Die Zeiten ändern sich
Erfahrungen mit der Zeit
Darlheinz A. Geißler, Dr. rer.pol., Wirtschaftspädagogik
„Du sollst alles erfahren, wenn Du mit mir weitergehen willst! Hast Du Zeit?“ Phaidros leitet mit dieser modernen Frage das berühmte platonische Gespräch über die Liebe ein. Sokrates reagierte darauf: „Ja, selbstverständlich habe ich Zeit!“ Eine für heutige Verhältnisse eher ungewöhnliche Antwort. Zeit ist nämlich das, was wir am Ende des zweiten Jahrtausends gewöhnlich zu wenig haben. Wir Hochgeschwindigkeitsmenschen kommunizieren weltweit in sogenannter „Echtzeit“, zappen uns durch die Medien und rasen mit unseren Verkehrsmitteln durch Landschaften, die wir meist nur mehr schemenhaft wahrnehmen. Eine Mehrheit der Bevölkerung fühlt sich ständig unter Zeitdruck, zugleich versucht sie, ihm durch noch mehr Beschleunigung zu entkommen. Dies aber war nicht immer so.
Die Zeit-Erfahrung und der Umgang mit Zeit haben sich gewandelt und dies zunehmend rasanter. Jene Zeit, in der die Turmuhren das Leben von der Wiege bis zur Bahre strukturierten, liegt lange zurück. Als die öffentlichen Uhren aufkamen und ihre Zeit anzeigten, war die Moderne eingeläutet. Man konnte ab da die Menschen in pünktliche und unpünktliche Bürger einteilen. Das heute zu beobachtende Verschwinden der öffentlichen Uhren ist ein Indiz für das nahende Ende der modernen Zeit.
![]()
Von der Natur zu Zeitplansystemen
Will man die Entwicklung unseres Zeitverständnisses auf eine Kurzformel bringen, so stellt sie sich folgendermaßen dar: Zuerst fanden wir die Zeit in der Natur und am gestirnten Himmel über uns, dann in den Uhren und bei den Glocken und heute entdecken wir sie in Zeitplansystemen, Zeitvorträgen und Zeitsymposien und nicht zuletzt auch in Artikeln und Büchern über Zeit.
Die Vormoderne war durch die enge Verbindung des gesamten Lebens - auch der Arbeit - mit den Dynamiken des Kosmos und der Natur charakterisiert. Alles hatte seine Zeit: Die zyklischen Wiederholungen der Natur, der Wechsel der Gestirne, Regenzeiten und Trockenzeiten, der Umlauf der Erde um die Sonne, der Rhythmus des tierischen und pflanzlichen Wachstums prägten das Leben, das Arbeitstempo und das, was wir heute „Zeitbewusstsein“ nennen. Die Einheit von Arbeit und Leben kannte und brauchte keine abstrakten Maße, „Zeit“ war kein Besitz der Menschen. Sie gehört Gott. Die Zeiterfahrung war naturgegeben. Homer rechnete nach Morgenröten, Cäsar nach Nachtwachen, christliche Mönche nach Gebetszeiten, die sich weitgehend am Sonnenzeitmaß orientierten. „Zeit“ war in der Vormoderne primär der Zusammenhang von Erlebnissen und Erfahrungen.
In der Moderne, speziell in der fortgeschrittenen Moderne, wird Zeit mit Geld verrechnet. Die Erfindung der mechanischen Uhr machte es möglich, Zeit objektiviert, also unabhängig von menschlichem Handeln und von naturnahen Erfahrungen, zu markieren. Der Mensch selber nahm von da an Maß. Turmuhren dienten zur Orientierung bei der Arbeit und beim Geschäft. Nach dem Stundenzeiger wurde der Minutenzeiger, später dann der Sekundenzeiger erfunden. Pünktlichkeit wurde zur Verhaltensmaxime und zur Tugend. Nicht mehr die Natur und der eine Gott, das Geld und die Maschinen waren die Zeitgeber der Moderne. Entrhythmisierung, Beschleunigung, Vertaktung und Zeit-Kontrolle sind die vier dominierenden Zeitstrategien moderner Lebensführung. Mechanische Gleichförmigkeit, die sich im Takt der Maschine als maßgeblichem Zeitgeber ihren Ausdruck verschafft, wird zum Ideal der modernen Zeitauffassung. In der Gerade gibt sich diese ihre Form. Die Schnellstraße ist ihre historische Konsequenz, lineare Rücksichtslosigkeit und aggressive Beschleunigung sind die Folgen.
Es ist dieser äußerst folgenreiche neuartige Umgang mit der Zeit, der die Historiker dazu motivierte, diese Epoche „Neuzeit“ bzw. „Moderne Zeit“ zu nennen. Das auffälligste Charakteristikum dieser modernen Zeit ist der zunehmend größere Ordnungsaufwand gegenüber zeitlichen Prozessen. Wenn man Ordnung macht und sich nicht nur an eine vorgegebene Ordnung anpasst, muss man eine eigene bildliche Vorstellung von dieser Ordnung vor Augen haben. Diese ist, was die moderne Zeitordnung betrifft, zweifach geprägt. Einerseits ist dies die Vorstellung, dass Zeit durch Zeitmessung zu kontrollieren sei. Und andererseits, dass sich zeitliche Ereignisse in gerader, in linearer Art und Weise miteinander verketten lassen. Nicht nur die Uhr (Zeitmessung), sondern ebenso die Uhrkette (Linearität) sind daher für die moderne Zeitvorstellung prägend. Das vom geraden Weg Abweichende, das Krumme und Unebene, wird bei solcher Vorstellung diskriminiert. Es ist unerwünscht. Der gradlinige Verlauf des Lebens wird zum anzustrebenden Ideal, die Individuen werden zu Gliedern einer Uhrkette. Diese Ordnung der Zeit brachte und bringt uns noch heute viele Vor-, aber auch eine Menge Nachteile. Wir verlieren die Zeiten der Natur in uns und um uns herum aus den Augen, und was bedrohlicher ist, auch aus dem Sinn. Die Zeiten sind weniger farbig, weil die Zeitformen, die wir haben und die wir leben können, geringer und eintöniger werden. Zeitliche Umwege sind uns kaum mehr erlaubt, sie sind nur noch mit schlechtem Gewissen zu begehen bzw. zu befahren. Ordentlich aufzuräumen, wie vieles um uns herum, haben wir auch unsere Zeitwohnungen, in denen wir den Alltag verbringen. Dafür erhalten wir die Sicherheit, permanent über die richtige Uhrzeit informiert sein zu können. Wir sind in der Lage, das Leben und die Arbeit zweckrational zu planen, sie effektiv zu kontrollieren, und wir können die Natur - und auch immer häufiger die sozialen Systeme und uns selbst - zeitlich beherrschen. Das hat uns zu einem bisher nie dagewesenen Güterwohlstand geführt, an dem jedoch nicht alle Menschen dieser Welt gleichmäßigen Anteil haben. Jene die Zeit haben, sind diesbezüglich meist benachteiligt.
Die Indizien mehren sich, dass die mit der Erfindung und der Verbreitung der mechanischen Uhr entstandene naturferne Zeitorganisation zunehmende Akzeptanzprobleme bekommt. Das, was bisher als Zeit-Freiheit erlebt, definiert und manchmal auch nur illusionär angepriesen wurde - die Werbung für Uhren und die fürs Telebanking sind dabei führend - stellt sich nicht selten als nichts anderes als ein Umzug in einen neuen Zeitkäfig heraus.
Das beschleunigungsorientierte gradlinige Zeitideal, das die Überschreitung der räumlich-zeitlichen Grenzen, die uns von der Natur gesetzt sind, als einen Fortschritt feiert, ist aber heute nicht mehr unumstritten. Das Bemühen, nach Gutdünken über Raum und Zeit verfügen zu können, das Wesensmerkmal der technisch-industriellen Dynamik, zeigt seine Schattenseiten. Das Misstrauen in das Prinzip der „allseitigen Zeitmaximierung“ und in die Zwillingsvorstellung von zeitlicher Ordnung und Allmacht ist gestiegen, nicht zuletzt durch die Erfahrung, dass Beschleunigung auch dann zu einem schnelleren Ende führt, wenn man dieses weder erwartet noch erhofft. In einer inzwischen flächendeckenden Mediengesellschaft ist daran zu erinnern, dass eine der ersten uns bekannten eiligen Nachrichtenübermittlungen, die vom Sieg der Athener in der Schlacht von Marathon, mit dem Tode des sich hetzenden Botschafters endete.
Dass wir mit mehr Schnelligkeit größeren materiellen Erfolg erringen, wurde zur Selbstverständlichkeit, dass aber jene Qualitäten unserer Existenz, die nicht in geldwerter Zeit zu verrechnen sind, wie etwa Zuneigung, Dankbarkeit, Liebe, Geschmack, andere Zeitformen benötigen, dies spüren wir immer deutlicher. Die Wünsche, ab und zu hinter sich blicken zu können, einmal aufzuatmen, um den Dauergalopp zu den rasch und immer rascher wechselnden Zielen zu unterbrechen, nehmen zu. Der Ausstieg aus der unbefriedigenden Hetze der zirkulären Alltagsrationalität wird hörbar als Forderung und Hoffnung artikuliert. Die Frage: „Was bleibt von den Zeitgewinnen übrig?“ wird inzwischen nicht mehr nur leise gestellt. Alle sind wir auf der Suche nach der gewonnenen Zeit. Die Vermutung, dass die Zeitgewinne zum Teil trügerisch sind und nicht unbedingt das erwartete und versprochene Mehr an Lebensqualität erbringen, wandelt sich zur Sicherheit. So stellt sich die Frage: Ist die moderne Zeitordnung so vernünftig wie sie sich immer wieder gibt? Ist die tägliche kräftezehrende Anstrengung, die Zeit ordnend unter Kontrolle zu bringen, eventuell eine Strategie, die uns vom Ziel des guten Lebens immer weiter entfernt?
Heute nun, und dafür gibt es sichtbare Indizien, scheint die Uhr des Uhrzeitmonopols abgelaufen. Die Uhr hat ihre Schuldigkeit getan, die Uhr kann gehen. Folgende Auffälligkeiten zeigen, dass das bis vor kurzem noch relativ unumstrittene moderne Zeitverständnis, das sich am Uhrzeitmaß orientierte, ins Wanken gerät:
l Die vielen, ehemals im öffentlichen Raum angebrachten Uhren verschwinden zunehmend.
l Die Transportgeschwindigkeit unserer wichtigsten Güter, der Informationen, ist bei Lichtgeschwindigkeit und damit am Ende der Beschleunigung angekommen.
l Die Pünktlichkeitsmoral verliert an Akzeptanz. Sie wird immer deutlicher von der Flexibilitätsmoral abgelöst.
![]()
Das Ende der Beschleuniggung
Das natürliche (!) Ende der Beschleunigungsmöglichkeiten ist erreicht. Die Börsenereignisse in New York werden gleichzeitig, in sogenannter „Echtzeit“, in Frankfurt, in Buenos Aires, in Moskau und Tokio wahrgenommen. Es gibt also keinen Informationsvorsprung, keinen durch räumliche Distanzen verursachten Zeitunterschied mehr. Es ist die Lichtgeschwindigkeit, die uns allen den in der Moderne bisher nicht gekannten Zwang zum „genug“ auferlegt.
Von weiterer Beschleunigung ist daher in Zukunft kein Impuls für das wirtschaftliche Wachstum mehr zu erwarten. Sie ist nicht mehr länger ein Instrument, um Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Da der Zeitvorsprung technisch zunichte gemacht wurde, gibt es für die Uhren nichts mehr zu messen. Aus Zeitvorsprüngen, die nicht mehr existieren, kann auch kein Profit mehr gezogen werden. Wenn Zeitvorsprünge für Geldgewinne maßgeblich verantwortlich sind und diese grundsätzlich nur mehr eingeschränkt realisiert werden können, dann stellen sich neue, überraschende Fragen: „Gibt es andere Zeitformen, die profitabel gemacht werden können?“ „Existieren jenseits der Uhrzeit Zeiten und Zeitmaße, die für die Entwicklung der Gesellschaft, der Kultur und der Ökonomie nützlich sein könnten?“ Oder noch radikaler: „Wie sähe eine Welt, und wie sähe deren Wirtschaft aus, die sich nicht mehr an der Uhrzeit orientierten?“
![]()
Das Schrumpfen der Pünktlichkeitserwartung
Wenn kurzfristige Wechselfälle im Leben und im Arbeitsprozess zunehmen, dann ist es wichtiger, auf das Unerwartete reagieren zu können, als an angelernten, situationsunabhängigen Tugenden wie die der Pünktlichkeit festzuhalten. Wer ad-hoc und spontan organisiert und variabel reagiert, kann nicht immer pünktlich sein. Daher wird auch vielfach nicht mehr gefordert pünktlich zu sein, man muss am Punkt sein. Kalkulierte und kalkulierbare Unpünktlichkeit tritt an die Stelle der ehemals moralisch hoch aufgeladenen Pünktlichkeitserwartung. Das „Nicht-Pünktlich-Sein“ ist schon allein deshalb kein strafwürdiger und verachtenswerter Tatbestand mehr, weil das Zuspätkommen in einer sich immer rascher verändernden Welt zum Normalzustand wird. Kommen aber alle immer häufiger zu spät, läuft die Pünktlichkeitserwartung leer. Sie wandelt sich zur immerwährenden Hoffnung, früh genug zu spät zu kommen. Die Maxime postmodernen Zeithandelns ist es, zum richtigen, nicht unbedingt zum vereinbarten Zeitpunkt zu erscheinen. Das nun ist nicht etwa ein Verfall der Zeit-Moral, das ist eine andere Zeit-Moral. Wer diese vertritt, kann sich auf Oscar Wilde berufen, der uns darauf aufmerksam machte, dass uns die Pünktlichkeit die beste Zeit stiehlt. Die Probleme mit der Unpünktlichkeit nehmen also heute ab. Das entlastet viele. Dafür wächst die Befürchtung, nicht an jedem Ort und zu jeder Zeit die Telefonnummer des gewünschten Gesprächspartners zur Hand zu haben. Wer aber trotzdem weiterhin großen Wert auf Pünktlichkeit legt, wird viel alleine sein.
![]()
Wohin geht die Zeit?
Als Alternativen zur Monokultur der Uhrzeit und der Beschleunigung bieten sich drei Perspektiven an.
1) Zeitwohlstand: Zeitwohlstand wäre als ein Element der Lebensqualität zu verstehen und damit als Indikator in die einschlägigen Wohlstandsberechnungen aufzunehmen. Eine Gesellschaft ist unter dieser Perspektive dann reich, wenn sie nicht nur viele Waren und Güter produziert und besitzt, sondern auch viele Zeitformen zulässt und realisiert. Wenn sie ihren Mitgliedern beispielsweise vielfältige Möglichkeit eröffnet, Eigenzeiten zu leben, elastisch mit Zeitvorgaben umzugehen, das erwünschte Tempo im Alltag zu beeinflussen, sich und ihr Umfeld rhythmisch zu organisieren und ihre Zeitsouveränität im Arbeitsprozess zu erhöhen. Das Zeitwohlstandskonzept macht mit der von Nietzsche geäußerten Ermahnung ernst, im Menschen mehr als nur ein geldverdienendes Wesen zu sehen. Es erweitert unseren engen individualistischen Wohlstandsbegriff der sich im Immer-mehr, Immer-öfter, Immer-schneller und Immer-neuer erschöpft.
2) Kultur der Zeitvielfalt: Bei der Entwicklung einer Kultur der Zeitvielfalt geht es nicht darum, die Beschleunigung durch die Verlangsamung zu ersetzen. Anzustreben ist vielmehr der Erhalt mannigfaltiger Zeitformen und die Fähigkeit, sie in ihrer Wirksamkeit zu erkennen, zu kultivieren und sie produktiv zu nutzen. Reine Tempoversessenheit lässt sich ökonomisch nicht rational begründen. Hingegen die temporale Vielfalt. Sie nämlich sichert die notwendige Elastizität und Stabilität, von ökonomischen, ökologischen und sozialen Systemen. Zeitvielfalt besitzt eine weit größere Fehlerfreundlichkeit als das Monopol der Uhrzeit. Sie bietet mehr zeitliche Freiheitsgrade und führt zu höherer Zeitsouveränität.
3) Ökologie der Zeit: Der Mensch ist als Teil der Natur in seinem Denken und Handeln nicht frei. In ökologischer Sicht ist er grundsätzlich abhängig. Er ist an die Prozessabläufe der Natur gebunden. Das merkt er beim Älterwerden, spätestens beim Nahen des Todes. Menschen leben in Zeitrhythmen, die durch die innere und durch die äußere Natur bestimmt werden (z.B. durch Tages- und Jahresrhythmen). Sie sind in ihrem zeitlichen Handeln notwendigerweise an die Zeitmuster des Lebendigen gebunden, wollen sie selbst lebendig sein und auch lebendig bleiben. Es ist daran zu erinnern, dass bei allem Streben, sich mit Hilfe der Technik von den Zeitmaßen und den Rhythmen der Natur abzukoppeln, die Menschen nach wie vor Naturwesen sind und dies auch bleiben. Es gilt daher bei der zeitlichen Gestaltung unseres Lebens, stärker als bisher, die Naturgebundenheit des Menschen und damit auch die Einbettung allen Wirtschaftens in den allgemeinen Naturzusammenhang zu berücksichtigen. Denn immer mehr Pflanzen und Ökosysteme, deren zeitliche Vielfalt eingeschränkt werden, sterben ab, z.B. durch Krankheiten, Schädlinge oder durch das sogenannte „Umkippen“. Eine „Ökologie der Zeit“, könnte sowohl die Einzelnen als auch die Gesellschaft beim Finden der rechten Zeitmaße einen Schritt voranbringen.
Der Mensch macht seit 500 Jahren Zeit-Geschichte. Aber er weiß nicht, was dabei herauskommt. Und weil er es nicht weiß, ist Zeitvielfalt besser als eine zeitliche Monokultur. Wie diese Zeitvielfalt aber aussehen soll, das gilt es immer neu zu diskutieren und zu entscheiden. Dazu sollten wir uns Zeit nehmen.
Vom Autor ist zu diesem Thema das Buch Vom Tempo der Welt, Freiburg 1999, Herder Verlag erschienenAnschrift des Autors
Universität der Bundeswehr
Werner Heisenberg Weg 39
85 577 Neubiberg
Forschung & Lehre 1999