Möglichkeiten und Grenzen der Telemedizin Computer und elektronische Netzwerke bestimmen fast alle Bereiche der
Wissenschaft, auch die Medizin. Hier eröffnen sich durch Telematik und
Telemedizin neue Möglichkeiten. Was kann heute bereits geleistet werden? Wo
liegen die Grenzen?*
Im Jahr 1972 wurde auf der International Conference on Computers and
Communications das ARPANET vorgestellt. Das Computernetzwerk, entwickelt von
der Advanced Research Project Agency (zugehörig zum
US-Verteidigungsministerium), stellte mit seinen 40 angeschlossenen Rechnern
den Ausgangspunkt für die Entwicklung des Internets dar. In den letzten 30
Jahren, insbesondere jedoch 1992 mit der Einführung des WWW (World Wide
Web), wuchs das Internet explosionsartig. Heute bilden Computernetzwerke und
Telekommunikationstechnologien (Festnetz, Mobilfunk, Satellit) den
technologischen Kern der modernen Informationsgesellschaft.
In fast allen Bereichen des Lebens werden die neuen Medien und
Kommunikationstechnologien mehr und mehr eingesetzt. Gerade das
Gesundheitswesen mit der Komplexität seiner Beziehungen, den riesigen
Datenmengen moderner bildgebender Verfahren und den ständig wachsenden
Geschwindigkeitsanforderungen stellt hinsichtlich des Einsatzes neuer Medien
und Technologien ein riesiges Anwendungsfeld dar. Die Nutzung von
Informations- und Telekommunikationstechnologien in der Medizin wird seit
einigen Jahren unter den Begriffen Telematik und Telemedizin zusammengefaßt.
Telematik und Telemedizin
Die Telematik, im Gesundheitswesen auch als Gesundheitstelematik bezeichnet,
beschreibt die synchrone Anwendung von Telekommunikationselektronik und
Informationstechnik (Telematik = Telekommunikation + Informatik). Sie dient
dazu, Informationen zur Qualitätsverbesserung in der medizinischen Routine
bereitzustellen, administrative Aufgaben zu bewältigen sowie Wissen in der
Gesundheitsaufklärung und der Lehre zu vermitteln.
Im engeren Sinne wird das Erbringen von medizinischen Leistungen über die
Distanz unter Nutzung telematischer Verfahren als Telemedizin bezeichnet.
Sowohl diagnostische als auch therapeutische Interaktionen sind durch das
Übertragen von Sprache, Texten, Bildern, Videosequenzen oder
Steuerungsbefehlen für medizinische Geräte möglich.
Telematik in der heutigen Medizin
In der heutigen Zeit sind neue Kommunikationstechnologien wie das Internet
zum festen Bestandteil der Wirtschafts- und der Kulturwelt geworden. Ebenso
finden die neuen Medien auch bei privaten Nutzern immer größere Akzeptanz.
Auch im Gesundheitswesen, so diverse Studien in den 90er Jahren, wird das
Erfordernis an telematischen Verfahren als ausgesprochen hoch eingeschätzt.
Im Vergleich der verschiedenen Bereiche der Gesellschaft wurde die Medizin
lediglich durch die Medienwirtschaft übertroffen. Trotz allem muß man
feststellen, daß diese Technologien eher zögerlichen Einzug in die Medizin
halten. Mit Sicherheit lassen sich mangelnder Bedarf oder fehlendes
Interesse als Gründe für die verlangsamte Einführung der neuen
Kommunikationsmittel in die Medizin ausschließen, eher sind fehlende
ökonomische Stimuli und komplizierte Rahmenbedingungen (technisch,
juristisch) als Ursache zu benennen.
Welcher Nutzen ist mit der Anwendung telematischer Verfahren in den
verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens zu erwarten?
Trotz des enormen Bedarfs an telematischen Lösungen ist für Deutschland
bisher zu konstatieren, daß der Einsatz von Telematik unkoordiniert und auf
Individualentscheidungen hin erfolgt. Die Einrichtungen des
Gesundheitswesens, wie Krankenhäuser und Arztpraxen, setzten bislang,
mangels gesetzlicher Vorgaben und technischer Richtlinien, die
unterschiedlichsten telematischen Techniken ein. So entstand ein heterogenes
Bild mit zahlreichen Individuallösungen für die Bewältigung von
Einzelaufgaben, wie Abrechnung, Verwaltung und Praxismanagement. Die
derzeitige Situation, bei der Kosten und Nutzen beim Einsatz
telemedizinischer Verfahren an verschiedenen Stellen entstehen, macht, neben
der Durchsetzung von technischen Standards, eine Anpassung des
Abrechnungssystems zwingend erforderlich.
Im Vergleich zu den hiesigen Verhältnissen zeigen die nordamerikanischen
Staaten eine deutlich höhere Innovationsfreudigkeit. Die richtungsweisende
Einbeziehung telemedizinischer Technologien in die medizinische Routine ist
dort zum einen durch die geographischen Besonderheiten (Flächenstaaten),
aber auch durch die allgemein hohe Akzeptanz für High Tech und technisches
Know-how bedingt. Trotz der alles in allem zögerlichen Einführung von
Telematik im Gesundheitswesen in Deutschland leistete man hier mit der
Einführung der Krankenversicherungskarten und des
Abrechnungsträgerdatenaustausches Pionierarbeit. An diese Erfahrungen gilt
es anzuknüpfen.
Einsatzgebiete der Telemedizin
Bisher bestand die Situation, daß der Patient mit seinen, selten
vollständigen Befunden unter dem Arm den Facharzt für die weitere Behandlung
aufsuchte. Lagen die Befunde bereits durchgeführter Untersuchungen nicht
vor, waren Zweituntersuchungen häufig die Folge. Die Telemedizin bietet hier
Lösungen. Durch ihren Einsatz sinkt die Bedeutung der geographischen
Entfernung für die Kooperation zwischen Gesundheitseinrichtungen.
Im nachfolgenden soll die sich abzeichnende Entwicklung in der Telemedizin
ins beginnende 21. Jahrhundert hinein skizziert werden. Hierbei wird
ausgehend vom gegenwärtigen Stand die Entwicklung in groben Zügen
extrapoliert.
Sichere Reise durch die Welt
Wird man als Tourist oder Geschäftsmann in einem anderen Land krank oder
erleidet einen Unfall, so sind in der Regel keinerlei Befunde, Blutwerte,
Röntgenbilder oder dergleichen aus der eigenen Krankengeschichte verfügbar.
Die Zeit für die Neubeschaffung derartiger Befunde kann in einem Notfall das
Leben kosten. Die digitale Krankenakte - etwa über Satellit von einem Server
der eigenen Krankenversicherung abrufbar - kann hier Abhilfe schaffen. Aus
rein technischer Sicht wäre die weltweit verfügbare digitale Krankenakte
kein Problem. Die organisatorischen Probleme und die sich aus der extremen
Heterogenität heraus ergebenden technischen, rechtlichen und
gesundheitspolitischen Probleme sind allerdings nicht einmal auf nationaler
Ebene gelöst.
Betreuung zu Hause
Der Arzt aus dem PC oder Fernseher scheint sehr weit weg zu sein. Diese
Vision ist allerdings in vielen Teilen realer als etwa eine telechirurgische
Operation. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von medizinischen Geräten,
die man direkt an einen PC anschließen kann. Hierzu gehören Blutdruckmesser,
Hautoberflächenwiderstandsmesser, Pulsmesser, Stethoskop,
Atemfrequenzmesser, Thermometer usw. Zusammen mit einem Videokonferenzsystem
kann eine hausärztliche Konsultation auf dieser Grundlage in vielen Fällen
durchaus erfolgreich sein. Insbesondere die Betreuung älterer Menschen läßt
sich so erheblich verbessern. Es ist davon auszugehen, daß ein nicht
unerheblicher Teil der ärztlichen Grundversorgung über derartige
Home-Care-Geräte abgedeckt werden wird.
Patientenmonitoring
Die Betreuung chronisch kranker Patienten ist teilweise außerordentlich
aufwendig. Im Rahmen einer engmaschigen Betreuung schwankt die Anzahl der
Kontakte zwischen Arzt und Patient meist zwischen Über- und Unterbetreuung.
Wenn beispielsweise durch einen Chip der Blutzuckergehalt kontinuierlich
verfolgt wird, so kann schnell und effektiv auf drohende
Stoffwechselentgleisungen reagiert werden. Eine derartige Überwachung könnte
bei Einverständnis des Patienten weltweit sichergestellt werden.
Telechirurgie, Teleradiologie, Teleultraschall, Telepathologie, ...
Die Teleoperation, das heißt, die Überwindung der räumlichen Entfernung
zwischen Operateur und Patient durch Telekommunikation stellt den zur Zeit
wohl kompliziertesten Anwendungsfall der Telemedizin dar. Die dafür
notwendige Technologie umfaßt neben der Stereobildübertragung insbesondere
multisensorielle Manipulatoren, die ferngesteuert werden müssen. In diesem
Bereich sind noch viele Probleme ungelöst, und es bedarf großer
Anstrengungen der Forschung, um zu Systemen zu gelangen, die für den
klinischen Alltag geeignet sind. Die großen Veränderungen der nächsten Jahre
sind hier eher in der optimalen (telemedizinischen) Bereitstellung aller für
eine Operation notwendigen Informationen, der Operationsplanung am
virtuellen Patienten, der intra-operativen Konsultation von Kollegen und
interdisziplinären Partnern zu erwarten.
Allgemein werden Teleradiologie, Teledermatologie, Telepathologie etc. in
Verbindung mit elektronischem Arztausweis, elektronischer Patientenakte und
elektronischem Rezept die interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Nutzen des
Patienten revolutionieren.
So kann z.B. mittels Telepathologie ein kleineres Krankenhaus kontinuierlich
mit Schnellschnittuntersuchungen zur Behandlung von onkolo-gischen Patienten
während der Operation versorgt werden, ohne daß vor Ort eine Abteilung für
Pathologie vorgehalten werden muß. Der Makro-Zuschnitt des Tumorpräparats
und die anschließende mikroskopische Untersuchung können direkt über die
neuen Kommunikationswege gesteuert werden. Neben ökonomischen Vorteilen hat
sich aus medizinischer Sicht auch die interdisziplinäre Nähe zwischen
Operateur und Pathologen - sie reden direkt und fallbezogen miteinander -
als Vorteil für den Patienten erwiesen.
Die Qualitätssicherung histologischer Untersuchungen kann und wird heute
ebenfalls mittels Telepathologie durchgeführt. So ist seit ca. einem Jahr im
Institut der Autoren das "world wide telepathology consultation center" der
International Union against cancer (UICC) etabliert. Es bietet für viele
Institute rund um den Globus die Möglichkeit, schnell und kompetent eine
"second opinion" bei schwierigen Tumorfällen zu erhalten. Dabei ist ein Netz
von internationalen UICC-Experten eingebunden.
So wie alle anderen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wird in Zukunft
auch das Gesundheitswesen eine zunehmende Globalisierung erfahren. Grenzen,
sowohl politischer als auch technischer Genese werden mehr und mehr
aufgehoben. Die Telemedizin wird hierzu einen erheblichen Beitrag leisten
können, da sie neuen Qualitäts- und Mobilitätsansprüchen gerecht wird.
* Co-Autoren dieses Beitrages sind Martin Schulz und Peter Hufnagl. |
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