Die Schwierigkeit des Bleibens

Gegen die Mobilmachung in den Wissenschaften
 
 

Helmut Bachmaier, Dr. phil. habil., Professor, Literaturwissenschaft, Universität Konstanz, Direktor der Akademie für Weiterbildung und Kultur Schloß Seeheim
 


Kant kam selten aus Königsberg heraus. Er bewegte sich an seinem Ort nach einer strengen zeitlichen Taxonomie. Es wird gesagt, daß man nach ihm die Uhr stellen konnte. Seine „Kritik der reinen Vernunft“ beginnt mit der Behandlung der Anschauungsformen von Raum und Zeit. 

Goethes Faust drängt es, die enge Studierstube zu verlassen, und er begibt sich auf eine Weltfahrt wie einst Odysseus oder nach ihm Peer Gynt. Literarische Weltfahrten gleichen Expeditionen durch die Geschichte des menschlichen Bewußtseins und enden im bergenden Schoß des Weiblichen. 

Die Reisenden der Weltliteratur sind unterwegs zum Fremden und Anderen; die Er-fahrung der Alterität ist ihr vornehmliches Ziel. Vaterland und Kolonie heißen bei Hölderlin Ausgangs- und Zielort des Wanderers, der nach der Begegnung mit dem Fremden bei sich wieder ankommt. Oft bleibt ihm aber nur die Erinnerung, das Andenken an das Eigene. Und einige Romantiker leiden am Unterwegssein und suchen ihr Zuhause, dessen Verlust auch Rilke beklagen wird. 

        Magie des Ortes

Orte und Räume haben oft eine eigenartige Magie. Sie halten einen fest oder verlangen wiederzukehren. An solchen Orten geschieht viel und manchmal sogar Dauerhaftes: So war es einmal in Weimar, so früher in Athen, Rom oder Florenz. An einem Punkt versammelt und kristallisiert sich plötzlich eine Fülle an Kreativität, die in die Zeiten hinausstrahlt. Solche Orte und Zentren können und sollten Universitäten sein. Und die Geschichte der Alma mater belegt, daß es vielfach solche fesselnden Orte gegeben hat. 

Natürlich kann grundsätzlich immer und überall geforscht und nachgedacht werden, aber die Erfahrung zeigt, daß - von großen Außenseitern und Einzelgängern einmal abgesehen - das Wissen sich in Schulen und Lehrmeinungen niederschlägt, die wiederum an Personen und Orte gebunden sind.
Die Peripatetiker in Athen bewegten sich in ihrer Akademie, die gelehrten Mönche in den Kreuzgängen ihrer Klöster. Das Wissen blieb am Ort; Exkurse fanden innen und nicht draußen statt. Das Bleiben am Ort gehörte mit zu den wesentlichen Tugenden einer meditativen und forschenden Existenz, selten unterbrochen durch einen Besuch, um einen Dialog mit Gleichgesinnten zu führen. Später wurde der schicksalslose Ort des Schreibtisches zum Schicksal des Wissenschaftlers, den er nur ab und zu verläßt, um einen Blick auf das andere Leben zu werfen. Am Schreibtisch erlebt er seine Abenteuer, erkundet er die Wirklichkeit, die ihm wesentlich ist. Die Bibliothek ist sein Universum. Sein eigentliches Dasein spielt sich in der Einsamkeit ab. Forschen in Freiheit und Einsamkeit, wie Humboldt dieses Ideal formuliert hat. 

In der Präsenz- und Residenzpflicht des Professors ist die Nachwirkung der stabilitas noch zu greifen in der Form einer Vorschrift. Interdisziplinarität in der Universität, viel beschworen und wenig geübt, verlangt, daß für gemeinsame Projekte die Mitglieder der Fakultäten anwesend sind und am Ort bleiben. Dies gilt in gleicher Weise für eine optimale Lehre und für die Beratung der Studierenden.
 

         Unerreichbarkeit

Mobilität und Flexibilität sind gegenwärtig fast inflationär auftauchende Forderungen gerade an die jüngere Generation der Wissenschaftler. Im Wirtschaftssektor wird beides als wichtige Kompetenz angesichts der Globalisierung angesehen. Innere und äußere Beweglichkeit oder Versatilität sind sicher besser als Erstarrung und Verharren, jedoch können sie auch eine Beschädigung der Identität nach sich ziehen: Ständiges Flanieren und Herumschweifen zehrt die Konzentration auf, und das Unterwegssein pervertiert zum Kongreß-Tourismus. Campus-Romane wie die von David Lodge haben die Verwechslung von Tätigkeit mit Geschäftigkeit, von Gedankenaustausch mit Welt- und Handlungsreisen in Sachen Wissen und Wissenschaft satirisch vorgeführt. Frei nach Pascal wird damit deutlich, daß das Elend der Wissenschaft dann zutage tritt, wenn es die wenigsten Forscher in ihrer Studierstube hält, sie es darin kaum mehr aushalten. Eine Art von Fluchtverhalten hat sich mancher bemächtigt. Den Nimbus der Unerreichbarkeit erlangen einige nur deshalb, weil sie mobil, unterwegs und dadurch unerreichbar bleiben. Wer dagegen erreichbar ist, setzt sich dem Verdacht aus, er oder sie sei wenig gefragt. Einer Dienstreise haftet zuweilen der Geruch an, sie sei bloß eine Simulation von Dynamik. Flying statt Doing gilt als schick.
 

        Beschleunigung und Transparenz

Das Projekt der Moderne ist ein Projekt der Beschleunigung. Geschwindigkeit, Tempo, Rasanz und Turbulenzen sind die Signaturen dieser Epoche, die sich um 1900 herausentwickelt hat. Der Mythos der Moderne ist die Großstadt, und in ihr verläuft der Lebensrhythmus turbulenter und temporeicher als in der vorindustriellen Welt. Die Eisenbahn, das Automobil, das Fließband oder der Film sind die neuen Faktoren der Beschleunigung und der Schnelligkeit. Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel hat diese Moderne als Reduktion von Substantialität und als Etablierung eines komplexen Geflechts von Beziehungen und Bewegungen beschrieben. 

Die permanente Beschleunigung hat jedoch ein zunehmendes Verschwinden der Wirklichkeit zur Folge. Im Geschwindigkeitsrausch entzieht sich das Konkrete, und vage Zeichen und Schemen treten an seine Stelle. Deshalb wurde damals der Sichtbarkeit ein großes Augenmerk geschenkt. Die Transparenz galt als Vorstoß zum Eigentlichen der Dinge. Daß um diese Zeit Röntgen die Röntgenstrahlen entdeckte, Sigmund Freud mit seiner Traumdeutung in die Schattenwelt der nächtlichen Gesichte eindrang oder daß der Detektivroman und sein Held (etwa Sherlock Holmes) dem Verbrechen auf der Spur waren: Alle diese Entdeckungen und Entzifferungen führten zu einer neuen Sichtbarkeit der Dinge. Der Körper, die Träume, die geheimen Absichten und verwischten Spuren wurden transparent und lesbar. Es war eine Aufbruchstimmung, die vor allem in der Technik der Beschleunigung und in der Kunst der Transparenz ihre Gründe hatte. 

Am Ende des Jahrhunderts, in unserer Zeit, ist von dieser Hoffnung des Anfangs nicht viel übrig geblieben. Tempo wird mit Streß, Beschleunigung mit Energievernutzung, Technik mit Katastrophen, Transparenz mit dem gläsernen Menschen in Verbindung gebracht. Einige Werte der Moderne werden ausschließlich mit negativen Vorzeichen besetzt. 

Ein Roman wie „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny oder die Forderung nach einer „Philosophie der Entschleunigung“ ­ so der Philosoph Odo Marquard ­ oder gar die Sucht auf den Stau, den Stillstand der Mobilität auf den Straßen, drücken die Hinwendung zu einer neuen Auffassung von Dynamik und zu einem neuen Zeitgefühl aus. Wenn jemand vom Auto auf das Fahrrad umsteigt, vom schnellen zum langsamen Medium, dann geschieht dies nicht nur aus ökologischen oder medizinischen Gründen, sondern oft wird ein neues Körpergefühl damit erstrebt. Daß dafür mehr Zeit verbraucht wird, nimmt man gerne in Kauf.
 

        Langsamkeit

Die genannten Vorgänge lassen sich als Sehnsucht nach Verzögerung und Langsamkeit interpretieren, gerade dann, wenn auf den Datenautobahnen die Informationen sich immer schneller bewegen. Mit der Wiederkehr der Langsamkeit ändern sich die Wahrnehmungsweisen, und diese führen zu neuen Präferenzen und Wertordnungen. In einer Methodologie der Langsamkeit wird das Konkrete und Körperliche gewissermaßen zur regulativen Idee. 

Im Rahmen der Genese der Moderne hat sich das Leben und Arbeiten des Forschers erheblich verändert. Selbstreferentielle Beschleunigung der Arbeit, Publikationswut, Omnipräsenz oder die Entwicklung einer Choreographie von Beziehungen sind für seinen Erfolg ausschlaggebend geworden. Wie ein Astronaut bewegt er sich in der dünnen Luft eines karrieremäßigen Chancenminimums. Das Warten, ein Zustand, in dem früher metaphysischer Zuspruch (Kracauer) erhofft oder nur Glücksabsenz (Adorno) diagnostiziert wurde, ist lästig geworden. Jedoch bietet die Neue Langsamkeit auch Chancen. So etwa wenn Wissenschaft in der Eigen-Zeit betrieben wird. Im Gegensatz zur Internet-Zeit, einer Globalisierung der Zeitparameter und Herstellung einer universalen Gleichzeitigkeit, betont das Konzept der Eigen-Zeit die Individualisierung der Zeit und stärkt damit Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Durch individuelle Zeit-Taxonomien werden Wertentscheidungen notwendig und dadurch Handlungsorientierungen möglich. Bei Teambildungen ist neben Sach- und Kommunikationskompetenz die temporale Kompetenz zusätzlich wichtig. Die gleiche Eigen-Zeit der Mitglieder eines Teams ist für erfolgreiche Teamarbeit unverzichtbar. Es ist aber auch notwendig, sich auf eine Methodologie des Bleibens an einem Ort zu verständigen.
 
 

          Die Kunst des Anwesendseins

Am Ort, in der Universität, in der Bibliothek, am Bildschirm oder bei sich zu bleiben ­ dies bedeutet nicht, sich ein- oder abzuschließen, nicht, zum Insassen eines selbst errichteten Käfigs zu werden, aus dem man sich nur ­ wie Elias Canettis Wissenschaftsheld in seinem Roman „Die Blendung“ ­ durch ein Fanal befreien kann. Die Informationsgesellschaft führt in einigen Bereichen Wohnung und Arbeitsplatz, die während der Industrialisierung getrennt wurden, wieder zusammen, so daß die Arbeit ins eigene Haus zurückkehrt. Entsprechend kann die Rückkehr des Wissenschaftlers in den Raum seines Arbeitszimmers sich vollziehen, in dem er dennoch mit der Welt elektronisch verbunden bleibt. Die Neuen Medien ermöglichen außerordentlich sein Bleiben am Ort und sind die technische Bedingung der Möglichkeit weltweiter Kommunikation und planbarer Interdisziplinarität. Isolationsängste sind ebensowenig zu befürchten wie einst bei der Installation des Telefons, die dennoch von Negativprophezeiungen begleitet war. 

Neue Untersuchungen belegen, daß die junge, die Internet-Generation mehr auf Datenautobahnen abfährt und zunehmend weniger reist im Vergleich zur älteren Generation. Vom eigenen Ort aus stellt sich über das Internet eine solche Fülle von Vernetzungsmöglichkeiten  her, die das traditionelle Reisen zu einem kulturellen Einzellauf herabsetzt. Überdies ist der Absturz eines Programms weniger risikoreich als der eines Flugzeuges. 

Die alte Studierstube wird im Medienzeitalter zum elektronischen Studio, wo der Gelehrte an vielfältige Kommunikationsnetze und Informationspools angedockt wird. Indem er sich auf diese virtuelle Realität einläßt, muß er sich körperlich und personal von dem Medium, konkret dem Bildschirm, absetzen. Sein Selbstbewußtsein entsteht ihm dabei in der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, der sein neuer Dialogpartner geworden ist. Sein vorgeblicher Stillstand und die Einnahme eines festen Ortes machen ihn zum Artisten einer neuen Dynamik, die kreativ ist und sich nicht im Ab- oder Aussitzen erschöpft, sondern Kontinuität erzeugt. 

Die Kunst des Bleibens und Anwesendseins geht in eine andere Richtung als aktuelle Standortbestimmungen. Die Diskussion um den Wissenschaftsstandort Deutschland etwa ist der alten Metaphorik von gesicherten und festen Größen verpflichtet und sieht Wissenschaft nicht als dynamisches Feld. 

Die Einteilung unseres Wissens durch Taxonomien, institutionalisiert durch die Fakultäten, geht zurück auf Einteilungen der Staatswissenschaft und läßt uns deshalb von einer Territorialisierung des Wissens sprechen. Dieser Art von Verräumlichung des Wissens korrespondiert die Präsenz des Wissenschaftlers an einem bestimmten Ort. Der Lehrstuhl ist ja keine Aufforderung zum Gehen oder Unterwegssein, sondern zum Bleiben ­ und Bleibeverhandlungen können oft sehr langwierig und sehr teuer werden. 

Jedenfalls zeigen Taxonomien, Paradigmen oder Fakultäten an, daß sich unser Wissen in Raumvorstellungen organisiert und in der Wissenschaftsgeschichte sich seine Entwicklung abspielt oder rekonstruieren läßt. Eine neue stabilitas wäre demzufolge eine veränderte mentale Ausrichtung auf bedeutende Einzelheiten statt auf eine undurchsichtige Vielfalt. Dies erfordert Selektion, die immer schwieriger wird, und Konzentration, die angesichts der Publikationsflut und Konjunktur von Symposien kaum mehr gewährleistet werden kann. 

Das Verweilen an einem Ort ist die räumliche Bedingung von Konzentration, die in der planetarischen Ausrichtung zerstäubt. Die alte Tugend der Sammlung, „der Hebel aller Dinge“ (Grillparzer), gilt gleicherweise für die mentalen Einstellungen wie für die praktischen Tätigkeiten. Aus der Monolokalität des Körpers entsteht die Bifurkation der Wissensströme, die in elektronische Kanäle geleitet werden und der Wissenschaft neue Impulse geben. 

Am Ende von „Wissenschaft als Beruf“ schreibt Max Weber: „An unsere Arbeit gehen und der ‚Forderung des Tages‘ gerecht werden ­ menschlich sowohl wie beruflich. Die aber ist schlicht und einfach, wenn jeder den Dämon findet und ihm gehorcht, der seines Lebens Fäden hält.“ Dieser Dämon ist leichter zu finden, wenn das Ethos des Bleibens einen leitet. Transparenz wird nicht mehr verstellt durch den Tumult chaotischer Mobilität. Und schließlich: Nur Anwesenheit garantiert Geistesgegenwart. 

Anschrift des Autors 

Eichhornstraße 86
78 464 Konstanz 
 
 
 
 
 

Forschung & Lehre 1998