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REZENSION

Brüche und Kontinuitäten

Rüdiger vom Bruch / Brigitte Kaderas (Hg.), Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten in Deutschland des 20. Jahrhunderts, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2002, 476 Seiten, 96,- Euro.

Die Geschichte der Wissenschaften im Nationalsozialismus wird häufig isoliert geschrieben, eingeengt auf die Jahre 1933 bis 1945. Doch lassen sich über die politischen Systembrüche von 1918, 1933 und 1945 hinaus tiefgreifende Kontinuitäten in Denkstil, Fragestellung und Habitus vieler Wissenschaftler beobachten. Im Berliner Harnack-Haus bereiteten Wissenschaftshistoriker deshalb ein neues DFG-Schwerpunktprogramm so vor, daß sie neben "Umbrüchen und Neuorientierungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts" auch Kontinuitäten zwischen "Nationalsozialismus" und "Nachkriegszeit" analysierten. Zunehmend verließen die Wissenschaftler ihre Studierstuben und Laboratorien und verbanden Forschung mit politischen und ökonomischen Interessen. So wurden die Wissenschaften zu einer zentralen ökonomischen Produktivkraft und prägenden gesellschaftlichen Gestaltungsmacht. Das Spektrum der Beiträge reicht von klassischen Geistes- oder Kulturwissenschaften wie der Altertumskunde über die neuen biologistischen Anthropologien, etwa der Rassenkunde und Eugenik, bis hin zu Revolutionen in der Physik. Mehrere Autoren analysieren die staatliche Wissenschaftspolitik und die "Interaktionsmechanismen zwischen Wissenschaften und Wissenschaftspolitik". Auch werden Generationskonflikte, erzwungene Emigration, Entnazifizierung und Methodenfragen der Wissenschafts- und Disziplinengeschichte behandelt. Die Begrüßungsrede von Ernst Ludwig Winnacker läßt erkennen, daß der neue wissenschaftshistorische Schwerpunkt auch der Auseinandersetzung der DFG mit ihrer eigenen Geschichte im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit dient. Bis in die sechziger Jahre hinein förderte sie etwa Otmar von Verschuer, einen Vordenker der Rassenhygiene. Mit schneller moralischer Empörung ist aber niemandem geholfen. Es bedarf sehr viel grundsätzlicher der Klärung zentraler Fragen einer Wissenschaftsethik, die über die moralische Verantwortung des individuellen Wissenschaftlers hinaus auch Institutionen der ethischen Selbstreflexion des Wissenschaftssystems insgesamt in den Blick nimmt.

Univ.-Professor Dr. Friedrich Wilhelm Graf, Universität München

Bildungspolitik im Taschenformat

Kurt Bohr / Rüdiger Pernice, Absturz in die zweite Liga? Plädoyer für einen Kurswechsel in der deutschen Bildungspolitik. Nomos Verlag Baden-Baden 2002, 245 Seiten, 19,90 Euro. Wie der im Jahr 2002 veröffentlichte PISA-Schulbericht gezeigt hat, genügt das deutsche Bildungssystem unter vielen Aspekten nicht mehr heutigen und künftigen Anforderungen. Deshalb wird im Bundestag, in Landtagen und verschiedenen Gesprächskreisen erörtert, was zu tun sei. Damit haben die hier vorgestellten Autoren, vor dem Regierungswechsel im Saarland dort Staatssekretäre im Ministerium für Bildung und Wissenschaft, offenbar schon etwas früher begonnen. Sie nennen nun, ohne den Status quo und die diagnostizierten Mängel näher darzustellen, für alle Bereiche des deutschen Bildungssystems drängende Aufgaben und formulieren Reformvorschläge. Dabei geht es ihnen eher um eine politische Zuspitzung als um eine ausgewogene wissenschaftliche Darstellung. Mehrfach wird der finanzielle Mehrbedarf unterstrichen. Das kleine Buch im Taschenformat, mit dem ein "gesamtheitlicher Lösungsansatz" versucht wird, enthält weithin Elemente eines Bildungsgesamtplanes.

Schule

Auf allgemeine Zustimmung werden die Autoren kaum für alle Vorschläge rechnen können. Sie behandeln besonders breit, mit Einbeziehung familienpolitischer Ansätze, den Vorschulbereich und die Schulen. Um einige Punkte zu nennen: Das Einschulungsalter soll gesenkt, der Sekundarbereich soll in nur noch zwei Säulen (klassisches Gymnasium und differenzierte Gesamtschule bis zum Sekundarabschluß I) neu gegliedert werden. Eine Gesamtschulzeit von 12 Jahren bis zum Abitur wird für möglich und richtig gehalten; doch sollen, um unerwünschte Ausleseprozesse zu vermeiden, 13 Jahre weiter ermöglicht werden. Mehr Projektunterricht soll an die Stelle der heute üblichen Einzelfächer treten.

Hochschule

Für die Hochschulen ist der Vorschlag wichtig, die freie Wahl des Studiums zwar beizubehalten, jedoch nur eine vorläufige Studienzulassung auszusprechen, die erst nach erfolgreich absolviertem ersten Studienjahr in eine endgültige umgewandelt wird. Als konkurrenzfähige Studienstruktur wird das gestufte Bachelor-/Master-Konzept mit Einführung des Studienjahres vorgesehen. Zusammenhängend damit wird eine Neuordnung der Lehrerausbildung gefordert (übrigens mit Absenkung von Lehrereingangsgehältern). Für alle Lehrangebote sowie die Ausgestaltung und Erbringung der Lehrverpflichtung wird ein beträchtlicher Modernisierungs- und Reformbedarf konstatiert. An die Stelle der traditionellen "großen Vorlesung" sollen moderne Kurse treten. Viele Veranstaltungen des Grundstudiums sollen künftig qualifizierten nichtprofessoralen Lehrkräften überlassen werden können. In einer Lehrdeputatserhöhung auch für Professoren wird eine Möglichkeit für einen erheblichen Kapazitätsgewinn gesehen.

Für die Schulen haben die Kultusministerkonferenz und die Bundesbildungsministerin sich auf eine Fachtagung geeinigt, nach der dann mit der Ausarbeitung gemeinsamer Bildungsstandards durch ein neues Bund-Länder-Gremium begonnen werden soll. Für Beratungen über Weiterentwicklungen an den Hochschulen bietet sich vor allem der Wissenschaftsrat an. Vor allem wird es um die Frage gehen, ob und unter welchen Voraussetzungen es möglich ist, in Deutschland bis zu 40 Prozent jeden Altersjahrganges ein Hochschulstudium zu ermöglichen - so die Vorstellung der Bundesbildungsministerin. Dabei sind sicher Vorschläge wie in dem hier angezeigten Buch zu erwarten, das als anregende und vorbereitende Lektüre empfohlen werden kann.

Dr. Ludwig Gieseke, Bonn


Bücher über Wissenschaft

Karin Knorr Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaft, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2002, 357 Seiten, 14,- Euro.

Werner Friedrichs / Olaf Sanders (Hg.), Bildung / Transformation. Kulturelle und gesellschaftliche Umbrüche aus bildungstheoretischer Perspektive, transcript Verlag, Bielefeld 2002, 252 Seiten, 24,80 Euro.

Jörg-Dieter Gauger (Hg.), Bildung, Kultur, Wissenschaft. Eine versäumte Grundsatzdebatte, Konrad-Adenauer-Stiftung, St. Augustin 2002, 93 Seiten, 3,- Euro.

Eva Graul / Gerhard Wolf, Gedächtnisschrift für Dieter Meurer, de Gruyter Verlag, Berlin 2002, 757 Seiten, 328,- Euro.

Horst-Jürgen Gerigk, Lesen und Interpretieren, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, 192 Seiten, 19,90 Euro.

Urte Helduser / Thomas Schwietring (Hg.), Kultur und ihre Wissenschaft, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2002, 234 Seiten, 29,- Euro.

Beatrix Herkströter, Projektfinanzierung leicht gemacht. Die erfolgreiche Beantragung öffentlicher Mittel für die EU- und Modellprojektförderung, expert verlag, Renningen 2002, 89 S., 24,- Euro.

Die Juniorprofessur. Eine Dokumentation. November 1998 - Februar 2002, 461 Seiten, 17,- Euro, zu bestellen beim Deutschen Hochschulverband, Rheinallee 18, 53173 Bonn, Tel.: 0228/9026666, Fax: 0228/9026680, e-mail: dhv@hochschulverband.de

Erhard Oeser, Geschichte der Hirnforschung. Von der Antike bis zur Gegenwart, Primus Verlag, Darmstadt 2002, 288 Seiten, 24,90 Euro.

Thomas Oppermann (Hg.), Vom Staatsbetrieb zur Stiftung. Moderne Hochschulen für Deutschland, Wallstein Verlag, Göttingen 2002, 152 Seiten, 12,- Euro.

Dagmar de Sauvage, Krise der Philosophie im Zeitalter wissenschaftlich-technischer Rationalität, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2002, 191 Seiten, 10,90 Euro.

Winfried Schlaffke, Wie wird unsere Schule wieder Weltklasse? Kölner Universitätsverlag, Köln 2002, 260 Seiten, 24,80 Euro.

Peter Tallack (Hg.), Meilensteine der Wissenschaft, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg Berlin 2002, 528 Seiten, 49,95 Euro.

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