Felix Grigat, M.A., verantwortl. Redakteur von Forschung & Lehre

"Verstehst Du auch, was Du liesest?"

Über Lesen und Schreiben, Sinn und Unsinn der PISA-Diskussion

Wie eine Neuigkeit aus Übersee sind die Ergebnisse der PISA-Studie in den Alltag der deutschen Bildungspolitik hereingeplatzt. Als "heilsamer Schock" wurden sie bezeichnet, mit Reformkonzepten sofort reagiert. Sind die Erkenntnisse aber so überraschend? Sind die Reformvorschläge tragfähig?

Auf frischer Tat ertappt

Es gibt Dinge, die man dreißig Jahre weiß, und im einundreißigsten fällt man in Panik, so schwer und furchtbar ist ihr Inhalt. Zuletzt war dies zu beobachten nach der Veröffentlichung der PISA-Studie: Der Bundespräsident vorneweg, Minister, Lehrer, Eltern, Journalisten, alles rennet, rettet und flüchtet inmitten der durch PISA ausgelösten rerum concordia discors, alle werfen Konzepte an den Bildungshimmel und versprechen in überwältigender Eintracht: "Es wird etwas geschehen, es muß etwas geschehen!" Derweil verbergen sich die leseschwachen deutschen Schüler wie auf frischer Tat ertappte Konfirmanden scheu und orientierungslos in dunklen Ecken. Dabei soll ihnen doch Gutes widerfahren! Mit einem herzerfrischenden "Ja!" sollen sie die einst an den Kämmerer aus dem Mohrenland gerichtete Frage: "Verstehst Du auch, was Du liesest?" beantworten können und fröhlich ihre Straße weiterziehen.

Damit es dazu kommt, gibt es logisch und grundsätzlich zwei Wege: die Verständnisfähigkeit der Schüler anzuheben oder das Niveau der Texte zu senken. Zu Recht hat man sich für die erste Lösung entschieden, wobei Politiker, Verwaltung, Kultusminister und Journalisten zugleich hart an Lösung zwei arbeiten. Mehr Leistung, mehr Wettbewerb, Ganztagsschulen und ein strafferes Regiment werden gefordert, eine "grundlegende Bildungsreform", gleichsam "die Mutter aller Reformen", steht an ­ wieder einmal. Glücklicherweise gehört zu den vielen wunderbaren Gaben des Menschen auch die Kraft zum Überleben von Bildungsreformen. Das sollte hoffnungsfroh stimmen. Getrübt wird die Freude allerdings dadurch, daß mit konsequenter Langeweile und dabei eifriger als nötig bildungspolitische Einigkeit auf einer Ebene demonstriert wird, auf welcher die Probleme gar nicht aufzufinden sind. Im Reflex greift man sogleich zu den Rettern, die das Elend doch erst hervorgebracht haben: Realismus und Pragmatismus. Darüber hinaus war es ideologische Bildungspolitik, die über dreißig Jahre lang hartnäckig daran gewirkt hat, dieses fatale Ergebnis zu produzieren ­ und jetzt macht sich der durch schlagende Empirie vermeintlich mündig gewordene Bock wieder zum Gärtner! Man hat es doch schon lange vor PISA gewußt! In seiner Eröffnungsrede auf dem Germanistenkongreß 1985 in Göttingen sagte Albrecht Schoene: "Das Otintenklecksende Säkulumı ist vorüber, ein bildschirmbegaffendes zieht herauf. Die Lesekraft schwindet, das Schreibvermögen geht zurück, die Redefähigkeit verkommt."

Bildung als Befreiung

Die Frage nach der Bildung des Menschen wird nicht als das wahrgenommen, was sie ist: eine zutiefst beunruhigende Frage. Eltern, Lehrer, Politiker, alle stehen inmitten der wundervoll ungewissen und vieldeutigen Welt ohne lebendige Neugierde und Lust des Fragens. Man spricht in der trockensten Weise eines Oberamtsrates über Bildung daher, ohne daß man eine Ahnung hat, was Bildung sein könnte. Wenn man doch einmal auf Tabellen verzichten und wieder zur faszinierenden Sache selbst vordringen könnte! Bildung ist kein Kalkül zur Karriereplanung, macht nicht kurzsichtig und blaß. Bildung ist Befreiung, Auf- und Durchatmen, frischer Wind, kurz: Intensivierung des Lebens!

Stattdessen stellt man nur solche Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort zu finden. Wenig populäre, aber spannende Fragen werden gemieden, Gründe und Absichten, die hinter der bildungspolitischen Gewohnheit liegen, werden immer zu ihr erst hinzugedichtet, wenn einige anfangen, die Gewohnheit zu bestreiten und nach Gründen und Absichten zu fragen. Dies ist vielleicht verständlich, aber keinesfalls ehrlich. Kurz: Es wird gelogen in der Bildungspolitik, daß sich die Balken biegen!

Das attraktive Wort "Bildung" möchte man nicht missen, versteht aber darunter keinesfalls mehr das, was den Bildungsbegriff als solchen auszeichnet: Bildung als ein lebenslanger Prozeß des Ergreifens und sich Anverwandelns von Welt, der um seiner selbst und nicht um eines Zweckes willen interessant ist. Legen wir erst einmal eine lange Sprechpause ein, bis wir das begriffen haben! Erst dann sollte man und dringend über Ausbildungsfragen reden. Zu diesem antiutilitaristischen Bildungsbegriff gibt es keine Alternative ­ will man nicht den Menschen als nicht verrechenbares Wesen aufgeben. In diesem Sinne ist die PISA-Studie keine Bildungsstudie. Als ein Äquivalent für Bildung wird der Begriff "Basiskompetenzen" gebraucht, ein Wort, das vielleicht bald jedem Zeitgenossen geläufig, aber keinem Denkenden verständlich sein wird. So wird das englische Wort literacy einmal als (Lese-)kompetenz, ein anderes mal als (mathematische) Grundbildung übersetzt. Hoch zu rühmen ist allerdings, daß nach Jahren der Internet- und Computereuphorie das Lesen in den Brennpunkt des Interesses gerückt ist. Am Rande dämmert es den Klügeren unter den zahlreichen berufenen und unberufenen Analysten, daß damit zugleich Sprache und Kultur gefragt sind. Bildung, Sprache und Kultur gehören unauflöslich zusammen. Das bedeutet zugleich: Das Leseproblem der deutschen Schüler ist eben nicht auf einfachem pragmatischem Wege zu lösen. Mit ein paar Stunden mehr Betreuung ist da nur wenig gedient! Es ist ein Problem der Lesekultur und damit der Bildung und der Kultur überhaupt.

Sophistische Manipulationen

Angesichts des Geredes über Lesekompetenz kann man nur mit einem, der es wissen muß, ausrufen: "Die guten Leutchen haben keine Ahnung, wieviel Zeit und Mühe es kostet, lesen zu lernen und mit Verstand zu lesen; ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht." (Goethe). Der noch nicht ganz abgestumpfte Zeitgenosse kann erahnen, daß die unverbrauchten, frischen, leichtfüßigen und klaren Sätze der klassischen Autoren hart erkämpft wurden. Die Lektüre gegenwärtiger Erzeugnisse, von Ausnahmen abgesehen, erweckt dagegen meist den Eindruck, an einem Kuhhorn zu nagen. Das ist gemäß alter indischer Weisheit bekanntlich unnütz und verkürzt das Leben: man reibt die Zähne ab und erhält doch keinen Saft. Zur Erinnerung: Reden und schreiben sollen dazu dienen, daß Menschen miteinander frei kommunizieren, in bezug auf die wahre Realität der Welt und ihrer selbst (J. Pieper). Davon lebt das politische Gemeinwesen insgesamt. Wird die Sprache nicht gepflegt und zugleich mißbraucht, geht das Gemeinwesen zugrunde. Der sophistische, manipulative Gebrauch der Sprache in Werbung, Politik und Presse ist zu einer erstrangigen Machtfrage geworden. Die Menschen sollen dorthin gezogen und manipuliert werden, wohin sie nicht wollten, könnten sie noch klar denken. Wird mit Worten und Sätzen immer ausschließlicher etwas bezweckt, will ich meinem Gegenüber nur noch etwas schmackhaft machen und verkaufen, versage ich ihm den Bezug auf die Wahrheit und mißbrauche die Sprache. Wie sollen sich die Familien und die Schulen diesem Sophistenwesen entziehen? Was bedeutet hier Lesekompetenz? Hängt das nicht wesentlich damit zusammen, was gelesen wird und ist die Auswahl der Autoren nicht eine Kulturfrage ersten Ranges?

Wie aber soll gelesen werden und was sollen die Lehrer tun? Sie sollen ihre Schüler auf unendlich viele sprachliche Marotten, Schludrigkeiten, Fehler, Blähungen, Anglizismen, Jargon und Manipulationen aufmerksam machen. Ihnen sollte, wie es Karl Kraus formulierte, auch dreißig Jahre nach ihrem Tode mehr gelegen sein an einem Komma, das an seinem Platz steht, als an der Verbreitung des ganzen übrigen Textes. Zugleich sollten sie ihnen an Vorbildern zeigen, wie man klare Sätze mit sich richtig fügenden Worten schreibt. Es geht um das Grundgeschäft der Erziehung, ums Elementarpraktische also, um die Erziehung der Schüler zur Sprachgenauigkeit. Was wäre damit nicht alles gewonnen! Man stelle sich für einen Moment solchermaßen erzogene Absolventen in den Medien, der Politik, der Verwaltung, gar der Kultusministerkonferenz vor! Fast ist man versucht, an eine Wiedergeburt der Kultur zu glauben! Kultur braucht Muße, sowie Schule ja vom Wort her Muße bedeutet. Bildungsprozesse brauchen Zeit. Zum Verhältnis von Aufwand und Ertrag schrieb Jacob Burckhardt einem Studenten: "Es verstehe sich ganz von selbst, daß nur der 100ste Theil des Inhalts (ihrer Lektüre) für sie Werth haben wird, aber eben die Arbeit, welche in dem Ausscheiden dieses Hundertstels besteht, ist das Bildende." Wir sollten uns nichts vormachen: Ohne die alten Sprachen und die dort aufbewahrte Tradition geht dies nicht. Das Konstruieren im Lateinischen hilft zur Sorgfalt und Behutsamkeit. Respekt auch vor der eigenen Sprache, in der man schreibt, ist nicht die geringste Folge. Es muß ja nicht heißen: "In schola nil nisi latine", aber ganz ohne Latein ist man mit seinem Latein schnell am Ende.

Experiment Schreiben

Lesen und Schreiben sind zwei Seiten einer Münze ­ daran muß bei der PISA-Diskussion dringend erinnert werden. Die Lektüre klassischer Schriftsteller (die Zeit ist zu kostbar, um sie mit dem Lesen anderer zu vergeuden) wurde aus gutem pädagogischen Grund stets verbunden mit dem Üben des eigenen Formulierens in Wort und Schrift. So wußte bereits Melanchthon, wenn man sich nicht zusätzlich ans Schreiben und Reden gewöhne, durchschaue man weder klar genug die Aussagen und sprachlichen Qualitäten der Texte, noch gewinne man für eigene Urteile und Erläuterungen eine genaue Richtschnur. "Zur Förderung der eigenen Sprach- und Denkfähigkeiten ist deshalb nichts so notwendig wie die Betätigung des Schreibstifts." Ist es nicht auch eine heute gültige Erfahrung, daß die geistigen Kräfte durch die "ständige Mühe des Nachdenkens und des Formulierens" geweckt und gebildet werden? Es ist die anhaltende Übung, durch die nach dem Wissen der Alten erst die Kunstfertigkeit im Denken, Reden und Schreiben erlangt wird. Man muß Lesen und Schreiben trainieren! Melanchthons Klagen über die Schüler seiner Zeit erscheinen heute frisch wie damals:

"Aber wieviele von unseren Jugendlichen machen sich selbst nach langen zehn Jahren daran, auch nur einen kleinen Vers zu schreiben? Die meisten halten es für einen Abkürzungsweg zur Bildung, wenn sie möglichst viel hören oder lesen. Deshalb laufen sie ganze Tage hinauf und hinunter, quälen sich durch alle Schulen hindurch, hören sich durcheinander alle möglichen Lehrer an und bewundern die, die sie nicht verstehen, notieren, was sie ihnen vorsagen, schreiben die Überschriften kurzer Inhaltsangaben mit besonders großen Buchstaben und verzieren sie mit Zinnober. In besonderem Ansehen stehen bei ihnen die Ausleger, die möglichst viel Zeit mit Diktieren vertun, und keiner gibt auch nur ein paar Pfennige für einen Lehrer aus, der von dieser Gewohnheit auch nur einen Fingerbreit abweicht. Andere wiederum gehen nie einen Schritt aus dem Haus, verschreiben sich ihren Büchern wie eine Mühle, wälzen Unmengen Papier hin und her und schätzen sich glücklich, wenn sie täglich zahlreiche Seiten durchlesen. Kommen einem nicht beide Gruppen recht elend vor, die soviel Mühe aufwenden, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und dabei doch nur das Denken verlernen?"

Wer sich durch übermäßiges Zuhören oder Lesen belastet, so Melanchthon, stumpft seine vielleicht vorhandene Gedankenschärfe ab. Es sei ein Zeichen fehlender Urteilskraft, wenn jemand "alles mögliche minderwertige Zeug" begierig anhört oder liest, aus Angst, zu wenig Stoff zu durchstreifen. "Wird der Geist nicht durch den Schreibstift angeregt, dann erschlafft er." Dagegen sei es vor allem wichtig, wenige aber hervorragende Schriftsteller und diese gründlich zu kennen.

Internationale Provinz

Vieles in der mit globaler Couleur versehenen PISA-Diskussion ist, weil zu sehr zeitgemäß, im Kern provinziell, aber auf eine neue Art. Bei aller Berechtigung der Studie und vieler beherzigenswerter Reformvorschläge: Wird hier nicht immer wieder Weisheit mit Wissen und Wissen mit Informiertheit verwechselt? Versucht man nicht wieder einmal Lebensfragen, zu denen zentral die Bildungsfrage gehört, mit den Mitteln einer technisch-mechanischen Begriffswelt zu lösen? Diese Provinzialität ist nicht eine "des Raumes, sondern der Zeit; eine Provinzlerhaftigkeit, für die die Geschichte nichts weiter ist als eine Chronik menschlicher Planungen, die der Reihe nach ihre Schuldigkeit getan haben und dann zum alten Eisen geworfen worden sind". (T.S. Eliot)


© Forschung & Lehre 2002