Ulrich Beck, Dr. rer. soc., Univ.-Professor, Universität München und London School of Economics and Political Science

Weltrisikogesellschaft revisited: Die terroristische Bedrohung

Eine soziologische Betrachtung

Das moderne Leben ist heute selten ein Leben in Sicherheit. In der Weltrisikogesellschaft geht es um die zwanghafte Vortäuschung von Kontrolle über das Unkontrollierbare - in der Politik, im Recht, in der Wissenschaft, im Alltag. Terroristische Attentate rücken die Verletzlichkeit der Zivilisation in das allgemeine Bewußtsein.

Was haben so verschiedene Ereignisse und Bedrohungen wie Tschernobyl, die Klimakatastrophe, die BSE-Krise, die Auseinandersetzung um Humangenetik, die asiatische Finanzkrise sowie die Bedrohung durch Terrorattentate gemeinsam? Sie illustrieren die Diskrepanz zwischen Sprache und Wirklichkeit, die ich "Weltrisikogesellschaft" nenne. Was ich damit meine, will ich zunächst an einem Beispiel erläutern:

Vor einigen Jahren erteilte der US-Kongreß einer wissenschaftlichen Kommission den Auftrag, eine Sprache oder Symbolik zu entwickeln, die über die Gefährlichkeit der amerikanischen Endlagerstätten für radioaktiven Müll aufklären sollte. Das zu lösende Problem lautete: Wie müssen Begriffe, Symbole beschaffen sein, um ein und dieselbe Botschaft über zehntausend Jahre an die dann Lebenden weiterzugeben? *

Die Kommission setzte sich aus Physikern, Anthropologen, Linguisten, Gehirnforschern, Psychologen, Molekularbiologen, Altertumsforschern, Künstlern usw. zusammen. Sie hatte zunächst die unerhebliche Frage zu klären: Gibt es in zehntausend Jahren überhaupt noch die USA? Die Antwort fiel der Regierungskommission selbstverständlich leicht: USA forever! Doch das Schlüsselproblem, wie ist es heute möglich, über zehntausend Jahre hinweg ein Gespräch mit der Zukunft zu beginnen, erwies sich erst allmählich als unlösbar. Man suchte Vorbilder in den ältesten Symbolen der Menschheit, studierte den Bau von Stonehenge (1500 v. Chr.) und der Pyramiden, erforschte die Rezeptionsgeschichte Homers und der Bibel, ließ sich den Lebenszyklus von Dokumenten erklären. Aber diese reichten allenfalls ein paar Tausend, nie zehntausend Jahre zurück. Die Anthropologen empfahlen das Symbol der Totenköpfe. Ein Historiker erinnerte jedoch daran, daß Totenköpfe den Alchimisten Wiederauferstehung bedeuten, und ein Psychologe unternahm Experimente mit Dreijährigen: Klebt der Totenkopf auf einer Flasche, rufen sie ängstlich "Gift", klebt er an einer Wand, rufen sie begeistert "Piraten"!

Andere Wissenschaftler schlugen vor, den Boden um die Endlagerstätte mit Keramik-, Eisen- und Steinplaketten buchstäblich zu pflastern, die alle Arten von Warnungen enthalten sollten. Doch das Urteil der Sprachwissenschaftler war eindeutig: das wird nur für maximal zweitausend Jahre verstanden werden! Gerade die wissenschaftliche Akribie, mit der die Kommission vorging, machte deutlich, was der Begriff Weltrisikogesellschaft bezeichnet, aufdeckt und begreifbar macht: Unsere Sprache versagt vor der Aufgabe, zukünftige Generationen über die Gefahren zu informieren, die wir im Absehen auf den Nutzen bestimmter Technologien in die Welt gesetzt haben. Die moderne Welt vergrößert mit dem Tempo ihrer technologischen Entwicklungen die Weltendifferenz zwischen der Sprache quantifizierbarer Risiken, in denen wir denken und handeln, und der Welt nicht-quantifizierbarer Unsicherheit, die wir ebenfalls kreieren. Mit den vergangenen Entscheidungen über die Kernenergie und unseren heutigen Entscheidungen über die Nutzung der Gentechnik, Humangenetik, Nanotechnologien, Computerwissenschaften usw. lösen wir unvorhersehbare, unkontrollierbare, ja sogar unkommunizierbare Folgen aus, die das Leben auf der Erde gefährden.

Kontrolle des Unkontrollierbaren

Was also ist dann eigentlich neu an der Risikogesellschaft? Waren nicht alle Gesellschaften, alle Menschen, alle Epochen immer von Gefahren umstellt, denen zu wehren sich diese Gesellschaften überhaupt erst zusammenschlossen? Es ist notwendig, zwischen vorgegebenen Gefahren und kontrollierbaren Risiken zu unterscheiden. Vormoderne Gefahren werden der Natur, Göttern und Dämonen zugerechnet. Der Risikobegriff ist demgegenüber ein moderner Begriff. Im Gegensatz zu den Gefahren der Vormoderne setzt er menschliche Entscheidungen, individuelle Akteure voraus. Risiko meint die Kolonialisierung der Zukunft, die Kontrolle des Unkontrollierbaren. Der Risikobegriff versucht, die unvorhersehbaren Folgen zivilisatorischer Entscheidungen vorhersehbar und kontrollierbar zu machen. Wenn man beispielsweise sagt, das Krebsrisiko des Rauchers ist so und so hoch und das Katastrophenrisiko eines Kernkraftwerks so und so, dann heißt das: Risiken sind vermeidbare negative Folgen von Entscheidungen, die durch Krankheits- und Unfallwahrscheinlichkeiten berechenbar erscheinen ­ und daher keine Gefahren, keine Naturkatastrophen. In diesem Sinne wird Modernisierung üblicherweise gleichgesetzt mit der Großen Erzählung vom Übergang vorgegebener Gefahren zu berechenbaren Risiken. Dieser Siegeszug gipfelte in Europa bekanntlich in der Entwicklung und Entfaltung des Wohlfahrtsstaates bzw. Vorsorgestaates, der seine Bürger gegen Gefahren und Unsicherheiten aller Art versichert.

Die Theorie der Weltrisikogesellschaft widerspricht im Hinblick auf die Gegenwart und Zukunft dieser naiven Fortschrittserzählung. Während die Produktion von "bads" als Nebenfolgen der Produktion von "goods" dem Industri-alisierungsprozeß von Anfang an eigen ist, führt erst die globale Manifestation der bads (die in etwa mit der Diskussion um die "Grenzen des Wachstums" in den 70er-Jahren beginnt) dazu, daß die öffentliche Wahrnehmung dieser bads beginnt, die Vorsorge- und Kontrollinstitutionen der ersten, industriellen, nationalstaatlich organisierten Moderne in Frage stellt. Anders gesagt: Irgendwann in der nicht weit zurückliegenden Vergangenheit hat sich in den westlichen Milieus institutionalisierter Sicherheit ein qualitativer Wandel in der Wahrnehmung sozialer Ordnung ereignet. Diese wird nicht länger primär als ein Konflikt um die Produktion und Verteilung von goods verstanden, vielmehr widersprechen die Produktion und Verteilung von bads dem Kontrollanspruch der etablierten Institutionen. Dieser kategoriale Wandel in der Selbstwahrnehmung hat die Art, in der moderne westliche Gesellschaften ihre Institutionen und Funktionen organisieren und managen in eine Krise gestürzt. Diese Krise nenne ich "Weltrisikogesellschaft". Es ist dies allerdings zugleich auch eine Krise der Sozialwissenschaften und der politischen Theorie, die in einer Kombination von Karl Marx und Max Weber moderne Gesellschaften als kapitalistisch und rationalistisch begreifen.

Die etablierte Unterscheidung von Gefahr und Risiko muß also ergänzt werden durch die am historischen Radikalisierungsprozeß der Moderne orientierte Unterscheidung zwischen berechenbaren Risiken der Ersten nationalstaatlichen Moderne und nicht-berechenbaren Unsicherheiten und Gefahren zweiter Ordnung der Zweiten globalen Moderne. Diese können nicht als Vergangenheit, sondern müssen als Zukunft begriffen werden; nicht als Versagen, sondern als Produkt des Sieges von Modernisierungsprozessen.

Öffentliche, massenmedial inszenierte Risikowahrnehmung

Das Argument lautet weder, daß die Epoche der In-dustriegesellschaft weniger riskant war, noch daß die Risikogesellschaft einfach die Industriegesellschaft ersetzt hat. Vielmehr verschwimmt die Unterscheidung zwischen quantifizierbaren Risiken und nicht-quantifizierbaren Unsicherheiten, zwischen Risiko und Risikobewußtsein. Es ist diese Universalisierung von Unsicherheiten und Gefahren zweiter Ordnung und die daraus entstehende Dominanz der öffentlichen, massenmedial inszenierten Risikowahrnehmung, die den epochalen Unterschied ausmachen. In der Weltrisikogesellschaft geht es dementsprechend auf allen Ebenen um die zwanghafte Vortäuschung von Kontrolle über das Unkontrollierbare ­ in der Politik, im Recht, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, im Alltag.

Das Wort Risikogesellschaft, das ich fand und 1986 zum Titel meines Buches machte, soll also eine Zeit auf den Begriff bringen, die nicht mehr hadert mit traditionalen Lebensformen, sondern mit den Folgen radikalisierter Modernisierung, nämlich mit unsicheren Biographien, Gefahren, die alle treffen und die niemand mehr versichert. Ich schrieb:

- die Gefahr habe die "Zerstörungskraft des Krieges". Die Sprache der Gefahr sei infektiös, verändere die Gestalt sozialer Ungleichheit: soziale Not sei hierarchisch, die neue Gefahr dagegen demokratisch. Sie treffe auch die Reichen und Mächtigen. Die Erschütterung schlage auf alle Bereiche durch. Märkte brechen ein, Rechtssysteme fassen die Tatbestände nicht, Regierungen geraten unter Anklage und erhalten zugleich neue Handlungschancen; - wir würden Mitglieder einer "Weltgefahrengemeinde". Die Gefahren seien nicht mehr innere Angelegenheit des Ursprungslandes, und ein Land könne die Gefahren auch nicht im Alleingang bekämpfen. Es entstehe eine "Weltinnenpolitik";

- es sei genau der Fortschritt der Wissenschaften, welcher die Rolle der Experten untergräbt. Die Wissenschaften und ihre Technologien der Visualisierung haben fundamental das Prinzip: "Ich sehe kein Risiko, also existiert kein Risiko" in Frage gestellt. Mehr Wissenschaft verkleinert nicht notwendigerweise das Risiko, sondern schärft das Risikobewußtsein;

- Angst bestimme das Lebensgefühl. Der Wert der Sicherheit verdränge den Wert der Gleichheit. Es komme zu Gesetzesverschärfungen, zu einem scheinbar vernünftigen "Totalitarismus der Gefahrenabwehr";

- die "Angstwirtschaft" werde sich an dem allgemeinen Nervenzusammenbruch bereichern. Der mißtrauische und beargwöhnte Bürger wird dankbar sein müssen, daß er zu "seiner Sicherheit" gescannt, abgelichtet, durchsucht und ausgefragt wird. Sicherheit wird wie Wasser und Strom zu einem öffentlich organisierten Verbrauchsgut.

Viele dieser Strukturmerkmale der Risikogesellschaft lesen sich heute wie Beschreibungen der Welt nach dem 11. September 2001, nach den Terrorattentaten von New York und Washington. Und doch ist es nötig, drei Dimensionen globaler Gefahren zu unterscheiden: ökologische Krisen, globale Finanzkrisen und terroristische Gefahren.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen ökologischen und ökonomischen Gefahren einerseits, sowie der terroristischen Bedrohung andererseits liegt darin, daß Zufall durch Absicht ersetzt wird. Ökologische Krisen und ökonomische Gefahren globaler Finanzströme zeichnen sich ­ über alle Unterschiede hinweg ­ durch eine Gemeinsamkeit aus: sie müssen in der Dialektik von goods und bads, also als zufallsbedingte Nebenfolgen von Entscheidungen im Moderni-sierungsprozeß begriffen werden; nicht so im Falle von Terror. Damit werden aber die Rationalitätsgrundlagen bisheriger Risikokalkulationen aufgehoben ­ an die Stelle von Zufall tritt Absicht, von Gutwilligkeit Bösartigkeit.

Erst im Rückblick wird klar, daß die Berechenbarkeit von Risiken stillschweigend voraussetzt, daß die mögliche Katastrophe zufällig eintritt und gerade nicht vorsätzlich herbeigeführt wird. Dies läßt sich an einem winzigen, aber hoch symbolischen aktuellen Beispiel nämlich die Flugsicherheit veranschaulichen. Der elektronische Flugfahrscheinautomat, der verwendet wurde für Flüge zwischen Boston ­ New York ­ Washington, fragt den Benutzer ­ mit elektronischer Stimme ­: "Haben Sie Ihre Koffer selbst gepackt" oder "Haben Ihnen irgendwelche Fremden etwas zur Aufbewahrung gegeben?" Und die Antwort, die den Weg freimachte, konnte dadurch gegeben werden, daß man einen bestimmten Punkt auf dem Bildschirm mit dem Finger berührt! Dieser "Sicherheitsautomat" bringt es auf den Punkt: Die westlich-technizistische Sicherheitsphilosophie beruht auf einer Art zivilisatorischen Vertrauens, das die terroristische Gefahr zersetzt.

Ende des "Restrisikos"

Das allerdings bedeutet (langfristig) einen tiefen Einschnitt im Hinblick auf die Beantwortung der Frage, wie neue Technologien öffentlich legitimiert werden. Es dürfte in Zukunft kaum mehr genügen, wenn die Verantwortlichen einer gutgemeinten Forschung und technologischen Entwicklung der Öffentlichkeit den gesellschaftlichen Nutzen und das geringe "Restrisiko" ihres Unternehmens beteuern. Vielmehr müßte die Riskanz einer Generation neuer Technologien und wissenschaftlicher Entwicklungen künftig auch die denkbaren böswilligen Anwendungen enthalten.

Die Gefahr terroristischer Aktivitäten wächst mit einer Reihe von Bedingungen: mit der Verwundbarkeit unserer Zivilisation, mit der globalen massenmedialen Präsenz der terroristischen Gefahr; mit der Bereitschaft der Täter, sich selbst auszulöschen. Zugleich vervielfältigen sich terroristische Gefahren allerdings auch exponential mit dem technischen Fortschritt selbst. Mit den Zukunftstechnologien ­ der Genetik, der Nanotechnologie und der Robotik ­ öffnen wir "eine neue Büchse der Pandora". Was die Legitimation der Zukunftstechnologien betrifft, wird es entscheidend darauf ankommen, wann und in welchem Ausmaß die Legitimation von Zufall auf Absicht, von Nebenfolgen-Gefahren auf terroristische Gefahren umgestellt wird.

Das Attentat vom 11. September hat die Verletzlichkeit der entfalteten Zivilisation ins allgemeine Bewußtsein gerückt. Genau genommen heißt das: Gegen Zufallsunfälle sind wir ­ mehr oder weniger ­ versichert. Völlig schutzlos sind wir dagegen beabsichtigten Terrorattentaten ausgesetzt. Die Risikoanalyse wird sich in Zukunft auch der böswilligen Auslösung von Katastrophen stellen müssen ­ unter Einsatz präzise jenes Wissens, das zur Abwehr zufälliger Katastrophen entwickelt wurde.

Die Risikoforschung gerät damit selbst in das Dilemma: einerseits muß sie der Tat vorwegeilen und das Undenkbare denken; andererseits eröffnet sie gerade in dieser guten Aufklärungsabsicht vielleicht die Büchse der Pandora, weist möglichen Attentätern neue Wege. Die Riskanz der Risikoanalyse selbst liegt also darin, daß das Denken bislang undenkbarer Gefahren zur ungewollten Geburtshilfe derselben werden kann. Eine Welt aber, in der in präventiver Absicht die zivilisatorische Gefahrenphantasie von der Leine der Zufallsunfälle losgebunden und auf das gezielte Auslösen von Katastrophen gehetzt wird, droht die Grundlagen der Freiheit und der Demokratie aufzuheben.

* Siehe dazu Gregory Benford, Deep Time ­ How Humanity Communicates Across Millenia, Avon 1999 sowie Frank Schirrmacher, Zehntausend Jahre Einsamkeit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 209 vom 8. September 2000, S. 49, dem ich dieses Beispiel verdanke.

Vom Autor ist aktuell ein Buch zum Thema erschienen: Das Schweigen der Wörter ­ Über Terror und Krieg, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2002.


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