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REZENSION

Emigranten

Jean Medawar / David Pyke, HitlerOs Gift. Scientists who fled Nazi Germany, Piatkus Books, London 2001, 268 Seiten, 15,77 Euro.

Das Buch beschreibt die Vertreibung der meist jüdischen Akademiker aus Deutschland durch die Nationalsozialisten, ihre Aufnahme in England und den USA und ihre späteren wissenschaftlichen Karrieren. Die beiden englischen Autoren - Lady Jean Medawar, die Witwe des Nobelpreisträgers Sir Peter Medawar, und der Mediziner David Pyke - geben als Zeitzeugen eine lebensnahe und informative Darstellung dieser Ereignisse, die großen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Universitäten in Deutschland, England und Amerika haben sollten.

Das Buch beginnt mit einer Beschreibung des hohen Standards der Naturwissenschaften in Deutschland vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Es folgt die Schilderung der Vertreibung zahlreicher Wissenschaftler aus Deutschland nach 1933, häufig unter entwürdigenden Bedingungen. Die Verluste an Spitzenkräften, insbesondere aus dem Bereich der Theoretischen Physik und der Mathematik waren dramatisch. Der Exodus der Wissenschaftler führte die deutsche Forschung in die Zweitklassigkeit und sicherte den Vereinigten Staaten den Spitzenplatz. Den zentralen Teil des Buches nehmen kurze Biographien von 34 prominenten Flüchtlingen ein, von denen ein großer Teil den Autoren persönlich bekannt war. Es sind mit charakteristischen Details angereicherte und mit großer Sympathie geschriebene Texte, die insgesamt ein farbiges Bild der Wissenschaftsszene jener Epoche ergeben. Anschließend werden auch sechs prominente Wissenschaftler proträtiert, die in Deutschland blieben. Hier beeindruckt die sublime Kenntnis der Lebensverhältnisse in Berlin während der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, insbesondere der Zwänge, denen aufrechte Forscher wie Max Planck und Max von Laue im Dritten Reich ausgesetzt waren.

Wiederaufbau der Forschung in Deutschland

Nach dem Krieg kehrten nur wenige Emigranten nach Deutschland zurück. Einige von ihnen, wie z.B. Professor B. Katz (Vgl. Naturw. Rdsch. 54, 132 (2001)) luden junge deutsche Wissenschaftler in ihre Laboratorien ein, um ihnen den Anschluß an die internationale Forschung zu ermöglichen. Sie leisteten damit einen nicht unerheblichen Beitrag zum Wiederaufbau der Forschung in Deutschland. Zweifellos haben die Flüchtlinge, welche mithalfen, die amerikanischen Universitäten zur Spitze zu führen, auch den Lebensstil an den Universitäten beeinflußt. Dies ist auch heute noch spürbar. "HitlerOs Gift" ist deshalb auch eine nützliche Information für die zahlreichen postgraduierten Studenten, die zu Forschungszwecken in die Vereinigten Staaten gehen und neben der Forschung auch am geistigen Leben an ihrer Gastuniversität teilhaben möchten.

Das Buch enhält einige nicht gravierende Schreibfehler und Ungenauigkeiten, die sich bei der kurzen und möglichst allgemeinverständlichen Darstellung von Forschungsergebnissen schnell einschleichen. Sie könnten z.B. bei einer wünschenswerten Übersetzung ins Deutsche schnell behoben werden. Insgesamt ist das Buch eine fesselnd geschriebene, kompetente und ausgewogene Darstellung der erzwungenen Emigration und der damit zusammenhängenden Fragen.

Univ.-Professor (em.) Dr. H. Ch. Lüttgau, Universität Bochum




"Gemacht" oder "geworden"

Jürgen Habermas: Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 125 Seiten, 14,80 Euro.

Jürgen Habermas, der international renommierte Diskurstheoretiker und Sozialphilosoph, hat in diesem Buch zwei Essays vorgelegt, deren vorangestellter, kürzerer die ethischen Ausgangsbedingungen für die Überlegungen des - titelgebenden ­ Haupttextes skizziert. Dessen Gegenstand sind die Fragen nach der ethischen Bewertung von menschlicher Keimbahntherapie, Präimplantationsdiagnostik und verbrauchender Embryonenforschung ­ Fragen, wie sie gegenwärtig international und hochgradig kontrovers diskutiert werden. Wenn Habermas sich am Ende entschieden und kategorisch gegen die Zulässigkeit jeder dieser Interventionen ausspricht, so tut er dies, anders als das Gros ihrer Kritiker, auf dem Boden eines "postmetaphysischen" und "postreligiösen" ethischen Liberalismus. Dessen Fundament nun bildet ein Werturteil besonderer Art: unser individuelles und kollektives Selbstverständnis als Wesen, die im Modus des "Selbstseinkönnens" leben wollen und sollen. Durch ein (kierkegaardianisch) selbstreflexives Verhältnis könnten Menschen sich als "Autoren ihrer Lebensgeschichte verstehen", ein individuell freiheitliches Leben führen und im Umgang miteinander zu einer Moral der wechselseitigen Achtung gelangen. Eben dieses gattungsethische Selbstverständnis, so die zentrale These, werde durch die Möglichkeiten der modernen Biotechnologie gefährdet.

Strikte Grenzziehung

Die Argumentation gewinnt ihre Grundidee aus dem Szenario einer eugenischen Programmierung, durch die fürsorgliche Eltern ihren Nachwuchs auf einen bestimmten Lebensplan festzulegen beabsichtigen (etwa als Musik- oder Mathematikgenie). Ob dies gelinge oder nicht - dem so zum 'DesignobjektO gemachten Kind könne das Wissen darum zum Hindernis im Prozeß des authentischen Selbstseinkönnens (s.o.) werden. Um dieses zu sichern, müsse nun nicht nur auf derart extreme (und rundherum unrealistische!) Eingriffe verzichtet, sondern vielmehr an einer strikten Grenze zwischen "Gemachtem" und "Gewordenem", zwischen planvollem Eingriff durch andere und natürlicher Kontingenz festgehalten werden. Aus dieser Perspektive sei auch der forschende oder selektierende "Verbrauch" von Embryonen als Schrittmacher dieser Grenzgefährdung abzulehnen. Entsprechendes gelte schließlich selbst für Eingriffe ins menschliche Genom, die der Heilung unstrittig schwerer Krankheiten dienen sollten.

Welche Differenzierungen und moralischen Kosten einer derart vorsorglichen Grenzsicherung entgegenzuhalten wären, liegt auf der Hand. Für manche, die Habermasą liberale Ausgangspositionen teilen, wird gerade hierin die Herausforderung liegen.

Privatdozentin Dr. med. Dr. phil. habil. Bettina Schöne-Seifert, Universität Hannover




Bücher über Wissenschaft

Peter Elsner / Ulrich Zwiener (Hg.), Medizin im Nationalsozialismus am Beispiel der Dermatologie, Collegium Europaeum Jenense Palm & Enke, Jena u. Erlangen 2002, 88 Seiten.

Ernst Peter Fischer, Werner Heisenberg. Das selbstvergessene Genie, Piper Verlag, München 2001, 286 Seiten, 19,90 Euro.

Mathias Grunert, B.A. auf dem Prüfstand. Zur Akzeptanz geisteswissenschaftlicher Studienprofile auf dem Arbeitsmarkt, Winkler Verlag, Bochum 2001, 116 Seiten, 15,10 Euro.

Institut für Länderkunde, Leipzig (Hg.), Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland - Bildung und Kultur, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg / Berlin 2001, 182 Seiten, 84,- Euro.

Kurt Nowak / Otto Gerhard Oexle (Hg.), Adolf von Harnack. Theologe, Historiker, Wissenschaftspolitiker, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001, 448 Seiten, 46,- Euro.

Selmayr, G. / Landfried K. / Frank, M. / Diel, G., Universität und Rechnungshof im Umbruch. Steuerung und Kontrolle der Universität zur Jahrtausendwende, Verlag der Bauhaus-Universität, Weimar 2001, 304 Seiten, 7,50 Euro.

Lore Sexl / Anne Hardy, Lise Meitner, Rowohlt Verlag, Reinbek 2002, 154 Seiten, 8,50 Euro.

Hartmut von Hentig, Der technischen Zivilisation gewachsen bleiben. Nachdenken über die Neuen Medien und das gar nicht mehr allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit, Beltz Verlag, Weinheim 2002, 328 Seiten, 16,- Euro.

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