Anatomie öffentlicher Skandale
Hans Mathias Kepplinger, Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der
Wahrheit, Olzog Verlag, München 2001, 176 Seiten, 18,50 Euro.
Wer die bisherigen Schriften des Mainzer Publizistikwissenschaftlers Hans
Mathias Kepplinger kennt, wird überrascht sein. Keine Tabelle, keine Grafik,
keine Beta-Gewichte aus Regressionsgleichungen unterlegen und begründen die
Aussagen. Kepplinger seziert die Anatomie von öffentlichen Skandalen und die
Rolle der Medien ganz überwiegend an Einzelfällen: Störfälle bei Hoechst,
verstrahlte Molke, Brent Spar, Parteispenden, Rücktritte von Möllemann,
Seiters, Späth und einige mehr. Dennoch lebt dieser Band nicht vom puren
Kasuismus, und er gehört auch nicht zur bekannten Kampagnen-Literatur, die
sich die Einzelbeispiele für vorher feststehende Hypothesen selektiv
zusammenklaubt. Die systematische und intersubjektive Empirie findet hier
nur in anderer Art Anwendung, als es in sozialwissenschaftlichen Studien
üblich ist. Sie spielt im Hintergrund als Erklärung für das, was in der
politischen, wirtschaftlichen und vor allem medialen Wirklichkeit vor sich
geht.
Die Kernthesen des Bandes sind die folgenden: 1. Intensität und Ausgang von
Skandalen müssen nichts mit der Wirklichkeit, zum Beispiel der Schwere eines
tatsächlichen Vergehens zu tun haben. 2. Diejenigen, die in
Skandal-Situationen agieren, vor allem die Journalisten, unterliegen dem
Irrtum, zu unabhängigen Urteilen über die betreffenden Sachverhalte gekommen
zu sein. 3. Bei Skandalen werden die in anderen Systemen (Recht,
Wissenschaft) üblichen Verfahrensregeln der Wahrheitsfindung außer Kraft
gesetzt oder gar in ihr Gegenteil verkehrt. 4. Die funktionalistische
Skandaltheorie, die an eine reinigende Wirkung von solchen Prangern glaubt,
ist vermutlich falsch.
Relevante und brisante Analyse
Den für das Verständnis der politischen Kommunikation zentralen Punkt
stellen die Analysen über die Urteilsprozesse von Journalisten und anderen
Akteuren dar ("sich selbst bestärkende Glaubensgemeinschaften"). Hier
argumentiert Kepplinger vor allem mit sozialpsychologischen Ansätzen von
Sherif, Ash und Heider. Gruppendynamische Prozesse reichen aber zur
Erklärung nicht aus. Warum akzeptierten die Medien Möllemanns Rechtfertigung
nicht, er habe mit dem Schreiben auf ministerialem Briefbogen einem
Verwandten helfen wollen? Und warum akzeptierten sie Joschka Fischers
Rechtfertigung, auf Polizisten einzuprügeln sei eben "generationstypisch"
gewesen? Hier kommen zu den allgemeinen auch spezielle Randbedingungen, und
zwar vor allem die eigene politische Sozialisation der Journalisten. Damit
sorgt der Band neben der sozialwissenschaftlichen Analyse nebenbei auch für
viel Relevanz und noch mehr Brisanz.
Univ.-Professor Dr. Wolfgang Donsbach, Technische Universität Dresden
Verschweigestrategien
Bernd Rüthers, Geschönte Geschichten - Geschonte Biographien.
Sozialisationskohorten in Wendeliteraturen. Ein Essay, Mohr Siebeck,
Tübingen 2001, 169 Seiten, 24,- Euro.
Wenn der Autor des hier anzuzeigenden Bandes "kaum ein Anwachsen der Zahl
seiner Freunde erwarte(t)", dann darf man auf Brisanz seines Inhalts hoffen.
Das neue Buch von Bernd Rüthers, Professor für Zivilrecht und Rechtstheorie
an der Universität Konstanz, wird den Erwartungen gerecht. Sein Thema ist
Reaktion des juristischen Schrifttums auf historische Epochenbrüche, die im
Deutschland des 20. Jahrhunderts viermal stattfanden: 1918/1919, 1933,
1945-49, 1989/90. Wie verarbeiteten die juristische Literatur produzierenden
Rechtslehrer die politische und gesellschaftliche Umwälzung? Wie kamen die
Autoren damit zurecht, daß die neue Ordnung die Kontinuität zu allem brach,
das sie zuvor ex cathedra verkündet hatten?
Anstoß erregende Fragestellung
Der Autor ist sich bewußt, daß er mit seiner Fragestellung bei seinen
Fachkollegen Anstoß erregt. Denn zu den interessantesten Passagen seines
Buches gehören die detaillierten Nachweise über die Verschweigestrategien
prominenter Rechtslehrer des 1000jährigen Reiches, die nach kurzer Auszeit
ihre Lehrstühle wieder besetzten. Das Verschweigen wurde ihren Schülern
vererbt, die aus Sympathie und Respekt vor der wissenschaftlichen Leistung
ihrer Lehrer deren Involvierung in die NS-Diktatur mit einem Tabu belegen
oder sie zu marginalisieren versuchten. Die Wendeliteratur von 1945-1949 ist
glücklicherweise nicht das einzige Thema des Buches. Rüthers thematisiert
ebenso die juristischen Autoren der Weimarer Republik, die in der Zeit vor
1918 sozialisiert wurden und der neuen Verfassung distanziert gegenüber
standen. Auch sie trugen so ihr Scherflein zum Scheitern der ersten
deutschen Demokratie bei. Und er beschäftigt sich ebenso mit den Autoren der
juristischen Literatur der DDR, die nach 1990 Mühe haben, die Implosion
ihres Systems zu begreifen und sie Fehlern der politischen Führung
anzulasten, aber auch der Sowjetunion Schuld für den Einsturz der DDR in die
Schuhe schieben.
Natürlich setzt sich der Autor auch mit der Frage auseinander, ob der
Vergleich mit den juristischen Reaktionen auf die politischen Umtriebe
überhaupt sinnvoll und berechtigt sei. Seine Antwort auf diese Frage ist
eine der stärksten Passagen des Buches. Sie wird deshalb im Wortlaut
zitiert: "Jedes Urteil, ein Gegenstand, ein Vorgang oder ein ganzes
politisches System sei mit einem anderen unvergleichbar, kann nach den
Gesetzen der Logik nur das Ergebnis eines Vergleiches sein. Das angeblich
Unvergleichbare ist immer von dem, der den Vergleich ablehnt, schon
verglichen worden. Er fordert dazu auf, sein Vergleichsergebnis ungeprüft zu
übernehmen. Mit anderen Worten: Vergleichsverbote sind Denkverbote. Ferner
ist zu bedenken: Der Vergleich wahrnehmbarer Realitäten ist eines der
wichtigsten Mittel menschlicher Erkenntnismöglichkeiten. Deshalb bedeutet
jedes Vergleichsverbot nicht nur eine willkürliche Beschränkung der Denk-
und der Meinungsfreiheit, sondern über das implizite Denkverbot hinaus den
Versuch eines Erkenntnisverbotes."
Bernd Rüthers hat ein Buch über Wendeliteraturen veröffentlicht, das sich
mit den anthropologischen Grundbefindlichkeiten beschäftigt: Menschen in
Wendezeiten haben Furcht vor Isolation, vor dem Abbruch ihrer Karriere. Mit
dem Verschweigen der eigenen Vergangenheit und/oder durch hymnisches Lob der
neuen Ordnung wollen sie Anschluß finden an die neue Zeit. Der Autor hat
Aufklärung geleistet, die Augen unvoreingenommener Leser für die
Versuchungen des Totalitarismus geöffnet.
Univ.-Professor Dr. Wolfgang Bergsdorf,
Präsident der Universität Erfurt
Bücher über Wissenschaft
Jürgen Baumert u.a. (Hg.), PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und
Schülern im internationalen Vergleich, Verlag Leske + Budrich, Leverkusen
2001, 548 Seiten, 25,50 Euro.
Maria Engels, Die Steuerung von Universitäten in staatlicher Trägerschaft.
Eine organisationstheoretische Analyse, Deutscher Universitäts-Verlag,
Wiesbaden 2001, 462 Seiten, 64,- Euro.
Frank-Rutger Hausmann, "Auch im Krieg schweigen die Musen nicht." Die
Deutschen Wissenschaftlichen Institute im Zweiten Weltkrieg. Eine
Veröffentlichung des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Vandenhoeck &
Ruprecht, Göttingen 2001, 400 Seiten, 42,- Euro.
Matthies / Kuhlmann / Oppen / Simon, Karrieren und Barrieren im
Wissenschaftsbetrieb. Geschlechterdifferente Teilhabechancen in
außeruniversitären Forschungseinrichtungen, edition sigma, Berlin 2001, 233
Seiten, 16,90 Euro.
Jan-Hendrik Olbertz / Peer Pasternack / Reinhard Kreckel (Hg.), Qualität -
Schlüsselfrage von Hochschulreformen, Beltz Verlag, Weinheim /Basel 2001,
341 Seiten, 34,- Euro.
Hans-Jürgen Puhle / Hans N. Weiler (Hg.), Career Centers. Eine
hochschulpolitische Herausforderung, edition Körber Stiftung, Hamburg 2001,
170 Seiten.
Georg Rothe, Die Systeme beruflicher Qualifizierung Deutschlands,
Österreichs und der Schweiz im Vergleich. Kompendium zur Aus- und
Weiterbildung unter Einschluß der Problematik Lebensbegleitenden Lernens,
Verlagsgesellschaft öbv + hpt Wien, DBK Luzern, Neckar-Verlag
Villingen-Schwenningen, 2001, 888 Seiten, 34,80 Euro.
Nicholas Wade, Das Genom-Projekt und die Neue Medizin, Siedler Verlag,
Berlin 2001, 224 Seiten, 18,41 Euro.
© Forschung & Lehre 2002