Ortwin Renn, Dr. rer. pol., Univ.-Professor, Umwelt- und Techniksoziologie,
Universität Stuttgart, Sprecher des Vorstands der Akademie für
Technikfolgenabschätzung, Baden-Württemberg
Zwischen Über- und Unterschätzung
Die Wahrnehmung technischer Risiken
Je weniger konkret die Situation für den Betroffenen ist, umso größer ist
die Angst, die sie auslöst. Dies gilt als Gemeinplatz in der
Risikoforschung. Worin liegen die Gründe für diese subjektive
Risikowahrnehmung? Wie können wir mit solchen Ängsten umgehen?
Was treibt Reinhold Messner, zu Fuß den höchsten Berg ohne Atemgerät zu
erklimmen? Was treibt Menschen dazu, in Glücksspielen Haus und Hof zu
verspielen? Warum steigen Menschen lieber in ein Auto als in ein Flugzeug,
obwohl das Unfallrisiko im Auto wesentlich größer ist? Warum lehnen viele
die Kernenergie ab, obwohl Experten einen Unfall als extrem unwahrscheinlich
ansehen? Auf all diese Fragen gibt es keine einfache Antwort. Denn es ist
nicht nur das Risiko, verstanden als Ausmaß und Wahrscheinlichkeit von
negativen Folgen, die Menschen dazu antreibt, bestimmte Aktivitäten und
Technologien als tolerabel oder sogar erstrebenswert anzusehen, sondern auch
die Begleitumstände und das Verständnis der Natur von Risiken bestimmen die
Reaktion der Menschen auf die sie umgebenden Risiken.
In den folgenden Ausführungen geht es nicht um die Frage nach den objektiven
oder statistischen Verlusterwartungen auf der Basis der
Wahrscheinlichkeitsrechnung, sondern um die Frage nach der Wahrnehmung der
Risiken in der Bevölkerung. Wahrnehmungen sind eine Realität eigener Natur:
So wie in Zeichentrickfilmen die gemalten Figuren erst dann in den Abgrund
stürzen, wenn sie mitten in der Luft stehend plötzlich der Gefahr gewahr
werden, so konstruieren auch Menschen ihre eigene Realität und stufen
Risiken nach ihrer subjektiven Wahrnehmung ein. Diese Form der intuitiven
Risikowahrnehmung basiert auf der Vermittlung von Informationen über die
Gefahrenquelle, den psychischen Verarbeitungsmechanismen von Unsicherheit
und früheren Erfahrungen mit Gefahren. Das Ergebnis dieses mentalen
Prozesses ist das wahrgenommene Risiko, also ein Bündel von Vorstellungen,
die sich Menschen aufgrund der Ihnen verfügbaren Informationen und des
gesunden Menschenverstandes über Gefahrenquellen machen.
Das Augenmerk dieses Artikels liegt also auf der Ebene der konstruierten
Realität, d.h. der Welt der Vorstellungen und Assoziationen, mit deren Hilfe
Menschen ihre Umwelt begreifen und auf deren Basis sie ihre Handlungen
ausführen. Die Tatsache, daß soziales Handeln nicht durch objektive
Gegebenheiten sondern durch die subjektive Wahrnehmung dieser Gegebenheiten
motiviert wird, macht die Bedeutung der Wahrnehmungsforschung aus. Wenn wir
menschliches Handeln, sei es Apathie, Protest oder Loyalität, verstehen und
erklären wollen, bleibt es uns nicht erspart, uns mit der Innenwelt
menschlicher Urteilsbildung zu beschäftigen. Wie kommen Menschen zu Urteilen
über technische Gefahrenquellen und nach welchen Regeln bewerten sie deren
Akzep-tabilität?
Semantische Risikomuster
Die Forschung der Risikowahrnehmung hat eine Reihe von Vorstellungsmustern
identifizieren können, die in der Bevölkerung zur Wahrnehmung und Bewertung
von Risiken benutzt werden. Im Folgenden sind die Vorstellungsmuster
aufgeführt, die den Bedeutungsumfang von Risiko im Bereich menschlich
erzeugter Umweltrisiken und von Naturgefahren prägen:
- Risiko als Bedrohung: Die Vorstellung, das Ereignis könne zu jedem
beliebigen Zeitpunkt die betroffene Bevölkerung treffen, erzeugt das Gefühl
von Bedrohtheit und Machtlosigkeit. Das Ausmaß des wahrgenommenen Risikos
ist hier eine Funktion von drei Faktoren: der Zufälligkeit des Ereignisses,
des erwarteten maximalen Schadensausmaßes und der Zeitspanne zur
Schadensabwehr.
- Risiko als Schicksalsschlag: Natürliche Katastrophen werden meist als
unabwendbare Ereignisse angesehen, die zwar verheerende Auswirkungen nach
sich ziehen, die aber als "Launen der Natur" oder als "Ratschluß Gottes" (in
vielen Fällen auch als mythologische Strafe Gottes für kollektiv sündiges
Verhalten) angesehen werden und damit dem menschlichen Zugriff entzogen
sind.
- Risiko als Herausforderung der eigenen Kräfte: In diesem Risikoverständnis
gehen Menschen Risiken ein, um ihre eigenen Kräfte herauszufordern und den
Triumph eines gewonnenen Kampfes gegen Naturkräfte oder andere
Risikofaktoren auszukosten. Sich über Natur oder Mitkonkurrenten
hinwegzusetzen und durch eigenes Verhalten selbst geschaffene Gefahrenlagen
zu meistern, ist der wesentliche Ansporn zum Mitmachen.
- Risiko als Glücksspiel: Wird das Zufallsprinzip als Bestandteil des
Risikos anerkannt, dann ist die Wahrnehmung von stochastischer Verteilung
von Auszahlungen dem technisch-wissenschaftlichen Risikokonzept am nächsten.
Nur wird dieses Konzept bei der Wahrnehmung und Bewertung technischer
Risiken so gut wie nie angewandt.
- Risiko als Frühindikator für Gefahren: Nach diesem Risikoverständnis
helfen wissenschaftliche Studien schleichende Gefahren frühzeitig zu
entdecken und Kausalbeziehungen zwischen Aktivitäten bzw. Ereignissen und
deren latente Wirkungen aufzudecken. Beispiele für diese Verwendung des
Risikobegriffs findet man bei der kognitiven Bewältigung von geringen
Strahlendosen, Lebensmittelzusätzen, chemische Pflanzenschutzmittel oder
genetische Manipulationen von Pflanzen und Tieren.
Experten setzen Risiko meist mit durchschnittlicher Verlusterwartung pro
Zeiteinheit gleich. Laien nehmen dagegen Risiken als ein komplexes,
mehrdimensionales Phänomen wahr, bei dem subjektive Verlusterwartungen
(geschweige denn die statistisch gemessene Verlusterwartung) nur eine
untergeordnete Rolle spielen, während der Kontext der riskanten Situation,
der in den unterschiedlichen semantischen Bedeutungen des Risikobegriffs zum
Tragen kommt, maßgeblich die Höhe des wahrgenommenen Risikos beeinflußt.
Muster der Risikowahrnehmung
Unterschiede zwischen wahrgenommenen und statistisch berechneten
Verlusterwartungen sind bei den meisten Risikoquel-len nicht dramatisch, sie
weisen aber eine Reihe von systematischen Eigenschaften auf, durch die
auftretende Diskrepanzen erklärt werden können. Darunter fallen:
- Je einfacher und schneller Risiken mental verfügbar sind, je stärker sie
also im Gedächtnis abgespeichert sind, desto eher wird ihre
Wahrscheinlichkeit überschätzt. Kennt man zum Beispiel jemanden, der durch
Blitzschlag ums Leben gekommen ist, dann neigt diese Person dazu, das Risiko
des Blitzschlages als besonders groß anzusehen.
- Je mehr Risiken Assoziationen mit bereits bekannten Ereignissen wecken,
desto eher wird ihre Wahrscheinlichkeit überschätzt. So werden
beispielsweise bei der Nennung des Begriffes "Verbrennung" im Rahmen von
Abfallentsor-gungsanlagen sofort Assoziationen von gefährlichen Chemikalien,
vor allem Dioxine und Furane, hervorgerufen, selbst wenn diese mit den zur
Diskussion stehenden Anlagen gar nicht in die Umwelt entlassen werden
können.
- Je kontinuierlicher und gleichförmiger Verluste bei Risikoquellen
auftreten und je eher katastrophale Auswirkungen ausgeschlossen sind, desto
eher wird das Ausmaß der durchschnittlichen Verluste unterschätzt. Unfälle
im Straßenverkehr werden zwar nicht als akzeptabel eingestuft, aber doch
weitgehend passiv hingenommen. Menschen sind nicht indifferent gegenüber
der Verteilung von Risiken über Zeit: sie bevorzugen gleichmäßige
Verlustverteilungen gegenüber singulären Katastrophen.
- Je mehr Unsicherheit über die Verlusterwartung besteht, desto eher erfolgt
eine Abschätzung der durchschnittlichen Verluste in der Nähe des Medians
aller bekannten Verlusterwartungen. Demgemäß kommt es oft zu einer
Überschätzung von Verlusterwartungen bei objektiv geringfügigen Risiken und
zu einer Unterschätzung der Risiken bei objektiv hohen Risiken.
Die Überschätzung oder Unterschätzung von Verlusterwartungen ist aber nicht
das wesentliche Kriterium in der Wahrnehmung von Risiken. Die
Kontextabhängigkeit der Risikobewertung ist der entscheidende Faktor. Diese
Abhängigkeit von den Begleitumständen ist nicht willkürlich, sondern folgt
gewissen Gesetzmäßigkeiten. Diese lassen sich durch gezielte psychologische
Untersuchungen aufdecken.
Die Forschung hat inzwischen ellenlange Listen von Begleitumständen, den
sogenannten "qualitativen Faktoren", aufgestellt. In der Regel werden diese
Listen mit Hilfe der Faktorenanalyse auf wenige bedeutsame Mischfaktoren
reduziert. Untersuchungen in den USA, in Großbritannien, in den
Niederlanden, in Österreich und in der Bundesrepublik Deutschland haben
folgende Faktoren als relevant identifizieren können:
- Gewöhnung an die Risikoquelle,
- Freiwilligkeit der Risikoübernahme,
- Persönliche Kontrollmöglichkeit des Riskantheitsgrades,
- Katastrophenfähigkeit der Risikoquelle
- Sicherheit fataler Folgen bei Gefahreneintritt,
- Unerwünschte Folgen für kommende Generationen,
- Sinnliche Wahrnehmbarkeit von Gefahren,
- Eindruck einer gerechten Verteilung von Nutzen und Risiko,
- Eindruck der Reversibilität der Risikofolgen,
- Kongruenz zwischen Nutznießer und Risikoträger,
- Vertrauen in die öffentliche Kontrolle und Beherrschung von Risiken.
- Erfahrungen (kollektiv wie individuell) mit Technik und Natur
- Vertrauenswürdigkeit der Informationsquellen
- Eindeutigkeit der Informationen über Gefahren
Die Bedeutung dieser qualitativen Merkmale zur Beurteilung von Risiken
bietet eine naheliegende Erklärung für die Tatsache, daß ausgerechnet die
Risikoquellen, die bei der technischen Risikoanalyse als besonders risikoarm
abschneiden, bei der Bevölkerung den größten Widerstand auslösen.
Rückschlüsse für Risikopolitik
Welchen Nutzen können Wissenschaft und Politik von der Erforschung der
Risikowahrnehmung ziehen? Was läßt sich normativ aus den Studien über die
intuitive Risikowahrnehmung für risiko- und technologiepolitische
Entscheidungen ableiten?
- Naturwissenschaftliche Risikoanalysen sind hilfreiche und notwendige
Instrumente einer pragmatischen Technologie- und Risikopolitik. Nur mit
ihrer Hilfe lassen sich relative Risiken miteinander vergleichen und
Optionen mit dem geringsten Erwartungswert von Schaden auswählen. Sie können
und dürfen jedoch nicht als alleinige Richtschnur für staatliches Handeln
dienen.
- Kontext und Begleitumstände sind wesentliche Merkmale der
Risikowahrnehmung. Diese Wahrnehmungsmuster sind keine beliebig individuell
zusammengeschusterte Vorstellungen, sondern in der kulturellen Evolution
entstandene und im Alltag bewährte Konzepte, die in vielen Fällen wie eine
universelle Reaktion von Menschen auf die Wahrnehmung von Gefahren das
eigene Verhalten steuern. Ihr universeller Charakter über alle Kulturen
hinweg ermöglicht eine gemeinsame Orientierung gegenüber Risiken und schafft
eine Basis für Kommunikation.
- Unter rationalen Gesichtspunkten erscheint es durchaus erstrebenswert, die
verschiedenen Dimensionen des intuitiven Risikoverständ-nisses systematisch
zu erfassen und auf diesen Dimensionen die jeweils empirisch gegebenen
Ausprägungen zu messen. Forschungsinstrumente messen. Dahinter steht also
die Auffassung, daß die Dimensionen (Concerns) der intuitiven
Risikowahrnehmung legitime Elemente einer rationalen Politik sein müssen,
die Abschätzung der unterschiedlichen Risikoquellen auf jeder Dimension aber
nach rational-wissenschaftlicher Vorgehensweise erfolgen muß.
Entscheidungen über die Zumutbarkeit von Risiken beruhen letztendlich immer
auf einer subjektiven Abwägung von Folge- und Orien-tierungswissen. Das
richtige Gleichgewicht zwischen beiden zu finden, ist die vorrangige Aufgabe
der Risikopolitik. Dazu können die Studien zur Risikowahrnehmung einen
wichtigen Beitrag leisten.
Die ausführliche Fassung dieses Beitrages mit Literaturangaben kann bei der
Redaktion angefordert werden.
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