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REZENSION

Zugang zu modernem Weltbild

Ernst Peter Fischer, Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein Verlag, München 2001, 464 Seiten, 24,- Euro.

Es gäbe Gründe, in Deutschland von einer naturwissenschaftlichen Bildungskatastrophe zu sprechen, (Nachwuchsmangel, öffentliche Meinung etc.). Der Frage, gehören Naturwissenschaften zur Bildung?, (Schwanitz 1999) setzt Ernst Peter Fischer seine Ausführungen "Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte³ entgegen. Ist die Kopernikanische Wende mit ihrer Verdrängung des Menschen aus dem Mittelpunkt der Welt heute noch für die "widerwillige³ Kenntnisnahme der Naturwissenschaften in Religion und Geisteswissenschaft wirksam? Die Aktualität von Alchimie und Astrologie von Newton (!) bis heute (auch beim Autor anklingend) weist auf unterbewußt "metaphysische³ Bedürfnisse auch im rationalsten Kopf hin.

Inhaltliche Vielfalt

"Der Kosmos und seine Grenzen³: Das eindrucksvolle Buch der Welt der Zahlen vom Mikro- bis Makrokosmos. "Die verschränkte Welt der Atome³, Raum-Zeitproblem, Quantengravitation, Komplementärität von Quanten und Feld, Verschränktheit der Atome, Themen, die uns nur symbolhaft begreifbar und rätselhaft bleiben, wie: Subatomar ist Teilbarkeit nicht gleich Zusammengesetztsein. "Was ist Leben, Ursprung des Lebens, Evolution³: Intuitiv schöpferische Prozesse in der Erkenntnisgewinnung, deterministische und "subjektive³ Funktion des Gehirns, Gültigkeit des molekularbiologischen Dogmas (DNA - RNA - Protein) seine Bedeutung in der Evolution (nicht immer perfekte Lösungen) werden hier diskutiert. In den Fragen Paradigmenwechsel, Auseinandersetzung mit Popper, Kuhn und anderen werden die Themen Determinismus ­ Wahrscheinlichkeit behandelt. Die Begegnungen von Pauli und C. G. Jung in Zürich führen zu den Aspekten archetypischer Bilder (und deren Abhängigkeit von (Aus-)Bildung) und Kreativität in Wissenschaft und Kunst. "Die Wissenschaft im 20. Jahrhundert³: Verlust des Glaubens an die Lösbarkeit aller Probleme, Fuzziness, Chaos (Unvorhersagbarkeit) sind hier grundlegende Phänomene. "Ausblick³ weist mit dem Paradigma des Elfenbeinturms auf die Bedeutung der Wissenschaftsvermittlung hin.

Das Buch vermittelt mit einer Fülle von philosophischen Bezügen einen umfassenden Einblick in die Problematik und weit mehr als Titel und Untertitel versprechen. Eine Kurzfassung wäre wünschenswert. Bis auf gelegentliche Exkursionen in den Bereich jenseits gesicherter Fakten (weibliche Selektion, "Sein ist Bewegung³) ein durchweg gelungenes und faszinierendes Buch, das einen wichtigen Beitrag für den Zugang zu einem modernen wissenschaftlichen Weltbild liefern sollte, ohne das einem modernen Menschen als quasi blind oder taub, d.h. ohne ein wichtiges Sinnesorgan, der Zugang zu einem wesentlichen Teil der "Welt³ fehlt.

Univ.-Professor Dr. Helmut Kammermeier, Technische Hochschule Aachen

Studentische Interessenvertretung

Ludwig Gieseke, Die verfaßte Studentenschaft. Ein nicht mehr zeitgemäßes Organisationsmodell von 1920, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2001, 105 Seiten, 41,- Euro.

Die Tinte auf der jüngsten Novelle zum Hochschulrahmengesetz ­ angeblich eine "Jahrhundertreform³ ­ ist noch nicht trocken, da droht Edelgard Bulmahn schon mit der nächsten. Sie soll nicht nur den Ländern verbieten, Studiengebühren zu erheben, sondern Baden-Württemberg und Bayern, die seit den 70er Jahren keine Verfaßte Studentenschaft mehr kennen, zu deren Wiedereinführung zwingen und wohl auch den Austritt aus der Verfaßten Studentenschaft, den einige Bundesländer ihren Studenten zugestehen, bundesweit unterbinden. Ein Bedürfnis für diesen Oktroy ist nicht zu erkennen. Aber das wird ihn nicht aufhalten. Die Koalitionsvereinbarung zwischen der SPD und den Grünen verlangt ihn. Das degradiert Art. 72 des Grundgesetzes, der derartige Überrumpelungen der Länder nur beim Nachweis eines "gesamtstaatlichen Interesses an einer bundesgesetzlichen Regelung³ erlaubt, und Art. 75 Abs. 2, der die Befrachtung des HRG mit überflüssigen Detailregelungen verbietet, zur quantité négligeable.

Was Ludwig Gieseke, bis 1990 im BMWF tätig und von daher ein profunder Kenner der Materie, davon hält, verrät der Untertitel seiner Schrift: Für ihn ist die Verfaßte Studentenschaft "nicht mehr zeitgemäß³. Das untermauert er mit Berichten über das wüste Treiben der linksradikalen ASten während der Jahre nach 1968. Daß für eine flächendeckende Wiedereinführung der Verfaßten Studentenschaft nicht der geringste Bedarf herrscht, folgert Gieseke auch aus dem beharrlichen Desinteresse der Studenten an den Wahlen der Studentenparlamente. Die Wahrnehmung der studentischen Interessen gelingt, wie das Beispiel Baden-Württembergs und Bayerns beweist, nun einmal weit besser, wenn sie statt auf einem zentral gewählten Funktionärsparlament dezentral auf den Studentenvertretungen in den Fachschaften aufbaut, die in permanentem Kontakt mit ihren Wählern stehen und deren eigentliche Anliegen genauer kennen, als die mehr an ihren Parteikarrieren als an ihrem Studium arbeitenden Jungpolitiker, die in den ASten dominieren, wo sie einen kontinuierlich fließenden Strom überhöhter Zwangsbeiträge profilbildend nutzen können.

Die Verfaßte Studentenschaft ist freilich nicht nur hochschulpolitisch ein Unding. Sie wirkt auch juristisch bereits deutlich mehr als nur dubios. Die Einwände, die ihr von Rechts wegen längst ein Ende hätten bereiten müssen, trägt Gieseke zuverlässig zusammen. Wer es leid ist, von der Verfaßten Studentenschaft als Zwangsmitglied vereinnahmt und Semester für Semester um Zwangsbeiträge bis zu 10 Euro erleichtert zu werden, erfährt von ihm, was er vortragen muß, wenn er sich gegen diese Freiheitsberaubung und Brandschatzung gerichtlich zur Wehr setzen möchte. Zur Ergänzung dessen, was er bei Gieseke findet, sei erwähnt, daß unsere Verfassung mit der Vereinigungsfreiheit, der Versammlungsfreiheit, der Meinungsfreiheit und der Pressefreiheit festlegt, wie sich die Vertretung von Gruppeninteressen, die studentischen eingeschlossen, im demokratischen Rechtsstaat entfalten sollen: durch Selbstorganisation in Freiheit von jedem staatlichen Zwang. Diese Freiheit zerstört die Verfaßte Studentenschaft. Statt auf autonome Eigeninitiative setzt sie auf von oben befohlene Zwangskollektivierung und obrigkeitliche Abgabeneintreiberei. Dergleichen paßt in totalitäre Systeme. In der freiheitlichen Demokratie ist es ein metastasenträchtiges Krebsgeschwür.

Das wird die notorisch beratungsresistente Edelgard Bulmahn nicht vom Durchpeitschen ihres Vorhabens abhalten. Mais il y a des juges à Karlsruhe, und in Karlsruhe geht die Verfassung den Koalitionsverträgen vor. Vor allem deshalb ist Giesekes Schrift von Nutzen. Sie wird weiterhelfen, wenn es gilt, den Bulmahnschen Zwang zur tributpflichtigen Zwangsmitgliedschaft forensisch abzuwehren.

Univ.-Professor Dr. Reinhard Mußgnug, Universität Heidelberg






Bücher über Wissenschaft

Heinz Duddeck (Hg.), Technik im Wertekonflikt, Verlag Leske + Budrich, Opladen 2001, 300 Seiten, 25,50 Euro.

Hans Magnus Enzensberger, Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 281 Seiten, 19,90 Euro.

Manfred Fuhrmann, Bildung - Europas kulturelle Identität, Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2002, 111 Seiten, 2,60 Euro.

Hartmut von Hentig, Der technischen Zivilisation gewachsen bleiben, Nachdenken über die Neuen Medien, Beltz Verlag, Weinheim 2002, 328 Seiten, 16,- Euro.

Ludger Honnefelder / Peter Propping, Was wissen wir, wenn wir das menschliche Genom kennen? DuMont Verlag, Köln 2001, 328 Seiten, 24,80 Euro.

Rolf Ulrich Kunze, Die Studienstiftung des deutschen Volkes seit 1925. Zur Geschichte der Hochbegabtenförderung in Deutschland, Akademie Verlag, Berlin 2001, 418 Seiten, 64,80 Euro.

Rainer Nicolaysen, Impulse geben - Wissen stiften, Der lange Weg zur Volkswagenstiftung, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, 2 Bde., 1240 Seiten, 64,- Euro.

Jürgen Osterhammel, Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats. Studien zu Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, 384 Seiten, 44,- Euro.

U. Leopold-Wildburger, J. Schütze, Verfassen und Vortragen. Wissenschaftliche Arbeiten und Vorträge leicht gemacht, Springer Verlag, Heidelberg 2002, 167 Seiten, 14,95 Euro.

© Forschung & Lehre 2002