Die Universität zwischen Kreativität und Steuerung Die Frage "Was ist eine Universität?" ist heute, mehr denn je, umstritten.
Vor dem Hintergrund der immer massiveren Einflußnahme von Politik und
Wirtschaft auf Universität und Wissenschaft stellt sich gleichfalls die
Frage, ob wissenschaftliche Prozesse steuerbar sind. Wie also entsteht Neues
in der Wissenschaft?
1. Sinn und Aufgabe der Universität
In den vergangenen drei Jahrhunderten gehörte es zum Grundkonsens der
gebildeten Schichten des europäischen Kulturkreises, daß die Vermehrung des
Wissens über die Welt im weitesten Sinne nicht nur zu den vornehmsten
Tugenden des Menschen zählt, sondern auch die hauptsächliche Grundlage der
Verbesserung seines materiellen und kulturellen Daseins ist.
1. These: Die Aufgabe der Universitäten ist die Pflege und Weiterentwicklung
dieses Wissens durch Forschung, Lehre und Studium. Wer die Universitäten zum
Werkzeug eines anderen Zweckes macht oder die Einheit ihrer Aufgaben in
Frage stellt, wird nicht nur die Universitäten auf mittlere Sicht zerstören,
er sägt an einem zentralen Pfeiler der abendländischen Kultur.
In einem Gespräch über die Krise der Forschung (Spektrum der Wissenschaft,
Mai 1997, 35) hat Wolfgang Frühwald 1997 einen geänderten Umgang mit den
Universitäten gefordert. Seit 40 Jahren habe man in Deutschland die
Universitäten instrumentalisiert und zweckentfremdet. "Wir haben sie" - so
Frühwald - "zunächst gesellschaftspolitisch instrumentalisiert, haben in der
Universität (...) Demokratie erprobt. Dann haben wir sie regionalpolitisch
und strukturpolitisch instrumentalisiert: Wir haben Universitäten in
strukturschwachen Regionen gegründet, um diese wirtschaftlich aufzubauen.
Dann haben wir sie arbeitsmarktpolitisch instrumentalisiert und sie zum
großen Parkplatz für viele sonst arbeitslose Menschen gemacht... Und jetzt
instrumentalisieren wir die Universitäten wirtschaftspolitisch und sagen,
sie müßten die Anwendungen erarbeiten, die in der Industrie nicht mehr
entstehen." Diese Reihe ist nicht vollständig. Heute instrumentalisieren wir
die Universitäten auch, indem wir sie zu Institutionen der Weiterbildung, zu
Karrierezentren, Berufsfachschulen, kurz zu einem Berufspraktischen
Volksbildungsheim machen.
Was war falsch an dem Versuch der Demokratisierung der Universitäten? Es war
die Anwendung einer richtigen Idee aufs falsche Objekt.
2. These: Fragen und Inhalte der Wissenschaft sind nicht durch Abstimmung
entscheidbar. Nur wenige sind jeweils kompetent, ein begründetes Urteil zu
fällen.
Wer Entscheidungen über die Ziele der Wissenschaft, über Forschungsinhalte,
-gelder und -projekte generell an die Meinung der Mehrheit, also der gerade
tonangebenden Gruppierung in Politik, Gesellschaft oder Wissenschaft,
koppelt, der legt den Nährboden trocken, auf dem sich in der Wissenschaft
das Neue entwickelt. Gerade jener Teil der Wissenschaft, den man zuweilen
als "frontier-science" bezeichnet, ist selten mehrheitsfähig. An der Grenze
zum Unbekannten verschwimmen die Konturen, wechseln Hoffnungen und
Befürchtungen, divergieren die Urteile oft radikal. Das Wissen in diesem
Bereich wird nicht nach eingefahrenen Routinen existierender
paradigmageleiteter Gruppen, sondern durch das instinktiv vorwärtstastende,
existierende Erwartungen durchbrechende, Fachgrenzen überschreitende,
zuweilen durch pure Hoffnung getriebene Handeln einzelner Wissenschaftler
vermehrt. Es sind jene Wissenschaftler, die dort, wo andere gegenwärtig noch
Unordnung sehen, bereits Muster wahrzunehmen vermögen, Wissenschaftler, die
in der Lage sind, das an den Grenzen des Wissens herrschende Chaos erstmals
zu strukturieren. Diese Forscher sind zur Zeit ihrer größten geistigen
Anspannung nicht selten isoliert. Während ihre Leistung erst später
anerkannt wird, stehen oft Personen und Kontroversen im Mittelpunkt des
Mehrheitsdiskurses, die ebenso schnell vergessen sind, wie sie nach oben
gespült wurden - weil ihre Ansichten zwar konsensfähig oder Teil der
akzeptierten Streitkultur, aber nicht zukunftsweisend sind.
Dies ist ein äußerst wichtiger Punkt, der auch an der Universität nicht
selbstverständlich ist. Die Zwänge der Organisation und das Gruppenverhalten
von Wissenschaftlern in dieser Organisation, dies hatte schon Humboldt
erkannt, führen manchmal zu Intoleranz, zur sachlich ungerechtfertigten
Dominanz bestimmter Richtungen und zur Erstickung alternativer Ideen.
Wenn die Universitäten ihre innovative Kraft erhalten oder wiedererlangen
wollen, müssen sie lernen, den kreativitätshemmenden Wirkungen des
Gruppenverhaltens bereits an der Wurzel Einhalt zu gebieten und einen
gewissen Wildwuchs an der Basis nicht nur zu dulden, sondern zu ermutigen.
Der Biochemiker und Vorsitzende des Schweizer Technologie- und
Wissenschaftsrates, Gottfried Schatz, hat jüngst auf die
kreativitätsmindernde Wirkung der Einbindung innovativer Wissenschaftler in
Forschungsnetzwerke, also Gruppenstrukturen, hingewiesen. Das ist eine Idee,
die insbesondere in der Europäischen Wissenschaftspolitik im Augenblick sehr
in Mode ist. Schatz spricht sogar von einer "offiziellen Netzwerkmanie".
Forschungsnetzwerke, so Schatz "hemmen (...) Innovation, da die meisten
großen Entdeckungen nicht organisierten Forscherkollektiven, sondern der
intuitiven Neugier und der nichtkonformen Kreativität einzelner Talente
entspringen. Wissenschaftliche und künstlerische Kreativität schöpfen aus
der gleichen rätselhaften Quelle, die zutiefst Ausdruck unserer menschlichen
Individualität ist. Wir müssen diese Quelle achten und schützen, denn sie
versiegt meist, wenn wir sie als Zulieferer einer kommunalen Wasserleitung
zu fassen versuchen." (Gottfried Schatz, Hemmschuhe der Forschung, FAZ
24.1.2001, 55).
Wichtig ist eine Konsequenz aus dieser Beobachtung. Es ist meine dritte
These.
3. These: Nur durch Schaffung eines Raumes, der von Politik,
Gruppenkonflikten, Nütz-lichkeits- und Effektivitätsüberlegungen frei
bleibt, bekommen Neuerer und Pioniere die Chance, ihre Ideen, Produkte und
Programme soweit zu entwickeln, daß man ihre Stärken und Schwächen
beurteilen und sie schließlich auch in Technologien und Produkte umsetzen
kann. Die Voraussetzungen einer effizienten Wissenschaft sind Konkurrenz und
Pluralismus in einem System starker, unabhängiger und fähiger Forscher.
Dieser Pluralismus setzt freilich voraus, daß Lehrer und Forscher an den
Universitäten nach möglichst strengen Gesichtspunkten ausgewählt werden,
aber er gibt denen, die die Hürden überwunden haben, die Freiheit und in
vernünftigem Ausmaß auch die Mittel, Wissenschaft nach ihren Maßstäben und
Interessen gestalten zu können!
Es ist ein Irrglaube, strenge Eintrittskontrollen durch regelmäßige
zwischenzeitliche Erfolgskontrollen ersetzen zu können. Wer bereits für
Jahre Teil des Systems ist, hat sich in der Regel bereits so gut "vernetzt",
ist also Teil vieler informeller Gruppen des Wissenschaftsbetriebs, daß es
schon an ein Wunder grenzen würde, wenn er an einer Evaluation scheitern
würde. Dies gilt gerade (aber natürlich nicht nur) dann, wenn er kein
überragender Forscher ist. Unkonventionelle Denker, die zuweilen als
Einzelgänger, Quertreiber und Spinner angesehen werden, weil sie an den
sozialen Gepflogenheiten der "wissenschaftlichen Gemeinschaft" ebensowenig
Gefallen finden wie an ihren aktuellen Dogmen, hätten schon ein größeres
Risiko.
Um die Zahl der Fehler möglichst klein zu halten, müßten viele hochkarätige
Wissenschaftler viel Zeit zur Begutachtung von Kollegen aufbringen.
Abgesehen von den sozialen Spannungen und der Belastung vieler persönlicher
Beziehungen durch die Teilung der wissenschaftlichen Gemeinschaft in
Evaluateure und Evaluierte, werden gerade die fähigsten Wissenschaftler von
der kreativen Arbeit an ihren Sachproblemen abgehalten. Das System verwendet
einen beträchtlichen Teil seiner Ressourcen dazu, sich mit sich selbst zu
beschäftigen - und nicht mit der Natur, der Gesellschaft, dem Geist und
seinen Produkten. Ist das effizient?
2. Der Begriff der Wissenschaft
Was ist überhaupt Forschung oder Wissenschaft? Wenn Forschungs- und
Bildungspolitiker von Wissenschaft reden, dann könnte man meinen, sie
bezögen sich auf die routinemäßige Lösung einer Konstruktionsaufgabe, den
Bau eines Hauses oder die Tätigkeit eines Kochs. Die Werkzeuge und
Materialien sind vorhanden, es komme nur noch darauf an, sie in der
richtigen Weise zur Bearbeitung von Problemen einzusetzen. Diese Probleme
müsse man der Wissenschaft, da sie sonst ihren praxisfernen Spielereien
verhaftet bleibt, von seiten der Gesellschaft, der Ökonomie und der Politik
vorgeben. Notfalls müsse man sie mit der Finanzkeule zwingen, sich den
"relevanten" Problemen zu widmen und sich endlich den "Interessen der
Gesellschaft" zuzuwenden.
Hierin liegt ein fatales Mißverständnis von Forschung und Wissenschaft. Da
solche Mißverständnisse nicht nur in der Politik weit verbreitet sind, lohnt
es sich, noch einmal einen Klärungsversuch zu machen.
Ich zitiere dazu eine Passage aus dem Vorentwurf einer
Initiativstellungnahme des Wirtschafts- und Sozialausschusses der
Europäischen Union zum Thema "Wissenschaft, Gesellschaft und Bürger in
Europa", die ich zusammen mit dem Physiker und WSA-Mitglied Professor Gerd
Wolf vom Forschungszentrum Jülich erarbeitet habe. Die folgende Passage
stammt von Gerd Wolf; sie stellt die beste Umschreibung des Konglomerats von
Tätigkeiten dar, die wir Forschung oder Wissenschaft nennen, die ich bisher
in der Literatur gefunden habe. Zwischen Forschung und Wissenschaft wird
dabei nicht grundsätzlich unterschieden. Die Passage lautet:
"Forschung ist der Schritt ins Unbekannte, und die dabei vom Einzelnen oder
von der Gruppe angewandten Vorgehensweisen variieren und ergänzen sich dabei
je nach Erfordernis, Begabung und Temperament. Forscher sind Manager,
Ingenieure, Sammler, Haarspalter, Glasperlenspieler oder Künstler. Forschen
ist Tasten im Nebel, intuitives Erahnen, Vermessen einer unbekannten
Landschaft, Sammeln und Ordnen von Daten, Finden neuer Signale, Aufspüren
übergeordneter Zusammenhänge und Muster, Erkennen neuer Korrelationen,
Entwickeln mathematischer Modelle, Entwickeln der jeweils benötigten
Begriffe und Symbolsprachen, Entwickeln und Bauen neuer Geräte, Suche nach
einfachen Lösungen und nach Harmonie. Es ist aber auch Bestätigen,
Sicherstellen, Erweitern, Verallgemeinern und Reproduzieren".
Hieraus möchte ich eine weitere These ableiten. Sie lautet:
4. These: Eine Universität, die Forschung in diesem Sinne und in ihrer
ganzen notwendigen Vielfalt nicht mehr erlaubt, weil sie Wissenschaftlern
keinen Platz mehr einräumen will, die unbeengt von angeblichen
"gesellschaftlichen Bedürfnissen" oder den Vorgaben von Gremien
Forschungsprobleme nach eigenem Ermessen aufgreifen und in eigener
Verantwortung auf ihre Weise bearbeiten, hat einen ernsten
Konstruktionsfehler.
Doch diese These würde ein Ungleichgewicht erzeugen, wenn sie nicht durch
eine andere These ergänzt würde. Wir brauchen nicht nur Pluralität an der
Basis - einen chaotischen Urgrund, in dem autokatalytische Prozesse
ablaufen, sondern auch eine zum richtigen Zeitpunkt einsetzende wohldosierte
Förderung der an der Basis erzeugten Selbstorganisationsprozesse.
5. These: Die Stärke eines Wissenschaftssystems liegt nicht nur in der
Pluralität und Offenheit seiner Basis, sondern auch in der entschiedenen
Förderung seiner besten Erzeugnisse, und zwar auf allen Ebenen: ideell,
personell, institutionell.
"Making the peaks higher" - dies war das Erfolgsrezept, mit dem die
Rockefeller Foundation in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts den
Aufstieg der amerikanischen Physik wesentlich beschleunigt hat.
Wir erhalten so ein Modell, das auf zwei Säulen beruht. Die erste Säule ist
eine starke Grundforschung, und zwar auch und gerade an der Universität, die
weder vom Gutachtersystem noch von irgendwelchen Universitätsgremien,
sondern nur vom Interesse und Urteilsvermögen der einzelnen Wissenschaftler
abhängig ist. Bestehende außeruniversitäre Forschungsinstitute sollten so
weit wie möglich in die Universitätslandschaft integriert werden.
Die zweite Säule ist die Drittmittel- und Ressortforschung, in der
zielorientiert Projekte, Programme, Personen oder Institutionen gefördert
werden, die ein qualitativ hochwertiges Begutachtungssystem durchlaufen
haben. Das gegenwärtige Gutachterwesen, das manchmal auch ein
Gutachterunwesen sein kann, erscheint mir dabei durchaus
verbesserungswürdig. Wünschenswert wäre, daß auch die Mittel der
Ressortforschung, die insgesamt weit größer sind als etwa die Mittel der
DFG, nach einem verbesserten Begutachtungssystem verteilt werden. Hier
schalten und walten Ministerialbeamte gegenwärtig noch weitgehend nach
eigenem Geschmack.
3. Die politische Steuerung der Forschung
Leider setzt die gegenwärtige Hochschulpolitik fast gänzlich auf die Karte
der Zielforschung: durch öffentliche Mittel geförderte Forschung soll
"relevant" und "nützlich" sein, sie soll auf die "Bedürfnisse der
Gesellschaft" und der Ökonomie reagieren. Diese Vorstellung verkennt völlig
den eigendynamischen Charakter der Wissensproduktion an der Basis der
Forschung.
Offenbar sitzt die Einstellung, nur durch strenge Kontrollen könne man
erfolgreich zielorientiert forschen, bei Politikern wie Kaufleuten sehr
tief. Und leider trifft diese Einstellung zunehmend auch die
Grundlagenforschung - wobei zu beachten ist, daß es keine scharfe Grenze
zwischen anwendungsorientierter und grundlagenorientierter Forschung gibt.
Es handelt sich nicht um zwei getrennte Welten, sondern um ein Kontinuum,
bei dem nur die Extreme unver-söhnbar erscheinen - insbesondere, was den
Zeithorizont, die Breite des Zugangs, das Risiko und die Vorhersagbarkeit
betrifft.
Viele große Entdeckungen, vermutlich die meisten, waren das Ergebnis einer
nicht auf spezielle Anwendungen ausgerichteten Grundlagenforschung, aber wie
hier geschahen diese Entdeckungen auch in der angewandten Forschung oft
gewissermaßen nebenbei, in Verfolgung ganz anderer Ziele. Auch die großen
Erfindungen der Technik - Druckerpresse, Dampfmaschine, Dynamo, Telefon,
Otto- und Dieselmotor, Flugzeug, Braunsche Röhre, Transistor, Computer,
Laser, Holographie - erfolgten im Windschatten anderer Entwicklungen und
Ereignisse, die von den Zeitgenossen als viel wichtiger wahrgenommen wurden
- nicht in Verfolgung ausgetretener Wege, sondern verschlungener Nebenpfade.
Der größte Nutzen von Wissenschaft und Forschung ist nicht selten jener, den
man nicht bewußt angestrebt hat, sondern der sich aus neuen Perspektiven
ergibt, die sich zum Zeitpunkt der laufenden Forschung noch nicht
erschlossen hatten. Wäre man durch zielorientierte, an den
gesellschaftlichen Bedürfnissen ausgerichtete Forschung je auf einen der
kühnen theoretischen Entwürfe gekommen, die nicht nur unser gegenwärtiges
wissenschaftliches Weltbild bestimmen, sondern von denen Technik und
Ökonomie heute leben?
Das vielleicht beste Beispiel einer Wissenschaft, die zumeist vollkommen
"nutzlos" ist, in der sich aber dann und wann unvorhergesehene
Anwendungsmöglichkeiten ergeben, die Teile der Wissenschaft umstürzen
können, ist die Mathematik. Es soll Mathematiker geben, die beleidigt
reagieren, wenn sie gefragt werden, für was ihre Arbeit gut ist. Sie haben
recht. Die Frage der Anwendbarkeit ist für die reine Mathematik
bedeutungslos. Und doch haben die mathematischen Spielereien eines Hamilton,
Riemann, Ricci, Lévi-Civita, Mandelbrot, Feigenbaum ungewollt die Grundlagen
für die spätere Umwälzung wissenschaftlicher Disziplinen geschaffen
(Quaternionen, nichteuklidische Geometrie, absoluter Differentialkalkül,
Fraktale Geometrie, Chaostheorie). Vielleicht ist die Mathematik die
nützlichste und wirkungsvollste Wissenschaft überhaupt - nicht trotz,
sondern gerade weil ihre laufenden Forschungen nicht auf konkrete,
außermathematische Ziele ausgerichtet sind.
Bisher haben diese Einsichten wenig gefruchtet. Wenn der Zeitgeist erst
einmal Fahrt aufgenommen hat, ist er durch Vernunft allein nicht zu bremsen.
Was man der Helmholtz-Gesellschaft als Reform angedeihen ließ - nämlich die
stärkere politische Instrumentalisierung, droht nun auch den deutschen
wissenschaftlichen Instituten im Ausland (Deutsche Historische Institute
u.a.; siehe FAZ vom 24.3.2001). Selbst die Akademien der Wissenschaften,
bisher der natürliche Ort von Langzeitprojekten, deren Bedeutung sich allein
nach wissenschaftsimmanenten Kriterien bestimmte, sind teilweise in den
Strudel der Relevanzforschung geraten, wobei als "relevant" das gilt, was
den Zeitgeist bewegt (vgl. Norbert H. Ott, in: FAZ, 1999).
Zusammen mit dem neuen Besoldungsrecht ergibt sich somit ein Syndrom
zunehmender staatlicher Steuerungssucht, hinter der einige Kollegen aus
Mitteldeutschland eine Kontrollideologie sehen, die sie "in fataler Weise an
Zeiten sozialistischer Planwirtschaft erinnert" (FAZ vom 28.1.1999), in
denen "Betriebsdirektoren oder (an der Universität) Sektionsdirektoren über
leistungsorientierte Prämienausschüttungen und Gehaltssteigerungen" befunden
hätten.
4. "Praxisorientiertheit des Studiums"?
Ein anderer Brennpunkt der gegenwärtigen Diskussion ist das
Ausbildungsprinzip der zukünftigen Universität, die nach dem Willen der
Politik nur mehr Hochschule sein soll. Dies ist keineswegs eine triviale
Begriffsverschiebung, sondern bedeutet einen Wesenswandel. Die Hochschule
braucht nicht unbedingt selbst zu forschen. Ihr genügt es im Prinzip, das
anderweitig erarbeitete Wissen didaktisch so aufzubereiten, daß es für eine
praxisgerechte, berufsbezogene - also gesellschaftlich nutzbringende - Lehre
tauglich ist. Forschung findet dann in anderen Institutionen statt - in
Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, der Helmholtz-Gesellschaft, in
Fraunhofer-Instituten - die wiederum keine Lehre anbieten, sondern möglichst
anwendungsbezogene zielorientierte Programme abarbeiten, die nach dem Willen
der Bundesministerin Bulmahn viel stärker als bisher "auf die Bedürfnisse
der Wirtschaft ausgerichtet werden" sollen (Carsten Holm, Udo Ludwig, Blumen
für die Industrie, Der Spiegel 52, 2000, 44). Wenn es nach dem Willen der
politisch Verantwortlichen geht, erhalten wir in Zukunft ein Forschungs- und
Ausbildungssystem, das aus zwei Komponenten beseht:
1) aus Hochschulen (unter Einschluß der Fachhochschulen), die nach
didaktischer Aufrüstung praxisgerecht und berufsbezogen ausbilden, aber
wenig forschen - weil sie dies nach einer weiteren Erhöhung der
Lehrbelastung wohl auch kaum mehr können;
2) aus reinen Forschungsinstituten, die nicht lehren und eine "offensive
Verwertungsstrategie" (Gerhard Schröder) nach politisch festgelegten
Programmen verfolgen (Der Spiegel 52, 2000, 44).
Beide Veränderungen sind gekoppelt. Sie sind politisch gewollt und durch -
wie die Mediziner sagen - "einschleichende Dosierungen" der bisherigen
Wissenschaftspolitik vorbereitet. In der Konsequenz werden sie zu einer
Erosion der Wissenschaftsfreiheit und zu einer Verschlechterung der Qualität
akademischer Ausbildung führen.
Es bedarf keiner Diskussion darüber, daß eine wesentliche Funktion der
Universität in der Ausbildung für die verschiedensten Tätigkeiten in einer
modernen Gesellschaft besteht. Der Steuerzahler gibt viel Geld für die
Universitäten und Hochschulen aus, und er hat das Recht, dafür das Beste zu
verlangen, was zur Zeit auf diesem Gebiet zu haben ist. Die Frage ist nur,
wie die Universität diese Funktion erfüllen soll.
Soll sie 1) wie die im engeren Sinne berufsbildenden Fachschulen in sechs
Semestern, ohne den wissenschaftlichen Grundlagen viel Aufmerksamkeit zu
schenken, auf genau definierte Berufsbilder hin ausbilden, also den
maßgeschneiderten Absolventen entlassen, der nicht mehr weiß, als er zum
praktischen Handeln in seinem Beruf heute wissen muß?
Oder soll sie 2) den wissenschaftlich gebildeten Generalisten mit
Spezialkenntnissen anstreben, der in der Anfangsphase seines Berufslebens
vielleicht einige berufspraktische Fähigkeiten dazulernen muß, der aber den
Vorteil aufweist, vielen Berufsbildern gerecht werden zu können, darunter
auch solchen, die es heute noch gar nicht gibt?
Der erste Typus ist schnell fertig, doch es fehlt ihm das Rüstzeug, auf neue
Anforderungen und Veränderungen des Berufsbildes kreativ und flexibel zu
reagieren. Kurze Phasen der Weiterbildung können dieses ursprüngliche
Defizit nicht beheben, weil es in der Struktur der Wissensbasis angelegt
ist.
Der zweite Typus braucht etwas länger, doch er ist flexibler, weil er über
breitere und generalisierte Kompetenzen verfügt und gelernt hat, sich das
jeweils benötigte Wissen aus unterschiedlichsten Quellen zu besorgen oder
systematisch zu erarbeiten.
Die Universität hat sich bisher fast immer für dieses zweite Konzept
entschieden. Die Bestätigung für diese Entscheidung, denke ich, gibt der
Markt, und zwar in Form einer Abstimmung mit den Füßen, aber auch in Form
der Arbeitslosenziffern, also der Nachfrage nach Universitätsabsolventen.
Diese Abstimmung hat das Ergebnis, daß das Ausbildungskonzept der
Universität offenbar einen Wettbewerbsvorteil erzeugt. Doch worin liegt er?
6. These: Der Ausbildungsvorteil der Universität liegt in ihrem
Ausbildungsprinzip. Dieses heißt seit Humboldt "Bildung und Ausbildung durch
Wissenschaft". Dies ist das Ausbildungsprinzip, das einer
Wissensgesellschaft angemessen ist.
Dies bedeutet nicht, wie oft mißverstanden wird, daß die Universitäten in
Deutschland gerade 1,8 Millionen Studenten zu Wissenschaftlern ausbilden.
Dies wäre eine unsinnige Verschwendung von Ressourcen. Es heißt vielmehr,
daß wir diese Zahl von Studenten durch Umsetzung des Prinzips Bildung und
Ausbildung durch Wissenschaft befähigen, ihr Wissen ständig systematisch und
methodisch zu erneuern, zu ergänzen, zu erweitern und ggf. zu verwerfen und
durch besseres zu ersetzen - und zwar unter Benutzung der besten und
seriösesten Quellen, die es gibt. Das universitäre Prinzip Bildung und
Ausbildung durch Wissenschaft beinhaltet somit eine kritische Einstellung
zum erworbenen Wissen, eine Methode der Wissenssuche und Wissensergänzung,
sowie die Fähigkeit, dieses Wissen mit anderem Wissen zu verknüpfen.
Wenn man sich vergegenwärtigt, welche kognitiven Fähigkeiten in einer
hochtechnisierten, globalisierten und dynamischen Wissensgesellschaft zum
beruflichen Erfolg notwendig sind, so erkennt man, daß diese Fähigkeiten
weitgehend mit denen übereinstimmen, die durch dieses Prinzip abgedeckt
sind.
5. Wann ist Forschung "gesellschaftlich relevant"?
Ein ähnliches Argument greift im Falle der zweiten politischen
Steuerungskomponente, der Ausrichtung der deutschen Forschungslandschaft an
den "gesellschaftlichen Bedürfnissen" oder "Interessen".
Dazu muß man zunächst sagen, daß "Gesellschaft" ein Abstraktum ist, das sich
in der Wirklichkeit als hochdifferenziertes Aggregat mit einer Vielfalt von
Kulturen, Religionen, Perspektiven, Lebensentwürfen und Zielvorstellungen
darstellt. Das "Interesse" dieses Abstraktums läßt sich empirisch allenfalls
als Summe aktuell dominierender (und in kurzer Zeit vielleicht schon
überholter) Wahrnehmungen und Erwartungen der Gesamtheit aller Individuen
bestimmen.
Erst in der Folge eines sehr komplizierten Vermittlungsprozesses, in dessen
Verlauf die ursprünglichen Interessen der Individuen vielfältig
zusammengefaßt, gefiltert und transformiert werden, können sie als
"gesellschaftliche Interessen" zum Auslöser und Gegenstand politischen
Handelns übergeordneter Instanzen werden.
Bei dieser Transformation kommt den intermediären Gruppen und
Vermittlungsprozessen, sowie den Massenmedien und ihrer Informationspolitik
eine entscheidende Bedeutung zu. Es ist wichtig für jede Regierung,
Verwaltung oder Partei, daß sie sich des Unterschieds - der bis zum Konflikt
reichen kann - zwischen den ursprünglichen Individualinteressen und ihrer
politisch wirksamen aggregierten Form bewußt ist und nicht der Fiktion
erliegt, letztere repräsentiere eo ipso das "Interesse der Gesellschaft".
Was die Politik als "Interesse der Gesellschaft" verkauft, ist also ein
soziales und politisches Konstrukt - nicht notwendigerweise ihr eigenes -
obwohl sie naturgemäß nichts unversucht läßt, es nach ihrem Bilde zu formen.
Freilich: Einer Politik, die keinen Wert mehr auf eine Wissenschaft legt,
deren erstes Ziel die zweckfreie Vermehrung des Wissens über die Struktur
der Welt ist, bleibt nur der Rekurs auf den zu erzielenden Nutzen für
Gesellschaft, Politik und Ökonomie. Doch für diesen gibt es kein neutrales
Kriterium, kein objektives Korrelat wie im Falle des Begriffs der Wahrheit -
auch wenn wir diese vielleicht niemals zweifelsfrei feststellen können.
Entscheidend ist die Existenz eines äußeren Bezugspunktes. Für Nützlichkeit
fehlt dieser Referenzpunkt. Wie nützlich ist der Fusionsreaktor, den wir
noch nicht haben, von dem sich viele Wissenschaftler jedoch die Lösung des
Energieproblems versprechen? Wie nützlich ist die Internationale
Raumstation, der Riesenbeschleuniger von CERN, der Transrapid, die
Gentechnik, die Nanotechnologie, der menschenähnliche Roboter usw.? Was
nützlich oder schädlich ist, definiert sich nach Weltbildern, Ideologien,
politischen Programmen, religiösen Einstellungen oder diffusen Ängsten und
Hoffnungen.
Wenn Bertold Brecht im "Leben des Galilei" (Frankfurt 1963, 125) sagt "Ich
halte dafür, daß das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die
Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern", dann verkürzt er den
Nutzen der Wissenschaft aufs Materielle. Selbst wenn man den kulturellen,
sozialen, bildungsmäßigen Nutzen hinzunimmt, fehlt immer noch eine
Dimension, die vielleicht die wichtigste Triebkraft der Forschung darstellt
- die Befriedigung der menschlichen Neugierde, also der ureigensten
menschlichen Neigung, wissen zu wollen, warum sich etwas so verhält. Man mag
es für eine List der Geschichte halten, daß solche neugiergetriebenen,
zweckfreien Forschungen die Entwicklung der menschlichen Zivilisation und
ihrer ökonomischen Basis stärker geprägt haben als ziel- und
produktorientierte Forschung.
Eine Politik, der diese Einsicht abhanden gekommen ist, verfügt über einen
ökonomisch halbierten Effektivitätsbegriff.
Es ist ein gefährlicher Irrtum zu glauben, man könne das Risiko neuen
Wissens mindern, indem man der Grundlagenforschung von außen Ziele vorgibt
und die angewandte Forschung noch strenger kontrolliert. Als
Wissenschafts-historiker garantiere ich, daß auch die bestgesteuerte und
strengstkontrollierte Forschung unerwünschte Ergebnisse erzeugen wird, daß
sie aber auf längere Sicht insgesamt weit weniger Erträge abwerfen wird als
eine von politisch auferlegten Zwängen freie Grundlagenforschung. Dies gilt
mutatis mutandis auch für die angewandte Forschung. Auch diese benötigt
Freiräume. Denn nicht selten erweist sich später gerade jenes Wissen und
jene Anwendung als wichtig, an denen "die Gesellschaft" oder das Unternehmen
jetzt gerade nicht interessiert sind.
Die Politik - aber nicht nur sie - muß eines begreifen: Wissenschaftlicher
Fortschritt ist nicht immer nützlich oder konstruktiv, er bringt oft nicht
jene wohlfeilen und stromlinienförmigen Lösungen hervor, die sich die
Politik und die Öffentlichkeit wünschen. Er kann im Gegenteil zersetzend
sein, Gärung bewirken und Unruhe auslösen, um erst nach Bewältigung der
dadurch verursachten Probleme die Chance zu eröffnen, etwas Besseres
hervorzubringen als das Bestehende. Dies ist die Hoffnung, aber auch das
Risiko des wissenschaftlichen Fortschritts. Es gibt keine Garantie auf
langfristigen Erfolg.
7. These: Die heute vielfach erhobenen Forderungen, Wissenschaft und
Forschung an den Universitäten stärker an den Bedürfnissen der Praxis
auszurichten, wird erstere nicht fördern, sondern strangulieren. Aufgabe der
Universität und der außeruniversitären Grundlagenforschung ist nicht die
Entwicklung marktfähiger Produkte, sondern die Erarbeitung von Wissen, das
zu vielem - zur Befriedigung der Neugier, zur Entwicklung von marktfähigen
Produkten, aber auch zum Führen von Kriegen - gebraucht werden kann.
Wo sollen die kleinen aber entscheidenden basisinnovativen Anstöße
herkommen, die die Industrie zu den "technologischen Pfaden" der Zukunft
führen? Und wo sollen die Entwürfe alternativer Trajektorien entstehen, von
denen in ungewisser Zukunft einer vielleicht überlebenswichtig werden
könnte, wenn nicht in jenen Bereichen des Wissenschaftssystems, die der
Industrialisierung und Kommerzialisierung bisher entgangen sind, oder die
einsichtige For-schungsmanager der Wirtschaft wieder teilweise
entindustri-alisiert haben - wie das IBM Labor in Rüschlikon oder die Bell
Laboratories? So gesehen, läge das Interesse von Gesellschaft und Wirtschaft
gerade nicht darin, die Wissenschaft flächendeckend zu "industrialisieren",
sondern sie zu einem wesentlichen Teil davor zu bewahren. Doch wissen beide
dies auch?
Vortrag, gehalten anläßlich des 51. Hochschulverbandstages am 26. März 2001
in Saarbrücken.
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