„Die Erinnerung an die Macht des Geistes
ist, wie wir wohl wissen, durchaus geeignet, Irritationen hervorzurufen.
Gibt es denn nicht ein geradezu geflügeltes Wort, das uns auf das
genaue Gegenteil, nämlich auf das hinweist, was uns als die Ohnmacht
des Geistes vertraut ist? Allein der Rückblick auf das 20. Jahrhundert
belehrt uns doch darüber, wie sich der Geist und mit ihm die Kultur
im Zugriff menschenverachtender Ideologien und unter dem Druck einer zum
organisierten Landfriedensbruch degenerierten Herrschaftsgewalt als vollständig
wehrlos erwiesen haben. Ist also nicht statt der Macht vielmehr die Machtlosigkeit
das dem Geist und der Kultur eigentümliche Signum?
Es gibt allerdings gerade im 20. Jahrhundert
auch eine andere Erfahrung. Wir alle sind Zeugen der friedlichen Revolutionen
in Europa geworden. Hier konnten wir Menschen begegnen, denen es mit Kerzen
und sonst leeren Händen gelungen ist, im Kampf um Freiheit und Menschenrechte
waffenstarrende und in den Waffen erstarrte politische Systeme zum Einsturz
zu bringen. Diese Revolutionen sind nicht nur ein später Beleg für
die Zerbrechlichkeit politischer Macht, auf die uns bereits Plato mit dem
Beispiel des Tyrannen hingewiesen hat, der auf seine Leibwache angewiesen
ist, um sich, sein Leben und seine Herrschaft vor dem Volk zu schützen.
Was sich in der Wende um das Jahr 1990 ereignet hat, legt vielmehr auch
den dringenden Verdacht nahe, dass der Geist und mit ihm die Kultur, die
Kultur des Rechts und der Freiheit doch eine Macht sind, die sich trotz
der erlittenen Niederlagen am Ende stets durchzusetzen vermag. Immerhin
war diese Macht so groß, um alle Beteiligten in Ost und West nach
dem Untergang von Diktatur und Zwangsherrschaft wenigstens für den
Augenblick zum gemeinsamen Aufbruch in die neue Welt der Freiheit zu bewegen.
Wiedervereingung als geistiger Prozess
Zu Beginn der 90er Jahre versammelten
sich in Berlin, der jetzigen Bundeshauptstadt, höchste Repräsentanten
des deutschen Wirtschaftslebens und Vertreter der Wissenschaft, um über
die neue Lage zu beraten, die mit der Wiederherstellung der staatlichen
Einheit Deutschlands entstanden war. Ein Teilnehmer versuchte die neue
Lage zu analysieren, und er wies darauf hin, dass die Wiedervereinigung
Deutschlands nach ihrem wirtschaftlichen, sozialen, politischen und rechtlichen
Vollzug noch lange nicht vollendet sei. Vielmehr müsse nicht zuletzt
wegen des von allen erhofften wirtschaftlichen Aufschwungs die Wiedervereinigung
auch und vor allem als geistiger Prozess verstanden werden. Dabei sei zu
bedenken, dass der im realen Sozialismus über 40 Jahre lang selbst
im täglichen Leben eingeübte dialektische Materialismus ein leeres
Feld hinterlassen habe, das in der Begegnung mit der vom Konsum geprägten
westlichen Wohlstandsgesellschaft und dem dort gepflegten praktischen Materialismus
nicht kleiner, sondern größer werde. Deshalb komme es, auch
wegen des erhofften wirtschaftlichen Aufschwungs, darauf an, die geistigen
Kräfte der Gesellschaft zu mobilisieren, um die Gesellschaft, und
das heißt möglichst jedes ihrer Mitglieder dazu zu bewegen,
sein Leben und die vor ihm liegenden Aufgaben selbst in die Hand zu nehmen
und auf diese Weise in eigener Verantwortung zu bewältigen. Damit
war nicht nur das uns allen bekannte Mentalitätsproblem, sondern,
ohne dass das Wort auch nur gefallen wäre, die Kultur im Sinne der
geistigen Bewältigung individuellen Lebens angesprochen. Diese Hinweise
fanden im Kreis der damals in Berlin Versammelten ungeteilte Zustimmung.
Neue Vergesslichkeit
Was aber bedeutet der Aufbruch in
die neue Welt der Freiheit heute? Wer sich heute Gedanken über die
geistig-kulturelle Verfassung unseres Landes macht und dabei sogar noch
die Unverfrorenheit besitzt, an die Zeit der Wende und ihre Folgen zu erinnern,
hat keine Chance mehr, ungeteilte Zustimmung zu finden. Was sich vor zehn
Jahren ereignet hat und von den staunenden Zeitzeugen als welthistorische
Minute erlebt worden war, ist inzwischen längst in den Geschichtsbüchern
abgelegt und von historisch weniger Interessierten in die Requisitenkammer
des Welttheaters verbannt worden. Diese neue Vergesslichkeit ist umso erstaunlicher,
als die offenkundigen Defizite im Prozess der inneren geistigen Einheit
unseres Landes doch nicht Geschichte, sondern handfeste, im Alltag erfahrbare
Gegenwart sind. Zu dieser Gegenwart aber gehören nicht nur die weiterhin
bedrohliche Arbeitslosigkeit, die fortbestehende Ungleichheit in Lohn und
Einkommen sowie die sonstigen wirtschaftlichen Probleme. Gegenwart sind
auch etwa die neuen Formen von Gewalttätigkeit vor allem unter Jugendlichen
sowie die Stabilisierung und wachsenden Erfolge einer politischen Partei,
die in nostalgischer Beharrung das Erbe der untergegangenen Diktatur der
Arbeiterklasse verwalten will. All dies scheint in der merkwürdigen
Euphorie des Jahrtausendwechsels verdrängt oder zumindest an den Rand
gedrängt zu sein, obwohl doch niemand mit Sicherheit sagen kann, ob
dieser Wechsel bereits stattgefunden hat oder erst stattfinden wird. Was
jedenfalls mit dem Beginn des neuen Jahrtausends nicht nur als Zukunft
verheißen, sondern als bereits gegenwartsmächtige Wirklichkeit
ausgegeben wird, ist ebenfalls eine neue, aber andere Welt. Es ist die
virtuelle Welt der elektronisch gesteuerten Medien, also jenes gigantische
Netzwerk, das darauf angelegt ist, alle Länder der Erde und die in
ihnen lebenden Menschen unter der Chiffre www. miteinander zu verbinden.
Globalisierung ist also das Markenzeichen der neuen virtuellen Welt.
Selbstzerstörerische Globophobie
Mit dem Markenzeichen der Globalisierung
hat es seine eigene Bewandtnis. Jeder führt das Wort der Globalisierung
im Munde, ohne jedoch genau zu wissen, was denn damit im einzelnen gemeint
ist. Diese Unsicherheit ist nur allzu natürlich, weil es keinen Menschen
gibt, der schon heute mit Gewissheit voraussagen könnte, wie sich
das Leben der Menschen in der globalisierten virtuellen Welt künftig
gestalten wird. Dennoch gibt es einige gesicherte Hinweise, und dies gilt
vor allem für den Bereich der Wirtschaft. Wer die Verhandlungen der
Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle und auf dem Wirtschaftsforum in
Davos verfolgt hat, wird zur Kenntnis nehmen müssen, welch großartigen
Chancen die Internet-Ökonomie bietet, um die Armut in der Welt zu
bekämpfen. In der Tat dient diese neue Form der Ökonomie einem
weltweit organisierten Freihandel, der, wenn er denn nur im rechten Maß
betrieben wird, durchaus geeignet ist, das alte Problem einer gerechteren
Gestaltung der Weltwirtschaftsordnung angemessen, und das heißt zum
Wohle aller, zu lösen. Mit Recht wird daher in diesem Zusammenhang
der mexikanische Präsident Ernesto Zedillo mit der Frage zitiert,
woher denn die internationale Allianz der WTO-Gegner den Mut nähmen,
mit ihren Parolen gegen den Freihandel „die Entwicklungsländer vor
der Entwicklung zu schützen“ (J. Joffe, SZ vom 31. Januar 2000). So
werden denn auch die Gegner des internationalen Freihandels vor allem unter
den Mitgliedern der Wohlstandsgesellschaft vermutet, die um ihre Arbeitsplätze
und sonstigen Besitzstände besorgt sind, aber nicht merken, dass sie
mit dem Verlust des Anschlusses an den internationalen Handel eben diese
Besitzstände selbst vernichten. Globophobie ist daher nicht nur töricht,
sondern auch zur Selbstzerstörung geeignet.
Shareholder-Value
Der Umgang mit der Globalisierung
hat jedoch auch seine bedenklichen Seiten, und zu ihnen gehören die
totalitären Tendenzen, die sich in der gegenwärtigen Auseinandersetzung
um die Gestaltung der neuen virtuellen Welt ausbreiten. Ein scharfsinniger
Beobachter der neuen Entwicklung (H. Prantl, SZ vom 27./28. November 1999)
hat zutreffend bemerkt, dass diese Tendenzen immer dort auftreten, wo die
Globalisierung zur „primitiven Glaubenslehre“ gerät, deren Glaubensbekenntnis
mit dem Satz beginnt „Ich glaube an die Kräfte des Marktes, die alles
wunderbar regieren“. Der freie Markt und die Gewinnmaximierung sind danach
also die „höheren Mächte“, denen sich die neue „Religionsgemeinschaft
der Ökonomen, die sich shareholder nennen“, in der Heilserwartung
des schnellen Geldes verschrieben hat. Es mag dahinstehen, ob die sich
hieran anschließende Feststellung des Beobachters zutrifft, dass
eine so geartete Glaubenslehre bereits den Keim der Selbstzerstörung
in sich trage. Wichtiger noch ist die Erkenntnis, dass wir es hier in der
Tat mit einer neuen Ideologie zu tun haben, die unter dem Vorwand der ökonomischen
Notwendigkeiten in der globalisierten Gesellschaft in Wahrheit nach der
Welterlösung durch die Entfesselung der Kräfte des Marktes strebt.
Deswegen ist es auch nur konsequent, dass diese Ideologie ihren Herrschaftsanspruch
auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausdehnt, um auf diese
Weise mit der vollständigen Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse
dem Menschen zu seinem Glück zu verhelfen. Was aber die vollständige
Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse und die mit ihr verbundene
Glücksverheißung für den Alltag bedeuten, ist gerade in
den bekanntermaßen geplagten Universitäten schon früh erkannt
und mit Recht angeprangert worden.
Wer sich im Besitz des Schlüssels
zur Welterlösung wähnt, hat keine Schwierigkeiten mit der Zukunft.
Fernab von aller Unsicherheit kann er leichten Herzens die Zukunft als
bereits erworbenen Besitzstand verteidigen. So nimmt es denn nicht Wunder,
dass alle Ideologien ohne Unterschied und in stupender Gleichförmigkeit
ihre Siegesfanfaren bereits dann anstimmen, bevor der Kampf um die Zukunft
erst richtig begonnen hat, und die zukunftsbewusste Religionsgemeinschaft
der shareholder macht hier keine Ausnahme. Es entbehrt allerdings nicht
einer gewissen Pikanterie, dass diese Siegesfanfaren, auch wenn sie in
Gütersloh angestimmt werden, eine alte und im Übrigen typisch
deutsche Melodie spielen. Es geht um das alte, jetzt allerdings mit einer
ökonomischen Variation angereicherte Thema von Zivilisation und Kultur.
Die deutsche Aufklärungsphilosophie kann für sich das zweifelhafte
Verdienst in Anspruch nehmen, die überkommene Einheit von Technik
und Geist aufgebrochen und in einen Antagonismus umgewandelt zu haben.
Im Gegensatz zu dem in der angelsächsischen Welt bis heute gebräuchlichen
Ausdruck der civilization treten sich in diesem Antagonismus die zivilisierte
Welt der Technik und die Kulturwelt des Geistes in einem unversöhnlichen
Widerstreit gegenüber, in dem beide ihre überzogenen Herrschaftsansprüche
über den jeweils anderen erheben. In diesem Widerstreit hat sich die
neue Religionsgemeinschaft der shareholder derzeit bedingungslos für
die Zivilisation und gegen die Kultur entschieden.
Dekultivierungsprozess
Die Wirkungen dieser Entscheidung
sind längst sichtbar geworden, und sie nehmen an Bedeutung und Gewicht
ständig zu. So beobachten wir schon seit geraumer Zeit mit Sorge den
fortschreitenden Dekultivierungsprozess, unter dem das Gemeinwesen der
Bundesrepublik Deutschland zum Schaden seines Ansehens im In- und Ausland
leidet. Betroffen von diesem Prozess sind naturgemäß in erster
Linie die Künste, aber in der gleichen Weise auch die Wissenschaft,
weil sie ein wesentlicher Bestandteil der Kultur unseres Landes ist. So
sitzen denn hier die Theater und Museen, der Literaturbetrieb, die Musikszene
sowie die Universitäten in einem Boot. Sie alle warten, wenn auch
vergeblich, auf die Hilfe des Staates, dem doch nach seiner Verfassungsordnung
die Pflege und Förderung der Kultur in besonderer Weise anvertraut
ist. Dieses Warten ist deshalb vergeblich, weil sich der Staat angesichts
der desaströsen Haushaltslage oft nicht anders zu helfen weiß,
als auf den Markt zu verweisen. Was dies konkret bedeutet, haben die Universitäten
mit den zahlreichen, in der Rechtsform des Vertrags verschleierten Spardiktaten,
mit der zur Normalität geratenen Fortschreibung eines Ausstattungsdefizits
von jährlich etwa sechs Mrd. DM sowie mit der Praxis des Sponsoring
durch Drittmittel erfahren müssen. Auch und gerade die aktuellen Vorgänge
in Berlin, deren sich die Medien unter der Überschrift „Berliner Kulturkampf“
angenommen haben, belegen, wie es um die Pflege und Förderung der
Kultur derzeit bestellt ist. Wir deuten diese Vorgänge nicht als lokales
Ereignis und auch nicht als eine Auseinandersetzung, wie sie im Verhältnis
zwischen dem Bund und den Ländern niemals auszuschließen sein
wird. Nach unserem Dafürhalten ist der „Berliner Kulturkampf“ vielmehr
ein untrügliches Symptom für die allgemeine Vernachlässigung,
wenn nicht gar Missachtung, die sich die Einrichtungen der Kultur in der
Einschätzung der politisch Verantwortlichen gegenwärtig gefallen
lassen müssen. Dabei geht es nicht nur um das in der Tat dringend
benötigte Geld. Es geht um mehr, nämlich um einen grundsätzlichen
Wandel im Verständnis der Politik von dem, was die Universität
sein und leisten soll. Wie ließe sich sonst der zivilisatorische
Eifer erklären, mit dem den Universitäten ihr Anspruch bestritten
wird, in der Einheit von Forschung, Lehre und Ausbildung, also im wissenschaftlichen
Fortschritt ihren Beitrag zur Kultur unseres Landes zu leisten? Man redet
bezeichnenderweise heute nur noch von den Hochschulen oder der Hochschulreform
und meint damit etwas bisher nie Dagewesenes. Bei der Hochschule der Zukunft
soll es um Öffnung gehen, die jetzt allerdings keine soziale mehr,
sondern eine zivilisatorische ist, und spätestens an dieser Stelle
fällt denn auch das Stichwort der Globalisierung. Selbstverständlich
hat sich die Hochschule der Zukunft in der globalisierten Welt den Gesetzen
des Marktes zu beugen, und hier ist dann die Stunde für die Religionsgemeinschaft
der shareholder und ihrer neuen Ideologie gekommen. Wer Näheres dazu
erfahren will, kann sich schon heute der bisher allerdings nur in den einschlägigen
Kreisen kursierenden Papiere versichern, in denen die Vision dieser neuen
Hochschule vorgestellt wird.
Güte von Informationen
Die Universitäten sind über
jeden Verdacht der Globophobie weit erhaben. Immerhin haben sie den weltweit
organisierten Austausch ihrer Erkenntnisse schon zu einer Zeit betrieben,
in der es die Industrie oder moderne Staatlichkeit noch gar nicht gab.
An Internationalität hat sie also traditionell keinen Mangel. Deswegen
sind die Vermehrung und Beschleunigung der Transportwege im Austausch der
Erkenntnisse für jeden, der in der Universität Wissenschaft betreibt,
hochwillkommen. Was uns allerdings nicht genügen kann, ist der Austausch
von Informationen. Informationen sind wertlos, wenn und solange man nicht
nach ihrer Güte fragt. Nicht auf die Information als solche, sondern
auf deren Inhalt kommt es also an, und hier werden sich die Universitäten,
wie jedermann einsehen wird, nicht an die Vorgaben halten dürfen,
wie sie uns im dualen Rundfunksystem jetzt auch über Internet etwa
mit der Einschaltquote oder aber mit dem Programm des Senders RTL II angeboten
werden. In der Wissenschaft haben Informationen nur Bestand, wenn es bei
ihnen um die Weitergabe neuer Erkenntnisse geht, die in der beständigen,
aber niemals abgeschlossenen Suche nach Wahrheit gewonnen worden sind.
In eben dieser Suche nach Wahrheit aber findet jene Innovation oder Reform
statt, die wir als Mitglieder der Universität in Forschung, Lehre
und Ausbildung täglich praktizieren. Diese und nur diese Art der Reform
sind die Universitäten und ihre Mitglieder nicht nur ihren Geldgebern,
sondern auch der Gesellschaft schuldig. Uns ist wohl bewusst, wie sehr
die Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass es nicht nur heute, sondern
auch morgen Ärzte, Lehrer, Juristen, Naturwissenschaftler, Techniker
und Ingenieure geben wird, die auf dem jeweils neuesten Stand der wissenschaftlichen
Erkenntnis ausgebildet und damit auf den eigenverantwortlichen Umgang mit
ihrem späteren Beruf vorbereitet sind. Trainee-Programme, mögen
sie den Gesetzen des Marktes oder den betrieblichen Bedürfnissen noch
so sehr entgegenkommen, können niemals das ersetzen, was die Universität
mit ihrer wissenschaftlichen Ausbildung zu leisten hat.
Was aber bleibt den Universitäten
in der gegenwärtigen Situation anderes übrig als zur Besonnenheit
zu mahnen? Es darf nicht dazu kommen, dass die neue virtuelle Welt mit
all ihren Verheißungen und Chancen für die Menschen in die Hände
einer neuen Glaubenslehre gerät, die ausgestattet mit dem ganzen Instrumentarium
aggressiver Ideologien, nicht nur Geist und Kultur, sondern am Ende sogar
sich selbst zerstört. Deshalb darf auch der Staat in seiner Verantwortung
für die Pflege und Förderung der Kultur hier nicht in Hilflosigkeit
verharren. Er ist vielmehr aufgefordert, die geistigen Kräfte und
mit ihnen die Einrichtungen der Kultur auch im Dienste der inneren
Einheit unseres Landes zu stärken. So und nur so wird das kulturelle
Umfeld geschaffen, auf das jedes Gemeinwesen gerade im Prozess der fortschreitenden
Globalisierung lebensnotwendig angewiesen sein wird. Dieses Umfeld ist
überdies die notwendige Bedingung für eine blühende Wirtschaft.
Ein Umdenken ist also erforderlich, und dies sollte mit der Einsicht beginnen,
dass die Rentabilität der Universität und der anderen Einrichtungen
der Kultur nicht in der Aussicht auf das schnelle Geld besteht.
Neue Nachdenklichkeit
Wer zur Besonnenheit mahnt und zum
Umdenken auffordert, übernimmt eine undankbare Rolle. Er gilt als
Störenfried und muss sich schon deshalb Kritik gefallen lassen. Den
Universitäten ist diese Kritik wohl vertraut. Sie nehmen es daher
mit Gelassenheit, wenn ihnen in der ewigen Wiederkehr der Argumente vorgeworfen
wird, im starrsinnigen Festhalten an überkommenen Vorstellungen weder
Humboldt‘s Tod begriffen noch die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Es
macht uns auch nichts aus, als „Humboldt‘s letzte Krieger“ (S. Etzold,
Die Zeit vom 30. März 2000) bezeichnet zu werden, weil wir wissen,
dass wir nicht die letzten sind. Im Gegenteil, die wachsende Zahl von Bundesgenossen
zeigt uns an, dass es auch im fortschreitenden Prozess der Globalisierung
eine neue Nachdenklichkeit gibt. So erinnern wir uns mit Dankbarkeit an
den Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes, der vor zwei
Jahren auf dem Hochschulverbandstag in Bamberg die Universitäten an
ihre Pflicht erinnert hat, dem Zeitgeist rechtzeitig zu widerstehen. Dankbar
sind wir auch für die Hilfe der doch so hoch geschätzten amerikanischen
Kollegen, die nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass es doch
die „indivisibility of teaching und research“, also die Unteilbarkeit von
Forschung und Lehre sei, die Harvard, Yale oder Princeton zu ihrem weltweiten
Ruf verholfen habe. Das gemeinsame Bekenntnis zur Einheit oder Unteilbarkeit
von Forschung und Lehre, das im Übrigen weit über Wilhelm von
Humboldt hinausweist, verbindet uns auch und vor allem mit den Studierenden,
die nicht bereit sind, im großen, weltweiten Netzwerk als Humankapital
zur Verfügung zu stehen. So steht denn den Universitäten gerade
in der gegenwärtigen Situation nicht nur Gelassenheit, sondern auch
Zuversicht gut zu Gesicht. Was uns mit Zuversicht erfüllt, ist allerdings
nicht allein die in der neuen Nachdenklichkeit wachsende Zahl von Bundesgenossen.
Unsere Zuversicht hat einen anderen, tieferen Grund: Wir glauben - und
dies ist unser Bekenntnis - an die Macht des Geistes, der sich trotz vielfältiger
Niederlagen am Ende doch durchsetzen wird.
* Vortrag, gehalten am 3. April 2000
in Berlin, zur Eröffnung des 50. Hochschulverbandstages
© Forschung & Lehre 2000 |