Winfried Göpfert, Univ.-Professor, Wissenschaftsjournalismus, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin

Hans Peter Peters, Dr. rer. soc., Projektleiter in der Programmgruppe Mensch, Umwelt, Technik des Forschungszentrums Jülich Author

Wer kontrolliert, was in die Presse kommt?

Wissenschaftler und Journalisten - ein spannungsreiches Verhältnis

Worin unterscheiden sich wissenschaftsinterne Kommunikation und Journalismus? Welche Erwartungen und Interessen stellen Wissenschaftler und Journalisten an wissenschaftliche Berichterstattung? Wie kann eventuelles Konfliktpotential umgangen werden?

Wissenschaftler publizieren ihre Forschungsergebnisse regelmäßig in Fachzeitschriften. Das ist für sie ein selbstverständlicher und wichtiger Teil ihrer Tätigkeit. Ebenfalls gehört die Kommunikation mit Studenten im Rahmen der Lehre zu ihren Aufgaben. Es mag daher nicht überraschen, wenn die Forscher selbstbewußt sind, wenn es um die Kommunikation mit der Öffentlichkeit geht. Aus Befragungen von Wissenschaftlern geht hervor, daß über 90 Prozent glauben, selbst einen Artikel über das eigene Fachgebiet für eine Tageszeitung schreiben zu können. Viele betrachten die Wissen-schaftsberichterstattung in den Massenmedien als "Lehre im weiteren Sinne³.

Offenbar betrachten viele Wissenschaftler die massenmedial vermittelte Kommunikation mit der Öffentlichkeit als eine triviale Variante ihrer gewohnten wissenschaftlichen Publikations- und Lehrtätigkeit. Entsprechend versuchen sie, die Regeln und Kriterien wissenschaftsinterner Kommunikation auf den Kontakt mit der Öffentlichkeit anzuwenden. Dabei kollidieren sie allerdings mit den Regeln und Gepflogenheiten des Journalismus, die in vielerlei Hinsicht von denen wissenschaftsinterner Kommunikation abweichen. Spannungen, Konflikte und Frustrationen bleiben daher (auf beiden Seiten) nicht aus.

Divergierende Erwartungen

Worin unterscheiden sich nun wissenschaftsinterne Kommunikation und Journalismus? Unterschiede gibt es beispielsweise hinsichtlich der erwarteten Genauigkeit der Berichterstattung, der Kontrolle über die Inhalte, der Auswahl der Themen und der Formen der Darstellung.

Wissenschaftler kritisieren an der Medienberichterstattung häufig tatsächliche oder angebliche Fehler. Argumentationshilfe erhalten sie von der "Accuracy³-Forschung, die in zahlreichen Studien gezeigt hat, daß die Medienberichterstattung über Wissenschaft ­ gemessen an wissenschaftlichen Kriterien ­ fehlerhaft und ungenau ist.

Selbstverständlich ist vom Journalismus zu fordern, daß die Beiträge keine sachlichen Fehler enthalten. Oftmals ist Kritik in diesem Bereich völlig berechtigt. In manchen Fällen dürfte die Kritik allerdings auch auf unrealistische und ­ im Hinblick auf die Zielgruppe der Laien ­ irrelevante Genauigkeitsansprüche der Wissenschaftler zurückzuführen sein. Jedenfalls haben Wissenschaftler und Journalisten oft unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie der angemessene Kompromiß zwischen Genauigkeit und Vereinfachung aussehen sollte.

Auswahl und Darstellung wissenschaftlicher Themen im Journalismus orientieren sich nicht in erster Linie an den Relevanzkriterien der Wissenschaftler, sondern am antizipierten Interesse des Medienpublikums. Dieses ist freilich auch den Journalisten nur ungefähr bekannt. Aber im Laufe der Zeit haben sich doch einige Kriterien für die Selektion und Darstellung herausgebildet. Von der Kommunikationsforschung werden sie als "Nachrichtenwerte³ bezeichnet: Aktualität, Wertbezug, Emotionalisierung, Prominenz, Zurechenbarkeit zu einem aktuellen Thema, Konflikthaftigkeit, räumliche Nähe und Betroffenheit.

Diese Kriterien bewirken beispielsweise, daß manche ­ aus Sicht der Wissenschaftler wichtige Themen ­ es schwer haben, in die Medien zu kommen. Eine Frustration für die betroffenen Wissenschaftler, die "ihren³ Forschungsbereich öffentlich präsentieren wollen. Diese Kriterien bewirken aber auch, daß die Schwerpunkte bei der journalistischen Darstellung der Themen völlig anders als in der Wissenschaft selbst gesetzt werden. Ein für Wissenschaftler peripheres Ergebnis oder ein Detail des Forschungsprozesses wird unter Umständen zum Aufhänger eines journalistischen Beitrags. Schwierige Einzelfragen, an denen Forscher vielleicht monatelang gearbeitet haben, werden dagegen völlig vernachlässigt. Überdies legen es die journalistischen Kriterien nahe, Querverbindungen zum Alltag und zur Politik zu akzentuieren. Informationen aus der Wissenschaft werden in einen anderen Kontext übertragen und erhalten dort eine neue ­ für den Wissenschaftler manchmal überraschende ­ Bedeutung.

Schließlich unterscheiden sich die Kommunikationsnormen in der Wissenschaft von denen des Journalismus. Die erste Pflicht aller Journalisten ist es, ein Publikum für ihre Beiträge zu gewinnen und zu fesseln. Dazu setzen sie ­ je nach Medium mehr oder weniger subtil ­ aufmerksamkeitssteigernde Mittel ein: prägnante Formulierungen, Dramatisierungen, Sensationalisierung, Provokationen, optische und akustische Effekte, Gefahrensignale und erotische Signale. Der Zuschauer oder Leser muß bei der Stange gehalten werden; das Konkurrenzprogramm ist nur einen Knopfdruck entfernt. Diese Form der Darstellung kollidiert mit dem nüchtern-sachlichen Stil, der in der Wissenschaft gepflegt wird.

Schreiben und Gegenlesen

Wer ist eigentlich der Autor eines wissenschaftsjournalistischen Beitrags ­ der Wissenschaftler oder der Journalist? Eine scheinbar einfache Frage mit einer klaren Antwort: der Journalist natürlich. Trotzdem beanspruchen ­ bewußt oder unbewußt ­ Wissenschaftler oft Autorenrechte und geben sich nicht mit der Rolle einer "Informationsquelle³ und eines "Objekts der Berichterstattung³ zufrieden. Wissenschaftler erwarten beispielsweise häufig von Journalisten, daß die ihnen den fertigen Beitrag vor der Veröffentlichung noch einmal zum "Gegenlesen³ vorlegen ­ ähnlich wie sie es von wissenschaftlichen Zeitschriften gewohnt sind. In einer Befragung von Wissenschaftlern und Journalisten zum gegenseitigen Verhältnis gab es bei keinem anderen Punkt so deutliche Diskrepanzen.

Dieses Ergebnis zeigt, daß es zwischen Wissenschaftlern und Journalisten einen latenten Konflikt um die Kontrolle über den Kommunikationsprozeß gibt. Interviewte Wissenschaftler sehen sich tendenziell als Autoren (mit den damit verbundenen Rechten) und die Journalisten als ihre Sprachrohre bzw. Übersetzer. Dagegen verstehen sich Journalisten als (manchmal wohlwollende, manchmal kritische) Beobachter, die ihren Beobachtungsobjekten kein Mitspracherecht an den "Beobachtungsprotokollen³ einräumen wollen. Insofern unterscheiden sich Wissenschaftler auch nicht von anderen "Objekten³ der Berichterstattung, wie Politiker, Sportler oder Künstler, denen auch kein Mitspracherecht an der (kritischen) Berichterstattung eingeräumt wird.

Virulent wird dieser Konflikt vor allem dann, wenn Wissenschaftler selbst klare Kommuni-kationsziele verfolgen (z.B. Beeinflussung von Geldgebern, Warnung vor dem Klimawandel, Forderung nach Freigabe der Stammzellen-Forschung), die Journalisten diesen Zielen aber indifferent bis skeptisch gegenüber stehen. In diesen Fällen sind die Kontakte zwischen Wissenschaftlern und Journalisten von Interessenkonflikten und den damit zusammenhängenden Machtfragen geprägt.

Verhältnis von Wissenschaft und Journalismus besser als sein Ruf Die unterschiedlichen Erwartungen und eventuelle Interessenkonflikte belasten die Kontakte zwischen Wissenschaftlern und Journalisten und führen zu Spannungen. Es ist deshalb fast erstaunlich, daß es zahlreiche Beispiele von völlig unproblematischen Kontakten oder sogar von gelungenen Kooperationen gibt. Mehr noch: wie Befragungen verschiedener Wissenschaftlergruppen zeigen, werden die allgemeinen Erfahrungen mit Journalisten nur selten als völlig negativ eingeschätzt. Möglicherweise werden negative Erlebnisse von Wissenschaftlern stärker generalisiert und kolportiert als positive Erfahrungen. Bezogen auf konkrete Kontakte geben jedenfalls mehr als zwei Drittel der befragten Wissenschaftler an, daß sie "im wesentlichen zufrieden³ mit der Wiedergabe ihrer Äußerungen waren.

Die Zufriedenheit steigt im übrigen, wenn an der Zusammenarbeit ausgewiesene Wissenschaftsjournalisten beteiligt waren. Ein wichtiger Faktor scheint also die Qualifikation der Journalisten für das besondere Berichterstattungsfeld "Wissenschaft³ zu sein. Durch verbesserte Ausbildung von Journalisten lassen sich also die genannten Barrieren und Probleme in der Zusammenarbeit abmildern.

Andererseits könnten die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Journalismus auch besser sein, wenn mehr Wissenschaftler wissen und akzeptieren würden, daß der Journalismus aus gutem Grund nach anderen Regeln arbeitet als die wissenschaftsinterne Kommunikation. Für Wissenschaftler heißt das, daß es sich lohnt, Kompetenz für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit anzueignen. Gelegenheit dazu besteht beispielsweise in den Medientrainings, die regelmäßig von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Forschungszentrum Jülich sowie anderen Institutionen angeboten werden.

Literaturhinweise zu den im Beitrag erwähnten Befragungen von Wissenschaftlern und Journalisten sind auf Anfrage von den Autoren erhältlich. Web-Seiten zum Thema:

http://www.wissenschaftsjournalismus.de
www.fz-juelich.de/mut/medien


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