10 | Oktober 2008 Artikel versenden Artikel drucken

Auf dem Vormarsch

An immer mehr Hochschulen gibt es hochschuldidaktische Zentren. Sie entwickeln sich so rasant, dass ein aktueller Überblick (auf knappem Raum) schwierig ist – ein Versuch. | Santina Battaglia

Seit rund zehn Jahren erlebt die hochschuldidaktische Weiterbildung und Beratung in Deutschland einen Aufschwung, der durch die aktuellen Diskussionen zur Verbesserung von Lehre und Lehrkompetenzen noch weiteren Aufwind bekam. Insbesondere Stifterverband, HRK und KMK haben dabei eine Rolle gespielt. Selbst an Universitäten, von denen man es kaum vermutet hätte, sind hochschuldidaktische Einrichtungen entstanden, und die Angebote an den bestehenden wurden und werden erweitert, differenziert und strukturiert.

Die Anfänge

Die ersten hochschuldidaktischen Arbeitsstellen und sogar einzelne Professuren für Hochschuldidaktik wurden in der BRD Anfang der 70er Jahre im Anschluss an die Hochschulreformdiskussionen Ende der 60er Jahre eingerichtet. Aus dieser Zeit haben sich die Zentren an den Universitäten Hamburg, Dortmund und Essen in z.T. veränderter Form bis heute gehalten. Weitere, wie z.B. die hochschuldidaktische Arbeitsstelle der TU Darmstadt, kamen etwas später dazu. Kurz darauf entstanden aber auch ein landesweites Netzwerk der hessischen Fachhochschulen und zentral organisierte landesweit operierende hochschuldidaktische Zentren für die Lehrenden der Fachhochschulen in Baden-Württemberg und Bayern. Die Hochschuldidaktik der BRD verstand sich jedoch insbesondere an den Universitäten nicht nur und oft nicht einmal in erster Linie als Dienstleistung zur didaktischen Qualifikation von Lehrenden. Vielmehr sah sie sich als Teil der Selbstreflexion des Hochschulsystems und trieb zu diesem Zweck auch hochschulbezogene Forschung voran.

Trendsetter für Modularisierung und Zertifizierung in der Hochschuldidaktik war Baden-Württemberg

Die analoge Unternehmung der DDR nannte sich Hochschulpädagogik und erwirkte mit einem etwas anderen Selbstverständnis Mitte der 80er Jahre eine flächendeckende Versorgung aller Hochschullehrenden mit didaktischer Weiterbildung. Sie wurde mit dem Beitritt zur BRD ersatzlos abgewickelt, weshalb es in den neuen Bundesländern in den 90er Jahren allein an der Universität Rostock hochschuldidaktische Angebote gab.

Zweite Generation

Die um das Jahr 2000 herum entstandene „zweite Generation“ hochschuldidaktischer Einrichtungen ist im Wesentlichen auf Weiterbildung und Beratung für Lehrende beschränkt. Zu dieser Generation sind zu zählen: das auf ministerielle Initiative hin entstandene dezentral organisierte Hochschuldidaktikzentrum der Universitäten Baden-Württemberg, das nach diesem Modell konzipierte Netzwerk der bayerischen Universitäten und die ähnlich strukturierte hochschuldidaktische Weiterbildung der nordrheinwestfälischen Fachhochschulen. Diese überregionalen Anbieter fußen auf einzelnen schon vorher bestehenden Zentren, die darin mehr oder weniger aufgingen. Als konzeptionelle Neuerungen zu nennen sind für diesen Zeitraum die Hochschuldidaktik-Initiative für Thüringen und der Ausbau der Arbeitsstelle Hochschuldidaktik der TU Braunschweig zum Kompetenzzentrum Hochschuldidaktik für Niedersachsen. Beide sind zentral organisiert und arbeiten hochschultyp-übergreifend mit Lehrenden von Fachhochschulen und Universitäten.

Die Institutionen der zweiten Generation wirkten strukturierend auf die hochschuldidaktischen Qualifizierungen: Trendsetter für Modularisierung und Zertifizierung war Baden-Württemberg, dessen an etablierten angelsächsischen Vorbildern orientiertes Zertifikat mit internationalen Experten entwickelt wurde. Es beeinflusste die Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik e.V. (AHD), die von dem Berufsverband 2005 als nationale Standards zur Orientierung verabschiedet wurden. Gleichwertige, an diesen Standards orientierte Zertifikate gibt es in Bremen,Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Bayern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt begnügen sich mit weniger, die Universität Kassel fordert mehr. An der Universität Hamburg gibt es inzwischen auch einen hochschuldidaktischen Weiterbildungsstudiengang, der mit einem Master in „Higher Education“ abschließt.

Manche zwischenzeitlich aufgelöste hochschuldidaktische Einrichtungen werden zur Zeit neu ins Leben gerufen und/oder vernetzen sich mit anderen, die nach und nach entstanden sind. So gibt es seit einiger Zeit ein hochschuldidaktisches Programm der Hochschulen in Berlin und Brandenburg, hochschuldidaktische Angebote an der Hochschule Görlitz, einen Zusammenschluss von sieben nordrhein-westfälischen Universitäten zum Netzwerk Hochschuldidaktik in Nordrhein-Westfalen. Neue hochschuldidaktische Zentren haben die Universitäten Marburg, Gießen, Frankfurt/M. und Köln eingerichtet.

In der Regel sind didaktische Weiterbildungsveranstaltungen an Universitäten vor allem für den Wissenschaftlichen Nachwuchs und an Fachhochschulen insbesondere für neuberufene Professoren konzipiert, und diese Personengruppen nehmen auch hauptsächlich daran teil, ganz freiwillig und in zunehmendem Maße. Die populäre Kritik an der mangelnden Beteiligung von (Universitäts)Professoren ist daher nicht angebracht, und Teilnahmeverpflichtung würde bedeuten, ausgerechnet den Professoren die Kompetenz abzusprechen, die man von Studenten ganz selbstverständlich erwartet: selbstorganisiertes Lernen. Stattdessen sollten Ressourcen bereit gestellt und Möglichkeiten geschaffen werden, diese hochqualifizierte Zielgruppe angemessen anzusprechen: durch individuelles Coaching.

Es ist bedauerlich, dass der Wissenschaftsrat übersieht, wie viele seiner Empfehlungen in den bestehenden hochschuldidaktischen Zentren bereits umgesetzt werden. In seinem Papier wird das Wort Hochschuldidaktik“ in positiven Zusammenhängen gemieden und durch undifferenzierte und somit irreführende Begriffe wie „hochschulische Fortbildungseinrichtungen“ und „Fachzentren für Hochschullehre“ ersetzt. Dies ist wenig konstruktiv und auch doppelbödig, zumal dort immer wieder mit hochschuldidaktischen Errungenschaften wie z. B. den bestehenden Zertifikaten oder hochschuldidaktischen Publikationen argumentiert wird. Angemessener und sinnvoller wäre es, die – mancherorts fast ressourcenfrei und gegen erhebliche institutionelle und politische Widerstände – von der Hochschuldidaktik geleistete Arbeit zu würdigen und auch ihre bislang kaum genutzten Potentiale für künftige Entwicklungen fruchtbar zu machen. Dazu gehört es, den etablierten Fachbegriff zu benutzen, wie es auch in den als vorbildlich dargestellten angelsächsischen Ländern üblich ist, und zwar in einem nicht auf die Weiterbildung beschränkten Sinn. Nur so können wir uns auch im internationalen Kontext gut plazieren, denn „educational development“, der gängigste von verschiedenen auf weltweiten Konferenzen benutzten Begriffen, umfasst ganz selbstverständlich all das, womit die Hochschuldidaktik vor 40 Jahren angetreten ist.

 

A U T O R

Santina Battaglia ist Psychologin und Assessorin des Lehramts für Deutsch und Italienisch. Seit April 2008 leitet sie die Stabsstelle „Exzellenz der Lehre“ im Rektorat der Universität Freiburg und ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik (DGHD), der Nachfolgeorganisation der Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik e.V. (AHD).


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