| REZENSION
Pralles Universitätsleben Carl-W. Voss, Der Karpfenteich, Books on Demand GmbH, Norderstedt 2001, 310 Seiten, 20,35 Euro. "Si non è véro, è molto ben trovato² oder, um es in Anlehnung an Giordano Bruno noch etwas genauer zu formulieren: "Was nicht wahr ist, ist jedenfalls gut erfunden³. Ein größeres Kompliment kann man dem Verfasser eines echten deutschen Campus-Romans es gibt sie auch jenseits von Schwanitz kaum machen: Am Beispiel der imaginären Universität Altenfurt irgendwo zwischen Göttingen und Münster situiert und mit Hilfe einiger archetypischer Figuren greift der pseudonyme Verfasser mitten hinein ins volle, ja pralle Universitätsleben. Da wird gesoffen, geliebt, gekämpft und intrigiert, daß es eine wahre Pracht ist, wie man es aber glücklicherweise nicht ständig in dieser Zuspitzung aus mancher Alltagssituation heraus kennt. Die zum Teil sehr eingehend und durchgehend äußerst fachkundig geschilderten Details weisen den Autor ebenso als einen Mann mit weit überdurchschnittlicher Lebenserfahrung und intimer Kenntnis der scientific community auf allen Ebenen aus wie die Charakterisierung der handelnden Personen. Sei es das Dekanat einer Juristischen Fakultät, sei es die Hochschulleitung oder sei es die Studentenvertretung, man unterliegt als Leser nie der Versuchung, die Möglichkeit des Beschriebenen anzuzweifeln. Oder um es mit Christian Graf von Krockow vornehmer auszudrücken: Die literarische Qualität kommt nicht von ungefähr, weil die Sachaussagen stimmen. Mit dieser Art der Realsatire (das Augenzwinkern im Hintergrund ist "zwischen den Zeilen³ hindurch zu sehen) bewegt sich der Autor nicht nur auf dem Niveau der zu Recht sehr geschätzten angelsächsischen Campus-Romane, er zeigt auch, daß er mit David Lodge, Malcolm Bradbury oder Amanda Cross um nur einige zu nennen in Spannung und Darstellungskraft mithalten kann. Darüber hinaus lenkt der Autor mit diesem Beitrag zum leider ganz zu Unrecht im Verborgenen blühenden Genre des deutschen Universitätsromans aber auch die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die Universität als eine ihrer wichtigen Institutionen. Er tut damit für die von ihm spürbar geschätzte Einrichtung vielleicht mehr als manche wissenschafts- oder hochschulrechtliche Abhandlung: es wird manchmal sehr deutlich, daß die Universität ein Teil unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit ist, der keinen anderen Regeln folgt, ja folgen kann, als ihre anderen großen Organisationen auch. Insgesamt eine ebenso spannend wie flüssig geschriebene Urlaubs- oder Nachtlektüre, die einen vor der letzten Seite nicht losläßt und die man jedem Leser, der sich für "das Wesen Universität³ interessiert oder mit einer solchen als Professor, Mitarbeiter, Student oder Administrator zu tun hat, nur wärmstens empfehlen kann. Vielleicht finden die spannenden Vorkommnisse in Altenfurt ja auch eine Fortsetzung? Man würde es sich wünschen. Thomas A. H. Schöck, Kanzler der Universität Erlangen-Nürnberg, Sprecher der Kanzlerinnen und Kanzler der deutschen UniversitätenKarrierewege in der Wissenschaft Steffani Engler, "In Einsamkeit und Freiheit³? Zur Konstruktion der wissenschaftlichen Persönlichkeit auf dem Weg zur Professur. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001, 488 Seiten, 39, 00 Euro. Wird man als Wissenschaftler "geboren³ oder dazu "gemacht³? Welche Prozesse der Anerkennung und Zuschreibung laufen vor der Berufung auf eine Professur ab? Um solche Fragen zu beantworten, befragte die Darmstädter Soziologin Steffani Engler insgesamt 15 Vertreter der Soziologie, Erziehungswissenschaft, Elektrotechnik und Maschinenbau. Die daraus entstandene Arbeit dokumentiert, was sechs Personen, davon zwei Frauen und vier Soziologen, auf die Frage antworteten: "Wie kam es, daß Sie die Hochschullehrerlaufbahn einschlugen?³ Nach 277 Seiten, auf denen diese narrativen Interviews ausführlich dokumentiert werden, liest man: "Wissenschaftliche Karrieren sind schwierig und hindernisreich.³(443) Damit landet man dort, wohin einen die Autorin schon einleitend schicken wollte. Ihr Ziel ist die Dekonstruktion der Prämisse: "Die wissenschaftliche Persönlichkeit spielt eine große Rolle in der Wissenschaft.³ (14) Sie dagegen will uns zeigen, daß man in einem sozialen Gefüge zum Wissenschaftler "gemacht³ wird. Zur Aufdeckung dieser Konstruktionsmechanismen kündigt sie an, auf zwei Kategorien näher einzugehen, von denen sie zu Recht sagt, daß sie "zentrale soziologische Kategorien³ seien, die soziale Herkunft und das Geschlecht der Menschen. Beide Ankündigungen werden von ihr nicht eingelöst. Sie gelangt insgesamt nicht über die triviale Feststellung hinaus: "nicht die eigentliche wissenschaftliche Arbeit und Leistung führt zum Erfolg, sondern die in sozialen Prozessen anerkannte und zugeschriebene Leistung durch andere WissenschaftlerInnen.³ (447) Daß wissenschaftliche Reputation, Erfolg oder Scheitern, Ergebnisse komplexer Konstruktionsarbeit sind, die "entsprechend den Erfordernissen des Feldes immer wieder neu und vielfältig entworfen und hergestellt wird, aber auch verändert werden kann³ (463), findet sich auf der vorletzten Seite. Was jedoch genau diese Erfordernisse des Feldes sind und was die Regeln des Konstruktionsspiels sind, erfahren wir in diesem Buch nicht. Offene Fragen Die künftige wissenschaftssoziologische Forschung, die sich solchen Themen zuwendet, müßte empirisch gesicherte Antworten auf folgende Fragen bieten: Welchen Stellenwert hat die soziale Herkunft von Aspiranten auf eine wissenschaftliche Karriere? Welche Bedeutung hat das Vorhandensein oder Fehlen akademischer Patronage? Welchen Stellenwert hat die Zugehörigkeit zum weiblichen oder männlichen Geschlecht? Wie stellt sich heute Reputation her? Wie vollziehen sich Zuschreibungsprozesse von Originalität, Kreativität, Innovation? Welche wissenschaftlichen Leistungen, differenziert nach Themengebieten, Publikationen, Lehrerfahrungen, Kongreßpartizipation, Projektakquisition, mediale Präsens, etc. etc. werden heute von wem in welchen Kontexten wie definiert? Dies zu sammeln und zu systematisieren wäre eine spannende Aufgabe, zu der uns die Arbeit von Steffani Engler eine anregende Vorgabe geliefert hat. Univ.-Professor Dr. Dirk Kaesler, Philipps-Universität MarburgBücher über Wissenschaft Rainer Brödel / Horst Siebert (Hg.), Ansichten zur Lerngesellschaft, Schneider Verlag, Hohengehren 2003, 284 Seiten, 20,- Euro. Asit Datta / Gregor Lang-Wojtasik (Hg.), Bildung zur Eigenständigkeit. Vergessene reformpädagogische Ansätze aus vier Kontinenten, IKO Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 304 Seiten, 24,80 Euro. Norbert Elsner / Hans-Ludwig Schreiber (Hg.), Was ist der Mensch? Wallstein Verlag, Göttingen 2002, 303 Seiten, 19,- Euro. Dietrich v. Engelhardt / Jürgen Nolte (Hg.), Von Freiheit und Verantwortung in der Forschung. Symposium zum 150. Todestag von Lorenz Oken, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2002, 296 Seiten, 44,- Euro. Klaus Götz (Hg.), Bildungsarbeit der Zukunft, Rainer Hampp Verlag, Mering 2002, 310 Seiten, 29,80 Euro. Torsten Pätzold, Die kritische deutsche Rechtschreibung, House of the Poets, Paderborn 2002, 83 Seiten, 8,90 Euro. Manfred Popp / Christina Stahlberg (Hg.), Wissenschaft und Wirtschaft im Wandel. Brauchen wir neue Partnerschaften? Hirzel Verlag, Stuttgart 2002, 84 Seiten, 18,- Euro. Stefan Rebenich, Theodor Mommsen. Eine Biographie, C. H. Beck Verlag, München 2002, 272 Seiten, 26,90 Euro. Rudolf Weber-Fas, Staatsdenker der Moderne. Klassikertexte von Machiavelli bis Max Weber, UTB, Stuttgart 2003, 367 Seiten, 16,90 Euro. Ulrich Welbers (Hg.), Hochschuldidaktische Aus- und Weiterbildung. Grundlagen - Handlungsformen - Kooperationen, W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld, 404 Seiten, 29,90 Euro. Gerhard Willke, John Maynard Keynes, Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2002, 184 Seiten, 12,90 Euro. © Forschung & Lehre 2003 |
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