Vorbild Nordamerika?
Anmerkungen zu einem problematischen Vergleich

Univ.-Professor Dr. Stephan Kohl (Universität Würzburg), 
Univ.-Professorin Monika Fludernik (Universität Freiburg), 
Univ.-Professor Hubert Zapf (Universität Augsburg) 
 


Irrmeinung 1: „Amerikanische Universitäten sind besser.“
Über „die“ ‚amerikanische Universität‘ kann keine allgemeine Aussage getroffen werden, da die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Hochschulen sehr ausgeprägt sind. In allen Kategorien - vom Two Year College bis zur Research University - gibt es öffentliche und private Universitäten, wobei private Universitäten sehr wenige, öffentliche Universitäten relativ hohe öffentliche Mittel aus der jeweiligen Landeskasse erhalten. Private Universitäten können sowohl sehr teuer und sehr gut als auch teuer und schlecht sein. Ein Studium ohne Studiengebühren ist unbekannt, und für viele Studierende ist es lebenswichtig, ein Stipendium oder einen Job an der Universität zu bekommen. Auch wenn es viele Möglichkeiten gibt, ein Stipendium zu erlangen, bleiben die hohen Studiengebühren eine soziale Hürde. Auch Familien der Mittelschicht müssen sich hoch verschulden, um ihren Kindern eine einigermaßen gute Universitätsausbildung zu ermöglichen. 
 

Irrmeinung 2: Vergleichbarkeit mit nordamerikanischen Spitzenuniversitäten 
Es ist abwegig, deutsche und nordamerikanische Universitäten pauschal zu vergleichen. Vergleicht man Arbeitsbedingungen und finanzielle Ausstattung deutscher Universitäten mit den entsprechenden Gegebenheiten in Nordamerika, leistet eine deutsche Universität mehr als eine nordamerikanische. Im Vergleich zu nordamerikanischen Spitzenuniversitäten sind die deutschen Hochschulen personell und finanziell weitaus schlechter ausgestattet. Dazu haben sie weit höhere Zahlen von Studierenden zu betreuen. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die Zahl der Studierenden sogar verdoppelt, ohne dass die Zahl der Lehrenden wesentlich erhöht worden wäre. Behält man diese ungleichen Ausgangsbedingungen im Auge, sind die Leistungen der deutschen Universitäten hervorragend, ist ihr ,Ertrag‘ im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln als optimal anzusehen. Misst man ‚Leistung‘, können sich die deutschen Universitäten mit den nordamerikanischen Spitzenuniversitäten messen.
 

Irrmeinung 3: Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse
Nordamerikanische Studienabschlüsse sind nicht mit deutschen Maßstäben messbar. Deutsche Universitäten produzieren breit ausgebildete FachwissenschaftlerInnen, nordamerikanische Universitäten profund ausgebildete Spezialisten.

Dem deutschen wissenschaftlich orientierten Magister- oder Staatsexamensstudiengang steht in den USA ein Bachelor (B. A.) gegenüber, der in den beiden ersten Studienjahren vornehmlich Allgemeinbildung und grundsätzliche Schreibfähigkeiten vermittelt, der also die Funktion der deutschen gymnasialen Oberstufe einnimmt. Es gibt also keine Vergleichsbasis für die Ausbildungsziele von nordamerikanischen und deutschen Universitäten. Die Ausrichtung des nordamerikanischen B. A.-Studienganges auf Allgemeinbildung hat ihren guten Grund: Da ein wesentlich höherer Prozentsatz von SchülerInnen der nordamerikanischen High School an Colleges und Universitäten geht als in Deutschland vom Gymnasium an die Universität und da die nordamerikanischen High Schools Gesamtschulen sind, die praktisch keine Durchfallraten kennen (wohl aber Abbruchraten), ist der Leistungsstandard nordamerikanischer Erstsemester deutlich niedriger als der deutscher StudienanfängerInnen. Zudem werden in Nordamerika Leistungen innerhalb des B. A.-Studienganges sehr milde benotet (eine schlechtere Note als ,befriedigend‘ [C] ist für die Studierenden Grund zur Beschwerde über den/die KursleiterIn). So kann allenfalls der B. A.-Abschluss von Elitehochschulen als Qualitätsnachweis dienen. Dieser B. A., der nur im dritten und vierten Studienjahr neben Allgemeinbildung auch eine erste Spezialisierung auf ein Fach vermittelt, ist der Hochschulabschluss, mit dem die meisten nordamerikanischen Studierenden ihr Studium beenden. Nur etwa ein Drittel der nordamerikanischen Studierenden belegt im Anschluss an die B.A.-,Grundausbildung‘ einen wissenschaftlich orientierten M.A.-Studiengang.

Nordamerikanische Studierende spezialisieren sich bereits beim Erwerb des M. A. auf ein Fach - und auch dabei meist nur auf eine Epoche - und studieren zudem entweder Literatur- oder Sprachwissenschaft. Diese Spezialisierung setzt sich bis zur Übernahme in eine Professorenstelle fort. Nordamerikanische Hochschulabschlüsse jenseits des B. A. beruhen also auf einem Konzept der Hochschulausbildung, das der engen Spezialisierung des Wissens verpflichtet ist.

Deutsche Studierende belegen dagegen nicht nur zwei bis drei Studienfächer, sie müssen auch in den Seminaren und Prüfungen die ganze systematische Breite und historische Tiefe des Faches abdecken. Auch für die weitere akademische Laufbahn ist in Deutschland die Betonung der fachlichen Breite charakteristisch: so werden im Rigorosum auch Kenntnisse in ,Nebenfächern‘ geprüft, und das Thema der Habilitationsschrift soll aus einem anderen Fachgebiet kommen als das der Dissertation.
 

Irrmeinung 4: Höhere Arbeitsleistung amerikanischer Professoren
Deutsche Professoren müssen quantitativ eine Lehrverpflichtung erfüllen, für die in Nordamerika zwei Lehrende eingestellt werden. Trotzdem erbringen deutsche Professoren sehr gute Forschungsleistungen. Bei der Arbeitsleistung der Professoren fällt der Vergleich der nordamerikanischen mit den deutschen Verhältnissen krasser als bei den Studierenden aus, da Berufsverbände wie Universitäten in Nordamerika den Grundsatz der Vierzig-Stunden-Woche ernst nehmen. Dies hat Konsequenzen

Thematischer Art für die Lehre: Amerikanische Professoren unterrichten stets dieselben fünf bis sieben Kurse, da das Studium in Standardmodule eingeteilt ist. Diese Kurse liegen meist im Bereich der forschungsmäßigen Spezialisierung der Professoren. Die Vorbereitungszeit für die einzelnen Lehrveranstaltungen ist daher gering. Deutsche Professoren in den Geisteswissenschaften dagegen unterrichten der Abdeckung des ‘Kanons’ wegen tendenziell jedes Semester mindestens zwei, oft auch drei thematisch neue Lehrveranstaltungen, die sie nie wieder oder frühestens nach etwa fünf Jahren (wenn der Lehrstoff einer gründlichen Überarbeitung bedarf) wiederholen können. Der Aufwand an Unterrichtsvorbereitung ist daher hoch, zumal viele Kurse in keiner Verbindung zum gepflegten Forschungsgebiet stehen.

Quantitativ für die Lehre: Nordamerikanische Professoren unterrichten zwei Kurse pro Semester (an weniger forschungsorientierten Universitäten mit daher schlechterem Ruf manchmal auch drei Kurse). Diese Kurse sind während des Semesters sehr arbeitsaufwendig, da die Studierenden im B. A.-Studiengang viel persönliche Betreuung benötigen, viele Hausarbeiten zu korrigieren sind und auch intensiver Medieneinsatz gewünscht wird. Nordamerikanische Professoren haben in der vorlesungsfreien Zeit - die zusammengenommen etwa genauso lang ist wie in Deutschland - aber keinerlei Verpflichtungen an ihrer Universität. Deutsche Professoren dagegen unterrichten vier Kurse pro Semester. Da ihnen bei dieser Lehrbelastung - sowie den administrativen Tätigkeiten und der Durchführung zahlreicher Prüfungen - für Korrekturen studentischer Arbeiten während des Semesters kaum Zeit bleibt, wird die vorlesungsfreie Zeit mit der Korrektur von Seminararbeiten, Zulassungs- und Magisterarbeiten verbracht. Deutsche Professoren haben daher viel weniger ununterbrochene, also qualitativ wertvolle Zeit für die Forschung. 

Thematischer Art für die Forschung: Nordamerikanische Assistenz-Professoren haben seit ihrem B. A.-Abschluss nur spezialisiert studiert, über das gewählte Spezialgebiet ihre M. A.-Arbeit und dann auch ihre Dissertation geschrieben. Diese Assistenz-Professoren kennen sich daher in ihrem Spezialgebiet hervorragend aus und vertiefen diese Kenntnisse kontinuierlich, wenn sie von einer Universität als ProfessorIn für dieses Spezialgebiet eingestellt werden. Sie unterrichten nur Lehrveranstaltungen zu Aspekten ihres Spezialgebiets, publizieren ausschließlich auf diesem Gebiet und widmen auch ihre Habilitationsschrift (d. h. das Buch, durch das sie im tenure-Verfahren eine Lebenszeitstellung erhalten) diesem Spezialgebiet. Durch diese Spezialisierung sind Absolventen von Ph. D.-Studiengängen als hoch qualifizierte Wissenschaftler auf Assistenz-Professuren berufbar. Deutsche Professoren müssen sich hingegen in möglichst großer Breite qualifizieren. 

Für die Organisation der Selbstverwaltung: Wenn nordamerikanische Professoren Aufgaben im Rahmen der universitären (Selbst-)Verwaltung übernehmen, werden diese Leistungen durch die Gewährung von Unterrichtsreduktion abgegolten. Wer beispielsweise die Koordination des Unterrichts vornimmt, braucht nur ein halbes Lehrdeputat zu erfüllen. Auch Mitglieder von Berufungskommissionen erhalten Un-terrichtsnachlass, da sie Zeit für die Lektüre der Bewerberschriften brauchen. Auch den Vorsitzenden von wissenschaftlichen Gesellschaften und Gutachtern angesehener Institutionen (z.B. des NEH, vergleichbar der DFG) erlässt die Universität einen Teil ihrer Unterrichtsverpflichtungen. Die nordamerikanische Universität geht grundsätzlich davon aus, dass man seine Arbeit in 40 Wochenstunden ausführen kann. In Deutschland hingegen werden all diese Tätigkeiten ,ignoriert‘: Sie werden weder finanziell honoriert, noch darf eine Reduktion des Lehrdeputats erwartet werden. Dass die Mitarbeit in Habilitations- und Berufungskommissionen oder die Tätigkeit als DFG-Gutachter fast alle Wochenenden eines Semesters mit Arbeit füllt, wird bei der Bewertung der deutschen Professoren nicht mitbedacht. Aus dieser Gegenüberstellung ergibt sich, dass deutsche Professoren im Vergleich zu ihren nordamerikanischen Kollegen eine deutlich höhere Arbeitsbelastung zu bewältigen haben. Dies wird ausnahmslos auch von den nordamerikanischen Hochschullehrern bestätigt, die das deutsche Universitätssystem bei einem Gastsemester kennen lernen. 
 

Irrmeinung 5: Kostenneutrale Reform   nach amerikanischem Vorbild
Nein: Wer das nordamerikanische System unverändert an den deutschen Universitäten einführen will, muss mindestens mit einer Verfünffachung der Personalausgaben rechnen. Wegen der hohen Spezialisierung der nordamerikanischen Professorenschaft und der Einhaltung des Prinzips der Vierzig-Stunden-Woche auch für Professoren erfordert das nordamerikanische Universitätssystem einen um das Fünffache höheren Personaleinsatz.
 

Irrmeinung 6: Die deutsche Universität kennt keine Leistungskriterien
Das nordamerikanische System ist sicher kompetitiv. Die schwierigste Hürde bildet hier das Erreichen einer Assistenzprofessur auf der Basis der Dissertation und eines Vorstellungsvortrags. Danach stellt die Überführung in ein unbefristetes Dienstverhältnis (tenure) einen weiteren großen Schritt dar. Nach der Lebenszeit-Einstellung an einer Universität gelingt es nur den ganz Großen des Fachs, noch Rufe an andere Universitäten zu erhalten. Die meisten Professoren verbleiben den Rest ihres Lebens an der Universität, an der sie assistant professor wurden. Nordamerikanische HochschullehrerInnen sind daher entgegen landläufigen Auffassungen keineswegs besonders flexibel oder mobil.

Auch die deutsche Universitätskarriere ist kompetitiv. Wer Assistent werden will, muss zu den besten Studierenden am Institut gehören. Wer Promotion und Habilitation schaffen will, muss außerordentliche Leistungen erbringen. Wer nach der Habilitation auf einen Lehrstuhl berufen wird, musste sich in einem harten Ausleseverfahren gegen viele Mitbewerber durchsetzen.
Der entscheidende Unterschied zwischen dem nordamerikanischen und dem deutschen System der Hochschullehrerausbildung liegt also darin, dass deutsche Hochschulassistenten - im Gegensatz zu nordamerikanischen assistant professors - auch nach erfolgreicher Habilitation keine Aussicht auf eine Lebenszeitprofessur an der eigenen Universität haben. In Deutschland kann eine Lebenszeitprofessur nur erreichen, wer sich mit Erfolg an eine andere Universität bewirbt. 
 

Irrmeinung 7: Evaluation der Lehre entscheidet in Amerika über die Karriere 
Das nordamerikanische System gibt in manchen Punkten ein gutes Modell für die Gestaltung von Leistungsanreizen für Professoren ab. Alle Professoren werden in einem regelmäßigen Zyklus nach genau vorgeschriebenen Kriterien durch den Dekan evaluiert. Diese Evaluationen honorieren in erster Linie Forschungsleistungen, erst in zweiter Linie Lehrqualität und Dienste für die Fakultät. Überdurchschnittliche Leistungen werden mit besonders hohen Gehaltsaufbesserungen belohnt, akzeptable Leistungen in Lehre und Forschung mit regulärer Gehaltserhöhung vergolten, fehlende Leistungen mit Einfrieren des Gehalts geahndet. Bei Berufungen sind Gehalt (ohne Grenze nach oben) und die Häufigkeit von Forschungssemestern frei verhandelbar.

Die derzeit in Deutschland vorgeschlagenen Maßnahmen schaffen dagegen keine Leistungsanreize. Der Gedanke einer Besoldung nach Anzahl der betreuten Studierenden oder gar nach Abschlüssen in der Regelstudienzeit erschiene in den USA absurd. Dort wird erkannt, dass die Qualität der Ausbildung entscheidend von kleinen, überschaubaren Kursen abhängt. Der Vorschlag, Jungprofessoren eine Stelle nur auf Zeit anzubieten, übersieht, dass die Leistungen von Jungprofessoren nicht mit denen von routinierten KollegInnen verglichen werden können, da ein Teil der ersten sechs Jahre eines Professorendaseins wegen der Einarbeitung in Lehr- und Verwaltungsstrukturen (oft eines neuen Bundeslandes) für intensive Forschung wenig Zeit lassen.
 

Irrmeinung 8:  Deutschen Universitäten fehlt internationale Anziehungskraft
Obwohl die deutsche Universität auf den Vorteil der amerikanischen Universitäten, in der Weltsprache Englisch zu unterrichten, verzichten muss, stieg die Zahl ausländischer Studierender nach einem Gutachten des Wissenschaftlichen Zentrums für Berufs- und Hochschulforschung in Kassel für den DAAD (Teichler-Gutachten) von ca. 27.800 im Jahre 1970 auf ca. 146.000 Mitte der 90er Jahre. Auch nach Abzug der Zahl der ,Bildungsinländer‘ bleibt dies eine eindrucksvolle Steigerung. Fast 10 Prozent der Studierenden an deutschen Universitäten kommen heute aus dem Ausland (nach nur 6 Prozent im Jahre 1970). Als Zielland ausländischer Studierender ist Deutschland damit seit 1970 vom vierten auf den dritten Platz weltweit aufgerückt (nach den USA mit 30,4 Prozent und Frankreich mit 11,4 Prozent - aber vor Großbritannien mit 8,6 Prozent). Und die USA sind in den letzten Jahren keineswegs immer attraktiver für ausländische Studierende geworden: Der Prozentsatz der international mobilen Studentenschaft, der in den USA studiert, sank von 35 Prozent im Jahre 1980 auf 30,4 Prozent Mitte der 90er Jahre. 

Die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Universität bleibt erhalten, wenn sie ihre besondere Eigenart und Leistungsfähigkeit beibehält. Statt ständig nach dem ,nord-amerikanischen Vorbild‘ zu schielen, sollte die Politik die qualitätsvolle Weiterexistenz der deutschen Universität als eigenständige, im Einflussbereich verschiedener Kulturen stehende Bildungsinstitution im Zentrum Europas fördern. Dass die Welt auch im Zeitalter der Globalisierung nicht nur auf einen Pol, eine Sprache und eine Kultur hin ausgerichtet ist, sondern multipolar, mehrsprachig und multikulturell definiert wird, dazu muss nach unserer Auffassung die deutsche Universität der Zukunft wesentlich beitragen. 
 

Die ausführliche Fassung des stark gekürzten Textes kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden. Sie ist auch im Internet unter www. anglistenverband.de abrufbar.
 

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