Rezension

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REZENSION
 
 
 

Deutung und Kompendium zugleich
 

Hans-Dieter Nägelke, Hochschulbau im Kaiserreich. Historische Architektur im Prozess bürgerlicher Konsensbildung, Verlag Ludwig, Kiel 2000, 520 Seiten, 89,- DM.
 

Idee, Gestalt und Wandel der Universität spiegeln sich wesentlich in ihrer Baugeschichte. Das hatte Konrad Rückbrod bereits 1977 in seinem prägnanten Überblick zu Baugeschichte und Bautyp von „Universität und Kollegium“ vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart gezeigt. Doch wie ist es um das 19. Jahrhundert bestellt, das in der Verzahnung von Bildung und Forschung einer neuen Idee von Universität in Deutschland zu machtvollem Durchbruch verhalf, aber keinen neuartigen architektonischen Stilwillen erkennen ließ, vielmehr eigenes Zeitanliegen in bedeutungsschwere historistische Formensprachen kleidete? 

Universitätsgeschichtlicher Glücksfall

Nägelkes ungewöhnlich opulent ausgestattete, von Adrian von Buttlar betreute Kieler kunsthistorische Dissertation markiert einen universitätsgeschichtlichen Glücksfall. Ausgehend von der neuen Universitätsidee und ihren daran sich vielfach reibenden, seit den 1860er Jahren zunehmend großbetrieblich verfaßten Funktionen mustert er im ersten Teil typologische Differenzen zwischen den vorwiegend repräsentativen Hauptgebäuden und den rasch sich vermehrenden, vorwiegend funktionsgeprägten Institutsbauten, sowie neuartige Campus-Topographien. Der zweite Teil lenkt in einem Drei-Phasen-Modell den Blick auf die äußere „Gestalt“, arbeitet zwischen 1830 und 1870 plural historistische, programmatisch verfaßte Spannungen zwischen Überlieferung und Neubestimmung heraus, während von etwa 1870 bis Mitte der 90er Jahre ein bemerkenswerter, als Neorenaissance charakterisierter Konsens vorherrscht, der auf verbindliche Bildungstraditionen abzielt. Danach zerfällt eine einheitliche Stilprägung, löst sich auf in neubarockes Experimentieren und ein Ringen um neue Formensprachen. Die Ursache sieht Nägelke weniger in architektonischem Unvermögen als vielmehr in einem Verlust sinnstiftender Bildungsüberzeugung, in bildungsbürgerlicher Fragmentierung.
Überzeugt diese erste Hälfte des Bandes durch klug wägende, immer reich belegte Argumentation, so bieten weitere 250 Seiten einen alphabetisch nach Hochschulorten gegliederten, wiederum glänzend illustrierten Katalog von insgesamt 213 Haupt-, Bibliotheks- und Institutsgebäuden, welche während des Kaiserreichs an 31 Universitäten und Technischen Hochschulen errichtet wurden. Der Band ist eine Lust zum Lesen und zum Stöbern, ein Standardwerk und ein Schatz. Er sollte an keiner Hochschule fehlen.

Univ.-Professor Dr. Rüdiger vom Bruch, 
Humboldt-Universität Berlin
 
 
 
 

Nationalökonom
 

Detlef J. Blesgen, Erich Preiser. Wirken und wirtschaftspolitische Wirkungen eines deutschen Nationalökonomen (1900-1967), Springer Verlag, Berlin u.a. 2000, 866 Seiten, 198,- DM.
 

Was bei dieser Dissertation zunächst erstaunt, ist weniger der Umfang, mehr schon die Tatsache, daß sie in einem renommierten Wissenschaftsverlag erscheinen konnte. Eine vertiefte Lektüre zeigt allerdings bald, daß hier eine wohlfundierte Biographie eines der einflußreichsten deutschen Nationalökonomen der Nachkriegszeit vorliegt, die aufgrund der akribisch gesammelten und sorgfältig ausgewerteten Quellen großen Respekt abnötigt. Wer sich mit der Geschichte der Nationalökonomie von 1930 bis zur 2. Hälfte der 60er Jahre befassen will oder mit den Anfängen der wissenschaftlichen Beratung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in der jungen Bundesrepublik, wird künftig an diesem Werk nicht vorübergehen können.

Das Buch besteht im wesentlichen aus zwei Teilen: Im ersten Teil werden der persönliche Werdegang Erich Preisers und seine beruflichen „Stationen“ dargestellt, im zweiten Teil seine führende Mitwirkung in den ersten wissenschaftlichen Beratungsgremien mit ihrem Einfluß auf zentrale Weichenstellungen der Ordnungs- und Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit.

Preisers Lebenslauf mit seinen Prägungen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, aber auch mit den Versuchungen und Gefährdungen im „Dritten Reich“ scheint exemplarisch zu sein für die Biographien einer Vielzahl von Universitätslehrern nach 1945. Typisch war dieser Lebenslauf, wie aus der sorgfältigen Darstellung Blesgens hervorgeht, dennoch nicht. Der wissenschaftliche Werdegang Preisers verlief anfangs keineswegs geradlinig. Als Schüler Franz Oppenheimers scheiterte er 1928 mit seinem Habilitationsversuch in Frankfurt und konnte sich erst zwei Jahre später auf dem Umweg über die „Privatwirtschaftslehre“ in Tübingen habilitieren. Die in den Tübinger Dozentenjahren erfolgte Hinwendung Preisers zum Nationalsozialismus war nur von kurzer Dauer; bereits 1934 galt er als „politisch unzuverlässig“. Die Rufe nach Rostock (1935) und Jena (1940) verdankte er seiner überragenden wissenschaftlichen Qualifikation. Die ablehnende Distanz Preisers zum Nationalsozialismus wird von Blesgen vielfach belegt; sie kommt besonders klar zum Ausdruck in seiner Mitarbeit bei der „Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath“, einem der „Freiburger Kreise“, der 1943/44 im Untergrund Vorschläge für eine Neuordnung der Wirtschaft sowie des Finanz- und Währungswesens nach dem Kriege ausarbeitete. 

Dieser Einsatz prädestinierte Preiser, seit 1947 Ordinarius in Heidelberg und seit 1956 in München, für die Mitgliedschaft beim „Wissenschaftlichen Beirat bei der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes“ und später beim „Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium“. Beide Gremien hatten in der Frühphase der Bundesrepublik erheblichen Einfluß auf die offizielle Wirtschaftspolitik; Preiser war daran an führender Stelle beteiligt, ebenso wie bei der Konzeption des „Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“. Preiser war - auch dies kommt in der Biographie von Blesgen zum Ausdruck - ein genuiner Wirtschaftstheoretiker, der ein beeindruckendes wissenschaftliches Werk hinterlassen hat. Ihm ist es mitzuverdanken, wenn die Nationalökonomie in Deutschland wieder Anschluß an die internationale Entwicklung des Faches gefunden hat.

Es bleibt die Erinnerung an den Universitätslehrer Erich Preiser, der die Studenten faszinierte - durch seine eindrucksvolle Persönlichkeit, sein glaubwürdiges Eintreten für eine freie und zugleich gerechte Wirtschaftsordnung, durch seine überzeugende Analyse wirtschaftlicher Probleme und Prozesse und nicht zuletzt durch seine geschliffene Rhetorik im Hörsaal.

Univ.-Professor Dr. Wolfgang J. Mückl, 
Universität Passau 
 
 
 
 

Bücher über Wissenschaft
 

Martin Aigner / Ehrhard Behrends, Alles Mathematik. Von Pythagoras zum CD-Player, Vieweg Verlag, Wiesbaden 2000, 296 Seiten, 49,- DM.

G.-W. Bathke / J. Schreiber / D. Sommer, Soziale Herkunft deutscher Studienanfänger ­ Entwicklungstrends der 90er Jahre -, HIS-Kurzinformation A 9 2000, zu beziehen über HIS, Goseriede 9, 30159 Hannover.

Thomas P. Becker / Ute Schröder, Die Studentenproteste der 60er Jahre. Archivführer ­ Chronik ­ Bibliographie, Böhlau Verlag, Köln 2000, 381 Seiten, 78,- DM.

Hermann Blom, Der Dozent als Coach, Luchterhand Verlag, Neuwied 2000, 136 Seiten, 29,- DM.

Jörg-Dieter Gauger / Josef Kraus (Hg.), Bildung der Persönlichkeit, Zukunftsforum Politik Nr. 19,  44 Seiten, kostenlos, zu beziehen über www.kas.de/publikationen/zukunftsforum.html oder über die Konrad­Adenauer-Stiftung, Referat für Publikationen, Rathausallee 12, 53757 St. Augustin, Fax: 02241/246-867

J. C. Joerden, / A. Schwarz / H.-J. Wagener (Hg.), Universitäten im 21. Jahrhundert, Springer Verlag, Heidelberg 2000, 229 Seiten, 149 DM.

Monopolkommission, Wettbewerb als Leitbild für die Hochschulpolitik, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, 121 Seiten,48,- DM.

Reingard M. Nischik (Hg.). Studentenküsse. Unerhörte Liebesgeschichten und Satiren aus der Uni-Welt, Edition Isele, Eggingen 2000, 181 Seiten, 24,80 DM. 

Friedrich Thießen, Aufbruch an deutschen Hochschulen. Beiträge zur Reform des deutschen Hochschulwesens, Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2000, 126 Seiten, 88,- DM.
 
 
 
 

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