|
|
| Die Wissenschaft und die Fälschung
ein Thema, das schon länger viele Menschen in Atem hält,
über das schon internationale Konferenzen stattgefunden haben. Alle
sind sich natürlich einig, dass man etwas gegen eine scheinbar zunehmende
Tendenz zur Fabrikation von Daten in den Laboratorien unternehmen muss,
doch alle geben auch zu, dass viele Forscher heute unter einem derart starken
Leistungs- und Publikationsdruck stehen, dass es fast schon zwangsläufig
zu Schwindel und Fälschungen kommen muss.
Tatsächlich lädt das derzeitig
praktizierte System der Wissenschaft, mit dem Forschungsergebnisse sowohl
generiert als auch kontrolliert werden, an einigen Stellen geradezu zum
Betrug ein (die Stichworte lauten „peer review“ und Gutachterwesen). Es
ist nun bezeichnend für das Geheuchelte vieler Beiträge zum Thema
Betrug, dass niemand der etablierten Forscher auf den Gedanken kommt, diese
für ihn vorteilhafte Routine zu modifizieren (und junge Wissenschaftler
kommen in der Diskussion nicht zu Wort). Es ist darüber hinaus noch
bezeichnender, dass die Debatte den Eindruck erweckt, das Übel stecke
allein in der Wissenschaft, und alle Betrachter von außen seien erstens
altruistisch, zweitens ehrlich und drittens überhaupt ohne Fehl und
Tadel. Doch wer seinen Zeigefinger auf jemanden richtet, weist mit drei
Fingern auf sich selbst zurück. Diese schlichte Feststellung sollte
beachten, wer über „Fälschung in der Wissenschaft“ urteilt. Ein
Fall aus den USA macht nämlich deutlich, dass die beteiligten Forscher
weniger die Täter und mehr die Opfer sein können. Gejagt und
zur Strecke gebracht wurden sie durch Politiker und andere ehrgeizige Menschen,
die den Zeitgeist nutzen und den Forschern unserer Tage direkt ins Gesicht
blasen wollten. Es geht um „The Baltimore Case“, also um den „Fall Baltimore“,
der so heißt, weil der amerikanische Nobelpreisträger David
Baltimore in ihn verstrickt war (und bleibt). An seinem Beispiel hat der
Historiker Daniel J. Kevles vom California Institute of Technology beschrieben
(Daniel J. Kevler, The Baltimore Case A Trial of Politics, Science,
and Character, Norton, New York), wie Politik und Wissenschaft mit Hilfe
der Medien ein undurchsichtiges Gebräu entstehen lassen können,
bei dem zuletzt wie immer - die Ehrlichen den Kürzeren ziehen.
Zu den Ehrlichen gehört in diesem Fall vor allem eine Wissenschaftlerin,
die fast alle für schuldig hielten, die viele wahrscheinlich heute
noch für schuldig halten und vielleicht sogar für alle Zeiten
für schuldig halten werden. Ihr Name ist Thereza Imanishi-Kari. Es
ist selten jemand so schwer für so wenig bestraft worden, wie im Folgenden
dargestellt werden soll. Dabei fällt auf, dass es erstens eine Frau
ist, die den größten und nicht wieder gut zu machenden Schaden
zu tragen hat, und dass diese Frau zweitens als eine von einer japanischen
Mutter in Brasilien geborene und mit einem Finnen verheiratete Forscherin
selbst in einem amerikanischen Laboratorium eine exotische Minderheit darstellt.
Die wissenschaftliche Grundlage
Die zitierte Arbeit war für Frau Imanishi-Kari deshalb besonders wichtig, weil sie erstens in einem Alter war, in dem sie sich bemühen musste, eine Festanstellung („tenure“) an einer Universität zu bekommen, und weil sie zweitens ein Jahr zuvor mit einem entsprechenden Versuch schon einmal gescheitert war. Wenn die Idee mit der molekularen Mimikry stimmen würde, hätte sie bessere Chancen, und so beschloss sie, jemanden damit zu beauftragen, die Ergebnisse der besagten Arbeit zu untermauern und auszuweiten. Die Wahl fiel auf Margot O´Toole, die 1986 an das berühmte Massachusetts Institute of Technology (MIT) gekommen war, in dem Frau Imanishi-Kari ein Labor leitete, und zwar in der Abteilung, der David Baltimore vorstand, dem 1975 der Nobelpreis für Medizin und Physiologie verliehen worden war. Wie Frau Imanishi-Kari befand sich
auch Frau O´Toole an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere. Sie
hatte gerade promoviert und musste nun zeigen, dass sie auf eigenen Füßen
stehen und wissenschaftlich selbständig arbeiten kann. Für beide
Forscherinnen hing also viel vom Gelingen der nächsten Experimente
ab und an dieser Stelle geriet einiges aus dem Lot, und bald
stand der „Fall Baltimore“ in den Zeitungen und auf der politischen Tagesordnung.
Die interne Entwicklung
Kehren wir in das Jahr 1986 zurück und fragen, wie Frau O´Toole mit ihrem Auftrag zurecht kommt. Die Antwort lautet, „überhaupt nicht“, was konkret heißt, dass sie nicht nur Schwierigkeiten hat, die Ergebnisse nachzuvollziehen bzw. zu reproduzieren. Wenn ihr eine Messung gelingt, kommt sie zudem zu Ergebnissen, die längst nicht so interessant sind wie die Theorie, die Frau Imanishi-Kari verfolgen möchte. Es kommt, wie es kommen muss, was heißt, dass ein Streit zwischen den beiden Wissenschaftlerinnen beginnt, der dadurch eskaliert, dass Frau O´Toole Unterlagen im Laboratorium mit Daten findet, die von den veröffentlichten Ergebnissen abweichen. Sie fühlt sich betrogen und wendet sich an ihren Doktorvater und einen berühmten Immunologen am MIT. Beide untersuchen die Unterlagen und kommen zu dem Schluss, dass Frau Imanishi-Kari bzw. ihre früheren Mitarbeiterinnen (!) zwar nicht sehr sorgfältig bei der Buchhaltung ihrer Rohdaten verfahren sind und auch einiges falsch beschriftet hätten, dass aber von einer Fälschung nicht die Rede sein könnte. Das eigentliche Problem wird bald erkannt
und erweist sich von technischer Art. Um die interessierenden Eigenschaften
der Antikörper zu bestimmen, wird eine Substanz benötigt, die
nicht kommerziell verfügbar ist und auf komplizierte Weise hergestellt
werden muss. Dieses Verfahren ist dabei um ein Vielfaches komplizierter
als ein schwieriges Kochrezept, von dem wir alle wissen, dass es misslingen
kann. Man einigt sich und zwar zum Leidwesen der beiden betroffenen
Frauen -, dass die Arbeit von 1986 keine geeignete Vorgabe für weitere
Forschungen in der Immunbiologie darstellt und die Theorie nicht weiter
verfolgt werden soll.
Die öffentliche Entwicklung
Als Reaktion auf diese Tendenz hatte die amerikanische Gesundheitsbehörde zwei Mitarbeitern gestattet, Betrug in der Wissenschaft zu untersuchen. Als sie nun auf dunklen Wegen, die Gerüchte gehen von den ungenauen Experimenten mit transgenen Mäusen am MIT Kenntnis erlangten und erfuhren, dass sogar ein Nobelpreisträger involviert ist, da hörten sie ihre große Stunde schlagen. Sie gründeten ein Komitee, das den Fall Baltimore aufspießen sollte, und sie sorgten sogar weiter dafür, dass die ganz hohe Politik eingeladen wurde. Sie erschien auch prompt in der Person des Kongressabgeordneten John Dingell, der in Baltimore erstens ein geeignetes und zweitens ein leichtes Ziel einer Untersuchung sah. Ein amerikanischer Kongressabgeordneter kann zu jedem ihm passenden Thema einen Untersuchungsausschuss verlangen, und Dingell wählte die vermutete Fälschung am MIT. Er legte die erste Anhörung auf den 12. April 1988 und lud dazu nur Personen ein, die Thereza Imanishi-Kari und David Baltimore kritisch gegenüberstanden. Anschließend ließ er sich ein Jahr Zeit, bevor er den Nobelpreisträger persönlich vor den Ausschuss bat. In diesem Rahmen kann nicht die ganze
Geschichte nacherzählt und vor allem in der Kürze nicht verständlich
gemacht werden, warum der Abgeordnete Dingell fünf Jahre lang Interesse
an diesem Thema hatte und eine Anhörung nach der anderen veranstaltete,
was vor allem dazu führte, dass der Name von Thereza Imanishi-Kari
unentwegt mit dem Hinweis auf den Fälschungsverdacht in den Medien
präsent war. Gesagt werden muss aber, dass ein Grund für Dingells
Hartnäckigkeit in einem Charakterzug von Baltimore liegt, den man
als Arroganz bezeichnen kann. Baltimore hat zwar vor aller wissenschaftlichen
Welt eingeräumt, dass Fehler in der Arbeit von 1986 stecken, und er
hat sich auch dafür entschuldigt. Aber er weigerte sich, dies vor
einem wissenschaftlich ahnungslosen Politiker zu wiederholen, und so schaukelten
sich die Dinge auf, wie das Buch von Kevles ausführlich darstellt.
Der Scherbenhaufen
„Die Erinnerung ist ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“, hat der holländische Dichter Cees Nooteboom einmal geschrieben. Vielleicht liegt der Hund ja am liebsten da, wo es riecht zum Beispiel nach Betrug. Wenn das stimmt, steht dem „Fall Baltimore“ eine große Zukunft bevor. Er stinkt nämlich zum Himmel. Aber dies scheint keiner zu riechen. © Forschung & Lehre 2000 |