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| Fragen nach dem Wesen des menschlichen
Geistes wie z.B. die Frage, ob der Wille des Menschen frei ist, fallen
traditionell in den Bereich der Philosophie, Psychologie, Rechtswissenschaften
und Theologie. Entsprechend reichen die Reaktionen vieler Theologen, Philosophen,
Geistes- und Sozialwissenschaftler auf Meinungsäußerungen von
Hirnforschern von Skepsis bis zu genereller Ablehnung und zornigen Attacken.
Derartige Reaktionen sind durchaus verständlich, denn Abgrenzungstabus
scheinen verletzt zu werden, die in der modernen Wissenschaft, insbesondere
am Ende des 19. Jahrhunderts, mit der Etablierung der Geisteswissenschaften
aufgestellt und seither hartnäckig verteidigt wurden. Danach gehört
die Hirnforschung zu den Naturwissenschaften, und diese haben sich nun
einmal nicht mit dem Geistig-Seelischen und erst recht nicht mit Fragen
der Moral und der Verantwortlichkeit zu befassen.
Die Hirnforschung hat jedoch in den letzten zwei Jahrzehnten große Fortschritte gemacht, insbesondere was die Aufklärung derjenigen Strukturen und Funktionen im Gehirn betrifft, die mit so genannten geistigen Leistungen einschließlich des Bewusstseins zu tun haben. Sie hat begonnen, die Welt der Gefühle zu erforschen und damit diejenige des Unbewussten in uns, das Siegmund Freud vor hundert Jahren erstmalig in genialer Weise thematisiert, aber gleichzeitig einer empirischen Untersuchung entzogen hat. Die Frage, wer oder was in uns unser Handeln bestimmt, ist zu einem ganz aktuellen Gegenstand neurowissenschaftlicher Forschung geworden. Schließlich hat es in letzter Zeit eine große Zahl von Untersuchungen zur Frage gegeben, ob und in welchem Maße Tiere insbesondere Affen und Menschenaffen geistige Fähigkeiten einschließlich Bewusstsein besitzen und inwieweit die festgestellten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Tieren und dem Menschen sich in Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Aufbau der Gehirne widerspiegeln. Dies mündet in die Behandlung der Frage, ob und inwieweit wir Menschen als Natur- und Geistwesen einzigartig sind. In diesem Zusammenhang präsentiere
ich im Folgenden vier Grundthesen, die ich jeweils kurz erläutere.
Kein Geist ohne Gehirn Erste These: Es gibt keinen Geist ohne Gehirn; geistige Leistungen einschließlich Bewusstsein sind unabtrennbar mit der Aktivität bestimmter Hirnzentren verbunden. Die Hirnforschung kann inzwischen mit
Hilfe verschiedener Methoden, vor allem der so genannten bildgebenden Verfahren
(z. B. der Positronen-Emissionstomographie und der funktionellen Kernspintomographie)
im Rahmen bestimmter Grenzen der räumlichen und zeitlichen Auflösung
angeben, welche Strukturen und Funktionen im menschlichen Gehirn mit dem
Auftreten geistiger/bewusster Prozesse - von bewusster Wahrnehmung über
Aufmerksamkeit, bewusster Handlungsplanung bis hin zur Selbstreflexion
- verbunden sind. Man kann die verschiedenen Bewusstseins- und Ich-Zustände
der Aktivität verschiedener Gehirnzentren zuordnen. Dabei gilt: Nur
das ist uns bewusst, was mit der Aktivität der Großhirnrinde
(Cortex) verbunden ist; Prozesse, die in Bereichen des Gehirns außerhalb
des Cortex ablaufen so kompliziert und wichtig für das Entstehen
geistiger Zustände sie auch sein mögen sind grundsätzlich
unbewusst. Bewusstseins-zustände sind mit einer Umverknüpfung
vorhandener Nervennetze in der Großhirnrinde verbunden, und zwar
in Situationen, in denen das Gehirn mit Problemen konfrontiert ist, für
die es noch keine fertige Lösung besitzt. Diese Umverknüpfung
ist mit einem erhöhten lokalen Hirnstoffwechsel (besonders was den
Zucker- und Sauerstoffverbrauch betrifft) und einer erhöhten lokalen
Hirndurchblutung verbunden, was die genannten bildgebenden Verfahren ausnutzen.
Blockiert man diese Umverknüpfung bzw. die Erhöhung von Hirnstoffwechsel
und Hirndurchblutung (z. B. durch Narkosemittel), so beeinträchtigt
man Bewusstseinszustände in voraussagbarer Weise. Dies bedeutet: Geist
und Bewusstsein vollziehen sich innerhalb bekannter physikalischer, chemischer
und physiologischer Gesetzmäßigkeiten; sie fügen sich in
das Naturgeschehen ein, sprengen es nicht. Unterschiedliche Bewusstseins-
und Ichformen treten in der kindlichen Entwicklung nacheinander auf, und
zwar in strenger Parallelität mit dem Ausreifen des Gehirns. Dieses
Ausreifen vollzieht sich allerdings im Rahmen einer intensiven Interaktion
mit der natürlichen und sozialen Umwelt.
Menschliches Gehirn ist nicht einzigartig Zweite These: Das menschliche Gehirn
ist nicht einzigartig; dies gilt auch für die „typisch menschlichen“
Fähigkeiten wie Bewusstsein, Denken und Handlungsplanen. Nur der Besitz
einer komplexen syntaktischen Sprache scheint eine Ausnahme zu bilden.
Dritte These: Persönlichkeit und Charakter des Menschen formen sich in großen Teilen sehr früh, d.h. in den ersten zwei bis drei Lebensjahren, und zwar im Zusammenhang mit der Ausbildung des limbischen Systems. Sie werden dann zunehmend resistent gegen spätere Erfahrungen. Die Persönlichkeitsstruktur eines
Menschen wird im Wesentlichen durch das limbische System festgelegt. Hierzu
gehören Strukturen wie der Mandelkern (Amygdala), das ventrale Striatum,
(Nucleus accumbens), das basale Vorderhirn, der Hypothalamus usw. Das limbische
System bewertet alles, was wir tun, nach Kriterien wie gut/erfolgreich/lustvoll
bzw. schlecht/erfolglos/schmerzlich und speichert die Resultate dieser
Bewertung ab. Es nimmt bereits im Mutterleib seine Arbeit auf, viel früher
als die typisch menschlichen Formen des Bewusstseins, insbesondere des
Ich, der bewussten Handlungsplanung und des bewussten Wissens entstehen
(ab dem vierten Lebensjahr). Das grundlegende Verhältnis eines Individuums
zu sich, zur Welt und insbesondere zu anderen Menschen formt sich also
weitgehend unbewusst und bildet den Rahmen, in den hinein spätere
Erfahrungen gemacht werden. Dieser Prozess ist ein weitgehend selbststabilisierender
Prozess, d. h. es werden in aller Regel die Erfahrungen angeeignet, die
bereits bestehende Erfahrungen bestärken. Je weiter die psychisch-emotionale
Entwicklung fortgeschritten ist, desto schwerer wird es, derartige Grundeinstellungen
zu ändern. Netzwerke in den limbischen, unbewusst arbeitenden Zentren
des Gehirns scheinen die Eigenschaft zu haben, dass sie relativ schnell
lernen, aber schwer „vergessen“ können. Dem entspricht die Erfahrung,
dass sich erwachsene Menschen in ihren Grundstrukturen nur aufgrund emotional
stark besetzter Ereignisse ändern, nicht aber durch bloße Einsicht.
Unbewusste Gedanken und Handlungen Vierte These: Wollen, Denken und Verhalten
des Menschen werden in großen Teilen von limbischen Zentren gesteuert,
die grundsätzlich unbewusst arbeiten. Dem bewussten Ich sind diese
Antriebe nur sehr begrenzt zugänglich.
Die genannten Aussagen sind wenn
sie sich weiter bestätigen sollten geeignet, unser traditionelles
Menschenbild stark zu erschüttern. Freilich enthalten sie nichts,
was nicht Philosophen, Psychologen oder gute Menschenkenner zu allen Zeiten
bereits gesagt haben. Das Neue an der heutigen Situation ist, dass diese
Aussagen durch empirische Untersuchungen erhärtet werden und nicht
mehr einfach als bloße Vermutungen abgetan werden können.
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