Das Spiel, bei dem jeder verliert
Der "Fall Baltimore"

Ernst Peter Fischer, Dr. rer. nat., Univ.-Professor und Wissenschaftspublizist, Geschichte der Naturwissenschaften, 
Universität Konstanz, Hochschule Holzen
 

Die Wissenschaft und die Fälschung ­ ein Thema, das schon länger viele Menschen in Atem hält, über das schon internationale Konferenzen stattgefunden haben. Alle sind sich natürlich einig, dass man etwas gegen eine scheinbar zunehmende Tendenz zur Fabrikation von Daten in den Laboratorien unternehmen muss, doch alle geben auch zu, dass viele Forscher heute unter einem derart starken Leistungs- und Publikationsdruck stehen, dass es fast schon zwangsläufig zu Schwindel und Fälschungen kommen muss.

Tatsächlich lädt das derzeitig praktizierte System der Wissenschaft, mit dem Forschungsergebnisse sowohl generiert als auch kontrolliert werden, an einigen Stellen geradezu zum Betrug ein (die Stichworte lauten „peer review“ und Gutachterwesen). Es ist nun bezeichnend für das Geheuchelte vieler Beiträge zum Thema Betrug, dass niemand der etablierten Forscher auf den Gedanken kommt, diese für ihn vorteilhafte Routine zu modifizieren (und junge Wissenschaftler kommen in der Diskussion nicht zu Wort). Es ist darüber hinaus noch bezeichnender, dass die Debatte den Eindruck erweckt, das Übel stecke allein in der Wissenschaft, und alle Betrachter von außen seien erstens altruistisch, zweitens ehrlich und drittens überhaupt ohne Fehl und Tadel. Doch wer seinen Zeigefinger auf jemanden richtet, weist mit drei Fingern auf sich selbst zurück. Diese schlichte Feststellung sollte beachten, wer über „Fälschung in der Wissenschaft“ urteilt. Ein Fall aus den USA macht nämlich deutlich, dass die beteiligten Forscher weniger die Täter und mehr die Opfer sein können. Gejagt und zur Strecke gebracht wurden sie durch Politiker und andere ehrgeizige Menschen, die den Zeitgeist nutzen und den Forschern unserer Tage direkt ins Gesicht blasen wollten. Es geht um „The Baltimore Case“, also um den „Fall Baltimore“, der so heißt, weil der amerikanische Nobelpreisträger David Baltimore in ihn verstrickt war (und bleibt). An seinem Beispiel hat der Historiker Daniel J. Kevles vom California Institute of Technology beschrieben (Daniel J. Kevler, The Baltimore Case ­ A Trial of Politics, Science, and Character, Norton, New York), wie Politik und Wissenschaft mit Hilfe der Medien ein undurchsichtiges Gebräu entstehen lassen können, bei dem zuletzt ­ wie immer - die Ehrlichen den Kürzeren ziehen. Zu den Ehrlichen gehört in diesem Fall vor allem eine Wissenschaftlerin, die fast alle für schuldig hielten, die viele wahrscheinlich heute noch für schuldig halten und vielleicht sogar für alle Zeiten für schuldig halten werden. Ihr Name ist Thereza Imanishi-Kari. Es ist selten jemand so schwer für so wenig bestraft worden, wie im Folgenden dargestellt werden soll. Dabei fällt auf, dass es erstens eine Frau ist, die den größten und nicht wieder gut zu machenden Schaden zu tragen hat, und dass diese Frau zweitens als eine von einer japanischen Mutter in Brasilien geborene und mit einem Finnen verheiratete Forscherin selbst in einem amerikanischen Laboratorium eine exotische Minderheit darstellt. 
 

Die wissenschaftliche Grundlage 
Es gibt kaum einen Wissenschaftler, der nicht verfolgt hat, was seit mehr als zehn Jahren als der „Fall Baltimore“ durch die Presse gegangen ist. Angefangen hat alles mit einer kompliziert klingenden Publikation in dem renommierten Fachblatt „Cell“, die dort am 25. April 1986 ­ also vor mehr als einem Dutzend Jahren ­ erschienen ist und Baltimore als einen Autor aufführt (David Weaver, Moema H. Reis, Christopher Albanese, Frank Constatini, David Baltimore und Thereza Imanishi-Kari, Altered Repertoire of Endogeneous Immunoglobulin Gene Expressions in Transgenic Mice Containing a Rearranged Mu Heavy Chain Gene, Cell 45 (1986), S. 247-259). In diesem Aufsatz ging es um Mäuse, denen ein fremdes Gen eingesetzt worden war, weshalb sie transgen heißen. Die Gene, um die es geht, enthalten die Information für Stoffe, die an der Immunabwehr beteiligt sind und Antikörper genannt werden. Die Frage, ob diese Mäuse das übertragene Gen für einen Antikörper nutzen, konnten die Autoren der Arbeit nicht nur bejahen, sie waren sogar zu dem spannend klingenden Schluss gekommen, dass das Transgen etwas anderes tut, als seinen ihm zugehörenden Antikörper entstehen zu lassen. Das eingepflanzte Gen ­ so zeigten es die publizierten Daten ­ sorgte vielmehr dafür, dass die der Maus ursprünglich zugehörenden (eigenen) Antikörper in seiner Anwesenheit anders in Erscheinung traten als in seiner Abwesenheit. Die Autoren ­ vor allem Frau Imanishi-Kari ­ entwickelten aus dieser Beobachtung eine Theorie über das Immunsystem, die unter dem Stichwort „Mimikry“ vorgestellt wurde, was hier vor allem deshalb erwähnt wird, weil damit eine Möglichkeit angedeutet wurde, dass die erzielten Ergebnisse relevant für das Verständnis von AIDS sein könnten, und dieses Thema war 1986 noch von besonderer Brisanz.

Die zitierte Arbeit war für Frau Imanishi-Kari deshalb besonders wichtig, weil sie erstens in einem Alter war, in dem sie sich bemühen musste, eine Festanstellung („tenure“) an einer Universität zu bekommen, und weil sie zweitens ein Jahr zuvor mit einem entsprechenden Versuch schon einmal gescheitert war. Wenn die Idee mit der molekularen Mimikry stimmen würde, hätte sie bessere Chancen, und so beschloss sie, jemanden damit zu beauftragen, die Ergebnisse der besagten Arbeit zu untermauern und auszuweiten. Die Wahl fiel auf Margot O´Toole, die 1986 an das berühmte Massachusetts Institute of Technology (MIT) gekommen war, in dem Frau Imanishi-Kari ein Labor leitete, und zwar in der Abteilung, der David Baltimore vorstand, dem 1975 der Nobelpreis für Medizin und Physiologie verliehen worden war.

Wie Frau Imanishi-Kari befand sich auch Frau O´Toole an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere. Sie hatte gerade promoviert und musste nun zeigen, dass sie auf eigenen Füßen stehen und wissenschaftlich selbständig arbeiten kann. Für beide Forscherinnen hing also viel vom Gelingen der nächsten Experimente ab ­ und an dieser Stelle geriet einiges aus dem Lot,  und bald stand der „Fall Baltimore“ in den Zeitungen und auf der politischen Tagesordnung.
 

Die interne Entwicklung 
Bevor dies im Einzelnen geschildert wird, muss ein Hinweis gegeben werden, den man früher hätte ernst nehmen sollen und der viel Unsinn hätte verhindern können. Es steht nämlich außer Frage, dass Frau Imanishi-Kari Frau O´Toole persönlich mit der Fortsetzung ihrer Arbeit beauftragt hat. Warum sollte sie so gehandelt haben, wenn die publizierten Daten fabriziert und erfunden worden wären? Doch diese Frage stellte niemand, der mit dem Fall beauftragt wurde, was den Berichterstatter vermuten lässt, dass es bei vielen Beteiligten andere Beweggründe als das Finden der Wahrheit gab.

Kehren wir in das Jahr 1986 zurück und fragen, wie Frau O´Toole mit ihrem Auftrag zurecht kommt. Die Antwort lautet, „überhaupt nicht“, was konkret heißt, dass sie nicht nur Schwierigkeiten hat, die Ergebnisse nachzuvollziehen bzw. zu reproduzieren. Wenn ihr eine Messung gelingt, kommt sie zudem zu Ergebnissen, die längst nicht so interessant sind wie die Theorie, die Frau Imanishi-Kari verfolgen möchte. Es kommt, wie es kommen muss, was heißt, dass ein Streit zwischen den beiden Wissenschaftlerinnen beginnt, der dadurch eskaliert, dass Frau O´Toole Unterlagen im Laboratorium mit Daten findet, die von den veröffentlichten Ergebnissen abweichen. Sie fühlt sich betrogen und wendet sich an ihren Doktorvater und einen berühmten Immunologen am MIT. Beide untersuchen die Unterlagen und kommen zu dem Schluss, dass Frau Imanishi-Kari bzw. ihre früheren Mitarbeiterinnen (!) zwar nicht sehr sorgfältig bei der Buchhaltung ihrer Rohdaten verfahren sind und auch einiges falsch beschriftet hätten, dass aber von einer Fälschung nicht die Rede sein könnte.

Das eigentliche Problem wird bald erkannt und erweist sich von technischer Art. Um die interessierenden Eigenschaften der Antikörper zu bestimmen, wird eine Substanz benötigt, die nicht kommerziell verfügbar ist und auf komplizierte Weise hergestellt werden muss. Dieses Verfahren ist dabei um ein Vielfaches komplizierter als ein schwieriges Kochrezept, von dem wir alle wissen, dass es misslingen kann. Man einigt sich ­ und zwar zum Leidwesen der beiden betroffenen Frauen -, dass die Arbeit von 1986 keine geeignete Vorgabe für weitere Forschungen in der Immunbiologie darstellt und die Theorie nicht weiter verfolgt werden soll.
 

Die öffentliche Entwicklung
Eigentlich hätte die Sache an dieser Stelle still begraben werden können. Viel Ärger, viel Geld und noch mehr Zeit hätte man sich sparen können. Doch der Zeitgeist suchte sein Opfer, und in der Öffentlichkeit machte man sich Mitte der achtziger Jahre viele Sorgen über zunehmende Betrügereien in der Wissenschaft, was vor allem mit einem sehr unerfreulichen Streit um die Priorität in der AIDS-Forschung zu tun hatte, den der Franzose Luc Montagnier und der Amerikaner Robert Gallo austrugen ­ übrigens mit Hilfe ihrer jeweiligen Regierungen.

Als Reaktion auf diese Tendenz hatte die amerikanische Gesundheitsbehörde zwei Mitarbeitern gestattet, Betrug in der Wissenschaft zu untersuchen. Als sie nun ­ auf dunklen Wegen, die Gerüchte gehen ­ von den ungenauen Experimenten mit transgenen Mäusen am MIT Kenntnis erlangten und erfuhren, dass sogar ein Nobelpreisträger involviert ist, da hörten sie ihre große Stunde schlagen. Sie gründeten ein Komitee, das den Fall Baltimore aufspießen sollte, und sie sorgten sogar weiter dafür, dass die ganz hohe Politik eingeladen wurde. Sie erschien auch prompt in der Person des Kongressabgeordneten John Dingell, der in Baltimore erstens ein geeignetes und zweitens ein leichtes Ziel einer Untersuchung sah. Ein amerikanischer Kongressabgeordneter kann zu jedem ihm passenden Thema einen Untersuchungsausschuss verlangen, und Dingell wählte die vermutete Fälschung am MIT. Er legte die erste Anhörung auf den 12. April 1988 und lud dazu nur Personen ein, die Thereza Imanishi-Kari und David Baltimore kritisch gegenüberstanden. Anschließend ließ er sich ein Jahr Zeit, bevor er den Nobelpreisträger persönlich vor den Ausschuss bat.

In diesem Rahmen kann nicht die ganze Geschichte nacherzählt und vor allem in der Kürze nicht verständlich gemacht werden, warum der Abgeordnete Dingell fünf Jahre lang Interesse an diesem Thema hatte und eine Anhörung nach der anderen veranstaltete, was vor allem dazu führte, dass der Name von Thereza Imanishi-Kari unentwegt mit dem Hinweis auf den Fälschungsverdacht in den Medien präsent war. Gesagt werden muss aber, dass ein Grund für Dingells Hartnäckigkeit in einem Charakterzug von Baltimore liegt, den man als Arroganz bezeichnen kann. Baltimore hat zwar vor aller wissenschaftlichen Welt eingeräumt, dass Fehler in der Arbeit von 1986 stecken, und er hat sich auch dafür entschuldigt. Aber er weigerte sich, dies vor einem wissenschaftlich ahnungslosen Politiker zu wiederholen, und so schaukelten sich die Dinge auf, wie das Buch von Kevles ausführlich darstellt. 
Wenn eine Sache nicht viel hergibt, wird der Lärm bekanntlich immer lauter, und bald machen immer mehr Leute mit, die nur ihr eigenes Süppchen kochen wollen. Die amerikanische Gesundheitsbehörde gründete ein eigenes Büro zur Untersuchung von Fälschungen, das durch die Inkompetenz des Personals so schlecht operierte ­ und zwar zum Schaden der Wissenschaft -, dass es bald umbesetzt und umbenannt werden musste. Kevles verfolgt all die Spuren, die selten Aufklärung, dafür um so mehr Eigenpublicity im Sinn hatten, und er macht in seiner Dokumentation deutlich, dass selbst gutwillige Berichterstatter bald derart überfordert waren ­ sowohl von den politischen Intrigen als auch von den wissenschaftlichen Schwierigkeiten -, dass sich ab 1992 kein verlässlicher Bericht mehr in irgendeinem Medium nachweisen lässt. Selbst die Fachblätter ­ „Cell“ eingeschlossen ­ wussten weder ein noch aus, und an dieser Stelle wird es mulmig, denn wer beantwortet die Frage, auf was und auf wen man sich überhaupt noch verlassen darf und kann?
 

Der Scherbenhaufen
Nach zehn Jahren endlich ließ das Interesse der politischen Öffentlichkeit nach. Viele Millionen Dollar waren ausgegeben worden, um zu dem Schluss zu gelangen, der schon 1986 gezogen worden war, zu dem Schluss nämlich, dass es überhaupt keine Fälschung, sondern nur einige schlampige Verhaltensweisen und eine zu hoch angesetzte Theorie gegeben hatte. Es gab also weder eine (exotische) Bösewichtin noch eine (amerikanische) strahlende Heldin, und auch der Nobelpreisträger offenbarte nicht viel mehr als einige menschliche Schwächen. Der „Fall Baltimore“ kennt also nur Verlierer, und am stärksten sind die Wissenschaftler selbst betroffen. Wenn auch keiner von ihnen arbeitslos ist, so haben ­ vor allem die beiden Frauen - einen Weg nehmen müssen, der stark von den Vorwürfen und Ereignissen bestimmt war und kein normales wissenschaftliches Arbeiten mehr erlaubte. Den größten Schaden hat Thereza Imanishi-Kari erlitten, die niemand wegen ihrer wissenschaftlichen Leistung, die alle aber wegen ihrer Ordnungsschwäche kennen. Ein unsauber geführtes Notizbuch wurde wie ein Schwerverbrechen behandelt, mit der Folge, dass an ihrem Ruf so wenig zu ändern ist wie an Einsteins Reputation, ein schlechter Schüler gewesen zu sein. 

„Die Erinnerung ist ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“, hat der holländische Dichter Cees Nooteboom einmal geschrieben. Vielleicht liegt der Hund ja am liebsten da, wo es riecht ­ zum Beispiel nach Betrug. Wenn das stimmt, steht dem „Fall Baltimore“ eine große Zukunft bevor. Er stinkt nämlich zum Himmel. Aber dies scheint keiner zu riechen.

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