Skandalon KanonGesellschaftskitt durch Klassikerlektüre
Wolfgang Welsch, Dr. phil., Univ.-Professor, Theoretische Philosophie, Universität Jena
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Illusorische Begründungen
Die in Deutschland (wie üblich, mit über einem Jahrzehnt Verspätung gegenüber den USA) aufgeflammte Kanon-Diskussion erhofft sich vom Kanon die Lösung eines Problems. Unserer Gesellschaft, sagt man, fehle es an kulturellen Gemeinsamkeiten, an weithin geteilten Überzeugungen und Handlungsmustern. Da soll die Lektüre älterer und neuerer Klassiker Abhilfe schaffen. Vielleicht ist das Problem richtig gesehen, der Therapievorschlag aber geht völlig daneben.Denn erstens: Der Vorschlag zielt auf nur einen Teil der Gesellschaft, auf die Abiturienten. Selbst wenn er funktionieren sollte, würde er also nur ein Drittel der Gesellschaft beglücken. Will man sich neuerdings statt mit einer Zwei-Drittel- schon mit einer Ein-Drittel-Gesellschaft begnügen? Darüber hinaus taugt das Argument, dieses Drittel repräsentiere doch die Entscheidungsträger von morgen, so lange nicht, als man an bloße Qualifikations-, nicht an wirkliche Leistungseliten denkt.
Zweitens: Wenn es uns an Gemeinsamkeiten gebricht, die unseren gesellschaftlichen Verkehr flüssiger machen könnten, wenn wir mehr an gemeinsamen Überzeugungen und Problemlösungsmustern bräuchten, so nützt die Propagierung eines Kanons dafür gar nichts. Nicht nur, weil auf dem Stand der Moderne Klassikerlektüren von Person zu Person unterschiedlich ausfallen, sondern vor allem, weil gesellschaftlicher Zusammenhalt, wenn schon, die Stärkung einer anderen Art von Ressourcen verlangt.
Der Zusammenhalt einer Gesellschaft hängt in erster Linie an geteilten Praktiken. Das fängt bei den Gruß- und Umgangsformen an und hört bei den Formen des Konfliktaustrags noch lange nicht auf. Daß man Mörder ächtet (und nicht zu Spotlights von TV-Shows erhebt), daß man den Schwächeren gegenüber solidarisch ist; daß man im Fremden einen Menschen und nicht bloß die Attrappe eines Feindbildes sieht, daß man sich um die diskursive Lösung von Konflikten bemüht - und darüber auch emotionale Brückenschläge nicht vergißt -, daß man über Rituale der Trauer verfügt, daß man die Unterscheidung des Privaten und Öffentlichen beachtet (muß man heute hinzufügen, daß damit nicht das duale System gemeint ist?), daß man eine gemeinsame Form von Pünktlichkeitsregeln oder auch von kalkulierbarer Unpünktlichkeit besitzt - all das sind Beispiele von Praktiken, die eine Gesellschaft tragen und zusammenhalten können. Gesellschaft (meinetwegen auch „Kultur“) liegt dort vor, wo solche Praktiken die Mitglieder selbstverständlich verbinden. Auch Institutionen wie dem Rechtssystem oder der Verwaltung kommt dafür eine gewichtige Rolle zu.
All das aber wird durch Kanonbeflissenheit nicht gestärkt. Klassikerlektüre erzeugt solche Praktiken nicht. Bestenfalls könnte sie einige vor Augen führen. Jedoch: Die Klassiker sind nicht bloß brave Buben. Zu jeder der oben angeführten Praktiken finden sich bei ihnen mindestens ebensoviele Contras wie Pros - Dostojewski führt uns Mord als Beweis rationaler Freiheit vor Augen; Elektra verkörpert den Abbruch aller diskursiven und emotionalen Brücken; Beckett demontiert jeden Gedanken an Öffentlichkeit. Klassiker taugen nicht eo ipso zur moralischen Nachrüstung - und zur Nachrüstung von Gemeinschaftlichkeit noch weniger.
Wer mit dem Kanon winkt, um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu garantieren, fuchtelt also zu aufgeregt am falschen Ort. Die sozialtherapeutische Legitimierung des Kanon-Unterfangens ist illusorisch. Problemlösungs-Rhetorik und Realistik klaffen allzu weit auseinander.
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Selektionen, Ausschlüsse, Borniertheiten
Wenn schon, müßten die Begründungsversuche weit bescheidener angesetzt werden. Vielleicht vermag das Kanongedudel wenigstens die Gebildeten untereinander wieder kommunikationsfähiger zu machen - Ringelreih der „Gebildeten“ statt Neugeburt der Gesellschaft? Vielleicht - wenn nur die Inhaltsliste des Kanons nicht so unglaublich einseitig wäre!Vor vierzig Jahren hat Charles Percy Snow in seiner berühmten Rede über die „zwei Kulturen“ das moderne Auseinanderdriften von literarischer und naturwissenschaftlicher Kultur beklagt. Die Angehörigen der beiden Kulturen könnten sich „auf der Ebene ihrer wichtigsten geistigen Anliegen nicht mehr verständigen“. Gedenkt der Kanon wenigstens diese Kluft zu heilen? Offenbar nicht. Sonst müßte er die Kenntnis des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik oder der Relativitäts- und Quantentheorie oder des Gödelschen Unvollständigkeitstheorems oder von Essentials der neueren Mikrobiologie und Informationstheorie ebenso einfordern wie die Kenntnis literarischer Klassiker. Daß dies nicht geschieht, verrät, daß man de facto nicht einmal die Kommunikationsfähigkeit unter den Gebildeten zu befördern gedenkt, sondern weiterhin bloß einem geisteswissenschaftlichen Dünkel huldigt.
Die Kanon-Inhalte sind hoffnungslos einseitig. Man spricht vom langen Atem der Klassiker - und hat selbst nur den kurzen von Schrebergärtnern. Denn noch innerhalb des geisteswissenschaftlichen Bereichs bedeutet die Fixierung auf Lesbares, auf Literatur eine mehr als schmerzliche Beschränkung. Wo bleiben die parallelen Leistungen aus der Geschichte der Künste? Sollen Rembrandt und Pollock, Michelangelo und Rodin, Fischer von Erlach und Le Corbusier weniger zu unserer Bildung beitragen können? Und wo bleiben die Werke der Musik und des Tanzes? Gelten all diese Künste - weil sie nicht wortsprachlich verfaßt und daher weniger leicht bequasselbar sind - als zu schwer? (Wie anscheinend, im wortsprachlichen Feld selbst, die Werke der Philosophie?) Die Inhaltsliste ist unerträglich beschränkt. Der Kanon scheint, von großer Literatur und Bildung sprechend, auf Empfehlungen des Beschwatzbaren hinauszulaufen.
Ferner: Wo bleiben die Errungenschaften der Kulturgeschichte - vom Buchdruck über die Entwicklung der Stadt bis hin zu den modernen Narkotika (alles Errungenschaften, die doch selbst für manche Literaten besonders wichtig waren)? Und wo bleibt die Technikgeschichte? Oder die Rechtsgeschichte? Die Religionsgeschichte? Die Medizingeschichte? - Soll all das weniger Aufklärung über unsere Herkunft und unsere heutigen Aufgaben bieten als eine Hitliste literarischer Klassiker?
Dabei habe ich noch nicht einmal von den elektronischen Medien gesprochen, die derzeit unsere Kommunikationsverhältnisse einschneidend verändern und gerade die literarische Kultur nicht unberührt lassen. Selbst wenn man sich in Sachen Kanon weiterhin auf Literarisches beschränken wollte, müßte Hypertext heute dazugehören. (An die Adresse der überlegen Lächelnden gesagt: Hypertext löst gerade ästhetische Desiderate mancher Klassiker - etwa von Joyce - besser ein, als sie mit den konventionellen Mitteln zu realisieren waren.) Niemand, der das Internet nicht kennt, ist heute gebildet zu nennen. So wenig wie jemand, der nur dieses kennt.
Kurzum: Es ist skandalös, ein literarisches Schmalspurprogramm zum Bildungskanon der Gegenwart auszurufen. So wichtig literarische Bildung sein mag - sie ist nur ein Beitrag zu unserer Kultur, macht nicht deren Essenz aus. Sie zur Zuständigkeit fürs Ganze aufzublähen, verrät ein skandalöses Mißverständnis dieses Ganzen.
Gewiß stelle ich die Dinge zugespitzt dar. Vielleicht auch überspitzt. In Zeiten grassierender Schwammigkeit dient das der Erkenntnis. Wohl haben manche eingesehen, daß ein heutiger Kanon mehr als literarische Bildung umfassen müßte, daß beispielsweise auch naturwissenschaftliche Erkenntnis hinzuzunehmen wäre. Aber die Vorschläge blieben halbherzig und zu eng. Vollends die gegenwärtige Kanon-Propaganda fällt auf die Beschwörung der „Klassiker“ zurück.
Bedenklich erscheinen mir auch nationale Verengungstendenzen. Das für die Bürger im Bereich der Bundesrepublik Deutschland kulturell Relevante ist keineswegs bloß deutsch. Schon immer war es zumindest europäisch: von den griechischen Klassikern über die lateinischen Schriftsteller, die Dichter der italienischen Renaissance, die Écrivains der französischen Aufklärung und die deutschen Klassiker bis hin zu den französischen und russischen Romanciers und Dramatikern. Man kann den Sturm und Drang nicht ohne Shakespeare, Hölderlin, nicht ohne Pindar, Grillparzer, nicht ohne Calderon und Rilke nicht ohne Tolstoi haben. Vor jeder nationalen Verengung hat übrigens schon der vermutlich sicherste Kandidat in jedem deutschen Kanon gewarnt: Goethe. Als er 1808 um Mithilfe bei der Herausgabe einer Lyriksammlung zum Zweck der Nationalbildung gebeten wurde, antwortete er, daß „keine Nation“ und „am wenigsten vielleicht die deutsche sich aus sich selbst gebildet“ habe, daher seien insbesondere Übersetzungen aufzunehmen, sie seien „ein wesentlicher Teil unserer Literatur“.
Heute müßte zu einem (selbst bloß literarischen) Kanon vieles gehören, was den Kanon-Advokaten üblicherweise nicht in den Sinn kommt: Walt Whitman und Joseph Brodsky, Christine de Pizan und Simone de Beauvoir, García Márquez und Mishima. Und natürlich auch das I Ging, die Bhagavadgita und Häuptling Seattles Rede „Wie kann man den Himmel verkaufen?“ - um nur einige Beispiele zu nennen.
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Wider die falscheSelbstgefälligkeit
Was mich an der Kanon-Idee am meisten abstößt, ist das satte Bewußtsein, die vorgeschlagene Liste sei repräsentativ, mit ihr sei es getan. Ich habe zuvor auf faktische Borniertheiten hingewiesen. Fataler noch erscheinen mir die normativen Einbildungen.Das gute Gewissen, das mit der Festsetzung und Verbreitung eines Kanons einhergeht, ist ganz und gar unberechtigt. Man glaubt, eine Unterscheidung zwischen dem Wichtigen und dem weniger Wichtigen, dem Notwendigen und nicht Notwendigen etabliert, die verbindliche Norm vor Augen gestellt zu haben. Der Rest soll Ausführung sein. Aber in Wahrheit wäre jeder Kanon, selbst ein im zuvor dargelegten Sinn erweiterter, notwendigerweise unvollständig. Mit einem alltäglichen Vergleich gesagt: Wie das Buch, das im Regal neben dem gesuchten steht, häufig das interessantere und aufschlußreichere ist, so existieren neben den kanonischen Werken zahllose ebenso wichtige und entdeckenswerte Werke. Die Kanoniker aber wollen und können das nicht wahrhaben. Es widerstreitet ihrer Idee eines Kanons, es löst diese auf.
Nicht, daß die Liste zu sehr auf Literarisches beschränkt ist; nicht, daß sie immer unvollständig sein wird; sondern daß durch den Normativitätsgestus alles andere ins Abseits gedrängt und daß suggeriert wird, es sei zu recht ausgeschlossen - dies ist das eigentlich Skandalöse an jeder Institutionalisierung eines Kanons. Ein solcher Kanon ist immer (um ein Wort Walter Benjamins aufzugreifen) ein Dokument der Geschichte der Sieger. Er bekräftigt die geschichtliche Unterwerfung auf der kulturellen Ebene ein weiteres Mal.
Ausgeschlossen wurden immer wieder die Besiegten wie die Revolutionäre und, „natürlich“, die Frauen und die nicht-europäischen Kulturen. Welche Beschneidung, welche Eitelkeit, welch unerträglich gutes Gewissen eines bornierten Bewußtseins! (Übrigens ist der griechische Terminus „kanon“ selbst ein Lehnwort aus dem Semitischen - hätte nicht wenigstens das die „Gebildeten“ nachdenklich machen müssen?) Jeder Blick auf die real existierenden Kanonformulierungen muß sensible Geister empören. Ein Kanon ist - allein schon durch seinen selbstsicheren Ausschlußgestus - eine Institution der Ungerechtigkeit; und zudem eine, die uns, mit dem Pathos der Bildung auftrumpfend, de facto bornierter und selbstgefälliger macht, als wir es verdienen und es uns gut tut. Wer durch die Erfahrungen der Postmoderne hindurchgegangen ist, wird solcher Selektivität und Pseudo-Normativität opponieren. Die dogmatische Form und das satte Normativitätsbewußtsein des Kanons sind unerträglich. Es ist hier der Ton, der die Musik verdirbt.
Zwei historische Anmerkungen: Die Kanonidee der abendländischen Kultur verdankt sich u.a. Cicero. Aber wie anders war bei Cicero, dem Rhetoriker, „Kanon“ gemeint! Der Ausdruck bezeichnete den „Maßstab für einen Stil“. Im gleichen Atemzug aber wies Cicero darauf hin, daß es „beinahe unzählige Stile gibt“, die „alle in ihrer Eigenart verschieden“ sind, weshalb es einen generellen Kanon gerade nicht gibt und geben kann. Pluralität ist in Sachen Kanon ein Elementargebot.
Der heute dominierende enge und normative Sinn von „Kanon“ ist anderen als literarischen, er ist theologischen Ursprungs. Seit der Patristik bezeichnete man als „Kanon“ die kirchlich anerkannten Bücher der Heiligen Schrift im Unterschied zu den nicht anerkannten (Apokryphen etc.). Seitdem ist „Kanon“ ein normativ aufgeladener und mit der Unterscheidung von recht und unrecht verbundener Terminus; seither gilt das Ausgeschlossene als zu recht ausgeschlossen, hat „Kanon“ die Bedeutung von richtigem Corpus. Alles andere ist mit dem Geruch der Illegitimität behaftet. Dies ist die Bürde nicht nur des Ausdrucks, sondern der Denkform „Kanon“. Niemand kann sie heute mehr rechtfertigen, niemand sollte sie sich aufladen lassen.
Nicht die Inhalte des Kanons sind skandalös - sie sind, im Gegenteil, meist wundervoll, und sie zu kennen ist lohnenswert. Nur würde ich weit mehr einfordern: die breite Palette all dessen, was heute für Verständigung relevant sein kann. Das eigentlich Problematische aber ist, jenseits der Inhalte, die Denkform „Kanon“. Kaum etwas ist zeitgenössisch inadäquater und schädlicher als deren Kombination von faktischer Borniertheit und selbstgefälligem Normativitätsdünkel. Nicht ein Schrebergarten, die Welt ist unser Kulturraum. Und dafür ist nicht Pseudo-Verbindlichkeit, sondern Offenheit verlangt. Die Gebildeten von morgen werden (wie eh und je) nicht durch Besitztümer, sondern durch Kompetenzen ausgezeichnet sein. Mit den Gütern eines erweiterten Kanons vertraut zu sein, mag dafür nützlich sein. Aber alles wird darauf ankommen, den fatalen Normativitätsanspruch des „Kanons“ abzulegen.
Forschung & Lehre 1999