Lernen von
US-Hochschulen?
Helmbrecht Breinig, Jürgen Gebhardt und Berndt Ostendorf (Hg.), Das deutsche
und das amerikanische Hochschulsystem. Bildungskonzepte und
Wissenschaftspolitik, LIT Verlag, Münster etc. 2000, 216 Seiten, 48,80 DM.
Dieser bereits zuvor auf Englisch erschienene Band ist das Ergebnis einer
Tagung, die die Bayerische Amerika-Akademie zu diesem Thema im Jahr 1999
veranstaltete. Er behandelt das deutsche und das amerikanische
Hochschulsystem in vierzehn Beiträgen von diesseits und jenseits des
Atlantik, so daß insgesamt ein guter Eindruck davon entsteht, wie
differenziert und komplex die damit zusammenhängenden Fragen zu sehen sind.
Klar ist, so die überwiegende Mehrheit der Beiträge, daß eine einfache
Übertragung des einen auf das andere System nicht wünschenswert und auch
nicht möglich ist, weil die gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen
zu unterschiedlich sind, in die auch die jeweiligen Hochschulkulturen
eingebunden sind. Gerade in der derzeitigen hochschulpolitischen Situation
ist dieses Buch nützlich und bietet eine informative Grundlage für eine
qualifiziertere Fortsetzung der bisher eher pauschalisierend geführten
Reformdebatte.
Diskussionspunkte
In der Einleitung stellt J. Gebhardt (Erlangen) einige der wichtigsten
Diskussionspunkte zusammen - größere Differenziertheit der amerikanischen
Hochschullandschaft, hohe Studiengebühren, flexible Besoldungsstruktur,
stärker nichtstaatliche Hochschulfinanzierung - und plädiert für "die
selektive Aneignung bestimmter Elemente³, da "ein Totaltransfer dieses
Systems ausgeschlossen ist³ (S. 21). Anschließend stellt Michael Heyman
exemplarisch das Hochschulwesen Kaliforniens vor, gefolgt von einem Beitrag
Alan Geigers über Kontrolle und Finanzierung der Universitäten in Ohio - an
dem insbesondere auffällt, in welch hohem Maß die vermeintlich autonomen
Hochschulen aufgrund mangelnder institutioneller Zuständigkeiten vom
Wohlwollen der Hochschulräte sowie von politischen Mandatsträgern abhängig
sind. Während Hans Weiler, früherer Präsident der Europa-Universität
Viadrina Frankfurt, ein eher marktwirtschaftlich orientiertes
Hochschulmodell vertritt, betont Konrad Schily, Präsident der privaten
Universität Witten/Herdecke, mit wünschenswerter Deutlichkeit gerade die
Selbständigkeit und gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Hochschulen,
die sich trotz anzustrebender größerer Autonomie gerade "nicht weg vom
Staat³ und "nicht hin zur Wirtschaft³ entwickeln dürften (S. 73). Daniel
Fallon gibt einen statistischen Überblick über die Binnendifferenzierung der
amerikanischen Higher Education, der nützlich ist, aber darunter leidet, daß
er die 36 Prozent Studierenden an Community Colleges, denen hierzulande
keine Gruppe entspricht, in die Statistik einbezieht, die daher in ihrem
Vergleich mit Deutschland erhebliche Unschärfen aufweist.
Ein hochinteressanter Beitrag aus der Sicht der amerikanischen
Professorenschaft ist der von James Perley, Biologieprofessor und früherer
Vorsitzender des amerikanischen Hochschullehrerverbands, der zeigt, wie die
zunehmende Übertragung des wirtschaftlichen Unternehmensmodells auf die
Hochschulen zu gravierenden Problemen führt. Der Beitrag des früheren
Greifswalder Rektors Jürgen Kohler leidet etwas darunter, daß ihm zu den
"Pros³ der deutschen Hochschulkultur, die er den "Contras³ voranstellt,
eigentlich nichts einfällt. Im Gegensatz dazu gibt Robert Glidden, Präsident
der Ohio University, einen selbstbewußt-patriotisch gestimmten Überblick
über die Vielfalt der Hochschulen in seinem Bundesstaat, an der er
exemplarisch die Erfolge des amerikanischen Hochschulwesens insgesamt
demonstriert. Bedenkenswert sind die Beiträge zur gender-spezifischen
Diversifizierung der Hochschulen, die C. Aisha Blackshire-Belay aus
amerikanischer und Silvia Mergenthal aus deutscher Sicht behandeln. Deutlich
wird dabei ein erhebliches Defizit und ein Handlungsbedarf hinsichtlich des
zwar gestiegenen, aber immer noch bescheidenen Anteils von Frauen an der
Professorenschaft in Deutschland. David Schindel hebt als Merkmal des
amerikanischen Hochschulsystems besonders den Aspekt des Risikos hervor.
Deutsche Euphorie
In seinem substantiellen, von der Kenntnis beider Systeme geprägten Beitrag
stellt Horst Mewes, Professor für politische Theorie an der University of
Colorado, der deutschen Euphorie über Amerika die großen Probleme gegenüber,
die gerade aufgrund der verstärkten Marktorientierung in neuerer Zeit im
amerikanischen Hochschulwesen zu beobachten sind - ausgeprägt hierarchische,
nicht immer wissenschaftsadäquate Strukturen, Verlust der Selbständigkeit
des Lehrpersonals, Qualitätsminderung der Lehre, wachsende Kluft zwischen
Elite- und anderen Hochschulen, sowie zwischen undergraduate und graduate
studies. Mewes warnt davor, im Reformeifer die kritische Reflexionsfähigkeit
zu verlieren und die Vorteile der eigenen Universitätskultur, v.a. die
Unabhängigkeit der Professoren in Forschung & Lehre, leichtfertig zu
verspielen. Von solchem Problembewußtsein kaum getrübt ist der abschließende
Beitrag von Wedigo de Vivanco, der relativ ungebrochen dem amerikanischen
Vorbild nacheifern möchte.
Was das Buch hingegen insgesamt zeigt, ist, daß Reformen notwendig und auch
durchführbar sind, aber daß sie durchdacht sein müssen, d.h. daß das am
eigenen System Defizitäre verbessert, aber auch das Zukunftspotential
dessen, was an der deutschen Hochschulkultur positiv und erhaltenswert ist,
gebührend beachtet und berücksichtigt werden muß.
Univ.-Professor Dr. Hubert Zapf,
Universität Augsburg
Kurze Denk- und Stilübungen
Erwin Chargaff, Ernste Fragen. Essays, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2000,
288 Seiten, 39,50 DM.
Erwin Chargaff (96) kam von Czernowitz über Wien, wo der promovierende
Chemiker zugleich Jünger von Karl KraussO Sprachästhetik wurde, und Berlin,
wo er sich der Biologischen Chemie zuwandte, aus dem Dritten Reich nach
USA, wo er (nolens volens) die Molekularbiologie mitbegründete, die er als
Biochemie erhalten wollte. Er blieb immer ein antizyklischer Geist, zu sehr
vielleicht, um sich reklameträchtig durzusetzen. Aber seine saubere
chemische Analytik setzte die Spirale der Doppelhelix in Gang. Ihm wurde
diese nonchalante Handhabung des Zellkerns so unheimlich wie die des
Atomkerns durch die Physiker, und er sagte es. Das machte ihn unter
fortschrittstrunkeneren Kollegen unbehaglich, und sie ließen es spüren, auch
mit der Häme des entgangenen Nobelpreises.
Er blieb davon nicht unberührt, sondern wechselte das Besteck, indem er an
die Spaltung des Kerns der Dinge ging. Mit kritischem Feuer durchleuchtete
er Begriffe und Handlungen, deckte Falschetikettierungen und seelische
Schieflagen auf, ohne der Psychoanalytik zu verfallen. In fast regelmäßiger
Folge veröffentlichte er seine Versuche über Natur- und Kulturwissenschaft,
über Gesellschaft und Sprache. Sie waren immer nachdenkenswerte Lektüre aus
innerem prüfenden Dialog in elegantem Stil und präziser Sprache, mit Neugier
von vielen gelesen, wenn auch zuweilen eher unter der Bank, denn
Molekularwissenschaftler kamen in seinem Gefolge in Verruf. Aber, wie das
mit verfemten Lastern ist: Gewinn und Genuß waren nicht zu leugnen, obschon
der Geschmack oft tonisch bitter war.
Aktuelle und unbeantwortete Fragen
Hier nun kommen in Deutsch, der gehegten Muttersprache, aus der souverän
beherrschten Adoptivsprache übersetzt, sein "Serious Questions³, die er vor
fünfzehn Jahren gestellt hat und die unverändert aktuell und unbeantwortet
sind: Kurze Denk- und Stilübungen, alphabetisch geordnet, über Leben und
Tod, Wissen und Handeln, Wahrheit und Betrug, Wort und Sinn, immer in der
geschliffenen logisch-philosophischen Sprache eines melancholischen
Skeptikers und ernüchterten Zeugen einer Zeit, die das schreckliche
Jahrhundert zwischen dem ersten Weltkrieg und dem anhaltenden Morden
moderner Kreuzzüge zum Unheil der Menschheit umfaßt.
Skeptischer Humanist
Die Lektüre wird fruchtbar, wenn man sich Zeit nimmt, über das Vorgedachte
selbst nachzudenken. Sie ist mit streitbarem Urteil gewürzt, an- und
aufregend und so brillant, daß man immer wieder Proben davon nehmen wird,
zustimmend oder nicht: Ernste Fragen, die es in sich haben, gestellt und
diskutiert zu sein; viele auch beantwortet im Sinn eines skeptischen
Humanisten - man muß sagen, alter Schule, der Worte noch als Werte nimmt und
die Wittgenstein-Maxime pflegt, nur davon zu schreiben, wovon man sprechen
kann. Ernsthaftes Nachspüren in den Windungen des Hirns.
Univ.-Professor Dr. Lothar Jaenicke,
Universität zu Köln
© Forschung & Lehre 2001