Wissenschaftfeindliches VerfahrenDer DFG-Präsident im Gespräch
Ernst-Ludwig Winnacker, Dr. rer. nat., Univ.-Professor, Biochemie, Universität München, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft
Forschung & Lehre: Die Möglichkeit, über eine längere Zeit „ungestört“ an einem Thema arbeiten zu können, charakterisiert die Habilitation. Fördert dies nicht die unabhängige und kritische Arbeit der jungen Wissenschaftler? Oder werden junge Wissenschaftler Ihrer Auffassung nach durch die Habilitation fremdbestimmt?
Ernst-Ludwig Winnacker: Die Frage ist doch, was man unter „ungestört“ versteht. Zwar könnte man meinen, Habilitanden arbeiteten überwiegend selbständig, doch müssen sie stets das Habilitationsverfahren und damit die Einschätzung ihrer Fakultät im Hinterkopf behalten. Schließlich entscheidet diese am Ende des Verfahrens über Wohl oder Wehe des Habilitationsvorhabens. Das hat in meinen Augen nichts mit Selbständigkeit zu tun. Die frühe wissenschaftliche Selbständigkeit, die ich fordere, schließt dagegen „Störungen“ zum Beispiel durch Konkurrenzdruck nicht aus, sie fordert sie sogar; denn im internationalen Vergleich ist unsere Hochschullehrer-Qualifikation zu wenig auf Wettbewerb ausgerichtet.
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Hat aber nicht die Abhängigkeit auch eine positive Kehrseite: Die Sorge des Habilitationsvaters um die berufliche Zukunft des Habilitanden?
Andere Systeme
Selbstverständlich. Dafür bedarf es aber nicht des Instruments der Habilitation. Auch andere Systeme, die die Habilitation nicht kennen, bringen unabhängige und kritische Geister hervor, aber oft in wesentlich kürzerer Zeit. Das Erstberufungsalter bei uns in Deutschland ist mit durchschnittlich 41 Jahren einfach zu hoch, die Phase zwischen Promotion und Habilitation mit 8 bis 10 Jahren schlicht zu lang.
Einigkeit besteht darüber, dass die Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu lange dauert. Viele Stimmen - darunter auch Sie - fordern Alternativen oder sogar auch die Abschaffung der Habilitation. Welche habilitationsimmanenten Verbesserungsmöglichkeiten sehen Sie? Genügt nicht bereits eine Veränderung des bestehenden Systems, z.B. eine Reduzierung des Umfangs von Habilitationsschriften oder die Einführung von Altersgrenzen?
Ich sehe keine wirklichen Verbesserungsmöglichkeiten im bestehenden Verfahren, denn es ist inhärent wissenschaftsfeindlich. Dass so viele von uns es überstanden haben, zeigt die Fürsorglichkeit vieler eben deshalb so guter Hochschullehrer und die Widerstandsfähigkeit, die deutschen Hochschullehrern innewohnen kann. Der Umfang von Habilitationsschriften oder Altersgrenzen ist jedenfalls nicht das Problem.
Es geht auch nicht darum, die Qualifizierung zum Hochschullehrer in Frage zu stellen. Wenn die Habilitation kritisiert wird, dann ist nicht die Habilitationsschrift gemeint, denn sie gibt den jungen Wissenschaftlern die Chance, ihre Fähigkeiten durch eine exzellente wissenschaftliche Arbeit unter Beweis zu stellen. Im Zentrum der Kritik steht doch vielmehr das Habilitationsverfahren: es dauert zu lange, ist nicht transparent und fördert verkrustete, hierarchische Strukturen. Hier müssen wir ansetzen.
Die Habilitation hat für die unterschiedlichen Fächer unterschiedliche Bedeutung. In den Ingenieurwissenschaften ist es seit längerem üblich, Professoren auch ohne Habilitation zu berufen - ganz im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften. Darf man die Fächer bei der Frage der Abschaffung der Habilitation über einen Leisten schlagen?
Nein, auf keinen Fall. Sicher ist dies auch eine Frage der Kultur des jeweiligen Faches, aber dass die Habilitation schon heute nicht der einzige Qualifikationsweg für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist, zeigt etwa der Blick ins Hochschulrahmengesetz. Da kann man lesen, dass Hochschullehrer auch werden kann, wer eine der Habilitation gleichwertige wissenschaftliche Leistung vorzuweisen hat. Diese Bestimmung ist nicht nach Fächern differenziert, aber die Möglichkeiten, die sie eröffnet, werden in den verschiedenen Disziplinen unterschiedlich genutzt.
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Zusammenarbeit mit Forscherpersönlichkeiten
Wie kann man nach Ihrer Auffassung am besten das Forschen und Lehren lernen?Durch möglichst frühzeitige Zusammenarbeit mit hervorragenden Forscherpersönlichkeiten. Die DFG fördert beispielsweise seit 1990 sehr erfolgreich die Ausbildung von besonders qualifizierten Doktoranden aller wissenschaftlichen Disziplinen in Graduiertenkollegs. Derzeit bereiten sich in Graduiertenkollegs rund zehn Prozent aller Doktoranden in Deutschland auf ihre Promotion vor. Die Absolventen sind in der Regel umfassender qualifiziert und durchschnittlich zwei Jahre jünger als ihre Studienkollegen, und jeder zweite promovierte Stipendiat ist 30 Jahre alt oder jünger.
Das Emmy Noether-Programm will Wissenschaftlern nach ihrer Promotion und einer Postdoktorandenphase eine eigene, aber befristete Stelle finanzieren. Wie sieht die Zukunft dieser Wissenschaftler nach Abschluss des Programms aus?
Sie sollen natürlich berufen werden. Wir hoffen, dass möglichst viele Fakultäten die Chance ergreifen, diese so sorgfältig ausgesuchten Kandidatinnen und Kandidaten auf ihre Liste zu nehmen, auch ohne Habilitation. In jedem Fall werden sie jung genug sein, auch alternative Karriereziele anstreben zu können. Mittlerweile fördert die DFG im Rahmen des Emmy Noether-Programms die ersten 75 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, davon 55 in der Phase I, die einen zweijährigen Auslandsaufenthalt umfasst, und 20, die in der Phase II mit dem Aufbau einer Nachwuchsgruppe begonnen haben. Und wenn ich mir diese hochqualifizierten jungen Leute anschaue, bin ich sicher, dass ihnen nach Abschluss dieser Förderung alle Türen offenstehen werden!
Forschung & Lehre 2000