| REZENSION
Ueberschrift Author, Verlag Text Rezensor Logik und Computer Martin Davis, Engines of Logic - Mathematicians and the Origins of the Computer, W. W. Norton Company, New York und London 2000, 14,95 US-Dollar. Logik und Computer - wie kann das zusammengehen? Ist die Mathematische Logik nicht der Inbegriff der weltabgewandten Strenge, die Disziplin, die in arkaner Symbolik tiefgründige Kalküle entwirft, die außer dem Logiker und seinen Gehilfen niemand versteht? Weit gefehlt! Die Logik liegt tief im Herzen der Informatik; wie man die Elektrotechnik verkürzt als Angewandte Physik charakterisieren könnte, so kann man die Informatik ebenso verkürzt als Angewandte Logik bezeichnen. Ein Indiz für diesen engen Zusammenhang zwischen Logik und Informatik ist das wachsende Bedürfnis, Logik in die universitären Curricula der Informatiker einzubauen, ein anderes die Rolle, die logische Kalküle etwa in der Künstlichen Intelligenz oder der Softwaretechnik spielen. Der Computer wird als Manipulator von Symbolen aufgefaßt, deren Zusammenspiel die Logik beschreibt und deren Bedeutung dem Informatiker als Ingenieur zu interpretieren zukommt. Martin Davis, emeritierter Professor am legendären Courant Institute of Mathematical Sciences der New York University, ist durch Lehrbücher zur Informatik hervorgetreten. Sein hier zu besprechendes Buch ist in der populärwissenschaftlichen Literatur in den englischsprachigen Ländern ein großer Erfolg. Was ist denn nun die Verbindung zwischen Logik und Computer, zwischen Räsonieren und Rechnen, zwischen Ableitungskalkülen und Programmen? Davis argumentiert, daß schon sprachlich eine enge Beziehung gestiftet wird ("ich rechne damit...") geht aber weiter und verweist auf A. Turings Arbeiten zu universellen Maschinen, in denen deutlich wird, daß Rechnen und logisches Arbeiten in der Tat zwei Seiten derselben Münze sind. Damit wird das Studium logischer Kalküle und das Studium von Programmen so eng miteinander verwoben, daß ein Blick auf die Geschichte der edlen Kunst der Logik einem Blick in die Vergangenheit der Informatik gleichkommt. Bei dieser Reise in die Vergangenheit ist die Darstellung des Buches stark an die Biographien bedeutender Mathematiker geknüpft (schließlich treiben Menschen die Wissenschaft weiter, nicht Ministerien oder Rektorate). Sie führt ausgehend bei Leibniz über Boole, Frege, Hilbert, Gödel, Turing und schließt mit einer Diskussion um den Einfluß der Logik auf Entwicklungen etwa in der Linguistik ab. Die Darstellung wird durch biographische Details lebendig und einprägsam. Das Buch ist voller schöner und verständlich geschriebener Beispiele. Die Anmerkungen am Ende des Buchs gehen dann ziemlich zur Sache: Hier findet der mathematisch geneigte Leser Lesefutter und weitere Literaturhinweise. Diese Aufteilung ist didaktisch geschickt und erleichtert dem mathematisch weniger versierten Leser die Lektüre. Insgesamt ein anspruchsvolles Buch für Leser, die sich mit den Grundlagen der Informatik befassen wollen und den nicht-technischen Überblick suchen. Martin Davis hat uns mit diesem Buch gezeigt, daß die Informatik eine spannende Wissensgeschichte hat. Daß es ihm nicht nur darum und um hübsche Anekdoten ging, zeigt der letzte Satz des Buchs, der allen Bildungspolitikern (PISA hin, PISA her) in den Ohren klingeln müßte: "Too often today, those who provide scientists with the resources necessary for their lives and work try to steer them in directions deemed most likely to provide quick results. This is not only likely to be futile in the short run, but, more importantly, by discouraging investigations with no obvious immediate payoff, it shortchanges the future." Tja. Univ.-Professor Dr. Ernst-Erich Doberkat, Universität Dortmund Hochschulerneuerung nach der Wende Arno Hecht, Die Wissenschaftselite Ostdeutschlands. Feindliche Übernahme oder Integration? Verlag Faber & Faber, Leipzig 2002, 480 Seiten, 29,70 Euro. Das Buch enthält ein Corpus, bestehend aus elf Kapiteln, "Anlagen", "Anmerkungen" und einem "Personenregister". Sein Autor, Jahrgang 1932, war von 1977 bis zu seiner Emeritierung 1993 Professor für Pathologische Anatomie und Direktor des Instituts für Pathologie an der Universität Leipzig. Er sieht sich berechtigt, "die verschiedenen Mosaiksteine des Transformationsprozesses an den akademischen Bildungsstätten zu einem Gesamtbild zusammenzufügen..., da er als Betroffener von Beginn an diesen Vorgang begleitet und verfolgt hat." (S. 27). Zielstellung seiner Studie ist die "Darstellung der Mechanismen und des Ablaufs der Hochschulerneuerung in den neuen Bundesländern." Der Inhalt stellt sich als ein mixtum compositum von statistischen Erhebungen, "Beschreibungen von Vorgängen, Erklärungen und Begründungen" dar (S. 27) und erweist sich als ein steter Wechsel von Rechtfertigungen des DDR-Hochschulsystems und Anklagen in unterschiedlichen Proportionen gegen das Vergangene und das Gegenwärtige, von allgemein auf die Universitäten der DDR bezogenen Urteilen und spezifischen Einschätzungen der Wissenschaftspolitik in den 90er Jahren des Freistaates Sachsen, wobei die medizinischen Fakultäten und vornehmlich die in Leipzig eine hervorgehobene Rolle spielen. Weit aufschlußreicher als die Zitate von ost- und westdeutschen Prominenten und überwiegend DDR-konservativen Printmedien, die Hechts Argumentation stützen sollen, ist das Fehlen sowohl der Namen jener Leute, die die Voraussetzungen zu dem Desaster förderten und schufen, das in den Maßnahmen der III. Hochschulreform (1968) seinen Höhepunkt erfuhr, nämlich des selbsternannten Historikers Walter Ulbricht und seiner Genossen Kurt Hager, Hörnig und Hans-Joachim Böhme, letzterer in den 60er Jahren 1. Sekretär der Kreisleitung der SED an der Universität Leipzig und von 1968-1989 Minister für das Hoch- und Fachschulwesen der DDR, als auch das Fehlen der Namen jener Männer, die ihre Stimme gegen die verhängnisvolle Wissenschaftspolitik der SED erhoben, wie der Präsidenten der ebenfalls unerwähnt gebliebenen Akademie der Naturforscher, Leopoldina, Kurt Mothes und Heinz Bethge (Halle), die zur Ehrenrettung eines Teiles der in der DDR beheimateten Wissenschaftler maßgeblich beitrugen. Der übermächtige Einfluß exogener Instanzen, der SED-Partei, des Stasi und der Einheitsgewerkschaft wird gelegentlich zaghaft angedeutet oder marginalisiert. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf das verhängnisvolle Dreiecksverhältnis von Partei-Stasi-Nomenklaturkader, nirgendwo wird die verfassungsrechtliche Bestätigung der führenden Rolle der SED und die daraus abgeleitete Befehlsgewalt über die Universitäten thematisiert. Dem Ansatzpunkt der Wende an den Universitäten, nicht nur die Strukturen des überkommenen, durch die SED zentralistisch gesteuerten Bildungssystems zu erneuern, sondern vor allem die dem Humboldtschen Bildungsideal verpflichteten und von der SED zerstörten Fundamente zu reanimieren, wurde in keiner Weise Rechnung getragen. Nicht nur im Hinblick auf die studentische Jugend, von der keine Notiz genommen wird, muten die angebotenen "Alternativen" (S. 243) geradezu abenteuerlich an. Und dies in Sonderheit mit Bezug auf die beklagte, partiell vollzogene Abwicklung der "Gesellschaftswissenschaften" marxistisch-leninistische Philosophie, Rechtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft und Geschichtswissenschaft, die der Autor fälschlicherweise mit dem von der SED verfemten Begriff "Geisteswissenschaften" belegt. Eine Distanzierung zu einer sogenannten Wissenschaft, die sich einer ideologisch determinierten Machtpolitik der Partei der Arbeiterklasse verschrieb und unterwarf, ist nicht zu verspüren. Das Buch gibt Aufschluß über die Befindlichkeiten eines Betroffenen, dem Phänomen der Universitätserneuerung nach der friedlichen Revolution von 1989 wird es nicht gerecht. Univ.-Professor Dr. Johannes Mehlig, Universität Halle-Wittenberg Appetit auf Mathematik Albrecht Beutelspacher, Pasta allOinfinito. Meine italienische Reise in die Mathemaik, dtv, München 2001, 267 Seiten, 10,- Euro. Als junger Mathematiker reist Albrecht Beutelspacher zu einem Forschungsaufenthalt nach Italien, um sich zusammen mit den dortigen Kollegen mit der Unendlichkeit zu befassen. In seinem Buch über diese Forschungsreise gewährt er unübliche Einblicke in den Wissenschaftsbetrieb, macht dem Laien interessante mathematische Fragestellungen verständlich, zeichnet ein Bild von der italienischen Art zu leben und zu forschen und macht nebenbei Appetit auf Mathematik. Wunder im Wandel der Zeiten Lorraine Daston, Katherine Park, Das Wunderbare und die Ordnung der Natur, Eichborn Verlag, Berlin 2002, 557 Seiten, 29,90 Euro. In diesem Buch über Wunder und ihre Bedeutungsgeschichte zeigen Lorraine Daston, Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, und Katherine Park, Medizinhistorikerin an der Harvard University, auf, wie sich im Laufe der Jahrhunderte der Umgang mit Wundern durch kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen gewandelt hat, und leuchten auf diese Weise den jeweiligen Erkenntnisstand einer Epoche aus. Ihre wissenschaftsgeschichtliche Darstellung wird durch zahlreiche Abbildungen illustriert. Kampf um Patente Heinz Martin, Polymere und Patente. Zur wirtschaftlichen Verwertung akademischer Forschung, Wiley-VCH, Weinheim 2002, 330 Seiten, 49,90 Euro. 1963 erhielt K. Ziegler für die Erfindung und Entwicklung der sog. Ziegler-Katalysatoren den Nobel-Preis für Chemie. Um die Patentrechte an seiner Erfindung mußte er mehr als vier Jahrzehnte kämpfen. Heinz Martin, ein enger Mitarbeiter Zieglers, schildert in dieser Dokumentation, wie die Schwierigkeiten bei dem Versuch, die Rechte an der Verwertung der epochemachenden Katalysatoren zu sichern mit Durchhaltevermögen und diplomatischen Geschick überwunden wurden. Von Menschen und Maschinen Rodney Brooks, Menschmaschinen. Wie uns die Zukunftsthechnologien neu erschaffen, Campus Verlag, Frankfurt 2002, 280 Seiten, 24,90 Euro. Rodney Brooks, Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz am Massachussetts Institute of Technology geht bei der Entwicklung intelligenter Roboter eigene Wege. Er schildert seinen Ansatz, Roboter dem Denken von Menschen nachzubilden und stellt einige von ihm entwickelte Roboter vor. Gleichzeitig vermittelt sein Buch einen Überblick über die Geschichte der Künstlichen Intelligenz. Ist der Mensch auf dem Weg zur Maschine? Bücher über Wissenschaft Ingo Bayer, Strategische und operative Führung von Fakultäten - Herausforderungen durch Autonomie und Wettbewerb, Hemmer Verlag, Frankenthal 2002, 35,-Euro. Christoph Conrad / Sebastian Conrad (Hg.), Die Nation schreiben. Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, 400 Seiten, 25,- Euro. Deutscher Akademischer Austauschdienst (Hg.), Die internationale Hochschule. Politik und Programme, W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2003, 185 Seiten, 14,90 Euro. Ernst Peter Fischer, Am Anfang war die Doppelhelix. James D. Watson und die neue Wissenschaft vom Leben, Ullstein Verlag, München 2003, 336 Seiten, 22,- Euro. Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2002, 220 Seiten, 19,90 Euro. Jürgen Kluge, Schluss mit der Bildungsmisere. Ein Sanierungskonzept, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2003, 241 Seiten, 24,90 Euro. Karin Knorr-Cetina, Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 2002, 384 Seiten, 14,- Euro. Odo Marquard, Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays, Reclam Verlag, Stuttgart 2003, 293 Seiten, 14,90 Euro. Reinhard Merkel, Forschungsobjekt Embryo. Verfassungsrechtliche und ehtische Grundlagen der Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen, dtv, München 2002, 294 Seiten, 12,50 Euro. Philip Mirowski / Esther-Mirjam Sent, Science Bought and Sold. Essays in the Economics of Science, The University of Chicago Press, Chicago 2002, 573 Seiten, 33,- US-Dollar. Gerhard Vollmer, Wieso können wir die Welt erkennen? Neue Beiträge zur Wissenschaftstheorie, Hirzel Verlag, Stuttgart 2003, 367 Seiten, 24,- Euro. Theresa Wobbe (Hg.), Frauen in Akademie und Wissenschaft. Arbeitsorte und Forschungspraktiken 1700-2000, Akademie Verlag, Berlin 2002, 370 Seiten, 19,90 Euro.
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