"Hemmunglos heldenverehrend . . ." 
 

Dr. Gustav Seibt, Kultur-Redakteur der 
Berliner Zeitung



 
 

Forschung & Lehre: Herr Dr. Seibt, ist der Klassische Bildungskanon heute eine Chimäre?

Dr. Gustav Seibt: Wieso sollte er es sein? Dinge, die in der Vergangenheit wirksam und mächtig waren und es heute nicht mehr sind, werden deshalb noch nicht zu Chimären. Sie können besichtigt, überprüft und zuweilen wiederbelebt werden. Der Kanon wird nach wie vor gebraucht, und zwar von denen, die erst beginnen, sich mit Literatur, Künsten und Wissenschaften zu beschäftigen. Gerade der Anfänger braucht eine erste Orientierung. Der alte Kanon lebt weiter, bemerkenswerterweise vor allem in billigen Taschenbuchreihen, die sich an ein breites Publikum wenden.
 

Die 68er Generation zog auch gegen das sog. „Bildungsbürgertum“ zu Felde. Wer schafft und vertritt heute noch einen „Bildungskanon“?

In der Tat wird der Kanon nicht mehr von einer sozialen Schicht und ihren Lebensformen getragen und bestimmt, sondern von den Institutionen der Bildung und Ausbildung, de facto heute von denen, die 1968 gegen das „Bildungsbürgertum“ auftraten. Eine gewisse Rolle spielt auch das Feuilleton, das die lebensweltlichen Funktionen des Bürgertums auf seine Weise übernommen hat. Die heutige Institutionenabhängigkeit, sprich Akademisierung des Kanons ist strukturell nichts Neues. Vor der bürgerlichen Epoche bestimmte die Kirche die Überlieferung, heute sind es die Universitäten. Kanonbildungen, die nicht von freien Leserschichten wie in der bürgerlichen Klasse, sondern von ideologisierten Institutionen abhängen, sind stärker machtbestimmt, heute vielleicht wandelbarer, aber weniger autonom und lustbetont als früher. Was schön und spannend zu lesen ist, wußten die Bildungsbürger besser als irgendwelche Universitätsleute heutzutage. Merke: die Welt wird unfreier, wenn das Bürgertum schwach und ängstlich wird.
 

Ist ein Bildungskanon Privileg bestimmter Gruppen oder „common sense“?

Den Kanon bestimmen die bereits Eingeweihten, die eine gewisse Übersicht gewonnen haben, wer sonst? Aber der Kanon erlaubt es dem Anfänger auf kürzestem Wege, selbst ein Eingeweihter zu werden. Deshalb ist seine Funktion letztlich egalitär: Es soll kein Geheimwissen geben, sondern nur allen zugängliche Vorschlagslisten. Ästhetische Urteilskraft hat aber nur am Rande mit „common sense“ zu tun. Der Kanon schließt per definitionem das Durchschnittliche aus und hält sich ans Außerordentliche. Er ist hemmungslos heldenverehrend.
 

    Kanon ist klassenlos
Engt ein Kanon ein oder schafft er Freiräume?

Der Kanon war eine Institution der bürgerlichen Öffentlichkeit. Erst seine Existenz erlaubte es, sinnvoll über die kulturelle Überlieferung zu diskutieren, über Kriterien, über Erweiterungsmöglichkeiten oder über unnützen Ballast. Der Kanon ist klassenlos: Er ist vor allem für die da, die nicht unter Bücherwänden aufwuchsen. Hermann Hesses „Bibliothek der Weltliteratur“ etwa dürfte von bildungshungrigen Arbeiterkindern mit mehr Gewinn gelesen worden sein als am humanistischen Gymnasium. 

Wie kann ein Kanon auf die „Nöte eines unvorhersehbaren Lebens vorbereiten“?

Sofern der Kanon nicht ausschließlich in akademischer (also staatlicher) Regie existiert, ist er wie jede geschichtliche Tradition ein Bollwerk gegen diktatorische und totalitäre Regelungen des Lebens. Die Nazis versuchten „Nathan der Weise“ oder „Wilhelm Tell“ von den Bühnen zu verbannen, sie konnten es sich aber nicht erlauben, diese Stücke aus den Ausgaben zu tilgen. So lebte ein Teil der klassischen Humanität mit ihrem Freiheitssinn weiter. Der „Tell“ hat diese Rolle sogar noch in der späten DDR spielen können. Der Kanon ist, sofern er Tradition ist, zäher als die politische Ereignisgeschichte, und solche Ungleichzeitigkeiten schaffen Freiräume. In diesen Freiräumen kann die Erinnerung an historische Modellsituationen wachgehalten werden. Die Überlieferung ist voll davon, man muß sie nur nutzen.
 

Ist der Kanon nicht zu „literaturlastig“? Wäre nicht „Medienkompetenz“ ebenso wichtig?

Warum nicht? Warum sollte es nicht auch einen Filmkanon geben, wie es einen Opern- oder Musikkanon gibt? Die „Medien“, das heißt doch der Computer, ist nur ein Hilfsmittel, eines, das es besonders leicht macht, gewaltige Überlieferungsmengen präsent zu halten. Um so wichtiger bleibt ein Kriterium der Auswahl und der Orientierung. Die Medienkompetenz verwehrt den Bedarf nach Kanon. Wenn ich die Patrologia Latina des Migne als CD-Rom habe, bin ich gut beraten zu wissen, welchen Kirchenvater ich eigentlich anklicken sollte.
 

Forschung & Lehre 1999