Gunnar Berg, Dr. rer. nat., habil., Dr.-Ing., Univ.-Professor,
Experimentelle
Physik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg,
1992-1996 Rektor der Universität
Leistungsanreize für die Universität?
Zwischen leistungsabhängigem Gehalt und Unterfinanzierung
Für den Bildungsauftrag der Universität und den Wissenschaftsbereich sind
Freiräume nötig. Das muß beachtet werden, wenn überlegt wird, wie die Arbeit
der Hochschulen durch Leistungsanreize verbessert werden kann. Eine
Verbesserung der Hochschulen ist immer möglich, es kommt aber auf das "Wie³
an.
Der jetzige Zustand
In jeder Rede eines Bildungspolitikers, in jeder Stellungnahme zur
Hochschulpolitik wird davon gesprochen, daß unser Hochschulsystem nicht
leistungsfähig, nicht effizient ist, weshalb reformiert werden muß. Und dann
überschlagen sich die Vorschläge nahezu, ohne daß der gegenwärtige Stand
wirklich analysiert und zur Kenntnis genommen wird. Werden alljährlich die
Nobelpreise vergeben und Deutschland ist nicht dabei, wird die angeblich
größere Leistungsfähigkeit des amerikanischen Systems gepriesen, ohne auch
die im Vergleich zu Deutschland besseren Rahmenbedingungen zu nennen.
Der gegenwärtige Stand soll an Hand der in der Hochschuldiskussion viel
benutzten Schlagworte "Leistung³, "Finanzierung³, "Wettbewerb³,
"Verkrustung³ und "Profilbildung³ skizziert werden.
Es ist nicht leicht, die Leistung einer Hochschule umfassend zu messen. Aber
unbestritten sind ein Teil dieser Leistung - ich betone dabei besonders "ein
Teil³ - die Zahl der Studierenden. Und diese Zahl hat sich seit dem
sogenannten Öffnungsbeschluß anfangs der siebziger Jahre ständig vergrößert,
ohne daß die Hochschulen auch nur annähernd in entsprechendem Maße gewachsen
wären. Wird Leistung, wie überall üblich, als das Verhältnis von Nutzen zu
Aufwand gemessen, so wurde diese tatsächlich beträchtlich gesteigert und ist
wesentlich größer als in den immer wieder als Vorbild gepriesenen USA. Dabei
werden die Studenten trotz der sich leider verschlechternden Bedingungen
nicht schlecht ausgebildet - im Gegenteil, unsere Absolventen werden im
Ausland sehr gern genommen und sind häufig ihren Konkurrenten überlegen. Das
belegen auch die erwähnten Nobelpreise . Unter deren Preisträgern sind nicht
selten Personen, die an unseren Universitäten ausgebildet wurden. Die
besseren Arbeitsbedingungen, auf die ich noch zu sprechen kommen werde,
veranlaßten sie zur Tätigkeit im Ausland, zumeist in den USA.
Die sogenannte "Überlast³, legitimiert durch Berechnungen nach der
Kapazitätsverordnung, charakterisiert die heutige Massenuniversität. Und
alles spricht dafür, daß es nach dem Willen der Politiker so bleiben soll.
Zwar war ursprünglich von einem "Untertunneln³ des "Studentenberges³ die
Rede, wobei die Kapazitätsverordnung als Notbehelf zur Berechnung einer
Maximallast eingeführt wurde, doch heute wird eben diese Berechnungsmethode
als Planungsinstrument eingesetzt, wie wohl viele hier selbst bereits erlebt
haben - geradezu eine Umkehr der ursprünglichen Absicht. Die Finanzminister
spekulieren folglich auch schon auf die Einsparpotentiale im Schul- und
Hochschulbereich, wenn die demographische Entwicklung einen Rückgang der
Studentenzahlen erwarten läßt.
Die Unterfinanzierung der Hochschulen wird allgemein anerkannt - aber es
ändert sich absolut nichts. Nun ist es sicher auch hier schwierig, den
Bedarf exakt zu bemessen, obwohl Abschätzungen für gewisse Bereiche
vorliegen, z. B. für notwendige Bauinvestitionen an den Hochschulen durch
den Wissenschaftsrat. Um das Problem aber zumindest anzudeuten, ist ein
Vergleich illustrativ, den ich dem Kollegen Karl-Ulrich Meyn, dem Rektor der
Universität Jena, verdanke:
Die Stanford-Universität bildet 14 000 Studenten aus. Allein aus ihrem
Stiftungskapitel hat sie jährlich umgerechnet 650 Mio DM zur Verfügung, dazu
kommt etwa dieselbe Größenordnung aus Einnahmen, so daß sie im Jahr etwa
über 1,1 Milliarden DM verfügt (Harvard mit weniger Studenten kann sogar
jährlich 1,8 Milliarden DM ausgeben.). Die Universität Jena mit 17 000
Studenten hat jährlich einschließlich aller Einnahmen aus Drittmitteln und
mit dem Klinikum 550 Mio DM zur Verfügung, also trotz 30 Prozent mehr
Studenten nur 50 Prozent der Mittel von Stanford! Dieses spezielle Beispiel
wird durch eine umfänglichere Studie der Universität Hannover gestützt, von
der Auszüge im Oktober 2001 in der Deutschen Universitätszeitung (DUZ)
veröffentlicht wurden. Danach betrugen im Jahr 1995 die durchschnittlichen
Ausgaben pro Studierendem in Deutschland 9000 Dollar, in den USA dagegen 20
000 Dollar! Da ist es wohl kein Wunder, daß der Betreuungsgrad geringer ist,
die Labors weniger gut und umfänglich ausgestattet sind - ein wesentlicher
Grund für zu lange Studienzeiten. Zwar werden diese auch durch unser relativ
liberales System begünstigt, doch sind es die angedeuteten materiellen
Bedingungen, die auch den Leistungswilligen in stark nachgefragten Fächern
daran hindern, das Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen, was
durchaus möglich ist, wie die meisten Hochschulen in den Neuen Bundesländern
mit ihren noch relativ geringen Studentenzahlen gezeigt haben.
Und nun zum Wettbewerb. Er ist an den Hochschulen seit eh und je normal. Man
kann sogar sagen, daß der Hochschulbereich das System des öffentlichen
Dienstes ist, in dem der meiste Wettbewerb praktiziert wird. Das gilt
natürlich für die Studierenden. Ihnen wird Leistung abverlangt und die
meisten sind auch gewillt, diese nachzuweisen. Es gilt aber besonders für
die Professoren. Das beginnt mit der Berufung, es setzt sich fort bei der
Konkurrenz um die personelle und sächliche Ausstattung an der Universität,
es drückt sich bei der Begutachtung von Publikationen in angesehenen
Fachorganen aus und es betrifft die Einwerbung von Drittmitteln durch zu
begutachtende Projekte. In allen diesen Fällen - und das bedeutet nicht nur
einmal, sondern ständig - muß man sich gegen Mitbewerber durchsetzen. Man
kann wohl mit Recht sagen, daß die Hochschullehrer die Berufsgruppe des
öffentlichen Dienstes sind, die am intensivsten evaluiert werden und das
permanent.
Die Verkrustung ist ein Lieblingswort der Bildungspolitiker geworden, sie
sprechen gern von den verkrusteten Strukturen der Hochschulen. Doch was ist
verkrustet? Die Universitäten sind nicht mehr dieselben wie vor fünfzig
Jahren, sie haben sich durchaus den gegenwärtigen Bedingungen angepaßt,
soweit das in ihrer Macht stand. Nur auf diese Weise waren sie überhaupt in
der Lage, die eingangs geschilderte Leistung unter den Bedingungen der
Massenuniversität zu bringen. Dabei sehen sie sich einer Regelungsdichte
durch die staatlichen Stellen gegenüber, wie sie die Vergangenheit nicht
gekannt hat. Zwar wird immer das Schlagwort Autonomie in den Vordergrund
gerückt, tatsächlich enthalten aber die Entwürfe für neue
Landeshochschulgesetze (LHG) immer neue Teilregulierungen und Vorbehalte. So
ist z.B. für das LHG Mecklenburg-Vorpommern eine detaillierte Regelung für
die Anwesenheitspflicht vorgesehen. Zielvereinbarungen als
Steuerungsinstrument sollen zwischen Hochschulen und Ministerien
ausgehandelt werden. Kommen sie allerdings nicht zustande, so übernimmt das
Ministerium die Administration der betreffenden Hochschule (siehe § 66 (4)
des LHG Sachsen-Anhalt und eine entsprechende Regelung im Entwurf für das
LHG Niedersachsen). Es handelt sich tatsächlich um eine asymmetrische
Situation zuungusten der Hochschulen, die weit entfernt von Autonomie ist.
Profilbildung und Schwerpunktsetzung sind für die Universitäten nicht neu.
Auch in der Vergangenheit wurden Schwerpunkte entwickelt, als Beispiel sei
nur die Universität Göttingen in den zwanziger Jahren genannt. Profilierung
darf aber nicht bedeuten, aus den Universitäten Spezialhochschulen zu
machen, denn die sogenannten "Volluniversitäten³ werden gebraucht. Und man
darf nicht vergessen, daß die Ausbildung von Schwerpunkten Geld benötigt -
es handelt sich dabei nicht um einen administrativen Akt, sondern um die
gezielte Investition für solch einen Ausbau -, wobei auch entsprechende Zeit
vorgesehen werden muß, ehe tatsächlich sichtbare Erfolge erwartet werden
können. Stattdessen herrscht aber vielmehr der Eindruck vor, daß die
Forderung nach Profilbildung und Schwerpunktsetzung häufig eher einen
Euphemismus für Sparen bedeutet, wobei der Spareffekt gleich kurzfristig
erwartet wird. Sollte sich diese Tendenz durchsetzen, würde sie zur
Zerstörung der Universität führen.
Was beabsichtigen die Politiker?
Die Politiker haben selbstverständlich die löbliche Absicht, daß alles
besser werden solle. Und deswegen wird reformiert, leider ohne über die
Folgen ausreichend Rechenschaft abzulegen.
Ein Dilemma besteht natürlich darin, daß alles nichts kosten darf. Deshalb
scheidet eine naheliegende Verbesserung sofort aus, nämlich die Ausstattung
den gesteigerten Aufgaben anzupassen. Und so werden die deutschen
Universitätsprofessoren nach wie vor ein doppelt so hohes Lehrdeputat wie
ihre Kollegen und Kolleginnen an den amerikanischen Spitzenuniversitäten zu
absolvieren haben, wobei aber gleiche Forschungsleistungen erwartet werden.
Der ungleich höhere Gremienaufwand wird erst gar nicht thematisiert.
Hier wird als Beispiel entsprechend dem Titel des Vortrages nur die Absicht
zur Veränderung der Besoldungsstruktur für Professoren behandelt werden. Es
ist eine Leistungssteigerung durch leistungsabhängige Zulagen vorgesehen.
Diese werden aber nicht, wie es z.B. in der Wirtschaft bei solchen Vorhaben
üblich ist, zusätzlich zur bisherigen Vergütung gegeben, sondern sie werden
durch die Absenkung des Mindestgehaltes "erwirtschaftet³. Um einige zu
belohnen, muß anderen, die wahrscheinlich auch keine geringen Leistungen
bringen, genommen werden - ein Verfahren, von dem man sich schwer vorstellen
kann, das es motivierend und leistungsanreizend wirkt.
Es ist nicht sehr schwierig, die Folgen zu prognostizieren, die eintreten
werden, wenn dieser Vorschlag den Bundesrat passiert und dann in den Ländern
in der vorgesehenen Form umgesetzt wird. Die Verteilungskämpfe an der
Universität, die bisher um die Ausstattung der Professur bzw. des Institutes
stattfinden, werden in den persönlichen Bereich hineingetragen, da sie nun
zusätzlich die Gehälter treffen. Dabei ist es durchaus zweifelhaft, ob
relativ geringfügige Gehaltsaufbesserungen, die auf ein sehr niedriges,
gegenüber dem bisherigen abgesenkten Niveau aufgesetzt werden, bei
Wissenschaftlern zur Leistungssteigerung führen. Aller Erfahrung nach
bestimmt glücklicherweise die Suche nach Erkenntnis und die Freude, mit
jungen Menschen zusammenzuarbeiten, bei vielen Professoren die Motivation.
Es sei nur darauf verwiesen, daß die seit nunmehr elf Jahren abgesenkten
Ostgehälter nicht zu verminderten Leistungen der davon Betroffenen geführt
haben (siehe dazu auch K.J. Reinschke, freiheit der wissenschaft (2001),
215). Das vorgesehene System aber wird ständig von Auseinandersetzungen um
die Gehälter begleitet sein, wodurch mit Sicherheit die Arbeitsatmosphäre
beeinträchtigt werden wird. Erinnert sei an die entsprechenden
Auseinandersetzungen an den Hochschulen der DDR, als dort leistungsabhängige
Zuschläge (LAZ) eingeführt wurden (siehe dazu auch G. Berg, Physik.Blätter
(2001) 9,3 sowie Forschung & Lehre (2000) 3, 132), die nachweislich nicht zu
einer Zunahme der Leistung geführt haben. Sollte sich eine Fakultät
tatsächlich ernsthaft auf eine leistungsgerechte Verteilung der Zulagen
einlassen, so ist sie "gut beraten³, zukünftig möglichst leistungsschwache
Bewerber zu berufen, um nicht das eigene Gehalt zu schmälern.
Aber auch Spitzenforscher, um deren Anwerbung es dem BMBF besonders zu tun
ist, werden sich kaum durch vage Versprechungen eventueller
Leistungszuschläge ködern lassen, auf die keinerlei rechtlich verbindlicher
Anspruch besteht (Daß sie auch nur teilweise, bisher noch völlig unbestimmt,
ruhegehaltsfähig sind, sei nur am Rande angemerkt.). Spricht nicht alle
Erfahrung dafür, daß der für diese Zusatzgehälter vorgesehene Finanzpool als
einer der ersten Streichungen zum Opfer fällt, wenn für die Finanzpolitiker
der Länder Sparen angesagt ist? Und was soll einen Spitzenwissenschaftler
reizen, der seine Entscheidungen im wesentlichen von den persönlichen
Bezügen abhängig macht, an eine deutsche Universität zu gehen? Um nur zwei
Beispiele zu nennen: Das durchschnittliche Gehalt eines Physikprofessors in
den USA, ausgedrückt in Dollar, entspricht zufällig fast dem gleichen
Zahlenwert, allerdings in DM, den ein Physikprofessor an einer deutschen
Universität zu erwarten hat (siehe Physics Today (2001) 4). Aber auch
innerhalb Deutschlands wird ein Wissenschaftler, der primär nach zu
erwartendem Gehalt entscheidet, statt der Universität die Wirtschaft wählen.
Die Nettobezüge promovierter Wissenschaftler sind, abhängig vom Fach, im
privaten Sektor ca. 30 bis 50 Prozent höher als im öffentlichen Sektor (DIE
ZEIT vom 22. November 2001). Es spricht für die Anziehungskraft der
Universität, daß trotzdem noch leistungsfähige Wissenschaftler und
Wissenschaftlerinnen diesen Berufsweg wählen. Um so wichtiger ist es im
Interesse einer zukunftsfähigen Bildungspolitik, daß diese noch
existierenden, im wesentlichen ideellen Anreize bestehen bleiben und nicht
durch eine kurzsichtige "Reform um der Reform willen³ aufs Spiel gesetzt
werden.
Es ist auch bezeichnend, daß die Bundesregierung zwar die leistungsbezogene
Besoldung in das Hochschulrahmengesetz (HRG) schreiben läßt, aber die
Kriterien, nach denen zu entscheiden ist, den Ländern überläßt. Unstrittig
scheint, den vielen Kommentaren zufolge, nur zu sein, daß Funktionen (Rektor
bzw. Präsident, Dekan usw.) "belohnt³ werden sollen. Aber was hat das mit
Wissenschaft zu tun?
Wie werden die Länder reagieren? Auch sie werden kaum Kriterien formulieren
können, die unstrittig sind, und deshalb diese "heiße Kartoffel³ an die
Hochschulen weiterreichen. Dort kann dann der Verteilungskampf zur
"Belebung³ der Gremien beitragen, besonders wenn entschieden werden muß, wie
einzelne Fakultäten gegeneinander zu bewerten sind. In Kommentaren zu den
"Reformvorschlägen³ taucht dann schon der Begriff des "Marktwertes³ auf. Es
ist ohne viel Phantasie vorstellbar, wie der Marktwert des Philologen oder
des Philosophen gegenüber dem des Informatikers oder des
Wirtschaftswissenschaftlers eingeschätzt werden wird. Welche Universität
wird dann die Kraft haben, ihre Geisteswissenschaften gegen den Trend, der
mit der Ökonomisierung verbunden ist, zu erhalten oder gar aufzubauen? Man
kann nur wünschen, daß sich nicht fortsetzt, was sich im Zusammenhang mit
der Juniorprofessur gezeigt hat. Um kurzfristiger materieller Vorteile
willen - wobei noch zu fragen ist, ob die 150 000 DM bzw. wohl doch nur 60
000 Euro Anschubfinanzierung durch das BMBF für die Universitäten wirklich
so gewichtig sind, zumal sie die Folgekosten aus dem eigenen Etat zu tragen
haben - werden diese Professuren noch vor der endgültigen gesetzlichen
Regelung ausgeschrieben, obwohl die Mehrzahl der Kolleginnen und Kollegen
grundsätzliche Einwände gegen diese Art der Nachwuchsrekrutierung hat.
Was sollte sein?
Im folgenden seien einige Punkte genannt, die geeignet wären, die
Entwicklung der Universitäten positiv zu beeinflussen.
Die von der Finanzministerkonferenz prognostizierten Folgen aus der
demographischen Entwicklung, so sie denn zutreffen, dürfen nicht Anlaß für
Einsparungen sein. Statt dessen sollten sie zur Verbesserung des
Bildungssystems genutzt werden, was zunächst die Schulen, später auch die
Hochschulen betrifft (Der Geburtenrückgang am Beginn der neunziger Jahre in
den Neuen Bundesländern erreicht deren Hochschulen etwa im Jahr 2010, in den
Alten Ländern ist diese Entwicklung auf etwas später verschoben.).
Als Aufgaben der Universitäten sind Forschung und Lehre, die Betonung liegt
auf "und³, nicht nur verbal zu nennen, sondern die Finanzausstattung muß
beiden Aufgaben gerecht werden. Sie darf sich nicht nur nach den
Studentenzahlen richten, auch wenn diese am einfachsten zu ermitteln sind.
Es ist zwar wünschenswert, daß Universitäten Schwerpunkte entwickeln, doch
ist es sowohl im Interesse der Studierenden als auch im Sinne einer breit
angelegten Grundlagenforschung notwendig, daß die universitäre
Fächervielfalt erhalten bleibt. Selbstverständlich ist es legitim, darüber
zu sprechen, wie viele solcher Volluniversitäten sich ein Land leisten kann
und will. Aber daß sie benötigt werden, steht außer Frage. Gerade die
Fächervielfalt der Universität befördert die Zusammenarbeit, die immer
wieder geforderte Interdisziplinarität. Häufig sind es die Fächergrenzen, wo
Neues entsteht. Diese dürfen aber nicht den Rand der Universität markieren,
sondern sie müssen innerhalb verlaufen, um sie um so leichter zu
überschreiten.
Der Hang zur staatlichen Steuerung sollte begrenzt werden. Dazu gehört auch
die zunehmende Ausweitung der Programmsteuerung von Forschung.
Selbstverständlich hat der Staat das Recht, über die Verwendung von
Steuermitteln zu bestimmen und in diesem Sinn auch Forschungsprogramme
aufzulegen. Aber dieses Recht muß weise genutzt werden. Wenn der frühere
Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Wolfgang Frühwald, von
einer Gefährdung der Forschungsfreiheit spricht, da die Programmsteuerung
über sehr viel Geld verfüge und sich deshalb ein stärkerer Einfluß der
Politik ergebe, so sollte das ernst genommen und beherzigt werden. Über
Programme kann nur prinzipiell Bekanntes gefördert werden, das wahrhaft Neue
entsteht unerwartet und ist nicht planbar. Um diese Möglichkeit auch für
Deutschland zu erhalten, ist eine angemessene institutionelle Förderung der
Universitäten notwendig. Diese wird sich mit Sicherheit langfristig
auszahlen.
Die Freiheit von Forschung und Lehre, im Grundgesetz verankert, ist ein
hohes Gut und darf nicht ausgehöhlt werden. Es sei auf die Erfahrungen einer
staatlich gelenkten Wissenschaft in der DDR hingewiesen und darauf, daß die
Hochschulerneuerung in den Neuen Bundesländern gerade das Ziel hatte, diese
Wissenschaftsfreiheit zu erringen. Zu dieser Freiheit gehört auch Vertrauen
in den Wissenschaftler, Vertrauen darauf, daß er und sie das
Leistungsvermögen im Interesse der Wissenschaft, d.h. von Forschung und
Lehre, einsetzt, ohne ununterbrochen kontrolliert zu werden. Wie überall
gibt es auch in der Professorenschaft Personen, die dieses Vertrauen
mißbrauchen, doch glücklicherweise handelt es sich um seltene Einzelfälle.
Wenn die Chemieindustrie davon ausgeht, daß nur ein geringer Prozentsatz
(wohl weniger als 10 Prozent) ihrer Projekte zum Erfolg führt, so ist die
Rate erfolgreich arbeitender Wissenschaftler an der Universität mit
Sicherheit höher. Das Vertrauen, das die Gesellschaft den Wissenschaftlern
entgegenbringt, ist natürlich sehr eng mit ihrem Ansehen verbunden. Sie
müssen durch ihr Auftreten, durch ihr Wirken in der Öffentlichkeit dafür
sorgen, daß es wieder einen entsprechenden Stellenwert erreicht.
Der Physiker Siegfried Großmann äußerte kürzlich: "Weniger planen und
evaluieren, mehr tun lassen³. Man kann hinzufügen: Weniger reformieren,
statt dessen die Begeisterung an Wissenschaft fördern - bei den Professoren
und durch diese bei den Studenten. Es wäre zu wünschen, die Politiker
verordneten sich ein Reform-Moratorium und ließen den Wissenschaftlern mehr
Zeit dafür, wofür sie eigentlich angetreten sind: Für die wissenschaftliche
Arbeit in der Forschung und damit eng verbunden für eine auf Wissenschaft
basierende und wissenschaftliches Ethos vermittelnde Lehre.
Gekürzte Fassung eines Vortrages, der auf dem 32. Bildungspolitischen Forum
des Bundes Freiheit der Wissenschaft in Berlin am 30. November 2001 gehalten
wurde.
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