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REZENSION

Victor Klemperer
Jürgen Court, Victor Klemperers Kölner Kandidatur, Verlag Dresden University Press, Dresden/München, VIII, 156 Seiten, 48 DM.

Universitäre Berufungspolitik erscheint als wichtiger Indikator und Faktor von Wissenschaftsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert. Für die Altertumskunde macht dies exemplarisch die Edition der Briefe von Wilamowitz-Moellendorffs an Althoff deutlich. Anders als solche adressatenorientierte Texte mit Kommentierungen aus Akten und Erinnerungen, rückt im Fall von Victor Klemperer das authentische Zeugnis der Tagebücher einen psychologisch-soziologischen Aspekt in den Vordergrund.

Nachdem Veröffentlichung und Verfilmung seiner Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus dem Romanisten Victor Klemperer (1882­1960) seit Mitte der neunziger Jahre eine große posthume Popularität bescherten, hat auch die romanistische Fachgeschichte diesen lange Zeit ­ auch aus politischen Gründen ­ vergessenen Wissenschaftler entdeckt (exempl. hingewiesen sei auf das von M. Nerlich herausgegebene Dossier „Victor Klemperer - Romanist“ in Lendemains 1996). Die anzuzeigende Monographie stellt hierzu eine wichtige Ergänzung dar, die aus der wissenschaftlichen Einbettung und Kommentierung der 1996 veröffentlichten Tagebücher der Jahre 1918-1932 schöpft und somit hochschulpolitische Aktivitäten der Weimarer Zeit aus dem spezifischen Blickwinkel persönlicher Wahrnehmung ausleuchtet. Ihre historische Relevanz wird durch die sorgfältige Aufschlüsselung bislang unbekannter Quellen ­ insbesondere Universitätsakten und Korrespondenzen - über Klemperers Bewerbung auf das seit 1927 vakante Kölner romanistische Ordinariat aufgezeigt. Zwei zentrale Fragen der Vita Klemperers stellt Court hier auf ein neues Fundament.
Zum einen weist er nach, dass Klemperers Lehrer Karl Vossler entgegen der landläufigen Auffassung auch nach 1925 seinen Schüler in Berufungsangelegenheiten unterstützte. Zum anderen zeigt er, dass Klemperers Entschluss, nach 1933 in Deutschland zu bleiben, einen wesentlichen Grund in seinem Verlangen nach wissenschaftlicher Wahrheit hat, das um so stärker hervortritt, je mehr Klemperer in soziales und wissenschaftliches Abseits gerät. 

Parallelen zu heutigen Berufungsverfahren

Was diese Arbeit über den engeren Kreis der Romanistik hinaus empfehlenswert macht, ist, dass sie uns einen exemplarischen Einblick in das Innenleben der zeitgenössischen Universitätslandschaft gestattet, die nicht ohne Parallelen zum heutigen Procedere bei universitären Berufungsstrategien steht. Wir erfahren zahlreiche Details über den Streit zwischen einer technischen Hochschule (Dresden) und einer geisteswissenschaftlich ausgerichteten Universität (Leipzig), über die Rivalität der benachbarten Universitäten Bonn und Köln (mit dem wissenschaftspolitisch äußerst engagierten damaligen Oberbürgermeister Konrad Adenauer), über die Auseinandersetzung zwischen der älteren und jüngeren Generation von Universitätslehrern und über die Gewichtung von wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Kriterien bei der Besetzung von Lehrstuhlvakanzen.

Insgesamt bietet diese sorgfältige, an einem „Einzelfall“ orientierte Studie eine fesselnde Lektüre und fordert zur Weiterführung solcher wissenschaftsgeschichtlicher Einblicke und Ausblicke auf. 

Privatdozentin Dr. Isolde Burr, 
Universität Köln
 
 

BÜCHER ÜBER WISSENSCHAFT

Günter Figal (Hg.), Begegnungen mit Hans-Georg Gadamer, Reclam Verlag, Stuttgart 2000, 140 Seiten, 6,- DM.

Gabriela Franke-Ullmann / Hans-Josef Heinen / Richard Mitreiter (Hg.), Strukturen und Finanzierung der Hochschulmedizin, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1999, 210 Seiten, 68,- DM.

Eike Christian Hirsch, Der berühmte Herr Leibniz. Eine Biographie, Verlag C. H. Beck, München 2000, 646 Seiten, 49,80 DM.

Peter Janich, Was ist Erkenntnis? Eine philosophische Einführung, C. H. Beck Verlag, München 2000, 160 Seiten, 19,90 DM.

Jürg Niederhauser, Wissenschaftssprache und populärwissenschaftliche Vermittlung, Gunter Narr Verlag, Tübingen 1999, 275 S., 78,- DM.

Jürgen-Eckardt Pleines, Bildung im Umbruch, Georg Olms Verlag, Hildesheim 2000, 262 Seiten, 48,- DM.

Karol Sauerland, Dreißig Silberlinge? Verlag Volk und Welt, Berlin 2000, 44,- DM.

Kay Schiller, Gelehrte Gegenwelten. Über humanistische Leitbilder im 20. Jahrhundert, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2000, 192 Seiten, 24,90 DM.
 

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