Realität und Visionen

Fragen an den Geschäftsführer der IBM Deutschland
 
 

Erwin Staudt, Vorsitzender der Geschäftsführung der IBM Deutschland GmbH


Forschung & Lehre: Herr Staudt, das Internet hat die Kommunikation rasant und in kurzer Zeit verändert. Welche  konkreten Entwicklungen erwarten Sie für die Zukunft? Wie werden wir in 10 und in 20 Jahren kommunizieren?

Erwin Staudt: Das Internet verkürzt Kommunikationswege und erleichtert den Zugang zu Informationen aller Art. Beschleunigter Austausch von Informationen und eine größere Transparenz sind die Folge. Bei allen Beteiligten ist daher verstärkt die Fähigkeit gefordert, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Das Internet bietet vielfältige Vorteile und ist heute bereits nicht mehr wegzudenken. Das persönliche Gespräch wird es aber auch in Zukunft niemals vollständig ersetzen. 

Ist der Mensch angesichts der per Netz erschließbaren Kommunikationsvielfalt zum „Flaschenhals der Wissensgesellschaft“ (Norbert Bolz) geworden?

Tatsächlich sieht sich der moderne Mensch mit einer Informationsflut und einer Vielzahl unterschiedlicher Kommunikationswege konfrontiert. Das Internet erlaubt zwar das Übermitteln einer Nachricht binnen weniger Minuten oder gar Sekunden und bietet einen unerschöpfbaren Pool an Informationen. Das bedeutet jedoch nicht, daß der Mensch all diese Informationen auch ebenso schnell verarbeiten könnte. Deshalb ist konsequentes Priorisieren  zunehmend unabdingbar. Dazu gehört auch, die eigenen Grenzen der Aufnahmefähigkeit zu erkennen und Verständnis für Kapazitätsengpässe anderer zu haben. Nur so kann sichergestellt werden, daß der Informationsfluß dem Menschen dient und nicht umgekehrt. Statt sich zu überlegen, ob der Mensch durch seine begrenzte Aufnahmefähigkeit zum „Flaschenhals der Wissensgesellschaft“ wird, muß man sich vielmehr fragen, wie dieser Informationsfluß gesteuert werden kann, daß der Mensch ihn sinnvoll nutzen kann.  Es gibt im Bereich „Business Intelligence“ heute bereits Anwendungen, die dabei helfen, die jeweils relevanten Informationen herauszufiltern. 

Was ist der Unterschied zwischen Information und Wissen?

Bei Information handelt es sich um Daten, die mittels Wissen in einen Kontext gestellt werden. Nur wenn Informationserzeuger und Nutzer ein gemeinsames Verständnis vom Kontext haben, hat Information einen Wert. Eine Straßenkarte wird uns z.B. nur dann den Weg von der Universität zum Bahnhof weisen, wenn wir - ebenso wie der Hersteller des Plans - wissen, wie ein so bedrucktes Papier zu interpretieren ist. Information wird mit Mitteln moderner Informationsverarbeitung u.a. durch das Internet immer leichter verteilbar und z.B. mit „Suchmaschinen“ immer leichter zu finden. Wissen tritt - ähnlich wie H20 als Wasser und Dampf - in zwei Formen auf. Es gibt das relativ statische, explizit vorhandene, dokumentierte Wissen, das man z.B. im Internet, in Datenbanken, E-Mails und Büchern findet und entsprechend managen kann. Und dann gibt es das im Vergleich flüchtigere Wissen, das jeder Mensch als angelerntes Wissen oder Erfahrungswissen, Intuition usw. mit sich herumträgt. Dieses ist anpassungsfähiger und flexibler. Damit ist diese Form des Wissens fast immer Basis extrem wichtiger Entscheidungen, bei denen oft nicht die Zeit bleibt, explizites Wissen zu sammeln. Das gezielte Management solchen Wissens, das lange zu wenig Beachtung fand, bietet ein Potential für den Erfolg von Unternehmen. Wissensmanagement als neue Managementphilosophie schafft das notwendige Gleichgewicht zwischen beiden Formen von Wissen. Es bringt das stark expandierende, elektronisch ablaufende Informationsmanagement einerseits und den Menschen andererseits in neuen Einklang. 

„Bildung für die Informations- oder Wissensgesellschaft“ - Was erwarten Sie von den Universitäten?

Die Computertechnologie hat in den letzten Jahren die Arbeit in der Geschäftswelt völlig verändert. In die Universitätsumgebung hat sie noch nicht in gleichem Umfang Einzug gehalten, obwohl sie auch hier maßgebliche Vorteile bringen könnte: Eine interaktive Vermittlung von Basiswissen etwa könnte zur Entlastung des Lehrkörpers hinsichtlich Routine-Vorlesungen führen und damit mehr Zeit für dialogorientierte Tutorien und Seminare schaffen. Der komplexe Wissensstoff ließe sich durch Digitale Bibliotheken und Suchmaschinen gezielter und effizienter aufarbeiten und auswerten. 
 

    Virtuelle Universität?
Wird die Universität der Zukunft eine virtuelle Universität sein?

Die klassische Hochschule wird in einem überschaubaren Zeitraum sicherlich nicht von einer virtuellen abgelöst. Die Lehrangebote, besonders bei der Vermittlung des Grundlagenwissens, werden jedoch zunehmend multimedial aufbereitet und können unabhängig von Ort und Zeit vermittelt werden. Im Bereich „Lifelong Learning“ wird die Fortbildung über das Internet erfolgen. Hier müssen sich die Universitäten der Herausforderung stellen, damit dieser wichtige Bereich, der in absehbarer Zeit umfangreicher als die Erstgraduierung sein wird, nicht an ihnen vorbeigeht. 

Wann entdeckt die Industrie den Markt für bedienungsfreundliche, „narrensichere“ Computerprogramme, die nicht abstürzen können? 

Solche Systeme sind im Unternehmensumfeld heute bereits im Einsatz. Relationale Datenbankmanagementsysteme wie DB2 oder auch Transaktionssysteme wie CICS arbeiten schon aus Kostengründen oft über Jahre ohne Ausfallzeiten. Der Trend geht dahin, solche Systeme in Applikationsservern einzusetzen, die auf offenen Standards aufbauen. Das ermöglicht den Einsatz systemübergreifender Benutzerschnittstellen, die laufend weiterentwickelt und nur einmal erlernt werden müssen. Der Privatanwender kommt durch Pervasive Computing auf dieses technische Niveau. Er arbeitet mit unkomplizierten Endgeräten und bezieht die „Intelligenz“ über das Netz. Seine Computerprobleme löst ein entfernter Systemadministrator sozusagen per Fernbedienung. 
 
 

    Ende der PC-Ära
Welche Entwicklung wird die Hardware nehmen?

Zunächst können wir davon ausgehen, daß die Hardware der Zukunft kleiner, leichter, schneller und leistungsfähiger sein wird - bei sinkenden Kosten. Das ist ein anhaltender Trend. Nehmen Sie die CMOS-Chiptechnologie, ein Gebiet, in dem gerade das IBM Labor in Böblingen entscheidende Beiträge zum Fortschritt geleistet hat: Hier ist auch in Zukunft jährlich mit Leistungssteigerungen bis zu 60 Prozent zu rechnen. Neue Fertigungstechnologien wie der Einsatz von Kupfer und Silicon-on-Insulator machen schon heute erste Chips preiswerter und schneller. In Sichtweite ist ja auch schon der Gigahertz-Chip. Wir können davon ausgehen, daß durch die im Verhältnis zur Leistung rapide sinkenden Kosten und damit auch Marktpreise eine Vielzahl neuer, rechenintensiver Anwendungen zum Einsatz kommt. 

Ein weiterer wichtiger Trend ist die Renaissance großer Server oder  Mainframes durch die Konsolidierung zahlreicher kleinerer Rechner in Unternehmen. Hier liegen enorme Einsparpotentiale durch das  Vereinfachen der  Unternehmens-IT. Weniger  anfällige Netz- und Serverkonzepte heißt auch weniger Computerausfälle und mehr Sicherheit - zwei Top-Anforderungen in der Welt des e-Business. 

Eine wichtige Entwicklung geht hin zu schnelleren Netzverbindungen. Telekommunikation und IT rücken immer näher zusammen.  Das heißt, die Intelligenz  und  Rechenpower geht ins Netz. Ähnlich wie beim Telefon sind daher  einfache und kleinere Endgeräte zu erwarten, denen am anderen Ende starke zentrale Server gegenüberstehen. Beispiel im Internet sind etwa die großen „Portale“ oder Suchmaschinen  mit ihrem enormen Aufkommen an Anfragen und Transaktionen. 

Sie werden auch enorme Entwicklungen bei der Miniaturisierung erleben - und im „Pervasive Computing“: Das bedeutet, die Hardware verschmilzt mit anderen Geräten oder Kategorien - denken Sie an Auto, Kleidung, Kreditkarte, Brille - fast jeder Lebensbereich wird zu einem potentiellen Einsatzgebiet der IT für spezifische Anwendungen und Datenübertragungen. Das Ergebnis ist ein höheres Maß an Komfort, Sicherheit und Schnelligkeit. 

Zu guter Letzt fällt mir noch das Thema „Deep Computing“ ein - bisher nicht genügend erschlossene,  rechenintensive Bereiche werden besser beherrschbar, da die enorme Rechenpower neue Einsatzgebiete möglich macht. Denken Sie an mögliche Verbesserungen bei Klimasimulationen, Sturmvorhersagen, Krebsforschung und 3-D-Animationen in bisher nicht gekannter Qualität. 

Welcher Trend wird sich nicht fortsetzen? Ich halte ein  Ende der PC-Ära für wahrscheinlich: Im professionellen wie im privaten Bereich sind diese Geräte für eine Mehrheit zu teuer, zu komplex und zu folgekostenlastig. Das Stichwort heißt hier „Total cost of ownership“ oder Wirtschaftlichkeit der Informationsverarbeitung. Aus diesem Grund werden auch aufgabenspezifisch optimierte Rechner immer im Markt  bleiben, aber bei hohem Maß an Interoperabilität und Vernetzung. 

Welche Entwicklung wird die Software nehmen?

Software ist zunächst einmal die Schnittstelle zwischen Mensch und Computer. Um diesen Dialog zu intensivieren, muß die Software der Zukunft der Maschine beibringen, besser auf typisch menschliche Kommunikationsformen zu reagieren, so beispielsweise auf Sprache. Software ist aber auch die Grundlage für Computervernetzung. Um Netzwerke effizient und flexibel zum Einsatz zu bringen, muß moderne Software für den Anwender universelle Zugänge eröffnen und auf einheitlichen Standards aufbauen. Anwender werden über universelle Zugänge via Handy, TV oder Palmtops online verbunden sein und von zentralen Server-Diensten profitieren. Offene Standards sind die Voraussetzung, um unterschiedliche Plattformen in Unternehmen miteinander zu verbinden. Damit erlaubt moderne Software nicht nur, Informationen im Unternehmen besser zu nutzen, also Business Intelligence, sondern auch Transaktionen über Intranets, Extranets und das Internet, also e-Business. 

Welche Sicherheitsrisiken stehen hinter der Allgegenwart der Computer in unserer Welt? Was wäre der „größte anzunehmende Unfall“?

Bei Umfragen zu Sicherheitsrisiken stehen Fragen des Urheberrechts, des Datenschutzes und der Bezahlungssicherheit gewöhnlich an erster Stelle. Durch Regelungen wie etwa das Gesetz über die digitale Signatur wurde ein erster Rahmen für das rechtsverbindliche Zustandekommen online geschlossener Verträge geschaffen. Neue Sicherheitstechnologien wie „Firewalls“ oder das „Secure Electronic Transaction“ Protokoll tun ihr übriges, um das Internet zu einer „vertrauenswürdigen“ Zone zu machen. Die größte Gefahr ergibt sich aus meiner Sicht nicht aus der Nutzung neuer Technologien. Im Gegenteil: die größte Gefahr besteht darin, die neuen Möglichkeiten aus Angst nicht zu nutzen und sich damit einen Wettbewerbsnachteil einzuhandeln. Viele lebensrettenden Medikamente sind - falsch angewendet - schädlich. Deshalb können wir uns aber dennoch nicht leisten, sie aus falscher Vorsicht heraus nicht mehr herzustellen. Wir können nur versuchen, die Risiken zu minimieren. Mit der Allgegenwart des Computers verhält es sich ähnlich. 
 

    Jahr2000-Problem
Was halten Sie von der „Millenium-Falle“?

Zunächst möchte ich die Jahr2000-Herausforderung nicht als „Falle“ bezeichnen, denn eine Falle wird bewußt aufgestellt. Die Jahr2000-Herausforderung dagegen hat sich im Laufe der Zeit aus der gängigen Programmierpraxis ergeben, zweistellige statt vierstellige Datumsfelder zu benützen, um den damals so kostbaren Speicherplatz zu sparen. Wir haben unsere Kunden bereits 1996 auf die sich abzeichnende Herausforderung hingewiesen und konnten im Laufe der Jahre erhebliche Fortschritte verzeichnen. Die IT-Industrie hat jedoch in ihrer Geschichte noch nie ein Projekt von solch weltumspannender Größe, Komplexität und umfassender Größe erlebt. Da die EDV heute elementarer Bestandteil unseres Geschäftslebens ist und viele Geschäftsprozesse von ihr abhängig sind, handelt es sich bei diesem Problem nicht um ein isoliertes IT Problem, sondern um eine strategische, unternehmerische Herausforderung. Wichtig ist außerdem, die Zuliefererkette von Unternehmen zu betrachten: Der Ausfall eines Zulieferers aufgrund eines Jahr2000-Problems kann erhebliche Auswirkungen auf die Produktionsfähigkeit von Unternehmen haben und zu Produktionsstillständen führen.  Während sich große Konzerne bereits früh des Problems angenommen haben, besteht heute im mittelständischen Umfeld immer noch erheblicher Nachholbedarf. In jedem Jahr2000-Projekt wird bisher sichtbar, daß mit Fortschreiten des Projekts immer mehr Probleme auftauchen, die gelöst werden müssen. Man muß daher jedem Unternehmen, das sich noch nicht mit der Frage beschäftigt hat, dringend empfehlen, sofort mit dem Jahr2000-Projekt zu beginnen und es aufgrund der möglichen unternehmerischen Auswirkungen zur „Chefsache“ zu erklären. 

Glauben Sie an eine Renaissance des Datenschutzes?

Das Wort „Renaissance“ würde implizieren, daß es in der Vergangenheit eine „Blütezeit des Datenschutzes“ mit anschließender und noch andauernder „Vernachlässigung“ gegeben habe. Nur dann könnte man von einer Erneuerung oder Wiedergeburt sprechen. Eine derartige Vernachlässigung des Datenschutzes hat es nach meiner Einschätzung in der Vergangenheit jedoch noch nicht gegeben. Für die IBM Deutschland GmbH kann ich sagen, daß das Anliegen des Datenschutzes kontinuierlich weiterentwickelt wurde - ausgerichtet sowohl an neuen Anwendungen, Techniken und Gesetzen als auch an dem wachsenden Interesse der Nutzer. Aus meiner Sicht ist das Vertrauen der Nutzer in den Schutz ihrer Privatsphäre bei der Nutzung der neuen Medien eine der wichtigen Voraussetzungen für die Akzeptanz und damit für die ungestörte Entwicklung neuer Technologien. Dieses Vertrauen darf nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Es ist daher auch künftig unsere Aufgabe, dieses Vertrauen durch entsprechende Maßnahmen weiter zu stärken und auszubauen. 

Gibt es ein Leben nach dem Computer?

Meiner Ansicht nach wird es ein Leben ohne Computer nicht mehr geben, wohl aber ein „Leben nach dem Computer“. Gemeint ist damit die sich gegenwärtig vollziehende Verlagerung vom multifunktionalen PC hin zur Rechnerleistung,  die unseren Alltag durchdringen und begleiten wird. „Pervasive Computing“ steht für eine weitreichende Diversifizierung, Spezialisierung und extreme Miniaturisierung intelligenter Bausteine, die eine eigenständige Rolle jenseits der klassischen Informationsverarbeitung übernehmen. Schon bald werden in eine Mehrzahl unserer Geräte diese kleinen intelligenten Recheneinheiten integriert sein. Dann wird es etwa möglich sein, sich vom Kühlschrank erzählen zu lassen, was er noch zum Frühstück zu bieten hat. Jenseits dieser eher spielerischen Vision gibt es bereits heute erfolgreiche Anwendungen in diesem Bereich: Mit Hilfe biometrischer Verfahren, beispielsweise des Fingerabdrucks, öffnen sich Tore oder lassen sich Geldtransaktionen verifizieren. Keine Vision mehr, sondern bereits Realität sind auch Getränkeautomaten, die via Internet überwacht und gesteuert werden, kabellose Ferndiagnose und Überwachungssysteme für Maschinen und Motoren sowie Bildtelefone mit Internetzugang. Pervasive Computing ist dabei, unsere Lebens- und Arbeitswelt zu durchdringen. Es wird uns helfen, den privaten wie beruflichen Alltag angenehmer und effizienter zu gestalten - jedoch immer nur so weit, wie wir es selbst zulassen. 
 

Forschung & Lehre 1999