Felix Grigat, M.A., verantwortl. Redakteur von Forschung & Lehre
Studium und Wissenschaft um der Karriere willen?
Über die Aktualität einer Schillerschen Unterscheidung
Fit für Beruf und Karriere³ in möglichst kurzer Zeit so lautet der
gegenwärtige Konsens über gute Absolventen der Universitäten. Diese Sicht
der Universität ist nicht neu und war stets umstritten, gewichtige Stimmen
haben ihr bereits in der Vergangenheit widersprochen. Einer der
prominentesten Gegner war Friedrich Schiller. Eine Erinnerung mit aktueller
Pointe.
Diese Berufung ist schon ein wenig pikant: Ein gerade einmal dreißig Jahre
junger Schriftsteller, berüchtigt durch skandalöse Theaterstücke, verfolgt
vom Staat, sogar kurz im Gefängnis, erhält einen Ruf auf einen Lehrstuhl für
Geschichtswissenschaft, obwohl er das Fach nie studiert hat. Nur eine
einzige fachrelevante Publikation hat er vorzuweisen, die sich allerdings
dezidiert nicht an Wissenschaftler wendet, sondern an jedermann. Mutig wie
er ist, packt er die Gelegenheit beim Schopf, auch wenn diese Professur
zunächst nicht dotiert ist. Der junge Gelehrte ist durchaus unsicher. Seinen
Freunden gesteht er: "Die Herren wissen alle nicht, wie wenig Gelehrsamkeit
bei mir vorauszusetzen ist ...mancher Student weiss schon mehr Geschichte
als der Herr Professor³. Ein Seiteneinsteiger und Anfänger also, der sich in
langen Lukubrationen das, was er seinen Studenten weitergeben will, erst
noch erarbeiten muß. Ermuntert wird er von einem prominenten literarischen
Kollegen mit guten Kontakten zur Spitze des Staates: Während Du lehrst,
lernst Du, gab er ihm mit auf den Weg. Mit diesem "docendo discitur³ im Ohr
besteigt er am 26. Mai 1789 das Katheder der Universität Jena, um seine
Antrittsvorlesung zu halten.
Ganz Jena ist gespannt, der Ansturm auf freie Plätze groß, der größte
Hörsaal der Universität überfüllt. Als Thema seines Vortrages wählt
Friedrich Schiller - denn um wen geht es sonst? - die genau formulierte
Frage: "Was heisst und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?³
Der rhetorische Schwung des Redners verbunden mit der Tiefe des Gedankens
überwältigt die Zuhörer. Der Funke springt über, angezündet durch den
Enthusiasmus eines Gelehrten, der davon überzeugt ist, daß der Mensch dem
Menschen nichts Größeres zu geben hat als die Wahrheit, entfacht durch einen
akademischen Lehrer, der davon durchdrungen ist, in seinen Zuhörern die
Zukunft anzusprechen. "...den ganzen Abend hörte man in der Stadt davon
reden³ sagt der Debütant später: "Mir widerfuhr eine Aufmerksamkeit von den
Studenten, die einem neuen Professor das erste Beispiel war. Ich bekam eine
Nachtmusik, und Vivat wurde dreimal gerufen.³ Auch für die Nachwelt bleibt
die Vorlesung eines der großen Ereignisse in der Geschichte der Universität.
Genaue Unterscheidung
Was hat uns Schiller heute zu sagen? Das Erste und Entscheidende ist: Er
hilft, scharf zu unterscheiden. Und der rechten Unterscheidung bedürfen wir
heute mehr denn je. Es ist deshalb keineswegs nebenher, sondern trifft den
Kern der Universität, wenn Friedrich Schiller zu Beginn seiner Rede präzise
differenziert, und zwar so, daß es Epoche gemacht hat und unschwer noch
heute jedem, der wachen Auges durch die Universität geht, unmittelbar
einleuchtet: Er trifft die Unterscheidung zwischen dem Brotgelehrten und dem
philosophischen Kopf, dem Gelehrten und Studenten, der für Job und Karriere,
und dem, der sein Fach um seiner selbst willen lehrt und studiert. Dabei
geht es ihm nicht um die Unterscheidung zwischen vermeintlich nützlichen und
weniger nützlichen Fächern, sondern darum, wie man überhaupt studiert. Es
geht nicht um Methodenkompetenz, sondern um eine anthropologische
Unterscheidung von Rang.
Der Brotgelehrte
Was kennzeichnet den Brotgelehrten? Der Brotgelehrte ist fleißig, um die
Bedingungen für einen Beruf zu erfüllen und nur diese. Alles, was nicht dazu
dient, wird ausgesondert. Er ist sofort beunruhigt, wenn sich Neues in der
Wissenschaft tut, stellt dieses doch sein bisheriges Wissen und seine
bisherige Arbeit in Frage. Jede Neuerung erschreckt ihn, weil sie Altes
zerbricht. Deswegen glaubt er, in seiner aktuellen Variante, an Effizienz,
Controlling, Evaluation, Planung. Er versteht sich als "Macher³, der
"Innovationen generiert³ und zwar solche, die in sein System passen. Da
seine Kenntnisse ihn nicht durch sich selbst belohnen, sucht er Lohn, Erfolg
und Anerkennung von außen. Er selbst aber meint, umsonst nach Wahrheit
geforscht zu haben, wenn sich Wahrheit für ihn "nicht in Gold, in
Zeitungslob, in Fürstengunst verwandelt.³ Dieses Verhalten hat aber Folgen:
Irgendwann wird er für einen Moment aufwachen und dann angeekelt sein von
dem Stückwerk der bloßen Job- und Karrierewissenschaft, es werden sich
Wünsche in ihm regen, die diese gerade nicht befriedigen kann. Der letzte
Rest von Hoffen und Idealismus, der noch in ihm verblieben ist, wird sich
gegen den eingeschlagenen Weg auflehnen. Alles, was er tut, wird ihm als
bloßes Bruchstück erscheinen: "...er sieht keinen Zweck seines Wirkens, und
doch kann er Zwecklosigkeit nicht ertragen.³ Der mühselige Berufsalltag
"drückt ihn zu Boden, weil er ihm den frohen Mut nicht entgegensetzen kann,
der nur die helle Einsicht, nur die geahndete Vollendung begleitet. Er fühlt
sich abgeschnitten, herausgerissen aus dem Zusammenhang der Dinge, weil er
unterlassen hat, seine Tätigkeit an das große Ganze der Welt anzuschließen.³
Vielleicht wird er gut und erfolgreich leben, situiert und gesellschaftlich
anerkannt. Des Abends und in seiner Freizeit verwandelt sich dieser
Fachmensch, Funktionär und Karrierist in einen Genußmenschen ohne Herz.
Dabei bildet er sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums
(Max Weber) erreicht zu haben. Zuletzt aber ist er doch ein armer Tropf und
führt ein Leben in "stiller Verzweiflung³.
Der Philosophische Kopf
Der "philosophische Kopf³ dagegen will anderes, will seine Wissenschaft
nicht absondern, will ihr Gebiet erweitern. Dort, wo der Brotgelehrte
trennt, sucht er zu vereinigen, modern gesprochen, zu vernetzen. Alles soll
ineinandergreifen. Der Brotgelehrte dagegen "verzäunet sich³ gegen alle
seine Nachbarn. Neue Entdeckungen schrecken den philosophischen Kopf nicht,
sondern sind Ansporn, begeistern, ja "entzücken³ ihn. Er fürchtet nicht,
sein bisheriges Denken in Frage zu stellen, ja umzustürzen: er liebt die
Wahrheit stets mehr als sein System. Der "philosophische Kopf³ ist einer,
der nicht sucht, seine Theorien immer wieder zu bestätigen, sondern der den
Mut hat, sie anzugreifen, zu falsifizieren, ein bißchen kritischer
Rationalist also: " ...wenn kein Streich von außen sein Ideengebäude
erschüttert, so ist er selbst, von einem ewig wirksamen Trieb nach
Verbesserung gezwungen, er selbst ist der erste, der es unbefriedigt
auseinanderlegt, um es vollkommener wiederherzustellen.³ Er ist wach und
will sich alles, was um ihn herum geschieht und gedacht wird, anverwandeln.
Durch gelassene und kritische Distanz gewinnt er Urteilsvermögen, Mut und
Selbstvertrauen. Ein Wettbewerb zwischen denkenden Köpfen ist ihm das
Liebste, aber in "inniger Gemeinschaft aller Güter des Geistes³: Was einer
"im Reiche der Wahrheit erwirbt, hat er allen erworben.³
Es geht also um eine grundlegende Wahl sogleich zu Beginn von Studium und
Wissenschaft. Das alte "Sapere aude³, "Habe Mut, weise zu sein³, steht am
Anfang - gegen eigene Trägheit und Feigheit. Da muß der Weg zum Kopf über
das Herz geöffnet werden! Der Brotgelehrte muß von außen motiviert werden,
der philosophische Kopf interessiert sich für seine Gegenstände um ihrer
selbst willen, allein darin findet er "Reiz und Belohnung³: "Wieviel
begeisterter kann er sein Werk angreifen, wieviel lebendiger wird sein
Eifer, wieviel ausdauernder sein Mut und seine Tätigkeit sein, da bei ihm
die Arbeit sich durch die Arbeit verjünget...Nicht was er treibt, sondern
wie er das, was er treibt, behandelt, unterscheidet den philosophischen
Geist.³ Kurz und gut: Wo ein solcher Mensch hinkommt, wird es helle.
Paradoxes Problem
Blickt man, durch diese grundlegende Unterscheidung gewitzt, in unsere
Gegenwart, stellt sich ein paradoxes Problem: Die Qualifikationen, die den
philosophischen Kopf auszeichnen, wie vernetztes Denken, Kreativität, Mut,
Kommunikationsfähigkeit, Ausdauer ohne Aussicht auf unmittelbaren Erfolg
usw., sind für die Zukunft von Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft
notwendig. Also sollten Freiheit und Muße, die die Entwicklung dieser
Fähigkeiten begünstigen, gefördert werden. Zugleich aber geschieht alles, um
möglichst viele Brotgelehrte in die Welt zu setzen. Solche nämlich, die "fit
sind für den Job³, die möglichst schnell möglichst viel Geld verdienende
Wesen werden, die gut funktionieren, wo sie gebraucht werden. Wie falsch,
wie schade, wie unverantwortlich! Wir sollten uns nicht irre machen lassen,
auch wenn die Welt voller Nützlichkeitsapostel ist: Die Unterscheidung
Schillers ist so aktuell wie zu seiner Zeit, vielleicht brisanter denn je.
Es wird helle
Was soll man Studienanfängern also heute mit auf den Weg geben? Nichts
anderes, als es Schiller getan hat: Habt den Mut, Euch sogleich am Anfang
des Studiums zu entscheiden! Geht es zu lange geradeaus, nehmt einen Umweg,
laßt Euch Zeit, sucht neue Horizonte und immer wieder Wissen, das für
Prüfungen unbrauchbar ist. Habt den Mut, grundsätzlich und kritisch zu
fragen und dabei dicke Bretter zu bohren. Nur daraus erwächst die Freude an
der Wahrheit, nur dann strahlt auch das Nützliche an seinem Platz, nur dann
wird es Licht im Studium, im Beruf, im Leben.
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