch viel mehr während des Studiums. Wer sich schon während des Studiums in Betrieben umsieht, kann nicht nur die Beschäftigungsmöglichkeiten realistisch einschätzen, sondern erwirbt zugleich erste Berufserfahrungen, die ihm den Einstieg später erleichtern.
In diesem Prozeß von Studienwahl und Arbeitsmarktbeobachtung läßt die Bundesanstalt für Arbeit die jungen Menschen nicht allein. Die Berufsberater in den 181 Arbeitsämtern und die Hochschulteams in 34 Städten in Deutschland unterstützen die Jugendlichen gerne.
Forschung & Lehre 1998