Wolfgang Frühwald, Dr. phil., Dr. h.c. mult., Univ.-Professor, Universität München,
Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung,
Präsident der DFG von 1992-1997


Der "optimierte Mensch"
Über Gentechnik, Forschungsfreiheit, Menschenbild und die Zukunft der Wissenschaft

Im Mai 2001 haben die "Empfehlungen der DFG" eine vehement geführte Debatte ausgelöst, die neben der konkreten Entscheidung zur Forschung an embryonalen Stammzellen zu grundlegenden Fragen über das leitende Menschenbild führt. Hat ein neuer "Kulturkampf" über Wissenschaft und Menschenbild begonnen? Ein Gespräch mit Forschung & Lehre.

Forschung & Lehre: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat mit ihren "Empfehlungen zur Forschung an embryonalen Stammzellen" (3. Mai 2001) eine kontrovers geführte Debatte ausgelöst. Paßt auf diese Debatte die Überschrift: "Forschungsfreiheit contra Menschenwürde"?

Wolfgang Frühwald: Durch das zufällige zeitliche Zusammentreffen der Stellungnahme der DFG zur Stammzellenforschung mit der ­ wie ich meine ­ großen und des Nachdenkens immer noch werten Berliner Rede des Bundespräsidenten vom 18. Mai 2001 ("Wird alles gut? Für einen Fortschritt nach menschlichem Maß") ist der Eindruck entstanden, der Bundespräsident habe auf diese Stellungnahme geantwortet, so daß die Debatte sogleich zu einer grundsätzlichen Kontroverse um Forschungsfreiheit contra Menschenwürde geraten ist. Da Hubert Markl, der Präsident der Max Planck-Gesellschaft, in seiner Rede bei der Hauptversammlung der MPG am 22. Juni 2001 ("Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde: Warum Lebenswissenschaften mehr sind als Biologie"), dem Bundespräsidenten, in dessen Anwesenheit, Punkt für Punkt von einem dezidiert (und ausdrücklich) nichtchristlichen Standpunkt aus widersprochen und zugleich öffentlich die uneingeschränkte Unterstützung der gesamten MPG für die Erklärung der DFG mitgeteilt hat, ist diese Kontroverse zu einer Auseinandersetzung um ein christliches, zumindest kantianisches Menschenbild auf der einen Seite und ein szientistisch-sozialdarwinistisches Menschenbild auf der anderen Seite geraten. In ihr geht es jetzt um viel mehr als um Forschung an embryonalen Stammzellen. Der ausgebrochene "Kulturkampf" wird so rasch nicht enden. Es geht in dieser Auseinandersetzung um einen lange vor Mai 2001 bereits schwelenden (weltweiten) Streit, um die Utopie des "perfektionierten (des angeblich zu optimierenden) Menschen". Der Bundespräsident (und Hubert Markl) haben diese grundsätzliche Komponente der Debatte erkannt und von jeweils gegensätzlichen Standpunkten aus benannt, so daß die Fragestellung jetzt nicht mehr heißt "Forschungsfreiheit contra Menschenwürde?", sondern: "Nach welchem Bild wollen wir den Menschen perfektionieren?" Und daß ich hier auf der Seite des ja keineswegs forschungsfeindlichen Bundespräsidenten, nicht auf der Seite Hubert Markls stehe, ist kein Geheimnis.

Warum tut sich die DFG so schwer?

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft übt sich wohl deshalb in der Echternacher Gangweise, weil sie meint, der grundsätzlichen Dimension des Themas ausweichen und einen wissenschaftlichen Disput dort führen zu können, wo es um die Fragen von "jedermann" und "jeder Frau", um Geburt und Tod und Zeugung, um Leben und Schmerz und die Bestimmung des Menschen geht. Die DFG ist erst durch Hubert Markl in die Grundsatzdebatte hineingestoßen worden, nachdem sie vorher versucht hat, sich innerwissenschaftlich zu positionieren, das heißt biologisch-medizinisch und juristisch zu argumentieren. Ich kritisiere die DFG nicht, denn sie steht vor einer inneren Zerreißprobe, die so leicht nicht zu meistern ist. Und gute Ratschläge von außen sind das Letzte, was die DFG jetzt brauchen kann. Sie ist in einer Situation, für die es in der demokratischen Tradition der Forschungsgeschichte kein Vorbild gibt. Sie ist von politischer Einflußnahme und von Mittelsperre ebenso bedroht, wie auf der anderen Seite von einem Aufstand ihrer Klientel. Das hat Hubert Markl bemerkt und zurecht die Grundsatzdebatte in die DFG hineingetragen. Die DFG wäre gut beraten, sich dieser Grundsatzdebatte mit einem neuen Wissenschaftsverständnis zu stellen. In dieser Debatte genügt es nämlich nicht, mit einem erreichten Forschungsstand zu argumentieren, mit Gesetzeslücken, vagen Therapieversprechungen etc. Die DFG müßte in dieser gesellschaftlichen Debatte, in der die Grenzen von Wissenschaft und Gemeinwohl fließend geworden sind, in der die "wertfreie" Wissenschaft täglich und vor aller Augen widerlegt wird, der Stimme ihrer Philosophen und Ethiker mehr Gewicht geben als dem Formalismus ihrer Juristen und dem Experimentalismus ihrer Biochemiker. Das von Wolfram Höfling unlängst in der FAZ zitierte Wort Lichtenbergs gilt auch hier: "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod." Ich bezweifle, daß die DFG eine solche Debatte aus eigener Kraft wird bestehen können. Dazu ist sie (unter einem völlig anderen Wissenschafts-Paradigma) nicht erfunden worden, dafür sind ihre Gremien nicht adäquat besetzt. Sie bedarf der Vermittlung im härter und lauter werdenden gesellschaftlichen Disput: der Bundespräsident hatte sich mit seiner Berliner Rede als der geradezu ideale Vermittler angeboten. Daß dieses Angebot mit dem Widerspruch von Hubert Markl abgelehnt wurde, halte ich für korrekturbedürftig.

Gibt es Grenzen der Forschungsfreiheit?

Die Grenzen der Forschungsfreiheit sind selbstverständlich dort erreicht, wo Neugierde und Wissensdrang des Menschen dem Menschen und seinen Lebensbedingungen schaden, wo die Würde des Menschen bedroht ist. Allerdings sind diese Grenzen nicht so leicht festzustellen, wie es die öffentliche Debatte heute glauben macht. Sie sind in unterschiedlichen Kulturen, zu unterschiedlichen Zeiten, nach unterschiedlichen Perspektiven weiter oder enger gezogen und daher im Einzelfall zu ermitteln. In Gesellschaften zum Beispiel, die dem menschlichen Embryo in den ersten 14 Tagen seiner Entwicklung, also bis zur Nidation, keine menschliche Würde zusprechen, ist deshalb noch nicht die pure Barbarei ausgebrochen. Allerdings ist zu bemerken, daß die experimentelle Wissenschaft heute dabei ist, durch jeweils neue Fakten, die sie schafft, die Grenzen immer weiter in ihrem Sinne (im Sinne des Machbaren, nicht des Verantwortbaren) hinauszuschieben und damit den Verdacht zu erwecken, die Forschungsfreiheit als einen absoluten Wert auch der Menschenwürde überzuordnen.

Bis vor kurzem gab es in der biomedizinischen Forschung eine international anerkannte Grenze, die im Konsens der Wissenschaftler der Welt nicht überschritten werden sollte. Sie wurde markiert durch (1) das Verbot der Herstellung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken, (2) durch das Verbot der Keimbahnintervention, (3) durch die Ächtung der Menschenklonierung. Nun wurde durch amerikanische Wissenschaftler zumindest der erste Grenzstein (das Verbot der Herstellung von menschlichen Embryonen für Forschungszwecke) aus dieser Grenzmarkierung herausgebrochen. Es rächt sich meines Erachtens, daß viele europäische Völker und Nationen (darunter die Bundesrepublik Deutschland) die europäische Menschenrechtskonvention zur Biomedizin noch immer nicht unterzeichnet und damit verhindert haben, daß diese Konvention weltweit zum Modell bioethischer Problemlösungen wird. Die drei genannten Grenzsteine sind in dieser Konvention fest verankert. Und internationale Konventionen sind derzeit der einzige Weg zur ethischen Konsensbildung der Menschheit.

Ab welchem Zeitpunkt kann man dem menschlichen Individuum Würde zusprechen? Ab wann ist der Mensch ein Mensch?

Auf eine solche Frage gibt es nur individuelle Antworten, weil es eine feste biologische Definition des Zeitpunkts der "Menschwerdung" nicht gibt. Ich selbst bin der Überzeugung, daß der Mensch vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Samen- und Eizelle an Mensch ist und damit Würde hat. Ich halte die Anhänger der Nidationsthese, die dem Embryo erst nach einem Entwicklungsstadium von 14 Tagen diese Würde zusprechen, deshalb nicht für eine Horde verkommener Barbaren und bin mir völlig bewußt, daß ich mit meiner Haltung auch die gesellschaftlich inzwischen vollkommen anerkannte In-vitro-Fertilisation (und ihren Embryonenverbrauch) in Frage stelle. Vielleicht sollte man von der starren Fixierung auf den genauen Zeitpunkt der Menschwerdung abkommen und die alte Frage "Was ist der Mensch?" stärker in den Mittelpunkt der Debatte stellen.

Bricht ein Zeitalter des "therapeutischen Nihilismus" an, in dem der vermutete Therapienutzen der Forschung oder eine vermeintliche "Ethik des Helfens" eine "Green Card" für moralische Grenzüberschreitungen ist?

Im Unterschied zum therapeutischen Nihilismus des 19. Jahrhunderts, in dem das Experiment um des Experimentes willen gepflegt wurde, der Sektionswahn grassierte und die Entwicklung der chirurgischen und medikamentösen Therapie den Grundlagenerkenntnissen über mehr als 30 Jahre hin nicht folgen konnte, ist heute die medizinische Grundlagenforschung, auch und gerade im Bereich der Stammzellen-Forschung, auf therapeutische Ziele ausgerichtet. Daß dabei erhebliche wirtschaftliche Verwertungsinteressen im Spiel sind, gibt der Auseinandersetzung erst ihre Brisanz. Das Dilemma zwischen Töten und Heilen, in das wir geraten sind, ist so leicht nicht zu lösen. Der Bundespräsident hat darauf hingewiesen, daß es doch nicht sein könne, "das ethisch Verantwortbare stets neu den technischen Möglichkeiten anzupassen"? Diese Grundfrage ist auch von der experimentellen Wissenschaft zu beantworten.

Wiederholt wird als Argument für eine Forschung an embryonalen Stammzellen die Internationalität der Forschung ins Feld geführt: Wenn wir nicht daran forschen, werde es auf jeden Fall im Ausland gemacht: Ist die ethische Debatte in Deutschland angesichts der Globalisierung eine bloße Spiegelfechterei?

Der Hinweis auf die Internationalität der Forschung ist ­ zumal im Bereich der Stammzellenforschung ­ ein ausschließlich wirtschaftliches Argument. Es geht um den Vorsprung im Wettbewerb, um Verwertungsinteressen. Wenn wir aber um Fragen wie Menschenwürde und Lebensdefinitionen streiten, können wirtschaftliche Interessen nicht die primär bestimmenden Interessen sein. "Auch hochrangige Ziele medizinischer Forschung dürfen nicht darüber bestimmen", sagt Johannes Rau, "ab wann menschliches Leben geschützt werden soll." Jede Gemeinschaft und jeder Kulturkreis muß und darf für sich bestimmen, wie er sich zum Bild des Menschen, zur menschlichen Natur und zu den Eingriffen in diese Natur verhält. Jede Gemeinschaft muß sich nach ihren eigenen Denktraditionen und ihren eigenen Überlieferungen dazu verhalten, denn nur aus dem Dialog der Kulturen kann ein gemeinsamer Begriff dessen entstehen, was der Mensch ist und was seine Bestimmung ist. Selbst die europäische Menschenrechtskonvention zur Biomedizin hat die Definitionen von "human being" und "everyone" der nationalen Gesetzgebung überlassen. In allen anderen Teilen aber hätte sie international normbildend wirken können. Der nationale oder der kontinentale Dialog ist die Voraussetzung und die Grundlage des internationalen Gesprächs.

Ein weiteres Argument lautet: Die Embryonen seien nun einmal da ("überzählig"). Also sei es besser, sie für Forschungszwecke zu nützen als sie weiter "unnütz" zu lagern.

Das ist unter der Perspektive der Grundsatzdebatte ein recht sophistisches Argument, ebenso sophistisch wie das Argument, in Deutschland dürften zwar keine Stammzellen für Forschungszwecke gewonnen werden, sie dürften aber importiert werden. Der Pragmatismus einer nur noch auf das Experiment hin orientierten Wissenschaft sprengt an genau dieser Stelle den Rahmen der innerwissenschaftlichen Diskussion und gerät in Konflikt mit jahrtausendealten Denküberlieferungen. Die Behauptung jedenfalls, weil die Gesellschaft die In-vitro-Fertilisation billige und damit "überzählige" Embryonen in Kauf nehme, dürfe jetzt auch an diesen Embryonen geforscht werden, ist barer Utilitarismus. An ihnen zu forschen bedeutet, sie zu einem ihnen fremden Zweck zu instrumentalisieren. Das aber ist ­ wenn der Mensch mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt ­ ein Verstoß gegen die menschliche Würde. Wir müßten uns auf die Grundfrage der Diskussion konzentrieren, nicht auf Lücken im Gesetz, nicht auf die Möglichkeiten, an einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen, ohne den Menschen deutlich gemacht zu haben, ob und warum dies notwendig und unabdingbar ist. Ich halte es für ein Warnsignal ohnegleichen, daß die Schriftsteller von der "Trübsal am Rande der posthumanen Wüsten", von einem "Putsch im Labor", daß sie davon sprechen, die Wissenschaft montiere den Menschen um. Ich halte die Literatur für das kollektive Gedächtnis der Menschheit, und dieses Gedächtnis ist derzeit von Angst und Bitterkeit erfüllt. Ob wir das nicht wahrnehmen sollten?

Ist der von Bundeskanzler Schröder einberufene Ethikrat ein hilfreiches Instrument?
Vor einem abschließenden Urteil sollte man auf die Empfehlungen des Rates warten. Er ist ein Instrument der Politik und der Politikberatung, keine Norminstanz in ethischen Fragen. Ich meine, daß die in unserem Interview debattierte Grundsatzfrage nicht an einen noch so hochrangig besetzten Rat delegiert werden kann. Ethik ist immer Bürgerethik und betrifft damit alle Menschen, nicht nur bestimmte Gruppierungen.

Die Menschenwürde ist ein metaphysisches Konzept. Da Gesellschaft und Wissenschaft vor dem Hintergrund der fortschreitenden Säkularisierung solche metaphysische Voraussetzungen immer weniger nachvollziehen können, melden sich Stimmen zu Wort, die sagen: "Was Menschenwürde genannt zu werden verdient, muß in gesellschaftlich-politischem Diskurs festgelegt werden." Wäre dies ein möglicher Weg?

Daß Menschenwürde kein festgelegter Begriff ist, mit einer unumstößlichen Definition, ist allen deutlich, die sich jemals mit diesem Begriff und seinem engen Verhältnis zu den Menschenrechten auseinandergesetzt haben. Das Bundesverfassungsgericht hat es immer vermieden, die Menschenwürde zu definieren und jeweils nur Verstöße gegen die Menschenwürde sanktioniert. Daraus ist zu schließen, daß dieser Begriff nicht zu fixieren, sondern prozeßhaft, im gesellschaftlich-politischen Diskurs jeweils erarbeitet und erkämpft werden muß. Trotzdem gibt es für diesen Diskurs Ausgangsüberlegungen, die wir nicht ignorieren können. Der Mensch hat Würde, sagen die Christen, weil sie ihm von seinem Schöpfer gegeben ist. Der Mensch hat Würde, sagen die Kantianer, weil er als Subjekt moralfähig ist. Die Würde des Menschen sei an eine Anerkennungsgemeinschaft geknüpft, besagt ein hegelianischer Standpunkt, der allerdings einräumt, mit dem pränatalen Leben in dieser Definition in Schwierigkeiten zu geraten. Trotzdem sind dies Standpunkte, die nur im gesellschaftlichen Diskurs miteinander vermittelt werden können und zunächst bedacht werden sollten, ehe wir selbstgestrickte Ethikmaximen und Würdedefinitionen verkünden. Die Diskurs-Ethik ist in demokratisch verfaßten Gesellschaften jedenfalls ein eingeübter und bevorzugter Weg gesellschaftlicher Konsensbildung.

Die vehemente Kritik an gentechnischer Forschung verdunkelt derzeit den Blick auf die großen Leistungen der Forscher und die faszinierenden Chancen dieser Wissenschaft. Worin sehen Sie die Chancen der Gentechnik?

Die riesige Propagandawelle, die über die Welt hinwegrollte, als der Abschluß der Sequenzierung des Humangenoms verkündet wurde, mußte Gegenreaktionen hervorrufen. Daß diese Propagandawelle von der Industrie mit entsprechenden vorzeitigen Patentierungsdrohungen (Craig Venter u.a.) angeleitet wurde, hat die Gentechnik (also die Anwendungsform der Molekularbiologie) zusätzlich in Mißkredit gebracht. In Deutschland hatte die Propagandawelle das erklärte Ziel, die Finanzierung der zweiten Phase der Erforschung des Humangenoms ("functional genetics") zu sichern, was ihr ja auch gelungen ist. Aber auch diese Aktion mußte Gegenreaktionen hervorrufen und hat sie hervorgerufen. Ich kann also nur davor warnen, solche Propagandawellen in eintöniger Folge zu wiederholen. Mir scheint, daß die Neurowissenschaften, deren wissenschaftliche Erfolge mindestens so groß sind wie die der Humangenetik, ohne überzogene Propagandawellen (selbst in "the decade of the brain") ausgekommen sind und deshalb nicht im gleichen Maße in die öffentliche Kritik geraten sind wie die Gentechnik. Ich sehe von den (unzweifelhaft großen) Erfolgen der Gentechnik bei der Tier- und der Pflanzenzucht einmal ab. Viele setzen auf diese Techniken ja die Hoffnung, daß durch die Gentechnik die von Menschen überfüllte Erde lebenswert erhalten werden kann. Wir sollten uns aber weder von überzogener Propaganda, noch von der Gegenpropaganda den Blick darauf verdunkeln lassen, daß die molekularbiologische Grundlagenforschung und ihre Anwendungsformen das Gesamtsystem der Medizin zu revolutionieren beginnen. Es ist der Forschung gelungen, von den Symptomen zu den Ursachen der Krankheiten vorzudringen. Es wird ihr gelingen, eine Ursachentherapie, also eine Gentherapie, zu finden und zu erfinden. Wann dies sein wird, wissen wir nicht, die bisherigen Prognosen haben sich als vorschnell erwiesen. Wenn dies aber gelingt, wird der gesamte Arzneimittelmarkt umgestellt werden, die Berufe der Pharmazeuten und der Apotheker, der Ärzte sind davon unmittelbar und in bisher fast nicht vorstellbarem Maße betroffen, für ungezählte schwerstkranke Menschen wird es Heilungschancen geben. Wer die Chancen und die Risiken der neuen Techniken und der Ursachenbehandlung gegeneinander abwägt, wird die Chancen weit höher einschätzen als die Risiken. Der Weg dorthin freilich ist umstritten und die haßerfüllten Töne in der Debatte um Hubert Markls Rede stimmen nicht gerade hoffnungsvoll. Ich gebe trotzdem die Zuversicht nicht auf, daß dieser Weg ohne heftige und unausstehbare gesellschaftliche Konflikte gefunden werden kann.

Ende des "Experimentalismus"
Friedrich Nietzsche hat einmal als die "heikeligste aller Fragen" bezeichnet, ob die Wissenschaft im Stande sei, Ziele des Handelns zu geben, nachdem sie bewiesen habe, daß sie solche nehmen und vernichten könne. Dann werde ein Experimentieren am Platze sein, welches alle großen Arbeiten der bisherigen Geschichte in den Schatten stellen könnte. Ist diese Zeit heute angebrochen? Stehen wir vor dem Ende der Politik und vor dem Primat einer entfesselten Naturwissenschaft?

Es könnte scheinen, daß wir in das Zeitalter eines ungezügelten Experimentalismus eingetreten sind, der immer mehr Daten aufhäuft und alle Wege durch diese Datengebirge verloren hat. Mir scheint aber, daß schon aus wissenschaftsimmanenten Gründen das Zeitalter des Experimentalismus zu Ende geht. Alle neuen Entwicklungen in der Genetik und der Gentechnik (darin sind sich die Fachleute einig, die zu verstehen, ich in der Lage bin) werden ihren Ausgangspunkt von einer neuen Theorie nehmen und nehmen müssen, wenn sie zukunftsträchtig sein wollen. Die Grundlagenforschung, gerade im Bereich der Molekularwissenschaften, ist auf dem Weg zum Systemischen und braucht dazu neues theoretisches Wissen. Die Theoretische Biologie scheint mir eine ähnliche Entwicklung zu nehmen, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, also zur Zeit Max Plancks, die Theoretische Physik. Ob sich aus dem neu erwachten naturwissenschaftlichen Interesse an der Theorie jene konsistente Evolutionstheorie entwickeln wird, auf die viele Wissenschaftler hoffen und zu der sie Bausteine zusammentragen, kann ich schwer voraussagen. Vorläufig jedenfalls sehe ich mit Staunen und Respekt die großen Versuche zur Zusammenführung unterschiedlichster Wissenskulturen ("Consilience"), aus denen die neue Theorie entstehen könnte. Diese Versuche laufen nicht der billigen und an Science Fiction erinnernden Utopie des "optimierten Menschen" nach, sondern beziehen (wie etwa E. O. Wilson) die Denktraditionen der Menschheit, die kulturellen Überschreibungen des Buches der Natur in ihre Überlegungen mit ein.

Die Wissenschaften wissen über den Menschen im Detail sehr viel, der ganze Mensch scheint ihnen aus dem Blick gekommen zu sein. Ist damit auch der Humanismus am Ende? Oder stehen wir am Beginn eines "neuen Humanismus", in welchem der Mensch auf dem angedeuteten Weg in die Unsterblichkeit die Krönung oder das Ende der Evolution sein wird?

Wenn der Mensch als Teil des Kosmos auch das Abbild des Kosmos ist, dann können wir den Menschen als ganzes ebensowenig denken, wie wir die Welt als ganze noch denken können. Die rasant zunehmende Komplexität ­ und komplex bedeutet nach der Definition Wolf Singers, daß das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile ­ wird die Welt in einer Weise verändern, wie wir es uns nicht vorstellen können. Wir stehen weder am Ende eines alten, noch am Anfang eines neuen Humanismus, wir stehen lediglich mitten in einer Debatte um das Menschenbild, in der scheinbar längst überwundene, sozialdarwinistische Klischees des 19. Jahrhunderts noch einmal erscheinen. Wir müßten versuchen, die unentbehrlichen Begriffe der "alten Welt" in die "neue Welt" mitzunehmen. "Person" und "Menschenwürde" und "Menschenrechte" gehören sicher dazu. Die Evolutionsbeschleunigung, die durch die Eingriffe des Menschen in die Evolution geschieht, wird die Signatur der kommenden Jahrhunderte sein. Die Revolutionen sind insofern unterwegs, als sich die Menschenrechte aufzulösen beginnen und unter dem Druck des experimentell gewonnenen Wissens scheinbar festgefügte menschheitliche Vorstellungen ins Wanken geraten. Das erste aller Menschenrechte war bisher das Recht auf Existenz. Vor kurzem erst hat das höchste französische Gericht (gegen den Widerspruch des nationalen Ethikrates Frankreichs) einem Behinderten, der auf Schadenersatz wegen seiner Existenz klagte, ein Recht auf Nicht-Existenz bestätigt. Wir mögen über solche Urteile lächeln, sie kündigen aber einen Paradigmawechsel an, in dem sich auch der Begriff des "Humanismus", also der Begriff des "menschlichen Maßes", verwandeln wird. Eines jedenfalls scheint mir deutlich: den perfektionierten Menschen wird es nicht geben und den in seinem Körper unsterblichen Menschen ebenfalls nicht. Die Wissenschaft wird viel zur Erleichterung der Mühsal dieses Lebens beitragen können, mehr als jemals in der Geschichte der Menschheit, ihre Allmachtsphantasien aber, ihre Utopien des "optimierten Menschen" sind Schreckensvisionen, die wir deshalb anzweifeln müssen, weil der Mensch als ein zerbrechliches, überkomplexes Wesen in der "gebrechlichen Einrichtung" der Welt zuhause ist. Das und nichts anderes meinte der Bundespräsident, wenn er sagte: "Ja, ich bin zuversichtlich: vieles wird besser werden. Aber glauben wir nicht den falschen Propheten, die uns sagen: alles wird gut."


© Forschung & Lehre 2001