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| Die Debatte über Peter
Sloterdijks Regeln für den Menschenpark hatte Feuerwerkscharakter:
Raketen illuminierten den Ideenhimmel, starke Detonationen moralischer
Empörung betäubten die Sinne, alle waren fasziniert - und rasch
war alles ins Nichts der Mode verpufft. Das ist schade, denn das Sloterdijk-Syndrom
hätte analytische Energien provozieren können, die uns den Weg
ins 21. Jahrhundert bahnen. Sloterdijks Text vexiert durch eine unglückliche
Überlagerung verschiedener Problemstellungen, die alle des philosophischen
Nachdenkens würdig sind, m.E. aber nicht sinnvoll im Zusammenhang
diskutiert werden können:
Die Problemstellungen
2. die Gegenwartsdiagnose: Rebarbarisierung - und der Therapievorschlag: Elitebildung; 3. das NS-Tabu über alles, was mit Züchtung, Rasse und Eugenik zusammenhängt; 4. die „challenge“ unseres kulturellen Selbstverständnisses durch die Gentechnologie und der „response“ in Gestalt ethischer Kritik. Zu 1.: Die philosophische Diagnose „Tod des Humanismus“ ist sicher richtig, aber nicht besonders neu; man kann sie bei so unterschiedlichen Denkern wie Heidegger und Adorno, Foucault oder Luhmann finden. Der gemeinsame Nenner ihrer Kritik lautet: Humanismus ist die Ideologie der Unmenschlichkeit. Denn eine emphatische Philosophie „des Menschen“ hat für alle konkreten Individuen, die sich dieser Wesensbestimmung nicht fügen, nur noch die Rubrik „Unmensch“ parat. Das zeigt sich dann vor allem in Kriegen, die für „Menschenrechte“ oder gar „im Namen der Humanität“ geführt werden (das große Thema Carl Schmitts). Aber schon in der „Zauberflöte“ werden wir ja von den Aufklärern belehrt, dass derjenige, den solche Lehren nicht erfreuen, es nicht verdient, ein „Mensch“ zu sein. Zu 2.: Die Gegenwartsdiagnose „Rebarbarisierung“ ist zwar populär, weil jeder schon einmal Skinheads mit Springerstiefeln und Baseballschlägern in Aktion gesehen hat und weil die Medienwirklichkeit der Talkshows längst den absoluten Nullpunkt des Geistes erreicht hat. Ich halte die Einschätzung trotzdem für irrig; Sloterdijk ist - wie vor ihm schon Bruno Bauer und Oswald Spengler - dem philosophischen Charme der „großen Parallele“ zwischen Spätantike und Moderne erlegen. Und der Therapievorschlag „Elitebildung“ zeigt eigentlich nur, dass Philosophen unverbesserliche Volkspädagogen sind, die sich anmaßen, besser als die „Massen“ zu wissen, was für die Kultur gut ist. Um diesen Gedanken auszuhebeln, genügt die schlichte Frage: Wer entscheidet? Nach Elite ruft, wer sich mit der Massendemokratie nicht anfreunden kann. Für Sloterdijks Kulturkritik gilt also der Satz von Karl Kraus: „Eine der verbreitetsten Krankheiten ist die Diagnose.“ Zu 3.: Das NS-Tabu erlegt nach wie vor eine Menge Denkverbote auf - das ist wohl ein ewiger philosophischer Standortnachteil Deutschlands. Ich will dieses Thema deshalb auch nur benannt haben und es sogleich in Klammern setzen. Jeder, der sich darauf öffentlich einlässt, verbrennt sich die Finger. Von jüdischen Intellektuellen hört man jedenfalls immer häufiger: Die Deutschen wollen bestraft werden; sie wollen gar nicht, dass man ihnen verzeiht. Man denke nur an die Diskussion über das Holocaust-Denkmal. Doch wie gesagt: Klammer zu! Bleibt nur 4. das eigentliche
Sachthema, nämlich die Frage nach Chancen und Folgeproblemen der Gentechnologie.
Ich will mich im Folgenden ganz auf die Frage konzentrieren, ob Ethik eine
angemessene Antwort darauf geben kann. Und: Welche Folgeprobleme sich daraus
ergeben, dass manche glauben, eine ethische Kritik formulieren zu müssen.
Die Antiquiertheit des Menschen Günther Anders hat die technokratische Moderne schon vor Jahrzehnten auf die Kampfformel von der Antiquiertheit des Menschen gebracht. Vor der Perfektion der Technik ergreife das Mängelwesen Mensch prometheische Scham darüber, bloß geboren und nicht gemacht zu sein. Anders vermutete im puritanischen Leibhass und dessen säkularem Nachleben die Triebkraft jenes human engineering, das heute in der Gentechnologie ein großartiges Endstadium ansteuert. Die Philosophen haben den Leib immer nur verschieden interpretiert - den Gentechnikern kommt es darauf an, ihn zu verändern. Das endlich festgestellte Tier homo sapiens, das Nietzsche auf den Namen des letzten Menschen getauft hat, erfindet sich einen Demiurgen, der es zum „Gerät-Sein“ verurteilt. Unsere Gefangenschaft im Gestell der modernen Technik wäre demnach also selbstverschuldet - ja mehr noch: selbstgemacht. Ausgangspunkt dieses biologischen Pessimismus ist die literarische Spiegelung der 1828 gelungenen Wöhlerschen Harnstoffsynthese im II. Teil des Faust: der Homunculus. Er ist die eigene Frage des letzten Menschen als Gestalt. Wo man bisher vom Wesen des
Menschen fabulierte, bestimmt Genetik heute dessen Inneres methodisch aus
Sachzusammenhängen der Mutation. Der gentechnologisch instruierte
Mensch könnte das Buch der Natur umschreiben. Das scheint in der Tat
eine Götterdämmerung der Wissenschaft anzuzeigen. Die Utopie
gibt sich in science fiction ja längst wissenschaftlich. Und nun macht
umgekehrt in der Genetik die Wissenschaft utopisch mobil. Im cloning wird
die Anthropologie konkret idealistisch. Sie befreit den Menschen von der
Antiquiertheit seines Leibes. Hier geht es um Formation durch Information.
Die schmerzlose Gewalt der Genmanipulation operiert in der kritischen Zone
zwischen der informationstheoretischen Interpretation des Biologischen
und den Handgreiflichkeiten der Züchtung. Mit anderen Worten: Die
Genetik erfasst in der Keimzelle den Punkt der Berechenbarkeit des Humanum.
Wille zum Nichtwissen Die Gentechnik tastet das Tabu über die menschliche Kreatürlichkeit an. Das war für Hans Jonas der archimedische Punkt eines Generalangriffs gegen die wissenschaftliche Entzauberung der Welt. Und dieser Humanismus ist stets bereit, in Fundamentalismus umzukippen - so fordert Jonas ausdrücklich: „Unsere so völlig enttabuisierte Welt muss angesichts ihrer neuen Machtarten freiwillig neue Tabus aufrichten.“ Offenbar meint Jonas mit ‚freiwilligen Tabus‘ Praktiken, die uns das Fürchten lehren. Der Mensch mit seinen technischen Möglichkeiten wird zum letzten und eigentlichen Feind der Menschheit stilisiert. Eine Angstkultur soll das naturwissenschaftlich-technische Wissen der Gegenwart vermenschlichen. Damit wird Angst zur ersten Bürgerpflicht. Das Humanum wird bei Jonas zum Fetisch eines Gegenzaubers gegen die entzauberte Welt der Wissenschaften. Da ist es auch ganz konsequent, dass er, wie im Mittelalter, die Neugierde in den Lasterkatalog aufgenommen sehen möchte. Das läuft aufs Denkverbot, zumindest aber auf einen hartnäckigen Willen zum Nichtwissen hinaus - den nennt man bekanntlich Ignoranz. Das Grundrecht der Ignoranz soll unser prometheisches Leiden heilen: nämlich dass wir zu viel wissen. Der Wille zum Nichtwissen wird von Jonas als Mittel einer asketischen Ethik eingesetzt, der es schließlich gelingen soll, die Pandorabüchse der Wissenschaften unter Verschluss zu halten. Wenn er etwa über das cloning behauptet: „Es besteht kein echtes legitimes Wissensinteresse, an dieser Stelle weiterzugehen“, so wäre es natürlich interessant zu erfahren, wer über die Berechtigung von Wissensinteressen entscheidet. Wenn man nach dem grundsätzlichen
Zusammenhang fragt, der zwischen den gewaltigen wissenschaftlich-technischen
Fortschritten des 20. Jahrhunderts und dem immer lauter werdenden Ruf nach
ihrer ethischen Regulierung besteht, dann zeigt sich rasch: Die Technik
transformiert Gefahren in Risiken. Und daraus folgt: Es gibt immer mehr
Risiken, weil es immer mehr Möglichkeiten der Gefahrenvermeidung gibt.
Deshalb ist unsere moderne Grundstimmung die Unsicherheit. In Risikofragen
kann niemand sicher sein - man hat lediglich die Sicherheit, dass auch
der andere nicht sicher sein kann. Und das heißt im Blick auf die
Zukunft: Die Wirklichkeit wird voraussichtlich der Voraussicht zuwiderlaufen.
Wer sich das klarmacht, versteht auch, warum unsere Zeit des wissenschaftlich-technischen
Fortschritts zugleich eine Zeit des religiösen und ethischen Fundamentalismus
ist. Fundamentalismus ist eben die einfachste Antwort auf die Herausforderung
prinzipieller Unsicherheit.
Risikoforschung Wer die Dinge so sieht, wird, statt auf Ethik, auf Risikoforschung setzen. Doch auch diese Problemlösung schafft Folgeprobleme. Denn Risikoforschung ist selbst riskant. Im Erkennen einer Gefahr liegt nämlich immer eine neue Gefahr: die Folgelasten der Angst. Dafür bietet gerade die Gentechnologie ein lehrreiches Beispiel: Die genetische Diagnose, die ein Krankheitsrisiko entdeckt, erzeugt Sorgeschäden. Es gibt in unserer modernen
Gesellschaft also eine Fülle von Unsicherheitsstellen, an denen moralische
Sollensforderungen einhaken können. Und man kann dann sehen: Werte
sind Parasiten der Angst. Früher hatte ja die Religion das Mo-nopol
auf Angstbewältigung. Heute überzeugt dieses Angebot nicht mehr.
Und nicht zufällig ist Ethik das, was man bekommt, wenn man in der
Schule Religion abwählt. Wir müssen uns fragen: Worin besteht
eigentlich der Orientierungsgewinn einer moralischen Fassung gesellschaftlicher
Probleme? Wer öffentliche Diskussionen etwa über das Klonen,
Atomkraftwerke oder den Einsatz der Bundeswehr in Krisengebieten mit einer
gewissen Distanz verfolgt, wird rasch feststellen: Werte funktionieren
als Stoppregeln der Reflexion. Moral fixiert, was nicht negiert werden
darf. Um hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Keine Gesellschaft
könnte ohne solche Fixierungen existieren. Aber man muss eben auch
sehen: Werte sind denkfeindlich.
Neue Wissenschaft vom Künstlichen Doch kaum ein Wissenschaftler oder Techniker wagt es auszusprechen, dass unter dem Titel „Moral“ ein Dauerangriff auf die Errungenschaften der modernen Gesellschaft läuft. Bei Lichte betrachtet, braucht unsere Gesellschaft also nicht neue Werte, oder eine erneute Orientierung an alten Werten, sondern im Gegenteil eine Art Fortschrittsschutz gegenüber der Ethik. Hier muss sich die Wissenschaft auf die Politik verlassen. Und da gibt es durchaus Grund für Optimismus. Politik kann nicht auf das
Wissen warten. Aber auch nicht auf Moral. Denn aus Werten folgt nichts.
Folgerungen sind immer Entscheidungen von Wertkonflikten. Politik setzt
also die Anerkennung einer Zirkularität von Wertpräferenzen voraus.
Ein guter Politiker wird deshalb erkennen: Machen, was machbar ist, oder
ethische Regulierung - diese Fragestellung hat uns in eine Sackgasse geführt.
Es geht vielmehr um die Lernbereitschaft der Gesellschaft. Und sie hat
heute vor allem eine Lektion zu lernen: Die Wissenschaften haben die Grundbausteine
unserer Welt entdeckt, nämlich Atome in der physikalischen Welt, Bits
in der Welt der Information und Gene in der Welt des Lebendigen. Und heute
machen wir auf allen drei Ebenen den Schritt von der wissenschaftlichen
Analyse zur technischen Synthese - Homunculus war schon Goethes Stichwort,
das unsrige lautet Cyberspace. Es wäre naiv, zu erwarten, dass die
Probleme, die diese neuen Welten aufwerfen, mit den Bordmitteln der abendländischen
Moral zu lösen seien. Als Wissenschaftler sollte man da eher auf Wissenschaft
setzen - nämlich auf eine neue Wissenschaft vom Künstlichen,
die man auch Designwissenschaft nennen könnte.
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