Die Macht des Geistes und die Globalisierung
Eine Mahnung zur Besonnenheit

Hartmut Schiedermair, Dr. iur., 
Univ.-Professor, Völkerrecht und Rechtsphilosophie, Universität zu Köln, 
Präsident des Deutschen Hochschulverbandes
 


„Die Erinnerung an die Macht des Geistes ist, wie wir wohl wissen, durchaus geeignet, Irritationen hervorzurufen. Gibt es denn nicht ein geradezu geflügeltes Wort, das uns auf das genaue Gegenteil, nämlich auf das hinweist, was uns als die Ohnmacht des Geistes vertraut ist? Allein der Rückblick auf das 20. Jahrhundert belehrt uns doch darüber, wie sich der Geist und mit ihm die Kultur im Zugriff menschenverachtender Ideologien und unter dem Druck einer zum organisierten Landfriedensbruch degenerierten Herrschaftsgewalt als vollständig wehrlos erwiesen haben. Ist also nicht statt der Macht vielmehr die Machtlosigkeit das dem Geist und der Kultur eigentümliche Signum? 

Es gibt allerdings gerade im 20. Jahrhundert auch eine andere Erfahrung. Wir alle sind Zeugen der friedlichen Revolutionen in Europa geworden. Hier konnten wir Menschen begegnen, denen es mit Kerzen und sonst leeren Händen gelungen ist, im Kampf um Freiheit und Menschenrechte waffenstarrende und in den Waffen erstarrte politische Systeme zum Einsturz zu bringen. Diese Revolutionen sind nicht nur ein später Beleg für die Zerbrechlichkeit politischer Macht, auf die uns bereits Plato mit dem Beispiel des Tyrannen hingewiesen hat, der auf seine Leibwache angewiesen ist, um sich, sein Leben und seine Herrschaft vor dem Volk zu schützen. Was sich in der Wende um das Jahr 1990 ereignet hat, legt vielmehr auch den dringenden Verdacht nahe, dass der Geist und mit ihm die Kultur, die Kultur des Rechts und der Freiheit doch eine Macht sind, die sich trotz der erlittenen Niederlagen am Ende stets durchzusetzen vermag. Immerhin war diese Macht so groß, um alle Beteiligten in Ost und West nach dem Untergang von Diktatur und Zwangsherrschaft wenigstens für den Augenblick zum gemeinsamen Aufbruch in die neue Welt der Freiheit zu bewegen. 
 

Wiedervereingung als geistiger Prozess
Zu Beginn der 90er Jahre versammelten sich  in Berlin, der jetzigen Bundeshauptstadt, höchste Repräsentanten des deutschen Wirtschaftslebens und Vertreter der Wissenschaft, um über die neue Lage zu beraten, die mit der Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands entstanden war. Ein Teilnehmer versuchte die neue Lage zu analysieren, und er wies darauf hin, dass die Wiedervereinigung Deutschlands nach ihrem wirtschaftlichen, sozialen, politischen und rechtlichen Vollzug noch lange nicht vollendet sei. Vielmehr müsse nicht zuletzt wegen des von allen erhofften wirtschaftlichen Aufschwungs die Wiedervereinigung auch und vor allem als geistiger Prozess verstanden werden. Dabei sei zu bedenken, dass der im realen Sozialismus über 40 Jahre lang selbst im täglichen Leben eingeübte dialektische Materialismus ein leeres Feld hinterlassen habe, das in der Begegnung mit der vom Konsum geprägten westlichen Wohlstandsgesellschaft und dem dort gepflegten praktischen Materialismus nicht kleiner, sondern größer werde. Deshalb komme es, auch wegen des erhofften wirtschaftlichen Aufschwungs, darauf an, die geistigen Kräfte der Gesellschaft zu mobilisieren, um die Gesellschaft, und das heißt möglichst jedes ihrer Mitglieder dazu zu bewegen, sein Leben und die vor ihm liegenden Aufgaben selbst in die Hand zu nehmen und auf diese Weise in eigener Verantwortung zu bewältigen. Damit war nicht nur das uns allen bekannte Mentalitätsproblem, sondern, ohne dass das Wort auch nur gefallen wäre, die Kultur im Sinne der geistigen Bewältigung individuellen Lebens angesprochen. Diese Hinweise fanden im Kreis der damals in Berlin Versammelten ungeteilte Zustimmung. 
 

Neue Vergesslichkeit
Was aber bedeutet der Aufbruch in die neue Welt der Freiheit heute? Wer sich heute Gedanken über die geistig-kulturelle Verfassung unseres Landes macht und dabei sogar noch die Unverfrorenheit besitzt, an die Zeit der Wende und ihre Folgen zu erinnern, hat keine Chance mehr, ungeteilte Zustimmung zu finden. Was sich vor zehn Jahren ereignet hat und von den staunenden Zeitzeugen als welthistorische Minute erlebt worden war, ist inzwischen längst in den Geschichtsbüchern abgelegt und von historisch weniger Interessierten in die Requisitenkammer des Welttheaters verbannt worden. Diese neue Vergesslichkeit ist umso erstaunlicher, als die offenkundigen Defizite im Prozess der inneren geistigen Einheit unseres Landes doch nicht Geschichte, sondern handfeste, im Alltag erfahrbare Gegenwart sind. Zu dieser Gegenwart aber gehören nicht nur die weiterhin bedrohliche Arbeitslosigkeit, die fortbestehende Ungleichheit in Lohn und Einkommen sowie die sonstigen wirtschaftlichen Probleme. Gegenwart sind auch etwa die neuen Formen von Gewalttätigkeit vor allem unter Jugendlichen sowie die Stabilisierung und wachsenden Erfolge einer politischen Partei, die in nostalgischer Beharrung das Erbe der untergegangenen Diktatur der Arbeiterklasse verwalten will. All dies scheint in der merkwürdigen Euphorie des Jahrtausendwechsels verdrängt oder zumindest an den Rand gedrängt zu sein, obwohl doch niemand mit Sicherheit sagen kann, ob dieser Wechsel bereits stattgefunden hat oder erst stattfinden wird. Was jedenfalls mit dem Beginn des neuen Jahrtausends nicht nur als Zukunft verheißen, sondern als bereits gegenwartsmächtige Wirklichkeit ausgegeben wird, ist ebenfalls eine neue, aber andere Welt. Es ist die virtuelle Welt der elektronisch gesteuerten Medien, also jenes gigantische Netzwerk, das darauf angelegt ist, alle Länder der Erde und die in ihnen lebenden Menschen unter der Chiffre www. miteinander zu verbinden. Globalisierung ist also das Markenzeichen der neuen virtuellen Welt. 
 

Selbstzerstörerische Globophobie
Mit dem Markenzeichen der Globalisierung hat es seine eigene Bewandtnis. Jeder führt das Wort der Globalisierung im Munde, ohne jedoch genau zu wissen, was denn damit im einzelnen gemeint ist. Diese Unsicherheit ist nur allzu natürlich, weil es keinen Menschen gibt, der schon heute mit Gewissheit voraussagen könnte, wie sich das Leben der Menschen in der globalisierten virtuellen Welt künftig gestalten wird. Dennoch gibt es einige gesicherte Hinweise, und dies gilt vor allem für den Bereich der Wirtschaft. Wer die Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle und auf dem Wirtschaftsforum in Davos verfolgt hat, wird zur Kenntnis nehmen müssen, welch großartigen Chancen die Internet-Ökonomie bietet, um die Armut in der Welt zu bekämpfen. In der Tat dient diese neue Form der Ökonomie einem weltweit organisierten Freihandel, der, wenn er denn nur im rechten Maß betrieben wird, durchaus geeignet ist, das alte Problem einer gerechteren Gestaltung der Weltwirtschaftsordnung angemessen, und das heißt zum Wohle aller, zu lösen. Mit Recht wird daher in diesem Zusammenhang der mexikanische Präsident Ernesto Zedillo mit der Frage zitiert, woher denn die internationale Allianz der WTO-Gegner den Mut nähmen, mit ihren Parolen gegen den Freihandel „die Entwicklungsländer vor der Entwicklung zu schützen“ (J. Joffe, SZ vom 31. Januar 2000). So werden denn auch die Gegner des internationalen Freihandels vor allem unter den Mitgliedern der Wohlstandsgesellschaft vermutet, die um ihre Arbeitsplätze und sonstigen Besitzstände besorgt sind, aber nicht merken, dass sie mit dem Verlust des Anschlusses an den internationalen Handel eben diese Besitzstände selbst vernichten. Globophobie ist daher nicht nur töricht, sondern auch zur Selbstzerstörung geeignet.
 

Shareholder-Value
Der Umgang mit der Globalisierung hat jedoch auch seine bedenklichen Seiten, und zu ihnen gehören die totalitären Tendenzen, die sich in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Gestaltung der neuen virtuellen Welt ausbreiten. Ein scharfsinniger Beobachter der neuen Entwicklung (H. Prantl, SZ vom 27./28. November 1999) hat zutreffend bemerkt, dass diese Tendenzen immer dort auftreten, wo die Globalisierung zur „primitiven Glaubenslehre“ gerät, deren Glaubensbekenntnis mit dem Satz beginnt „Ich glaube an die Kräfte des Marktes, die alles wunderbar regieren“. Der freie Markt und die Gewinnmaximierung sind danach also die „höheren Mächte“, denen sich die neue „Religionsgemeinschaft der Ökonomen, die sich shareholder nennen“, in der Heilserwartung des schnellen Geldes verschrieben hat. Es mag dahinstehen, ob die sich hieran anschließende Feststellung des Beobachters zutrifft, dass eine so geartete Glaubenslehre bereits den Keim der Selbstzerstörung in sich trage. Wichtiger noch ist die Erkenntnis, dass wir es hier in der Tat mit einer neuen Ideologie zu tun haben, die unter dem Vorwand der ökonomischen Notwendigkeiten in der globalisierten Gesellschaft in Wahrheit nach der Welterlösung durch die Entfesselung der Kräfte des Marktes strebt. Deswegen ist es auch nur konsequent, dass diese Ideologie ihren Herrschaftsanspruch auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausdehnt, um auf diese Weise mit der vollständigen Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse dem Menschen zu seinem Glück zu verhelfen. Was aber die vollständige Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse und die mit ihr verbundene Glücksverheißung für den Alltag bedeuten, ist gerade in den bekanntermaßen geplagten Universitäten schon früh erkannt und mit Recht angeprangert worden.

Wer sich im Besitz des Schlüssels zur Welterlösung wähnt, hat keine Schwierigkeiten mit der Zukunft. Fernab von aller Unsicherheit kann er leichten Herzens die Zukunft als bereits erworbenen Besitzstand verteidigen. So nimmt es denn nicht Wunder, dass alle Ideologien ohne Unterschied und in stupender Gleichförmigkeit ihre Siegesfanfaren bereits dann anstimmen, bevor der Kampf um die Zukunft erst richtig begonnen hat, und die zukunftsbewusste Religionsgemeinschaft der shareholder macht hier keine Ausnahme. Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Pikanterie, dass diese Siegesfanfaren, auch wenn sie in Gütersloh angestimmt werden, eine alte und im Übrigen typisch deutsche Melodie spielen. Es geht um das alte, jetzt allerdings mit einer ökonomischen Variation angereicherte Thema von Zivilisation und Kultur. Die deutsche Aufklärungsphilosophie kann für sich das zweifelhafte Verdienst in Anspruch nehmen, die überkommene Einheit von Technik und Geist aufgebrochen und in einen Antagonismus umgewandelt zu haben. Im Gegensatz zu dem in der angelsächsischen Welt bis heute gebräuchlichen Ausdruck der civilization treten sich in diesem Antagonismus die zivilisierte Welt der Technik und die Kulturwelt des Geistes in einem unversöhnlichen Widerstreit gegenüber, in dem beide ihre überzogenen Herrschaftsansprüche über den jeweils anderen erheben. In diesem Widerstreit hat sich die neue Religionsgemeinschaft der shareholder derzeit bedingungslos für die Zivilisation und gegen die Kultur entschieden.
 

Dekultivierungsprozess
Die Wirkungen dieser Entscheidung sind längst sichtbar geworden, und sie nehmen an Bedeutung und Gewicht ständig zu. So beobachten wir schon seit geraumer Zeit mit Sorge den fortschreitenden Dekultivierungsprozess, unter dem das Gemeinwesen der Bundesrepublik Deutschland zum Schaden seines Ansehens im In- und Ausland leidet. Betroffen von diesem Prozess sind naturgemäß in erster Linie die Künste, aber in der gleichen Weise auch die Wissenschaft, weil sie ein wesentlicher Bestandteil der Kultur unseres Landes ist. So sitzen denn hier die Theater und Museen, der Literaturbetrieb, die Musikszene sowie die Universitäten in einem Boot. Sie alle warten, wenn auch vergeblich, auf die Hilfe des Staates, dem doch nach seiner Verfassungsordnung die Pflege und Förderung der Kultur in besonderer Weise anvertraut ist. Dieses Warten ist deshalb vergeblich, weil sich der Staat angesichts der desaströsen Haushaltslage oft nicht anders zu helfen weiß, als auf den Markt zu verweisen. Was dies konkret bedeutet, haben die Universitäten mit den zahlreichen, in der Rechtsform des Vertrags verschleierten Spardiktaten, mit der zur Normalität geratenen Fortschreibung eines Ausstattungsdefizits von jährlich etwa sechs Mrd. DM sowie mit der Praxis des Sponsoring durch Drittmittel erfahren müssen. Auch und gerade die aktuellen Vorgänge in Berlin, deren sich die Medien unter der Überschrift „Berliner Kulturkampf“ angenommen haben, belegen, wie es um die Pflege und Förderung der Kultur derzeit bestellt ist. Wir deuten diese Vorgänge nicht als lokales Ereignis und auch nicht als eine Auseinandersetzung, wie sie im Verhältnis zwischen dem Bund und den Ländern niemals auszuschließen sein wird. Nach unserem Dafürhalten ist der „Berliner Kulturkampf“ vielmehr ein untrügliches Symptom für die allgemeine Vernachlässigung, wenn nicht gar Missachtung, die sich die Einrichtungen der Kultur in der Einschätzung der politisch Verantwortlichen gegenwärtig gefallen lassen müssen. Dabei geht es nicht nur um das in der Tat dringend benötigte Geld. Es geht um mehr, nämlich um einen grundsätzlichen Wandel im Verständnis der Politik von dem, was die Universität sein und leisten soll. Wie ließe sich sonst der zivilisatorische Eifer erklären, mit dem den Universitäten ihr Anspruch bestritten wird, in der Einheit von Forschung, Lehre und Ausbildung, also im wissenschaftlichen Fortschritt ihren Beitrag zur Kultur unseres Landes zu leisten? Man redet bezeichnenderweise heute nur noch von den Hochschulen oder der Hochschulreform und meint damit etwas bisher nie Dagewesenes. Bei der Hochschule der Zukunft soll es um Öffnung gehen, die jetzt allerdings keine soziale mehr, sondern eine zivilisatorische ist, und spätestens an dieser Stelle fällt denn auch das Stichwort der Globalisierung. Selbstverständlich hat sich die Hochschule der Zukunft in der globalisierten Welt den Gesetzen des Marktes zu beugen, und hier ist dann die Stunde für die Religionsgemeinschaft der shareholder und ihrer neuen Ideologie gekommen. Wer Näheres dazu erfahren will, kann sich schon heute der bisher allerdings nur in den einschlägigen Kreisen kursierenden Papiere versichern, in denen die Vision dieser neuen Hochschule vorgestellt wird. 
 

Güte von Informationen
Die Universitäten sind über jeden Verdacht der Globophobie weit erhaben. Immerhin haben sie den weltweit organisierten Austausch ihrer Erkenntnisse schon zu einer Zeit betrieben, in der es die Industrie oder moderne Staatlichkeit noch gar nicht gab. An Internationalität hat sie also traditionell keinen Mangel. Deswegen sind die Vermehrung und Beschleunigung der Transportwege im Austausch der Erkenntnisse für jeden, der in der Universität Wissenschaft betreibt, hochwillkommen. Was uns allerdings nicht genügen kann, ist der Austausch von Informationen. Informationen sind wertlos, wenn und solange man nicht nach ihrer Güte fragt. Nicht auf die Information als solche, sondern auf deren Inhalt kommt es also an, und hier werden sich die Universitäten, wie jedermann einsehen wird, nicht an die Vorgaben halten dürfen, wie sie uns im dualen Rundfunksystem jetzt auch über Internet etwa mit der Einschaltquote oder aber mit dem Programm des Senders RTL II angeboten werden. In der Wissenschaft haben Informationen nur Bestand, wenn es bei ihnen um die Weitergabe neuer Erkenntnisse geht, die in der beständigen, aber niemals abgeschlossenen Suche nach Wahrheit gewonnen worden sind. In eben dieser Suche nach Wahrheit aber findet jene Innovation oder Reform statt, die wir als Mitglieder der Universität in Forschung, Lehre und Ausbildung täglich praktizieren. Diese und nur diese Art der Reform sind die Universitäten und ihre Mitglieder nicht nur ihren Geldgebern, sondern auch der Gesellschaft schuldig. Uns ist wohl bewusst, wie sehr die Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass es nicht nur heute, sondern auch morgen Ärzte, Lehrer, Juristen, Naturwissenschaftler, Techniker und Ingenieure geben wird, die auf dem jeweils neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ausgebildet und damit auf den eigenverantwortlichen Umgang mit ihrem späteren Beruf vorbereitet sind. Trainee-Programme, mögen sie den Gesetzen des Marktes oder den betrieblichen Bedürfnissen noch so sehr entgegenkommen, können niemals das ersetzen, was die Universität mit ihrer wissenschaftlichen Ausbildung zu leisten hat. 

Was aber bleibt den Universitäten in der gegenwärtigen Situation anderes übrig als zur Besonnenheit zu mahnen? Es darf nicht dazu kommen, dass die neue virtuelle Welt mit all ihren Verheißungen und Chancen für die Menschen in die Hände einer neuen Glaubenslehre gerät, die ausgestattet mit dem ganzen Instrumentarium aggressiver Ideologien, nicht nur Geist und Kultur, sondern am Ende sogar sich selbst zerstört. Deshalb darf auch der Staat in seiner Verantwortung für die Pflege und Förderung der Kultur hier nicht in Hilflosigkeit verharren. Er ist vielmehr aufgefordert, die geistigen Kräfte und mit ihnen die Einrichtungen der Kultur auch  im Dienste der inneren Einheit unseres Landes zu stärken. So und nur so wird das kulturelle Umfeld geschaffen, auf das jedes Gemeinwesen gerade im Prozess der fortschreitenden Globalisierung lebensnotwendig angewiesen sein wird. Dieses Umfeld ist überdies die notwendige Bedingung für eine blühende Wirtschaft. Ein Umdenken ist also erforderlich, und dies sollte mit der Einsicht beginnen, dass die Rentabilität der Universität und der anderen Einrichtungen der Kultur nicht in der Aussicht auf das schnelle Geld besteht.
 

Neue Nachdenklichkeit
Wer zur Besonnenheit mahnt und zum Umdenken auffordert, übernimmt eine undankbare Rolle. Er gilt als Störenfried und muss sich schon deshalb Kritik gefallen lassen. Den Universitäten ist diese Kritik wohl vertraut. Sie nehmen es daher mit Gelassenheit, wenn ihnen in der ewigen Wiederkehr der Argumente vorgeworfen wird, im starrsinnigen Festhalten an überkommenen Vorstellungen weder Humboldt‘s Tod begriffen noch die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Es macht uns auch nichts aus, als „Humboldt‘s letzte Krieger“ (S. Etzold, Die Zeit vom 30. März 2000) bezeichnet zu werden, weil wir wissen, dass wir nicht die letzten sind. Im Gegenteil, die wachsende Zahl von Bundesgenossen zeigt uns an, dass es auch im fortschreitenden Prozess der Globalisierung eine neue Nachdenklichkeit gibt. So erinnern wir uns mit Dankbarkeit an den Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes, der vor zwei Jahren auf dem Hochschulverbandstag in Bamberg die Universitäten an ihre Pflicht erinnert hat, dem Zeitgeist rechtzeitig zu widerstehen. Dankbar sind wir auch für die Hilfe der doch so hoch geschätzten amerikanischen Kollegen, die nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass es doch die „indivisibility of teaching und research“, also die Unteilbarkeit von Forschung und Lehre sei, die Harvard, Yale oder Princeton zu ihrem weltweiten Ruf verholfen habe. Das gemeinsame Bekenntnis zur Einheit oder Unteilbarkeit von Forschung und Lehre, das im Übrigen weit über Wilhelm von Humboldt hinausweist, verbindet uns auch und vor allem mit den Studierenden, die nicht bereit sind, im großen, weltweiten Netzwerk als Humankapital zur Verfügung zu stehen. So steht denn den Universitäten gerade in der gegenwärtigen Situation nicht nur Gelassenheit, sondern auch Zuversicht gut zu Gesicht. Was uns mit Zuversicht erfüllt, ist allerdings nicht allein die in der neuen Nachdenklichkeit wachsende Zahl von Bundesgenossen. Unsere Zuversicht hat einen anderen, tieferen Grund: Wir glauben - und dies ist unser Bekenntnis - an die Macht des Geistes, der sich trotz vielfältiger Niederlagen am Ende doch durchsetzen wird. 
 
 

* Vortrag, gehalten am 3. April 2000 in Berlin, zur Eröffnung des 50. Hochschulverbandstages
 
 

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