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„Nicht durch den friedlichen Besitz eines kostbaren Dinges wird das Menschenherz am stärksten gefesselt, sondern durch die unvollkommen gestillte Begierde, es zu besitzen, und durch die ständige Furcht, es zu verlieren. Da in der aristokratischen Gesellschaft die Reichen nie einen anderen Zustand als den ihrigen gekannt haben, befürchten sie darin keine Änderung; sie können sich kaum einen anderen vorstellen. Wohlstand ist daher für sie kein Lebenszweck; er ist eine Lebensweise. Sie betrachten ihn gewissermaßen wie das Dasein selbst und genießen ihn, ohne darüber nachzudenken. Da die natürliche und instinktive Vorliebe aller Menschen für Wohlstand mühelos und ohne Angst befriedigt wird, richtet sich ihre Seele auf etwas anderes, sie widmet sich irgendeinem schwierigen und größeren Vorhaben, das sie anspornt und mitreißt. So zeigen die Mitglieder einer Aristokratie sogar inmitten der materiellen Genüsse häufig eine stolze Geringschätzung für eben diese Genüsse, sie finden oft erstaunliche Kräfte, wenn es sich ihrer zu enthalten gilt. Alle Revolutionen, die die Aristokratien erschüttert oder vernichtet haben, beweisen, wie leicht Menschen, die an Überfluß gewöhnt waren, auf das Notwendige verzichten konnten, wogegen Menschen, die durch mühsame Arbeit zu Wohlstand gelangt sind, dessen Verlust kaum zu überleben vermögen.“ Das war Alexis de Tocqueville vor gut 160 Jahren. Ich will die Aussage auf den simplen Punkt bringen, dass derjenige, der den Kopf nicht mit der Jagd nach Geld beschäftigt, ihn für andere Dinge frei hat. Das hat mit dem Thema zu tun. Nun aber mitten ins Problem. Ich begründe
zuerst, warum ich nicht wirklich über Motivation in der Wissenschaft
sprechen kann - und auch gar nicht muss: Ich kann, meine sehr verehrten
Damen und Herren, mit Mühe einige Begründungen dafür finden,
warum ich selbst Hochschullehrer geworden bin. Aber mit Substanz zu erklären,
warum das andere getan haben und immer noch mit zum Teil erschreckendem
Einsatz tun, das kann ich nicht.
Trickreiche Umverteilung
Erlauben Sie mir dazu ein paar Worte. Ich gehe mit meinem Sohn, der am Sonntag zwei Jahre alt wird, oft in den Zoo. Dort habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie man einen Seehund mit kleinen Fischen dazu bewegt hat, einen Ball auf der Nase zu balancieren. Meine Frau meint, dass der Seehund das gerne tut. Ich meine, dass der Fisch eine große Rolle spielt. Vielleicht haben wir beide Recht. Mein Eindruck ist, dass auch viele der Akteure auf der politischen Ebene und anscheinend auch im Umfeld der Hochschule dieses Bild oder ein ähnliches Bild vor ihrem inneren Auge haben, wenn sie zur Zeit Pläne schmieden, wie sie uns motivieren werden. Diese Damen und Herren meinen, Forschung und Lehre durch die Hingabe begrenzter Gelder - genauer gesagt durch deren geschickte Umverteilung - ernsthaft bewegen, ja beschleunigen zu können. Ich bitte Sie um Verständnis,
dass ich jetzt mit groben Strichen zeichne, aber der Unverstand der hinter
solchen Plänen steht, verdient es, in grellen Farben und mit dicken
Strichen skizziert zu werden.
Regeln des Systems
Der gesellschaftliche Status, den eine Lehrstuhlinhaberin oder ein Lehrstuhlinhaber in Deutschland genießt, und das Einkommen, das ihr oder ihm zufließt, hat in der Vergangenheit wohl ausgereicht. Jedenfalls war es kein Argument oder nur selten ein Argument, um hervorragende Köpfe von dieser Betätigung fernzuhalten. Ich kenne auch persönlich niemand, der den Beruf angestrebt hat, weil er hier verdammt viel Geld verdienen kann. Dazu kommt etwas, was in der Geld-Diskussion praktisch übersehen wird: In den Berufsfeldern, in denen Geld eine besonders große Rolle spielt, haben auch die Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer in der Vergangenheit und Gegenwart immer Möglichkeiten gefunden, ihr staatliches Einkommen tüchtig aufzubessern. Kaum ein Betriebswirtschaftler, Jurist oder Mediziner, der nicht hier und da ein paar große Scheine mit seiner Kunst kassiert. Das wird manchmal auf politischer Ebene kritisiert. Wahrscheinlich weil man es mit den eigenen Formen des Nebenerwerbs verwechselt. Zwar werden wir auch deshalb beauftragt, weil wir anerkannte Wissenschaftler sind. Aber wenn ich einem Politiker etwas zahle, dann selten deshalb, weil er so ein schlauer Kopf ist. Ich selbst berate zum Beispiel sehr gerne Unternehmen. Ein großer Teil dessen, was ich heute in meinen Publikationen als gewonnene Erkenntnis darstellen kann, wurzelt in den so in der Praxis gesammelten Erfahrungen. Viele Aussagen, die ich vor Jahren ohne allzuviel praktischen Hintergrund gemacht habe, kann ich inzwischen korrigieren, präzisieren. Mit anderen Worten, ich lerne etwas, bei dem, was ich tue. Es bringt mich wissenschaftlich weiter. Dass ich damit gutes Geld verdienen kann, freut mich. Es gibt mir zum Beispiel die Möglichkeit, diesen oder jenen Luxus zu erwerben, an dem ich manchmal ein ganz kindliches Vergnügen habe. Das war es. Wäre es mehr, dann würde ich jetzt keine zwei Tage in Lübeck verbringen, sondern anständig Geld verdienen. Wenn ich einen Auftrag in der Privatwirtschaft übernehme, dann bestehe ich darauf, dass man mich dort so bezahlt, wie es üblich ist. Wenn mich eine andere Universität einlädt, werde ich selbstverständlich nicht an ein Honorar denken. Dann freue ich mich bereits, wenn man mir die Reisekosten bezahlt und mich irgendwo unterbringt, notfalls kann ich das aber auch selbst übernehmen. Das hat mit dem Selbstverständnis meines Standes zu tun. Man macht das eben so. Agiert man anders, grinsen die Kolleginnen und Kollegen. Was bedeutet das, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, für das Thema. Ich finde eine ganze Menge. Es bedeutet, dass Wissenschaftler nach meiner Einschätzung allen Ernstes vom Staat das wollen, was das klassische Beamtenverhältnis bietet: nämlich eine standesgemäße Alimentation. Sie wollen einen Zustand, in dem man möglichst wenig über Geld spricht. Dass Wissenschaftler, wenn sie ihre Erfahrung andernorts vermarkten, dafür tüchtig Geld nehmen, ist kein Widerspruch. Es zeigt nur einfach, wie sie die Regeln desjenigen Systems beachten, in dem sie sich gerade bewegen. Auch Wissenschaftler mit höchsten Marktpreisen werden ganz selbstverständlich ohne Honorar sprechen, wenn sie dies in einem Bereich tun, in dem das nicht üblich ist. Sie werden Vorlesungen halten und sich in Gremiensitzungen quälen. Für mich sind diese Regeln, dieser überraschende Umgang mit Geld wesentliche Voraussetzungen für das Funktionieren eines Wissenschaftsbetriebes. Wissenschaft macht man aus Passion - fragen Sie mich nicht was das ist. Natürlich freuen Ehrungen, Geld,
Status usw.; aber sie unterstützen nur. Und wer sie lenkend einsetzt,
sollte wissen, wie das geht. Die Frauen oder Männer, denen Passion
zur Wissenschaft fehlt, die diesen tiefen Antrieb nicht haben, kommen nicht
weit - da helfen weder Geld noch gute Worte.
Geld als Steuerungsinstrument
Mir ist kein politisches System, kein Unternehmen, nicht einmal eine Gangsterbande bekannt, bei der menschliche Arbeit, Beziehungen, Hierarchien, Strukturen allein über Geld gesteuert werden. Dort wo ausschließlich und auf Dauer der Warenwert einer menschlichen Arbeitsleistung die Beziehungen der Beteiligten regelt, wird entweder außerordentliche Not beim Empfänger des Geldes ausgenutzt, oder es müssen außerordentliche Summen bezahlt werden. Beides kennen wir. Wenn ein armer Student putzen geht, dann ist es ausschließlich der Fünfziger, der ihn auf Trab bringt. Nennen wir das einmal Not. Und wenn ein Politiker sich prostituiert, dann ist es vermutlich auch nur der dicke Umschlag, der ihn zu dieser Trostlosigkeit treibt. Das nenne ich Habgier. Beide Ebenen der Motivation - Not und Habgier - passen nicht in den Wissenschaftsbetrieb. Die Menschen im Wissenschaftsbetrieb wären überwiegend in der Lage, ihr Brot auch anderswo zu verdienen. Dies zur Not. Nun zur richtigen Habgier; zum di-cken Umschlag. Hier ist der Staat als Arbeitgeber wirtschaftlich überhaupt nicht in der Lage, ausschließlich über Geld zu motivieren. Er denkt jedenfalls derzeit nicht daran, den Leistungsträgern dicke Kuverts zuzustecken. Obgleich unsere politisch verantwortlichen Eliten anscheinend durchaus wissen, was das ist und was man alles mit solchen Umschlägen erreichen kann. Wenn man das eben gesagte erkannt hat,
dann ist es in meinen Augen ein Zeichen von Einfalt oder Bosheit zu behaupten,
dass man mit kleiner Münze und sonst gar nichts eine wirklich erhebliche
Motivation von Wissenschaftlern erreichen kann.
Denkfehler
Der andere, viel größere Fehler ist es zu übersehen, dass Geld schaden kann. Man kann Menschen mit Geld beleidigen. Das Bezahlen - und die Art und Weise, wie bezahlt wird - ist von beträchtlicher Wirkung in einer Beziehung. Wer einen anderen mit der direkten Gabe kleinen Geldes zu lenken sucht, zeigt diesem seine Geringschätzung - nicht Verachtung ... Geringschätzung ist genau das Wort: Er sagt ihm nämlich damit, „ich halte dich für ein so geringes Wesen, dass ich glaube, dass man dich mit 200, 300 oder 500 DM zu erheblichen Verrenkungen bewegen kann“. Warum wohl, gebe ich einem Mitarbeiter lieber eine Flasche Champagner als einen 50 Mark-Schein, wenn ich etwas anderes als ein Lob geben will? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind keine geringen Wesen; jedenfalls wollen Sie es normalerweise nicht sein. Sondern das sind Menschen, die in ihrem Bereich Besonderes leisten. Und die das meistens auch durchaus wissen. Sie lieben es, wenn man das anerkennt. So wie es die Schönen schätzen, wenn man Ihnen sagt, dass sie schön sind. Ihnen aber mit Kleingeld zu winken, ist gefährlich. Dann kommen nur noch die ganz Armen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler brauchen vernünftige Arbeitsbedingungen. Darüber hinaus wollen sie mit ihrer beruflichen Tätigkeit ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber sie wollen in ihrer beruflichen Tätigkeit vor allem Anerkennung und Respekt. Auch Anerkennung und Respekt können sich in Geld ausdrücken. Wenn sie sich aber allein in Geld ausdrücken sollen, dann braucht es sehr, sehr viel Geld, um ernsthaft zu wirken. Dieses Mittel ist immer wieder gewählt worden, nicht ohne Erfolg. Meistens hat man sich - mangels Masse - aber anderer Mittel bedient. Man hat gelobt, Respekt gezeigt, Titel verliehen, Ehrenzeichen. All diese Dinge, über die man auch ein wenig schmunzeln kann, sind aber Zeichen einer größeren Vertrautheit mit der menschlichen Natur als die dumm-dreiste Hingabe von ein paar Mark. Lassen Sie es mich auf den Punkt bringen. Mir ist klar, dass Wissenschaft, wenn sie von Menschen betrieben wird, die nicht über das verfügen, was mit dem wunderschönen Wort „private income“ bezeichnet wird, dass diese Wissenschaft für diese Menschen auch Broterwerb ist. Davon sollte man freilich kein allzu großes Aufhebens machen. Die bisherige Praxis und die bisher in dem Bereich gezahlten Gelder haben sich als einigermaßen brauchbar erwiesen. Die Regelungen haben funktioniert. Wer glaubt, in diesem Bereich durch die Umverteilung dieser Mittel und durch Strukturänderungen erhebliche Motivationsfortschritte zu erzielen, der übersieht, dass Geld, insbesondere kleines Geld, hier schlicht untauglich ist. Er übersieht auch, dass Geld, wenn es auf die falsche Art gegeben wird, mehr verletzt als freut. Es mag erheiternd sein, zuzusehen,
wie ein Seehund mit Fischen dressiert wird. Die Heiterkeit lässt schnell
nach, wenn man erkennt, dass man selbst der Seehund sein soll.
*Bei dem Text handelt es sich um einen
stark gekürzten Vortrag, gehalten auf der Tagung des Vereins zur Förderung
des Deutschen und Internationalen Wissenschaftsrechts zum Thema „Neues
Dienst- und Besoldungsrecht an Hochschulen“ am 24./25.2.2000 in Lübeck.
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