Bis in den Alltag hinein

Wie der technische Fortschritt die Gesellschaft verändert
 

Ansgar Weymann, Dr. phil.  Univ.-Professor, Soziologie, Universität Bremen
 



 
 
 

    Modernisierung, Generationen und Generationsverhältnisse
Seit Humanismus, Renaissance und Aufklärung definiert sich die europäische Gesellschaft als modern in bewußter Differenzsetzung zur mittelalterlichen, religiös-feudalen Gesellschaft. Der Fortschritt ist rational begründet, planbar, machbar, eine Aufgabe von Vernunft und Wissenschaft. Die nationalstaatliche Entwicklung vor allem Frankreichs, Englands und der USA lieferte das Muster für die Realisierung des zukunftsoptimistischen Entwurfs der politischen, sozialen, wirtschaftlichen Modernisierung europäischer Gesellschaften durch Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft, Massenkonsum und Wohlfahrtsstaat. Je schneller und umfassender die Modernisierung durch fortgesetzten, gewollten Fortschritt sich durchsetzte, desto größer wurde die Distanz zwischen Vergangenheit und Zukunft. Aus der Gegenwart und insbesondere der alltäglichen Lebenswelt läßt sich auf die Zukunft nicht mehr schließen. Die wachsende Distanz zwischen Vergangenheit und Zukunft hat Konsequenzen für das Verhältnis der Generationen zueinander. Die Ratgeberkompetenz der Alten aus kumulierter Erfahrung (Weisheit) schwindet, die Zukunftswelt ist Sache der jeweils aktuell geschulten Jungen. Als Folge kehren sich die Kompetenzverhältnisse zwischen den Generationen um. 

Das Thema Generationen spiegelt den Versuch wider, die historische Zeit sozialer Gemeinschaften und die individuelle Lebenszeit in Beziehung zu setzen. Das Individuum tritt in die Geschichte einer Familie, einer Orts- oder Religionsgemeinschaft ein und findet darin seinen Platz. In modernen Fassungen überschreitet der Generationsbegriff jedoch diesen engen gemeinschaftlichen Bereich. Unterschiedliche historische Zeiten bieten differierende Lebensbedingungen für aufeinanderfolgende Generationen, die mit der Entwicklung eines jeweils historisch unterschiedlich geprägten Generationsbewußtseins einhergehen. Personal geprägte familiäre Generationsbeziehungen werden um strukturell bedingte gesellschaftliche Generationsverhältnisse ergänzt. Es entstehen die in der Alltagssprache gebräuchlichen Bezeichnungen wie Vorkriegsgeneration, Kriegsgeneration, Trümmerfrauen, 68er, Umweltgeneration oder Generation X. Musterfälle struktureller Generationsverhältnisse sind das unterschiedliche Technikverständnis und Umweltbewußtsein der verschiedenen Generationen, der funktionierende Generationsaustausch bzw. die Blockade des Generationsaustausches auf dem Arbeitsmarkt, die sozialpolitische Solidarität zwischen den Generationen im Generationenvertrag der Alterssicherung oder die allgemeinere Frage nach der Gerechtigkeit gegenüber nachfolgenden Generationen in den guten und schlechten Hinterlassenschaften der gegenwärtigen Gesellschaft. 
 

    Technikgenerationen
Wir leben in einem Jahrhundert, das durch Technisierung bis in den Alltag hinein geprägt ist. Der schnelle technische Fortschritt hat die Lebenswelt der Generationen dieses Jahrhunderts jeweils ganz unterschiedlich beeinflußt. Die in der Jugend gemachten unterschiedlichen Erfahrungen mit technischem Fortschritt werden als Horizont der Auslegung weiterer technischer Innovationen mit durch das Leben genommen. So kommt es zu interessanten Generationskonstellationen in Technikkompetenz und Technikeinschätzung. 

Die erste Welle der Haushaltstechnisierung fand in den zwanziger Jahren statt, als elektrischer Strom in die Haushalte gelegt wurde. Mit ihm verbreiteten sich rasch Licht und Radio im weiterhin von schwerer Handarbeit bestimmten Haushalt. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre erleichtern dann Kühlschrank, Staubsauger und Waschmaschine die Hausarbeit. Große Bedeutung besaßen auch Fernseher und Auto als Massenkonsumgüter. Ein erneuter Innovationssprung erfolgte dann erst wieder in den achtziger Jahren durch PC, Videogerät, CD-Spieler, Mikrowellenherd und Camcorder. Die Technisierung führte zu einer neuen Lebenswelt des Alltags der jeweils jüngeren Generation, die früheren Generationen unbekannt war. 

In kurzen Zeiträumen finden viele technische Haushaltsgeräte eine schnelle Verbreitung, die von bestimmten Altersgruppen getragen wird. Der Zusammenhang von Innovation und Generationen wird dabei vor allem bei neuen Techniken sichtbar. Beim Videorecorder kam es allein während der sechsjährigen Beobachtungszeit 1986 - 1992 zu einem Besitzzuwachs von 26 auf 60 Prozent. Dieses Gerät kauften primär junge Leute bis zweiundzwanzig Jahre, während Personen von über 57 Jahren sich kaum noch zum Kauf entschlossen. Im Falle des Mikrowellenherdes stieg der Besitz sehr schnell von 8 auf insgesamt 47 Prozent an. Und wiederum trugen die jüngeren und mittleren Jahrgänge entscheidend zur anfänglichen Verbreitung dieses neuen Gerätes bei. Beim Computer schließlich erhöhte sich die Zahl der Besitzer im gleichen kurzen Zeitraum von 6 auf 23 Prozent. Auch hier ist die Durchsetzung der Innovation generationsgebunden. 

Qualitative Sprünge der Technikentwicklung werden für Jüngere zum grundlegenden Erfahrungsschatz ihrer ersten Begegnung mit Technik, während Ältere bereits über technisches Hintergrundwissen verfügen, von dem aus sie den technischen Fortschritt wahrnehmen und beurteilen. Technikgenerationen stellen mit ihrer je eigenen Aufschichtung technischer Erfahrung Repräsentanten des Geistes vergangener Technikepochen dar. Sie besitzen ein bestimmtes Verhältnis zum technischen Fortschritt, das in Werthaltungen, Einstellungen, Umgangsweisen mit Technik zum Ausdruck kommt. Technikgenerationen unterscheiden sich u. a. in ihrer Technikkompetenz. Eine generationsabhängige Technikkompetenz läßt sich vor allem für neue und neueste Techniken beobachten - weniger für alte. Die Kompetenz, ein Auto zu fahren, ist fast generationsunabhängig verteilt, traditionelle handwerkliche Kompetenzen können bei Jüngeren sogar geringer ausgeprägt sein als bei Älteren. Sieht man hingegen auf technische Innovationen , in der es um die Kompetenz geht, einen Computer zu bedienen, so wird bei dieser neuen Technik wiederum ganz deutlich, daß sie zunächst eine Domäne der jungen Generation ist. Erst langsam und selten vollständig ziehen im Laufe der Alterung der Innovation die Kompetenzen Älterer nach. 

Die Generationsabhängigkeit von Technikkompetenz macht sich im privaten Haushalt im Zusammenleben der Generationen eher von ihrer komischen Seite bemerkbar. Ganz anders stellt sich das gleiche Phänomen im Berufsleben dar. Daher sind technischer Wandel und Weiterbildung in der Berufsarbeit ein ebenso altes wie stets aktuelles Thema moderner Gesellschaften. Der Einzug des Computers und der neuen Medien ist lediglich ein neuer Schub der fortlaufenden Technisierung von Beruf und Alltag und damit der Entstehung neuer Technikgenerationen. 
 

    Drohung oder Verheißung
Ist die Technik eher Segen oder Fluch, apokalyptische Drohung oder paradiesische Verheißung, Traum oder Trauma? Diese, von Politik, Werbung und sozialen Bewegungen gerne inszenierten Extreme der Technikwahrnehmung und Technikbewertung bestimmen nicht den Alltag der praktischen Technikerfahrung. Der öffentliche Disput ist nicht selten extrem, die Alltagserfahrung ist es nicht. 

In der Vorkriegsgeneration (Geburtsjahrgänge bis 1939) finden sich noch Erinnerungen an das „Wunder der Technik“ in einer bis dahin technikfreien Alltagswelt. Technik steht für das Ende harter körperlicher Arbeit, für Mobilität, Wohnkomfort, Gesundheit, Sicherheit. Zugleich wird sie auch als unnatürlich, unmenschlich, zu innovativ gesehen. Die Nachkriegsgeneration ist von der erfolgreichen Bewältigung des Wiederaufbaus, von ihrer Berufsleistung und vom Meistern der Neuerungen und des Wettbewerbs geprägt. Die Umweltgeneration (Geburtsjahrgänge ab 1964) erlebte eine materiell reiche und lange Jugend, ein volltechnisierter Alltag war selbstverständlich. Alltagstechnik dient nicht zuletzt der Unterhaltung, der Bequemlichkeit, kann Kultgegenstand sein. 

Typisch für generationsspezifische Technikbewertungen sind Schlüsseltechniken wie z.B. Auto und Computer. Die Durchsetzung der alten Technik Auto fällt in die Jugend der Vorkriegsgeneration. Hier ist das Auto noch etwas Besonderes, ein sozial stark distinktives Symbol des Fortschritts, des Wohlstand und der eigenen Teilhabe daran. Für die Nachkriegsgeneration fokussiert sich die Bedeutung des Autos schrittweise auf seine instrumentelle Nutzung zur Raum- und  Zeitbewirtschaftung. Aber erst die absolute Selbstverständlichkeit des PKW in der Umweltgeneration gibt freien Raum für Reflexionen über die Umweltprobleme einer vollautomobilen Gesellschaft. Der Computer ist die zeitgenössische Technik der jungen Generation. Der Vorkriegsgeneration ist der Computer nicht nur unvertraut, er stiftet auch keinen beruflichen und privaten Nutzen mehr und erfährt daher primär Ablehnung. Die Nachkriegsgeneration ist in ihrer Berufsarbeit von der sehr schnellen Innovation durch Digitalisierung betroffen und erlebt dieses als Fortschritt und zugleich als eine berufliche Bedrohung. Da die Computerisierung in die Jugend der jungen Generation fiel, sind Computer hier selbstverständlicher Teil der Alltagswelt, Eintrittskarte für weite Berufsbereiche und auch Anlaß zu Selbstbewußtsein. 
 

    Technikerfahrung und -diskurs
Es sind die alltäglichen, praktischen Erfahrungen mit einer Innovation in der rezeptiven Phase einer Technikgeneration, die ihr Verhältnis zur Technik im Kern lebenslang prägen. In geringerem Maße haben öffentliche Technikdiskurse Einfluß auf Technikeinschätzungen. Auch solche Diskurse haben oft eine Geschichte. Nach einer Zeit kontroverser öffentlicher Diskussionen bei der Einführung einer Innovation, in der Faszination und Angst die Debatte motivieren, überwiegt in der folgenden Phase ein positiver Diskurs, in dem der praktische Nutzen im Vordergrund steht, bevor in einer Phase des Selbstverständlich-Werdens das Interesse wieder abflaut. Die Altersphase einer Innovation kann dann durch eine nochmalige Diskussion unbeabsichtigter und unerwünschter Folgen gekennzeichnet sein. Wirkungen öffentlicher Diskurse sind zwar generationsübergreifender als die praktischen Technikerfahrungen, jedoch werden auch öffentliche Diskurse von den Generationen entsprechend ihrer Lagerung und Erfahrung in unterschiedlicher Weise mitgetragen. 
 
Forschung & Lehre 1999