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Irrmeinung 1: „Amerikanische Universitäten sind besser.“ Über „die“ ‚amerikanische Universität‘ kann keine allgemeine Aussage getroffen werden, da die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Hochschulen sehr ausgeprägt sind. In allen Kategorien - vom Two Year College bis zur Research University - gibt es öffentliche und private Universitäten, wobei private Universitäten sehr wenige, öffentliche Universitäten relativ hohe öffentliche Mittel aus der jeweiligen Landeskasse erhalten. Private Universitäten können sowohl sehr teuer und sehr gut als auch teuer und schlecht sein. Ein Studium ohne Studiengebühren ist unbekannt, und für viele Studierende ist es lebenswichtig, ein Stipendium oder einen Job an der Universität zu bekommen. Auch wenn es viele Möglichkeiten gibt, ein Stipendium zu erlangen, bleiben die hohen Studiengebühren eine soziale Hürde. Auch Familien der Mittelschicht müssen sich hoch verschulden, um ihren Kindern eine einigermaßen gute Universitätsausbildung zu ermöglichen. Irrmeinung 2: Vergleichbarkeit mit
nordamerikanischen Spitzenuniversitäten
Irrmeinung 3: Vergleichbarkeit der
Studienabschlüsse
Dem deutschen wissenschaftlich orientierten Magister- oder Staatsexamensstudiengang steht in den USA ein Bachelor (B. A.) gegenüber, der in den beiden ersten Studienjahren vornehmlich Allgemeinbildung und grundsätzliche Schreibfähigkeiten vermittelt, der also die Funktion der deutschen gymnasialen Oberstufe einnimmt. Es gibt also keine Vergleichsbasis für die Ausbildungsziele von nordamerikanischen und deutschen Universitäten. Die Ausrichtung des nordamerikanischen B. A.-Studienganges auf Allgemeinbildung hat ihren guten Grund: Da ein wesentlich höherer Prozentsatz von SchülerInnen der nordamerikanischen High School an Colleges und Universitäten geht als in Deutschland vom Gymnasium an die Universität und da die nordamerikanischen High Schools Gesamtschulen sind, die praktisch keine Durchfallraten kennen (wohl aber Abbruchraten), ist der Leistungsstandard nordamerikanischer Erstsemester deutlich niedriger als der deutscher StudienanfängerInnen. Zudem werden in Nordamerika Leistungen innerhalb des B. A.-Studienganges sehr milde benotet (eine schlechtere Note als ,befriedigend‘ [C] ist für die Studierenden Grund zur Beschwerde über den/die KursleiterIn). So kann allenfalls der B. A.-Abschluss von Elitehochschulen als Qualitätsnachweis dienen. Dieser B. A., der nur im dritten und vierten Studienjahr neben Allgemeinbildung auch eine erste Spezialisierung auf ein Fach vermittelt, ist der Hochschulabschluss, mit dem die meisten nordamerikanischen Studierenden ihr Studium beenden. Nur etwa ein Drittel der nordamerikanischen Studierenden belegt im Anschluss an die B.A.-,Grundausbildung‘ einen wissenschaftlich orientierten M.A.-Studiengang. Nordamerikanische Studierende spezialisieren sich bereits beim Erwerb des M. A. auf ein Fach - und auch dabei meist nur auf eine Epoche - und studieren zudem entweder Literatur- oder Sprachwissenschaft. Diese Spezialisierung setzt sich bis zur Übernahme in eine Professorenstelle fort. Nordamerikanische Hochschulabschlüsse jenseits des B. A. beruhen also auf einem Konzept der Hochschulausbildung, das der engen Spezialisierung des Wissens verpflichtet ist. Deutsche Studierende belegen dagegen
nicht nur zwei bis drei Studienfächer, sie müssen auch in den
Seminaren und Prüfungen die ganze systematische Breite und historische
Tiefe des Faches abdecken. Auch für die weitere akademische Laufbahn
ist in Deutschland die Betonung der fachlichen Breite charakteristisch:
so werden im Rigorosum auch Kenntnisse in ,Nebenfächern‘ geprüft,
und das Thema der Habilitationsschrift soll aus einem anderen Fachgebiet
kommen als das der Dissertation.
Irrmeinung 4: Höhere Arbeitsleistung
amerikanischer Professoren
Thematischer Art für die Lehre: Amerikanische Professoren unterrichten stets dieselben fünf bis sieben Kurse, da das Studium in Standardmodule eingeteilt ist. Diese Kurse liegen meist im Bereich der forschungsmäßigen Spezialisierung der Professoren. Die Vorbereitungszeit für die einzelnen Lehrveranstaltungen ist daher gering. Deutsche Professoren in den Geisteswissenschaften dagegen unterrichten der Abdeckung des ‘Kanons’ wegen tendenziell jedes Semester mindestens zwei, oft auch drei thematisch neue Lehrveranstaltungen, die sie nie wieder oder frühestens nach etwa fünf Jahren (wenn der Lehrstoff einer gründlichen Überarbeitung bedarf) wiederholen können. Der Aufwand an Unterrichtsvorbereitung ist daher hoch, zumal viele Kurse in keiner Verbindung zum gepflegten Forschungsgebiet stehen. Quantitativ für die Lehre: Nordamerikanische Professoren unterrichten zwei Kurse pro Semester (an weniger forschungsorientierten Universitäten mit daher schlechterem Ruf manchmal auch drei Kurse). Diese Kurse sind während des Semesters sehr arbeitsaufwendig, da die Studierenden im B. A.-Studiengang viel persönliche Betreuung benötigen, viele Hausarbeiten zu korrigieren sind und auch intensiver Medieneinsatz gewünscht wird. Nordamerikanische Professoren haben in der vorlesungsfreien Zeit - die zusammengenommen etwa genauso lang ist wie in Deutschland - aber keinerlei Verpflichtungen an ihrer Universität. Deutsche Professoren dagegen unterrichten vier Kurse pro Semester. Da ihnen bei dieser Lehrbelastung - sowie den administrativen Tätigkeiten und der Durchführung zahlreicher Prüfungen - für Korrekturen studentischer Arbeiten während des Semesters kaum Zeit bleibt, wird die vorlesungsfreie Zeit mit der Korrektur von Seminararbeiten, Zulassungs- und Magisterarbeiten verbracht. Deutsche Professoren haben daher viel weniger ununterbrochene, also qualitativ wertvolle Zeit für die Forschung. Thematischer Art für die Forschung: Nordamerikanische Assistenz-Professoren haben seit ihrem B. A.-Abschluss nur spezialisiert studiert, über das gewählte Spezialgebiet ihre M. A.-Arbeit und dann auch ihre Dissertation geschrieben. Diese Assistenz-Professoren kennen sich daher in ihrem Spezialgebiet hervorragend aus und vertiefen diese Kenntnisse kontinuierlich, wenn sie von einer Universität als ProfessorIn für dieses Spezialgebiet eingestellt werden. Sie unterrichten nur Lehrveranstaltungen zu Aspekten ihres Spezialgebiets, publizieren ausschließlich auf diesem Gebiet und widmen auch ihre Habilitationsschrift (d. h. das Buch, durch das sie im tenure-Verfahren eine Lebenszeitstellung erhalten) diesem Spezialgebiet. Durch diese Spezialisierung sind Absolventen von Ph. D.-Studiengängen als hoch qualifizierte Wissenschaftler auf Assistenz-Professuren berufbar. Deutsche Professoren müssen sich hingegen in möglichst großer Breite qualifizieren. Für die Organisation der Selbstverwaltung:
Wenn nordamerikanische Professoren Aufgaben im Rahmen der universitären
(Selbst-)Verwaltung übernehmen, werden diese Leistungen durch die
Gewährung von Unterrichtsreduktion abgegolten. Wer beispielsweise
die Koordination des Unterrichts vornimmt, braucht nur ein halbes Lehrdeputat
zu erfüllen. Auch Mitglieder von Berufungskommissionen erhalten Un-terrichtsnachlass,
da sie Zeit für die Lektüre der Bewerberschriften brauchen. Auch
den Vorsitzenden von wissenschaftlichen Gesellschaften und Gutachtern angesehener
Institutionen (z.B. des NEH, vergleichbar der DFG) erlässt die Universität
einen Teil ihrer Unterrichtsverpflichtungen. Die nordamerikanische Universität
geht grundsätzlich davon aus, dass man seine Arbeit in 40 Wochenstunden
ausführen kann. In Deutschland hingegen werden all diese Tätigkeiten
,ignoriert‘: Sie werden weder finanziell honoriert, noch darf eine Reduktion
des Lehrdeputats erwartet werden. Dass die Mitarbeit in Habilitations-
und Berufungskommissionen oder die Tätigkeit als DFG-Gutachter fast
alle Wochenenden eines Semesters mit Arbeit füllt, wird bei der Bewertung
der deutschen Professoren nicht mitbedacht. Aus dieser Gegenüberstellung
ergibt sich, dass deutsche Professoren im Vergleich zu ihren nordamerikanischen
Kollegen eine deutlich höhere Arbeitsbelastung zu bewältigen
haben. Dies wird ausnahmslos auch von den nordamerikanischen Hochschullehrern
bestätigt, die das deutsche Universitätssystem bei einem Gastsemester
kennen lernen.
Irrmeinung 5: Kostenneutrale Reform
nach amerikanischem Vorbild
Irrmeinung 6: Die deutsche Universität
kennt keine Leistungskriterien
Auch die deutsche Universitätskarriere
ist kompetitiv. Wer Assistent werden will, muss zu den besten Studierenden
am Institut gehören. Wer Promotion und Habilitation schaffen will,
muss außerordentliche Leistungen erbringen. Wer nach der Habilitation
auf einen Lehrstuhl berufen wird, musste sich in einem harten Ausleseverfahren
gegen viele Mitbewerber durchsetzen.
Irrmeinung 7: Evaluation der Lehre
entscheidet in Amerika über die Karriere
Die derzeit in Deutschland vorgeschlagenen
Maßnahmen schaffen dagegen keine Leistungsanreize. Der Gedanke einer
Besoldung nach Anzahl der betreuten Studierenden oder gar nach Abschlüssen
in der Regelstudienzeit erschiene in den USA absurd. Dort wird erkannt,
dass die Qualität der Ausbildung entscheidend von kleinen, überschaubaren
Kursen abhängt. Der Vorschlag, Jungprofessoren eine Stelle nur auf
Zeit anzubieten, übersieht, dass die Leistungen von Jungprofessoren
nicht
mit denen von routinierten KollegInnen verglichen werden können, da
ein Teil der ersten sechs Jahre eines Professorendaseins wegen der Einarbeitung
in Lehr- und Verwaltungsstrukturen (oft eines neuen Bundeslandes) für
intensive Forschung wenig Zeit lassen.
Irrmeinung 8: Deutschen Universitäten
fehlt internationale Anziehungskraft
Die Konkurrenzfähigkeit der deutschen
Universität bleibt erhalten, wenn sie ihre besondere Eigenart und
Leistungsfähigkeit beibehält. Statt ständig nach dem ,nord-amerikanischen
Vorbild‘ zu schielen, sollte die Politik die qualitätsvolle Weiterexistenz
der deutschen Universität als eigenständige, im Einflussbereich
verschiedener Kulturen stehende Bildungsinstitution im Zentrum Europas
fördern. Dass die Welt auch im Zeitalter der Globalisierung nicht
nur auf einen Pol, eine Sprache und eine Kultur hin ausgerichtet ist, sondern
multipolar, mehrsprachig und multikulturell definiert wird, dazu muss nach
unserer Auffassung die deutsche Universität der Zukunft wesentlich
beitragen.
Die ausführliche Fassung des stark
gekürzten Textes kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre
angefordert werden. Sie ist auch im Internet unter www. anglistenverband.de
abrufbar.
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