Der "optimierte Mensch"
Im Mai 2001 haben die "Empfehlungen der DFG" eine vehement geführte Debatte
ausgelöst, die neben der konkreten Entscheidung zur Forschung an embryonalen
Stammzellen zu grundlegenden Fragen über das leitende Menschenbild führt.
Hat ein neuer "Kulturkampf" über Wissenschaft und Menschenbild begonnen? Ein
Gespräch mit Forschung & Lehre.
Forschung & Lehre: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat mit ihren
"Empfehlungen zur Forschung an embryonalen Stammzellen" (3. Mai 2001) eine
kontrovers geführte Debatte ausgelöst. Paßt auf diese Debatte die
Überschrift: "Forschungsfreiheit contra Menschenwürde"?
Wolfgang Frühwald: Durch das zufällige zeitliche Zusammentreffen der
Stellungnahme der DFG zur Stammzellenforschung mit der wie ich meine
großen und des Nachdenkens immer noch werten Berliner Rede des
Bundespräsidenten vom 18. Mai 2001 ("Wird alles gut? Für einen Fortschritt
nach menschlichem Maß") ist der Eindruck entstanden, der Bundespräsident
habe auf diese Stellungnahme geantwortet, so daß die Debatte sogleich zu
einer grundsätzlichen Kontroverse um Forschungsfreiheit contra Menschenwürde
geraten ist. Da Hubert Markl, der Präsident der Max Planck-Gesellschaft, in
seiner Rede bei der Hauptversammlung der MPG am 22. Juni 2001 ("Freiheit,
Verantwortung, Menschenwürde: Warum Lebenswissenschaften mehr sind als
Biologie"), dem Bundespräsidenten, in dessen Anwesenheit, Punkt für Punkt
von einem dezidiert (und ausdrücklich) nichtchristlichen Standpunkt aus
widersprochen und zugleich öffentlich die uneingeschränkte Unterstützung der
gesamten MPG für die Erklärung der DFG mitgeteilt hat, ist diese Kontroverse
zu einer Auseinandersetzung um ein christliches, zumindest kantianisches
Menschenbild auf der einen Seite und ein szientistisch-sozialdarwinistisches
Menschenbild auf der anderen Seite geraten. In ihr geht es jetzt um viel
mehr als um Forschung an embryonalen Stammzellen. Der ausgebrochene
"Kulturkampf" wird so rasch nicht enden. Es geht in dieser
Auseinandersetzung um einen lange vor Mai 2001 bereits schwelenden
(weltweiten) Streit, um die Utopie des "perfektionierten (des angeblich zu
optimierenden) Menschen". Der Bundespräsident (und Hubert Markl) haben diese
grundsätzliche Komponente der Debatte erkannt und von jeweils
gegensätzlichen Standpunkten aus benannt, so daß die Fragestellung jetzt
nicht mehr heißt "Forschungsfreiheit contra Menschenwürde?", sondern: "Nach
welchem Bild wollen wir den Menschen perfektionieren?" Und daß ich hier auf
der Seite des ja keineswegs forschungsfeindlichen Bundespräsidenten, nicht
auf der Seite Hubert Markls stehe, ist kein Geheimnis.
Warum tut sich die DFG so schwer?
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft übt sich wohl deshalb in der
Echternacher Gangweise, weil sie meint, der grundsätzlichen Dimension des
Themas ausweichen und einen wissenschaftlichen Disput dort führen zu können,
wo es um die Fragen von "jedermann" und "jeder Frau", um Geburt und Tod und
Zeugung, um Leben und Schmerz und die Bestimmung des Menschen geht. Die DFG
ist erst durch Hubert Markl in die Grundsatzdebatte hineingestoßen worden,
nachdem sie vorher versucht hat, sich innerwissenschaftlich zu
positionieren, das heißt biologisch-medizinisch und juristisch zu
argumentieren. Ich kritisiere die DFG nicht, denn sie steht vor einer
inneren Zerreißprobe, die so leicht nicht zu meistern ist. Und gute
Ratschläge von außen sind das Letzte, was die DFG jetzt brauchen kann. Sie
ist in einer Situation, für die es in der demokratischen Tradition der
Forschungsgeschichte kein Vorbild gibt. Sie ist von politischer Einflußnahme
und von Mittelsperre ebenso bedroht, wie auf der anderen Seite von einem
Aufstand ihrer Klientel. Das hat Hubert Markl bemerkt und zurecht die
Grundsatzdebatte in die DFG hineingetragen. Die DFG wäre gut beraten, sich
dieser Grundsatzdebatte mit einem neuen Wissenschaftsverständnis zu stellen.
In dieser Debatte genügt es nämlich nicht, mit einem erreichten
Forschungsstand zu argumentieren, mit Gesetzeslücken, vagen
Therapieversprechungen etc. Die DFG müßte in dieser gesellschaftlichen
Debatte, in der die Grenzen von Wissenschaft und Gemeinwohl fließend
geworden sind, in der die "wertfreie" Wissenschaft täglich und vor aller
Augen widerlegt wird, der Stimme ihrer Philosophen und Ethiker mehr Gewicht
geben als dem Formalismus ihrer Juristen und dem Experimentalismus ihrer
Biochemiker. Das von Wolfram Höfling unlängst in der FAZ zitierte Wort
Lichtenbergs gilt auch hier: "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg
den Tod."
Ich bezweifle, daß die DFG eine solche Debatte aus eigener Kraft wird
bestehen können. Dazu ist sie (unter einem völlig anderen
Wissenschafts-Paradigma) nicht erfunden worden, dafür sind ihre Gremien
nicht adäquat besetzt. Sie bedarf der Vermittlung im härter und lauter
werdenden gesellschaftlichen Disput: der Bundespräsident hatte sich mit
seiner Berliner Rede als der geradezu ideale Vermittler angeboten. Daß
dieses Angebot mit dem Widerspruch von Hubert Markl abgelehnt wurde, halte
ich für korrekturbedürftig.
Gibt es Grenzen der Forschungsfreiheit?
Die Grenzen der Forschungsfreiheit sind selbstverständlich dort erreicht, wo
Neugierde und Wissensdrang des Menschen dem Menschen und seinen
Lebensbedingungen schaden, wo die Würde des Menschen bedroht ist. Allerdings
sind diese Grenzen nicht so leicht festzustellen, wie es die öffentliche
Debatte heute glauben macht. Sie sind in unterschiedlichen Kulturen, zu
unterschiedlichen Zeiten, nach unterschiedlichen Perspektiven weiter oder
enger gezogen und daher im Einzelfall zu ermitteln. In Gesellschaften zum
Beispiel, die dem menschlichen Embryo in den ersten 14 Tagen seiner
Entwicklung, also bis zur Nidation, keine menschliche Würde zusprechen, ist
deshalb noch nicht die pure Barbarei ausgebrochen. Allerdings ist zu
bemerken, daß die experimentelle Wissenschaft heute dabei ist, durch jeweils
neue Fakten, die sie schafft, die Grenzen immer weiter in ihrem Sinne (im
Sinne des Machbaren, nicht des Verantwortbaren) hinauszuschieben und damit
den Verdacht zu erwecken, die Forschungsfreiheit als einen absoluten Wert
auch der Menschenwürde überzuordnen.
Bis vor kurzem gab es in der biomedizinischen Forschung eine international
anerkannte Grenze, die im Konsens der Wissenschaftler der Welt nicht
überschritten werden sollte. Sie wurde markiert durch (1) das Verbot der
Herstellung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken, (2) durch das
Verbot der Keimbahnintervention, (3) durch die Ächtung der
Menschenklonierung. Nun wurde durch amerikanische Wissenschaftler zumindest
der erste Grenzstein (das Verbot der Herstellung von menschlichen Embryonen
für Forschungszwecke) aus dieser Grenzmarkierung herausgebrochen. Es rächt
sich meines Erachtens, daß viele europäische Völker und Nationen (darunter
die Bundesrepublik Deutschland) die europäische Menschenrechtskonvention zur
Biomedizin noch immer nicht unterzeichnet und damit verhindert haben, daß
diese Konvention weltweit zum Modell bioethischer Problemlösungen wird. Die
drei genannten Grenzsteine sind in dieser Konvention fest verankert. Und
internationale Konventionen sind derzeit der einzige Weg zur ethischen
Konsensbildung der Menschheit.
Ab welchem Zeitpunkt kann man dem menschlichen Individuum Würde zusprechen?
Ab wann ist der Mensch ein Mensch?
Auf eine solche Frage gibt es nur individuelle Antworten, weil es eine feste
biologische Definition des Zeitpunkts der "Menschwerdung" nicht gibt. Ich
selbst bin der Überzeugung, daß der Mensch vom Zeitpunkt der Verschmelzung
von Samen- und Eizelle an Mensch ist und damit Würde hat. Ich halte die
Anhänger der Nidationsthese, die dem Embryo erst nach einem
Entwicklungsstadium von 14 Tagen diese Würde zusprechen, deshalb nicht für
eine Horde verkommener Barbaren und bin mir völlig bewußt, daß ich mit
meiner Haltung auch die gesellschaftlich inzwischen vollkommen anerkannte
In-vitro-Fertilisation (und ihren Embryonenverbrauch) in Frage stelle.
Vielleicht sollte man von der starren Fixierung auf den genauen Zeitpunkt
der Menschwerdung abkommen und die alte Frage "Was ist der Mensch?" stärker
in den Mittelpunkt der Debatte stellen.
Bricht ein Zeitalter des "therapeutischen Nihilismus" an, in dem der
vermutete Therapienutzen der Forschung oder eine vermeintliche "Ethik des
Helfens" eine "Green Card" für moralische Grenzüberschreitungen ist?
Im Unterschied zum therapeutischen Nihilismus des 19. Jahrhunderts, in dem
das Experiment um des Experimentes willen gepflegt wurde, der Sektionswahn
grassierte und die Entwicklung der chirurgischen und medikamentösen Therapie
den Grundlagenerkenntnissen über mehr als 30 Jahre hin nicht folgen konnte,
ist heute die medizinische Grundlagenforschung, auch und gerade im Bereich
der Stammzellen-Forschung, auf therapeutische Ziele ausgerichtet. Daß dabei
erhebliche wirtschaftliche Verwertungsinteressen im Spiel sind, gibt der
Auseinandersetzung erst ihre Brisanz. Das Dilemma zwischen Töten und Heilen,
in das wir geraten sind, ist so leicht nicht zu lösen. Der Bundespräsident
hat darauf hingewiesen, daß es doch nicht sein könne, "das ethisch
Verantwortbare stets neu den technischen Möglichkeiten anzupassen"? Diese
Grundfrage ist auch von der experimentellen Wissenschaft zu beantworten.
Wiederholt wird als Argument für eine Forschung an embryonalen Stammzellen
die Internationalität der Forschung ins Feld geführt: Wenn wir nicht daran
forschen, werde es auf jeden Fall im Ausland gemacht: Ist die ethische
Debatte in Deutschland angesichts der Globalisierung eine bloße
Spiegelfechterei?
Der Hinweis auf die Internationalität der Forschung ist zumal im Bereich
der Stammzellenforschung ein ausschließlich wirtschaftliches Argument. Es
geht um den Vorsprung im Wettbewerb, um Verwertungsinteressen. Wenn wir aber
um Fragen wie Menschenwürde und Lebensdefinitionen streiten, können
wirtschaftliche Interessen nicht die primär bestimmenden Interessen sein.
"Auch hochrangige Ziele medizinischer Forschung dürfen nicht darüber
bestimmen", sagt Johannes Rau, "ab wann menschliches Leben geschützt werden
soll." Jede Gemeinschaft und jeder Kulturkreis muß und darf für sich
bestimmen, wie er sich zum Bild des Menschen, zur menschlichen Natur und zu
den Eingriffen in diese Natur verhält. Jede Gemeinschaft muß sich nach ihren
eigenen Denktraditionen und ihren eigenen Überlieferungen dazu verhalten,
denn nur aus dem Dialog der Kulturen kann ein gemeinsamer Begriff dessen
entstehen, was der Mensch ist und was seine Bestimmung ist. Selbst die
europäische Menschenrechtskonvention zur Biomedizin hat die Definitionen von
"human being" und "everyone" der nationalen Gesetzgebung überlassen. In
allen anderen Teilen aber hätte sie international normbildend wirken können.
Der nationale oder der kontinentale Dialog ist die Voraussetzung und die
Grundlage des internationalen Gesprächs.
Ein weiteres Argument lautet: Die Embryonen seien nun einmal da
("überzählig"). Also sei es besser, sie für Forschungszwecke zu nützen als
sie weiter "unnütz" zu lagern.
Das ist unter der Perspektive der Grundsatzdebatte ein recht sophistisches
Argument, ebenso sophistisch wie das Argument, in Deutschland dürften zwar
keine Stammzellen für Forschungszwecke gewonnen werden, sie dürften aber
importiert werden. Der Pragmatismus einer nur noch auf das Experiment hin
orientierten Wissenschaft sprengt an genau dieser Stelle den Rahmen der
innerwissenschaftlichen Diskussion und gerät in Konflikt mit
jahrtausendealten Denküberlieferungen. Die Behauptung jedenfalls, weil die
Gesellschaft die In-vitro-Fertilisation billige und damit "überzählige"
Embryonen in Kauf nehme, dürfe jetzt auch an diesen Embryonen geforscht
werden, ist barer Utilitarismus. An ihnen zu forschen bedeutet, sie zu einem
ihnen fremden Zweck zu instrumentalisieren. Das aber ist wenn der Mensch
mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt ein Verstoß gegen die
menschliche Würde. Wir müßten uns auf die Grundfrage der Diskussion
konzentrieren, nicht auf Lücken im Gesetz, nicht auf die Möglichkeiten, an
einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen, ohne den Menschen deutlich
gemacht zu haben, ob und warum dies notwendig und unabdingbar ist. Ich halte
es für ein Warnsignal ohnegleichen, daß die Schriftsteller von der "Trübsal
am Rande der posthumanen Wüsten", von einem "Putsch im Labor", daß sie davon
sprechen, die Wissenschaft montiere den Menschen um. Ich halte die Literatur
für das kollektive Gedächtnis der Menschheit, und dieses Gedächtnis ist
derzeit von Angst und Bitterkeit erfüllt. Ob wir das nicht wahrnehmen
sollten?
Ist der von Bundeskanzler Schröder einberufene Ethikrat ein hilfreiches
Instrument?
Die Menschenwürde ist ein metaphysisches Konzept. Da Gesellschaft und
Wissenschaft vor dem Hintergrund der fortschreitenden Säkularisierung solche
metaphysische Voraussetzungen immer weniger nachvollziehen können, melden
sich Stimmen zu Wort, die sagen: "Was Menschenwürde genannt zu werden
verdient, muß in gesellschaftlich-politischem Diskurs festgelegt werden."
Wäre dies ein möglicher Weg?
Daß Menschenwürde kein festgelegter Begriff ist, mit einer unumstößlichen
Definition, ist allen deutlich, die sich jemals mit diesem Begriff und
seinem engen Verhältnis zu den Menschenrechten auseinandergesetzt haben. Das
Bundesverfassungsgericht hat es immer vermieden, die Menschenwürde zu
definieren und jeweils nur Verstöße gegen die Menschenwürde sanktioniert.
Daraus ist zu schließen, daß dieser Begriff nicht zu fixieren, sondern
prozeßhaft, im gesellschaftlich-politischen Diskurs jeweils erarbeitet und
erkämpft werden muß. Trotzdem gibt es für diesen Diskurs
Ausgangsüberlegungen, die wir nicht ignorieren können. Der Mensch hat Würde,
sagen die Christen, weil sie ihm von seinem Schöpfer gegeben ist. Der Mensch
hat Würde, sagen die Kantianer, weil er als Subjekt moralfähig ist. Die
Würde des Menschen sei an eine Anerkennungsgemeinschaft geknüpft, besagt ein
hegelianischer Standpunkt, der allerdings einräumt, mit dem pränatalen Leben
in dieser Definition in Schwierigkeiten zu geraten. Trotzdem sind dies
Standpunkte, die nur im gesellschaftlichen Diskurs miteinander vermittelt
werden können und zunächst bedacht werden sollten, ehe wir selbstgestrickte
Ethikmaximen und Würdedefinitionen verkünden. Die Diskurs-Ethik ist in
demokratisch verfaßten Gesellschaften jedenfalls ein eingeübter und
bevorzugter Weg gesellschaftlicher Konsensbildung.
Die vehemente Kritik an gentechnischer Forschung verdunkelt derzeit den
Blick auf die großen Leistungen der Forscher und die faszinierenden Chancen
dieser Wissenschaft. Worin sehen Sie die Chancen der Gentechnik?
Die riesige Propagandawelle, die über die Welt hinwegrollte, als der
Abschluß der Sequenzierung des Humangenoms verkündet wurde, mußte
Gegenreaktionen hervorrufen. Daß diese Propagandawelle von der Industrie mit
entsprechenden vorzeitigen Patentierungsdrohungen (Craig Venter u.a.)
angeleitet wurde, hat die Gentechnik (also die Anwendungsform der
Molekularbiologie) zusätzlich in Mißkredit gebracht. In Deutschland hatte
die Propagandawelle das erklärte Ziel, die Finanzierung der zweiten Phase
der Erforschung des Humangenoms ("functional genetics") zu sichern, was ihr
ja auch gelungen ist. Aber auch diese Aktion mußte Gegenreaktionen
hervorrufen und hat sie hervorgerufen. Ich kann also nur davor warnen,
solche Propagandawellen in eintöniger Folge zu wiederholen. Mir scheint, daß
die Neurowissenschaften, deren wissenschaftliche Erfolge mindestens so groß
sind wie die der Humangenetik, ohne überzogene Propagandawellen (selbst in
"the decade of the brain") ausgekommen sind und deshalb nicht im gleichen
Maße in die öffentliche Kritik geraten sind wie die Gentechnik.
Ich sehe von den (unzweifelhaft großen) Erfolgen der Gentechnik bei der
Tier- und der Pflanzenzucht einmal ab. Viele setzen auf diese Techniken ja
die Hoffnung, daß durch die Gentechnik die von Menschen überfüllte Erde
lebenswert erhalten werden kann. Wir sollten uns aber weder von überzogener
Propaganda, noch von der Gegenpropaganda den Blick darauf verdunkeln lassen,
daß die molekularbiologische Grundlagenforschung und ihre Anwendungsformen
das Gesamtsystem der Medizin zu revolutionieren beginnen. Es ist der
Forschung gelungen, von den Symptomen zu den Ursachen der Krankheiten
vorzudringen. Es wird ihr gelingen, eine Ursachentherapie, also eine
Gentherapie, zu finden und zu erfinden. Wann dies sein wird, wissen wir
nicht, die bisherigen Prognosen haben sich als vorschnell erwiesen. Wenn
dies aber gelingt, wird der gesamte Arzneimittelmarkt umgestellt werden, die
Berufe der Pharmazeuten und der Apotheker, der Ärzte sind davon unmittelbar
und in bisher fast nicht vorstellbarem Maße betroffen, für ungezählte
schwerstkranke Menschen wird es Heilungschancen geben. Wer die Chancen und
die Risiken der neuen Techniken und der Ursachenbehandlung gegeneinander
abwägt, wird die Chancen weit höher einschätzen als die Risiken. Der Weg
dorthin freilich ist umstritten und die haßerfüllten Töne in der Debatte um
Hubert Markls Rede stimmen nicht gerade hoffnungsvoll. Ich gebe trotzdem die
Zuversicht nicht auf, daß dieser Weg ohne heftige und unausstehbare
gesellschaftliche Konflikte gefunden werden kann.
Ende des "Experimentalismus"
Es könnte scheinen, daß wir in das Zeitalter eines ungezügelten
Experimentalismus eingetreten sind, der immer mehr Daten aufhäuft und alle
Wege durch diese Datengebirge verloren hat. Mir scheint aber, daß schon aus
wissenschaftsimmanenten Gründen das Zeitalter des Experimentalismus zu Ende
geht. Alle neuen Entwicklungen in der Genetik und der Gentechnik (darin sind
sich die Fachleute einig, die zu verstehen, ich in der Lage bin) werden
ihren Ausgangspunkt von einer neuen Theorie nehmen und nehmen müssen, wenn
sie zukunftsträchtig sein wollen. Die Grundlagenforschung, gerade im Bereich
der Molekularwissenschaften, ist auf dem Weg zum Systemischen und braucht
dazu neues theoretisches Wissen. Die Theoretische Biologie scheint mir eine
ähnliche Entwicklung zu nehmen, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, also zur
Zeit Max Plancks, die Theoretische Physik. Ob sich aus dem neu erwachten
naturwissenschaftlichen Interesse an der Theorie jene konsistente
Evolutionstheorie entwickeln wird, auf die viele Wissenschaftler hoffen und
zu der sie Bausteine zusammentragen, kann ich schwer voraussagen. Vorläufig
jedenfalls sehe ich mit Staunen und Respekt die großen Versuche zur
Zusammenführung unterschiedlichster Wissenskulturen ("Consilience"), aus
denen die neue Theorie entstehen könnte. Diese Versuche laufen nicht der
billigen und an Science Fiction erinnernden Utopie des "optimierten
Menschen" nach, sondern beziehen (wie etwa E. O. Wilson) die Denktraditionen
der Menschheit, die kulturellen Überschreibungen des Buches der Natur in
ihre Überlegungen mit ein.
Die Wissenschaften wissen über den Menschen im Detail sehr viel, der ganze
Mensch scheint ihnen aus dem Blick gekommen zu sein. Ist damit auch der
Humanismus am Ende? Oder stehen wir am Beginn eines "neuen Humanismus", in
welchem der Mensch auf dem angedeuteten Weg in die Unsterblichkeit die
Krönung oder das Ende der Evolution sein wird?
Wenn der Mensch als Teil des Kosmos auch das Abbild des Kosmos ist, dann
können wir den Menschen als ganzes ebensowenig denken, wie wir die Welt als
ganze noch denken können. Die rasant zunehmende Komplexität und komplex
bedeutet nach der Definition Wolf Singers, daß das Ganze immer mehr ist als
die Summe seiner Teile wird die Welt in einer Weise verändern, wie wir es
uns nicht vorstellen können. Wir stehen weder am Ende eines alten, noch am
Anfang eines neuen Humanismus, wir stehen lediglich mitten in einer Debatte
um das Menschenbild, in der scheinbar längst überwundene,
sozialdarwinistische Klischees des 19. Jahrhunderts noch einmal erscheinen.
Wir müßten versuchen, die unentbehrlichen Begriffe der "alten Welt" in die
"neue Welt" mitzunehmen. "Person" und "Menschenwürde" und "Menschenrechte"
gehören sicher dazu. Die Evolutionsbeschleunigung, die durch die Eingriffe
des Menschen in die Evolution geschieht, wird die Signatur der kommenden
Jahrhunderte sein. Die Revolutionen sind insofern unterwegs, als sich die
Menschenrechte aufzulösen beginnen und unter dem Druck des experimentell
gewonnenen Wissens scheinbar festgefügte menschheitliche Vorstellungen ins
Wanken geraten. Das erste aller Menschenrechte war bisher das Recht auf
Existenz. Vor kurzem erst hat das höchste französische Gericht (gegen den
Widerspruch des nationalen Ethikrates Frankreichs) einem Behinderten, der
auf Schadenersatz wegen seiner Existenz klagte, ein Recht auf Nicht-Existenz
bestätigt. Wir mögen über solche Urteile lächeln, sie kündigen aber einen
Paradigmawechsel an, in dem sich auch der Begriff des "Humanismus", also der
Begriff des "menschlichen Maßes", verwandeln wird. Eines jedenfalls scheint
mir deutlich: den perfektionierten Menschen wird es nicht geben und den in
seinem Körper unsterblichen Menschen ebenfalls nicht. Die Wissenschaft wird
viel zur Erleichterung der Mühsal dieses Lebens beitragen können, mehr als
jemals in der Geschichte der Menschheit, ihre Allmachtsphantasien aber, ihre
Utopien des "optimierten Menschen" sind Schreckensvisionen, die wir deshalb
anzweifeln müssen, weil der Mensch als ein zerbrechliches, überkomplexes
Wesen in der "gebrechlichen Einrichtung" der Welt zuhause ist. Das und
nichts anderes meinte der Bundespräsident, wenn er sagte: "Ja, ich bin
zuversichtlich: vieles wird besser werden. Aber glauben wir nicht den
falschen Propheten, die uns sagen: alles wird gut."
|
|
|