Mehr Respekt vor den Universitäten
Über das Verhältnis der Universitäten zu Staat und PolitikVolker Ronge, Dr. rer. pol., Univ.-Professor, Soziologie, Rektor der Bergischen Universität-Gesamthochschule Wuppertal
![]()
Die Repräsentation der Universität
Das Rektoramt bildet so etwas wie das Scharnier - oder die Schnittstelle - zwischen der Binnenwelt der Universität und der Außenwelt, ihrer gesellschaftlichen Umwelt, die natürlich nicht nur aus Staat und Politik besteht, in der diese beiden Bereiche aber doch eine besondere Rolle spielen - nicht nur, aber auch wegen der Finanzierung. Der Rektor, sagt das Universitätsgesetz, vertritt die Hochschule nach außen. Und im kollegialen Kontext des Rektorats fungiert er außerdem als Leitungsorgan der Hochschule (hier freilich eher als primus inter pares). Das zentrale Problem - oder positiv formuliert: die zentrale Herausforderung - für die (Außen-) Vertretung ebenso wie für die Leitung der Universität besteht darin, dass diese Institution „Universität“ sich grundsätzlich, in ihrem Wesen, von allen üblichen Organisationen unterscheidet: Sie ist strukturell ganz anders als z.B. eine Behörde, eine Schule oder ein Wirtschaftsunternehmen, anders als eine Kirchengemeinde, ein Interessenverband oder ein Sportverein. Das wird „draußen“ nicht immer verstanden, leider auch von Leuten, die gegenüber der Universität politische Macht-Hebel einzusetzen imstande sind. Dann wird sozusagen in eine black box interveniert, also „blind“.
In der Organisationstheorie charakterisiert man die Universität als „loosely coupled organization“, als Organisation, in der die Teile (die Mitglieder oder was immer - in der soziologischen Theorie arbeitet man auch mit anderen „Elementen“) nur lose miteinander verkoppelt sind. Die Organisation „Universität“ „assoziiert“ Teile, die - in Deutschland sogar unter Verfassungsschutz - in hohem Maße selbständig agieren. Die Professoren - um diese „Teile“ nämlich geht es primär - fungieren als Individuen amts-artig autonom, d.h., sie „leiten“ und sie repräsentieren sich selbst.
Was macht dann, unter solchen Bedingungen, der Rektor - in seiner Aufgabe, die Universität, also die Summe der Professoren(ämter), zu vertreten? Lässt sich dieses Ganze überhaupt repräsentieren? Ist die Universität ein Ganzes? Lassen sich die Teile überhaupt „summieren“? Gibt es einen „qualitativen Sprung“ von den vielen Einzelnen in oder an der Universität zum universitären Ganzen? Bedarf es einer Gesamt-Repräsentation überhaupt? Und was macht unter diesen Umständen das Leitungsorgan „Rektorat“ - mit dem Rektor als „primus inter pares“ darin? Lässt sich eine aus einer Vielzahl relativ selbständiger Professoren bestehende, nur lose gekoppelte Universität überhaupt „leiten“? Was ist dabei einerseits leitungsbedürftig und andererseits leitungsfähig?
![]()
Organisatorische Infrastruktur
Die Universitäten haben heute eine Größenordnung, bei der es sich verbietet, die Professoren je einzeln sich selbst organisieren zu lassen. Es gibt sogar ein Professoren-Eigeninteresse am Gegenteil, das ihnen aber möglicherweise unbewusst ist, zumindest zuweilen in Vergessenheit gerät. Die heutigen infrastrukturellen Erfordernisse für das Betreiben von Wissenschaft, also Forschung, machen Organisation über die Köpfe der einzelnen Wissenschaftler hinweg (oder meinetwegen: unter deren Füßen) erforderlich. Mit „Infrastruktur“ meine ich Verwaltung - der Gebäude, des Personals, der Finanzen - ebenso wie Bibliothek, EDV, Medien, Sportstätten usw. Organisation (der Universität) ist also eine Ressource, von der die Professoren-Individuen „etwas haben“, die ihnen nützt, die sie benötigen, die sie zu ihrer Amtserfüllung erst befähigt. Die Organisation von Infrastruktur ist nun allerdings eine ganz normale Dienstleistungsfunktion. Für die Wissenschafts-Infrastruktur gelten dabei keine besonderen Gesetze. Diese normale Organisationsfunktion erfordert und impliziert Leitung.
Für die Professoren ist die Universität eine nützliche Organisation, die sie mit Infrastruktur versorgt. Die - durchaus einzelnen - Professoren bzw. Wissenschaftler „an der Universität“ benötigen dienstleistende Organisation und - damit impliziert - deren Leitung. Je besser sie funktioniert, um so besser für die Professoren (und die Studenten). Das Rektorat und der Rektor fungieren und agieren in diesem „Feld“, sie besorgen diese Dienstleistung für alle, sie sind „Dienstleister“.
![]()
Gemeinsames Interesse und kollektive Identität
Der einzelne Professor benötigt - und genießt - eine kollektive Infrastruktur, also die Universität. Freilich vergisst er diesen Zusammenhang leicht. Wenn die Infrastruktur „klappt“, ist er’s zufrieden; wenn sie nicht „klappt“, beschwert er sich sofort. Und natürlich möchte er eine immer bessere Infrastruktur; woher und wie sie kommt, interessiert ihn dabei nicht besonders. Aber aus der „infrastrukturellen Kollektivität“ in der an sich professoral-individualistischen Universität folgt nun keineswegs auch ein „kollektives Bewusstsein“ der Professoren“schaft“. Oder mit lockerem Zitat formuliert: der Sprung vom „an-sich-Kollektiv“ zum „für-sich-Kollektiv“ findet an der professoral strukturierten Universität eher selten statt - und wenn, dann eher außen- als innengeleitet.
Für die meisten Professoren ist die - auch die eigene - Universität nur ein nachrangiger Bezugspunkt ihres Handelns und Trachtens. Das meine ich gar nicht kritisch: Sowohl für den Forscher, wie für den Lehrer ist verständlicher- und vernünftigerweise nicht die Universität der orientierende Fokus, sondern im einen Fall ist dies das globale Wissenschaftssystem in der jeweiligen Disziplin, und im anderen Fall sind es die personae educandae, die Studenten, deren Bildung und Professionalisierung. Damit haben wir nun allerdings in der Universität ein Problem, das sich beim Rektor mit seiner Repräsentationsfunktion konzentriert. Wie kann oder soll der Rektor die strukturell unorganisierte, assoziative Menge von Professoren-Individuen mit ihren divergierenden und jedenfalls nicht auf die eigene Universität gerichteten Bezugspunkten und Interessen in der Umwelt einheitlich, als Ganzes, repräsentieren?
Die soziologische Forschung bestätigt übrigens dieses Problem empirisch, nennt es - im internationalen Vergleich - ein spezifisch deutsches Defizit. Dieses „Defizit“ hängt freilich mit dem spezifisch deutschen Universitätskonzept zusammen - und ist insofern Struktur. Ich will und kann keine Lösung dieses Problems anbieten. Es gibt auch keine, sofern man die Tradition der deutschen Universität möglichst bewahren will. Das Problem der Repräsentation der „ganzen Universität“ neben den diversen „Repräsentationen“, die die Professoren - legitimerweise - je für sich treiben, stellt sich dem Rektor als permanente, strukturelle Herausforderung. Wenn er sich dieser Aufgabe stellt, kann er nicht anders, als - jenseits der Anerkennung der Interessen- und Fokusdiversität - bei den Professoren bzw. den Hochschulangehörigen um ein wenig an Beitrag zum universitären Gemeinwohl, zur kollektiven Identität der Universität, zu einem communitarian spirit zu werben.
![]()
Universität und gesellschaftliche Umwelt
Die Universität ist, sagt das Universitätsgesetz, eine eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts sowie zugleich eine Einrichtung des Landes, d.h. des Staates. Die aktuelle Situation im Verhältnis beider Institutionen kann man mit fünf „heißen“ Stichworten charakterisieren:
l ein derzeit im parlamentarischen Verfahren befindliches neues Hochschulgesetz des Landes mit - neben vielen anderen Veränderungen - seiner Übertragung von Strukturen des parlamentarischen Regierungssystems auf die Hochschule
l eine Gleichstellungsgesetznovelle, in der die Hochschulen zur besonderen politischen Spielwiese gemacht werden
l ein drastisches Stellenreduktionsprogramm der Landesregierung, das in strategischer Irreführung unter dem Namen „Qualitätspakt“ firmiert
l die vor kurzem verordnete verschärfte Anwesenheits- und Lehrverteilungsverpflichtung für die Professoren, die im Effekt die „Guten“ demotivieren und die „Schlechten“ kaum sanktionieren wird
l schließlich die Diskussion um eine Besoldungsnovellierung für Professoren, die, höchst eigenartig, in schönstem Einklang der zuständigen Bundesministerin und des HRK-Präsidiums verfolgt wird und die eine drastische Einkommensverschlechterung für viele Professoren bringen wird sowie, noch wichtiger, den Hochschulleitungen die Gewährung oder Versagung von Leistungszulagen zumutet.
Aus dem Umstand, dass die Hochschulen Einrichtungen des Landes sind, folgert die Hochschulpolitik zunehmend ihre Politisierbarkeit in dem Sinne, dass sie sie - wie die Schulen - als „nachgeordnete Behörden“ behandelt und entsprechend hierarchisch, bürokratisch, regulativ, politisiert traktiert. Dies ist jedoch ein tiefes Missverständnis! „Einrichtung des Landes“ heißt nicht: Gegenstand behördlicher Regulierung und/oder Spielball politischer Interessen und Interventionen. Was macht den Unterschied? Der Bezug der Hochschulen und vor allem der Wissenschaft zur Gesellschaft ist nicht allein oder auch nur vorrangig über die Politik vermittelt. Dieser Bezug besteht vielmehr auch als direkter, erfolgt - zu Recht und zum Nutzen der Gesellschaft - in erheblichem Maße „an der Politik vorbei“. Hochschulen sind Einrichtungen des Landes, nicht der Politik. Das ist nicht dasselbe!
Der heute in diesem Bereich allzu anmaßenden Politik möchte ich ein bisschen mehr Respekt vor den Hochschulen und noch mehr vor der Wissenschaft anraten. Deren Produkte und Leistungen haben in der Geschichte wesentlich mehr Wirkung und Bestand als der übliche politische output. Die zur Zeit in den Medien genüsslich geführte, nicht zuletzt aus der Politik initiierte Stigmatisierung der „faulen Professoren(schaft)“ ist nicht nur eine politische Unverschämtheit, sie ist auch - ganz unemotional - für die Gesellschaft dysfunktional. Diese Art von Zuschreibungs-, um nicht zu sagen Diffamierungs-Politik zerstört eine zentrale gesellschaftliche Ressource - was Politik und Gesellschaft wohl erst klar werden wird, wenn die Zerstörung passiert sein wird.
Der unter Politikern verbreiteten lockeren Rede von der „Wissensgesellschaft“, von der zentralen Ressource (oder Produktivkraft) Wissenschaft für die gesellschaftliche Wohlfahrt und Entwicklung, entspricht leider ein politischer Umgang mit der Wissenschaft - und der Universität als Institution -, der oft genug nicht nur durch mangelnde Kenntnis der, sondern auch durch mangelnden Respekt vor der Wissenschaft gekennzeichnet ist. Anders als die private Wirtschaft kann sich die Wissenschaft bzw. die Universität, weil weitgehend Teil des öffentlichen Dienstes, leider nicht gegen die Interventionen der Politik wehren. An sich aber liegt hier eine Parallelität vor. Die Wissenschaft ist und funktioniert nur als ein eigenes System, nicht als Unterabteilung der Politik.
![]()
Kein pauschales Mandat
Die zweite Gefährdung der Universität kommt aus einer anderen Ecke; sie ist für mich eigentlich noch ärgerlicher. Meine Kritik richtet sich - auf der konzeptuellen Basis der Eigenständigkeit, ja Individualität jeder einzelnen Hochschule - gegen die eingerissene Selbststilisierung und Entwicklung von Rektorenkonferenzen zu so etwas wie Mittelbehörden der Regierung. Die Hochschulpolitik unterstützt leider diese Tendenzen aus dem - aus ihrer Sicht verständlichen, gleichwohl kurzsichtigen - Grund, weil sich ihr das komplexe Hochschulsystem auf diese Weise vereinfacht und leichter zugriffsfähig darstellt. Ich will deutlich sagen, dass diese Entwicklung meine Zustimmung nicht findet; dass Rektorenkonferenzen kein pauschales Mandat für die Hochschulen besitzen. Das ist nämlich mit der Repräsentationsfunktion des Rektors nicht gemeint. Vielleicht hat diese meine Auffassung etwas Gewicht, nachdem ich jetzt selbst Rektor bin. Ich möchte die Hochschulen je einzeln als „Einrichtungen des Landes“, als landes-unmittelbar verstanden wissen, nicht als unterste Ebene in einem dreistufigen Verwaltungssystem mit der Rektorenkonferenz als Mittelinstanz.
Es gibt - analytisch gesprochen - ein Hochschulsystem; aber es darf keine die Hochschulen allesamt einbeziehende, zusammenfassende Landes-Hochschulbehörde nach dem Muster der Schulverwaltung geben.
Anschrift des Autors
Bergische Universität Wuppertal
Gaußstr. 2042 097 Wuppertal
Forschung & Lehre 1999