Mögliche Wahrheit

Warum die Universität aufs Ganze gehen muß

Felix Grigat, M.A., verantwortl. Redakteur von Forschung & Lehre
 



 
 
 
 
 

    Die Reformlist im kleinen
Den Teutonen eilte einst der Ruf voraus, stets angespannt zu sein. Immer gehe es ihnen ums Ganze und nichts falle ihnen leichter, als in der Idee radikal zu sein und in allem Faktischen indifferent. Sie brächten es fertig, bemerkte Karl Löwith, alle einzelnen Fakten zu ignorieren, um an ihrem Begriff vom Ganzen um so entschiedener festhalten zu können. 

Die Zeiten haben sich geändert: Geblieben ist die Anspannung, spirituell aber hat man abgerüstet und ist bescheiden geworden. Kennzeichen dafür sind die zahllosen Breviere der Ernüchterung, die die politischen Diskussionen um Hochschulen und Bildung bestimmen - Woche um Woche neu. Sprach man einst - wie zuletzt Karl Jaspers - mit großem Pathos von der „Idee der Universität“, so mutierte diese seither zum Leitbild. Paul Mikat gar konstatierte mit abgeklärtem Gestus, die Wirklichkeit der Idee sei eine Kommission. Nicht aus „Ideen“, sondern nur aus den organisatorischen Tatsachen sei die „Reformlist im kleinen“ zu gewinnen. Mit pragmatischer Akribie wurde das, was sich etwa als Vision gerieren könnte, trockengelegt, als Idealismus verdächtigt. Man solle doch den „unstillbaren Hunger nach Aprioris“ ruhen lassen und das Denken nicht mit „Abschlußformeln“, einem „alles zusammenfassenden und überbietenden Höchstwert“ (Niklas Luhmann) blockieren. Das von Schwanitz zur Recht persiflierte Gremienunwesen, eine Errungenschaft der Studentenrevolte, soll von dem Leitbild der Universitäten als Wirtschaftsunternehmen abgelöst werden. 

Der traditionelle Anspruch der Universität darauf, eine Totalität des Wissens zu repräsentieren und ihr Streben nach Wahrheit um ihrer selbst willen sind für viele nicht mehr als Relikte idealistischen Kulturinventars. Als untergegangene Mythen taugten sie nicht einmal mehr zum kommerziellen Recycling, das ja heute für die seltsamsten Torheiten sorgt. Man will sich nicht mehr vom Nebel einer „Idee“ die klare Sicht auf die Fakten trüben lassen. 

    Wider den Geschmack
So wurden denn auch hochschulpolitische Konsequenzen gezogen. Im Mai 1998 verabschiedete sich die Hochschulrektorenkonferenz von der universitas litterarum, der Idee der vollständigen Universität. Die Zeichen der Zeit stünden auf Profilbildung, nicht jede Universität müsse alles machen. Im Oktober 1998 veröffentlichte die HRK zusammen mit den Arbeitgeberverbänden ein Papier mit dem Titel „Hochschulen als Unternehmerschmieden“. Der Universität des Saarlandes wird von ihrem zuständigen Minister eine Umwandlung zu einem am Markt orientierten öffentlichen Dienstleistungsunternehmen verordnet. Viele andere werden folgen - eine fortschreitende Instrumentalisierung der Universitäten, mühsam verdeckt von Effizienz- und Strukturreformen unter der wehenden Fahne des Wettbewerbs. Die Universitätsreform Wilhelm von Humboldts, die Gedanken von Kant, Schleiermacher und Schelling aufnahm, hat sich pointiert gegen ein solches instrumentelles Verständnis von Universität gerichtet. Den damaligen Reformern standen die zu Diktat- und Repetieranstalten verkommenen Universitäten vor Augen, gegen die sie ihre „Idee der Universität“ setzten - trotz der prekären Situation des preußischen Staates wagte man einen Neubeginn und setzte auf die akademische Freiheit. Ein neuer Wissenschaftsbegriff, ein neuer Gelehrten- und Studententypus war geboren. Es wurde wieder spannend an den Universitäten: die Studenten konnten teilnehmen an der Forschung, an der Entdeckung des Neuen. 

Sind die Einsichten dieses faszinierenden Aufbruchs heute vergessen, ja nicht mehr der Rede wert? Es scheint so: ein radikaler Bruch mit der Tradition der Universität kennzeichnet die Gegenwart. Es geht dabei nicht nur um Humboldt. Weder ist Humboldt tot, noch ein Heiliger, wie man ihn im Brevierbuch findet, würdig kanonisiert zu werden, sogar ehe er noch gelebt hat. Nein: Ohne viel Aufhebens hat man sich verabschiedet von Einsichten, die über Humboldt hinaus seit den Griechen das wissenschaftliche Denken und das Denken über Wissenschaft bestimmt haben. Übertrieben? Die hellsichtige Diagnose Nietzsches scheint mehr und mehr Recht zu bekommen: „Was heute am tiefsten angegriffen ist, dass ist der Instinkt und der Wille der Tradition. Alle Institutionen, die diesem Instinkt ihre Herkunft verdanken, gehen dem modernen Geist wider den Geschmack.“ 

    Mischstrategien
Zu denken gibt die Sicherheit, mit der auf das Neue gesetzt und das Alte nicht mehr registriert wird. Aber verhält man sich hier klug? Die zeitgenössische Verhaltensforschung zumindest weist darauf hin, daß menschliches Verhalten durch Mischstrategien bestimmt wird. Kreativität müsse gezügelt werden, dadurch, daß Wissen tradiert werde, daß man Regeln befolge und methodisch vorgehe. All dies reduziere Erfahrungs- und Informationskosten. Das Rad muß eben nicht von jeder Generation neu erfunden werden, nicht jede Generation mit einer tabula rasa neu beginnen. Das entlastet und setzt Schaffenskraft für die wichtigen Aufgaben frei. Aber sie beschneidet, wie jede Tradition, auch Spielraum: Der prinzipiell unvermeidliche Tribut an die gemischte Strategie. Kreativität sei also stets eingebettet in eine Mischung aus Altem und Neuem. 

        Wahrheit - um ihrer selbst willen

Um das Alte und das Neue, die Frage der Mischstrategie des Verhaltens,  ging es auch in einem merkwürdigen Streit, von dem Platon im Dialog „Gorgias“ berichtet. Der Sophist Kallikles, davon überzeugt, sich auf der Höhe der Zeit zu befinden, bestritt  in einem Gespräch mit Sokrates mit allen rhetorischen Finessen, daß geschichtlich Überliefertes für die Gegenwart wirklich bedeutsam sein könne. Es sei ein Mythos, nicht der Rede wert, eine bloße Geschichte.  Keinesfalls, entgegnete ihm Sokrates, nicht ein Mythos, sondern ein ernstzunehmender Logos sei diese Tradition  - denn es könne in ihr „mögliche Wahrheit“ (Gadamer) verborgen sein.  Hier stehen sie sich das erste Mal gegenüber: der Sophist und der Akademiker. Ihre Gegnerschaft ist nicht auf die Zeit Platons beschränkt, der Sophist eine „zeitlose Figur“ (Josef Pieper). Ja, man kann sagen, die Akademie, die Schule Platons, die Mutter der Universität, ist eine antisophistische Einrichtung gewesen: „Akademisch heißt antisophistisch.“ 

Der Akademiker als Theoretiker ist an der Wahrheit um ihrer selbst willen interessiert. Der französische Mathematiker Henri Poincaré sagte: „Der Gelehrte studiert die Natur nicht, weil das etwas Nützliches ist. Er studiert sie, weil er daran Freude hat...“ Es geht um die Freude an der Wahrheit. Der Sophist dagegen bestreitet, daß der Mensch als solcher auf Wahrheit aus sei. Man solle seine Zeit nicht mit Unützem verbringen, „die Frage ist dunkel, und das menschliche Leben kurz“ (Protagoras). Die Form sei entscheidend, nicht der Inhalt. Die Rhetorik war und ist ja die eigentliche Spezialität der Sophisten - auch der aktuellen Vertreter, die die Klaviatur des Globalisierungsjargons glänzend beherrschen. Man erkennt den Sophisten darüber hinaus an der bloßen Anhäufung von Wissensstoff und Kenntnissen - die dann wie eine ungeheure Menge von unverdaulichen Wissensteinen „in seinem Leibe rumpeln“ (Nietzsche) - sowie der bloßen  Kenntnis einer geschlossenen Einzeldisziplin. Indem er verneint, daß der Mensch ein Wahrheit suchendes Wesen ist, provoziert der Sophist die Bindung an sachfremde, willkürlich gesetzte Zwecke einer wie auch immer beschaffenen Praxis. Wie der Funktionär, das andere Gegenbild des akademischen Menschen, orientiert er sich an den Kategorien nützlich oder schädlich, brauchbar oder unbrauchbar. 

In welchem Maße der instrumentelle Aspekt das heutige Verständnis von Wissen dominiert, zeigt u.a. eine Studie des BMBF. 1000 Experten wurden nach der Bedeutung und der zukünftigen Entwicklung unterschiedlicher Wissensgebiete befragt. Die Ergebnisse belegen, daß stärker als früher Problemorientierung und Anwendungsbezug des Wissens im Vordergrund stehen. Wissen werde immer systematischer als universales Instrument genutzt, um Probleme zu lösen. Eine völlig zweckfreie Grundlagenforschung werde es in der sog. Wissensgesellschaft schwer haben. Die meisten Wissensgebiete dienten der wirtschaftlich-technischen Leistungsfähigkeit. Mit einer dynamischen Entwicklung des Wissens, das zweckfrei aus Liebe zur Wahrheit entsteht, einer Erkenntnis um ihrer selbst willen, rechnen die Fachleute nicht mehr. 

Summa: In Angelegenheiten der Wahrheit - gerade der Wahrheit der Tradition -  rüsten Sophisten und Funktionäre ab. Es geht um praktische Interessen und nicht um das Verlangen nach Gewißheit.  Auf Wahrheit - „der wesentlichen und ersten Bedingung der Gelehrsamkeit überhaupt“ (Kant) - im Streit der Fakultäten und der Fächer kommt dagegen alles an. Da ist nichts nachzugeben: die Nützlichkeit ist nur „ein Moment von zweitem Range“. Fehlt der Universität diese Einsicht in ihre ureigene Sache, wird sie zum Spielball herrschender Interessen und Kreise. Geisteswissenschaften, Theologie, Kleine Fächer - auch sie gehören zu diesem Streit um die Wahrheit. Dies führt zu einem zweiten Charakteristikum der Universität: 

    „What is it all about?“
Der Akademiker hat, neben der Frage nach der Wahrheit, noch einen weiteren Tick: er will immer wieder versuchen, „das Ganze“ zu verstehen (C.F. von Weizsäcker), er stellt eine merkwürdige Grundsatzfrage: „What is it all about?“ (A.N. Whitehead). Damit disqualifiziert er sich allerdings als Dilettant - und dieser ist heute eine komische Figur. Angesichts von mehr als 4000 Fächern und der Vielfalt der Methoden erscheint er als Schwadroneur über dieses und jenes, über Gott und die Welt, ja sogar das Bedürfnis nach Ganzheit zu äußern mutet im Wissenschaftsdiskurs seltsam an. Dennoch:  Wenn es stimmt, daß große Institutionen auch Ausdruck großer Erfahrungen sind (Josef Pieper), welches ist die grundlegende Erfahrung, die am Beginn der Universität liegt? Dieser Rekurs auf eine Erfahrung ist vielleicht etwas überraschend. Er paßt so gar nicht in die derzeitige Diskussion. Wer spricht denn noch von elementaren, an die Wurzel gehenden Erfahrungen? In den Diskursen des triumphierenden Neoliberalismus kommen sie nicht mehr vor - wie auch die dunklen Teile der menschlichen Existenz: Krankheit, Tod. Man orientiert sich an einer Klientel, die eine unstillbare Nachfrage nach Leichtrealitäten hat. Der Universität aber geht es nicht um Leichtrealitäten. 

Womit fing es an? Mit einem Plan, einer Struktur oder Organisation? Keinesfalls: Bei der Universität handelt es sich von alters her um das Zusammensein von Menschen, die aufs Ganze gehen wollen. So hat auch Platons Hain des Akademos, die Akademie, sich als eine Lehr- und Lerngemeinschaft von Menschen verstanden, die „überall das Ganze und Vollständige anstreben“ sollen, „Göttliches und Menschliches“. Nichts weniger als das Eigentümliche des Menschen als geistiges Wesen steht zur Rede - auch heute in der Zeit von Genetik und Molekularbiologie.  Es geht ihm eben nicht um einen Ausschnitt, sondern um die Freiheit zur „Fundamentaluntersuchung“.  Dieses Wissen- und Erkennenwollen  als  Kern der Universität wurzelt in einem unverfügbaren „Aha-Erlebnis“ und hielt von den Griechen an bis zu Kant, Schleiermacher, Humboldt auch die großen Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts in Atem. Keine der Einzelwissenschaften fragt noch „What is it all about?“, keine soll es auch. Die Universität ist der Freiraum, der Ort, an dem einzelne versuchen können, „das Ganze“ zu verstehen, „durch den Geist der Institution selbst ausdrücklich dazu angeregt, ermutigt, herausgefordert, gedrängt“.  Würde sie das nicht leisten, so meint Pieper, dann „würde (sie) eine Möglichkeit vertun, die es so nirgendwo gibt in der Welt.“ Dazu, zu diesem „Leben in Ideen“, das durch Wissen den Horizont für die ganze Wirklichkeit erschließt, bedarf es der Einsamkeit und der Freiheit, der Freiheit der Studiengestaltung und der Einsamkeit der forschenden Arbeit. Diese aber mündet notwendig  ins Gespräch: „Vielmehr ist das erste Gesetz jedes auf Erkenntnis gerichteten Bestrebens: Mitteilung.“ (Schleiermacher) und repräsentiert damit die Einheit von Forschung und Lehre. 

    Idee und Vollkommenheit
Beides gehört also zur Idee der Universität: die Wahrheit zu suchen und das Ganze anzustreben. Beides schließt ein weiteres ein: die Vollkommenheit: Nach Kant ist eine Idee  nichts anderes, als der „Begriff von einer Vollkommenheit, die sich in der Erfahrung noch nicht vorfindet“. Als Beispiel nennt er die Idee einer vollkommenen, nach Regeln der Gerechtigkeit regierten Republik. „Ist sie deswegen unmöglich?“ fragt er provozierend. Erst müsse unsere Idee nur richtig sein, und dann sei sie bei allen Hindernissen, die ihrer Ausführung noch im Wege stehen, gar nicht unmöglich. Und er setzt hinzu: „Wenn z. E. einer löge, wäre deshalb das Wahrreden eine bloße Grille?“ 

Was bedeutet dies für die Idee der Universität? Die Idee als Begriff, der über die unzulängliche Erfahrung hinausgeht ergänzt auf Vollkommenheit hin, sie ist regulativ. Dies betrifft die in der Dynamik der Wissenschaften selbst angelegte Zersplitterung in Tausende von Fächern. Die Universität ist - auch wenn es sich noch so sehr aufdrängt - kein  Konglomerat von Wissenschaften, die Erkenntnisse keine Rapsodie. Die „Idee der Universität“ formuliert ausdrücklich die - qualitative - Totalität der an der Universität vorhandenen Vielzahl der Disziplinen. Sie verhindert, nur bestimmte Wissenschaften, nur bestimmte Fachbereiche zu bevorzugen, gesellschaftlich oder wirtschaftlich einseitig vorzugehen. Ja, fern davon statisch zu sein, weckt sie Dynamik, schafft sie Möglichkeiten. Die Idee der Universität als einer aufs Ganze gehenden Institution allein ist Garant und Richtmaß des Fortschritts. Sie allein ist kritische Instanz und kann anzeigen, wo Verhältnisse, wo Ideologie die geforderte Totalität einschränken, manipulieren, unterdrücken. Wenn man sich davon verabschiedet, Totalität anzustreben, so verabschiedet man sich auch von der Universität. Die vielzitierte und unabdingbare Einheit von Forschung und Lehre allein reicht als Spezifikum nicht aus. Natürlich - es gab nie eine vollständige Universität, aber ist sie deshalb „eine bloße Grille?“ 

    Zurückgehen, nicht zurückbleiben
Zurückgehen, nicht zurückbleiben 
Die Universität ist der Wahrheit verpflichtet, geht aufs Ganze und  erstrebt Totalität - dies ist ihr Profil und damit bietet sie Chancen, die nirgendwo sonst zu finden sind. Das Profil der Universität in der Spezialisierung zu suchen, ist ein Selbstwiderspruch. 

Vielleicht ist die Grunderfahrung, die an der Wurzel der Universität liegt, uns näher, als wir heute zu denken wagen?  Weil es eine menschliche Erfahrung ist? Mit der Universität hat die Gesellschaft einst  ein Angebot gemacht, einen „Freiraum begrenzter Art“ (Gadamer). Es ist schwer, die Idee der Universität zu überbieten. Sie durch ein „neues unternehmerisches Paradigma“ zu ersetzen unterbietet sie - weit. Wer aber dem freien Erkenntnisstreben keinen Raum mehr gibt, so formulierte es Wolfgang Frühwald drastisch, brauche auch nach Profit nicht mehr zu fragen. Die Idee der Universität ist notwendiger denn je. Dies entdeckt aber nur, wer in der Tradition  auch mit möglicher Wahrheit rechnet, der, der zurückgeht, aber nicht zurückbleibt (Nietzsche). 

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Forschung & Lehre 1998