10 | Oktober 2008 Artikel versenden Artikel drucken

Lehrform von gestern?

Wie Vorlesungen das Lernen fördern | Ulrike Hanke

Lehren muss nicht automatisch Lernen zur Folge haben.Wie kann eine Vorlesung geplant und durchgeführt werden, damit sie für beide Seiten, sowohl für den Lehrenden als auch für die Lernenden, erfolgreich wird?

Immer wieder liest man, dass scheinbar nur 20 bis 25 Prozent dessen, was man hört, behalten wird (Friedel 2007, Konnerth 2008). Sollte dies wirklich der Fall sein, so sind Vorlesungen absolut sinnlos, denn was machen die Studenten denn in Vorlesungen anderes als zuhören (sieht man von sonstigen Aktivitäten wie essen, mit dem Nachbarn sprechen und lesen oder dösen ab)?

Doch ist es wirklich so, dass nur ca. 20 Prozent des Gehörten behalten werden? Diese sogenannte Behaltensquote geistert schon lange durch die Literatur; eine wirklich wissenschaftliche Untersuchung, die Evidenzen für diese Zahlen gibt, sucht man jedoch vergeblich.

Natürlich gibt es aber andere Untersuchungen: So deutet z.B. eine Studie von Schwartz et al (1999) darauf hin, dass Lernende, die nur eine Vorlesung hörten, vom Lernstoff sehr viel weniger behielten als die Lernenden, die vor der Vorlesung zentrale Begriffe des Inhalts der Vorlesung strukturierten.

Was lässt sich nun daraus schließen? Sind Vorlesungen eine Lehrform von gestern? Haben sie wirklich keine Berechtigung? Oder wie können sie Lernen sehr wohl fördern?

Ziel von Lehre jeglicher Art, also auch von Vorlesungen, ist es, die Lernenden zum Lernen anzuregen. Wie aber funktioniert Lernen? Wie können Studenten zum Lernen angeregt werden? Indem man sie in überfüllte Hörsäle setzt und ihnen etwas vorliest?

Lernen ist ein aktiver, konstruktiver und höchst individueller Prozess (Seel 2003). Kein Lehrender kann bei seinen Lernenden Lernen erzwingen; lernen müssen sie selbst. Sie können allenfalls dazu angeregt werden. Das Lernen kann ihnen erleichtert werden, es kann ihnen aber nie abgenommen werden. Sie selbst müssen ihre kognitive Struktur erweitern, Neues mit bereits bestehendem Wissen verknüpfen, bestehendes Wissen verändern und Verbindungen zwischen einzelnen Wissenseinheiten stärken.

»Lernen ist ein aktiver, konstruktiver und höchst individueller Prozess.«

Was kann man also als Lehrender tun, um ein Lernen dieser Art bei den Studenten auch in Vorlesungen auszulösen, anzuregen und zu fördern?

Zunächst einmal gilt es die Aufmerksamkeit der Studenten zu erlangen; ihnen einen Grund zu geben, warum es sich lohnt, in der Vorlesung aufmerksam zu sein und mitzudenken (Hanke, 2008). Dies kann durch eine oder mehrere provozierende Fragen oder Thesen z.B. in Kombination mit einem Gegenstand oder einem Bild oder der Schilderung eines Falls bzw. eines-Problems o.ä. realisiert werden. Dies soll bei den Studenten ein mentales Ungleichgewicht auslösen, welches sie quasi automatisch auflösen möchten. Jeder Mensch strebt zu jeder Zeit nach innerem Gleichgewicht (Piaget 1976).

Solch ein Einstieg in eine Vorlesung kann die Aufmerksamkeit der Studenten packen und damit der Anstoß für das Lernen sein. Da Lernen immer eine Erweiterung oder Veränderung des bestehenden Wissens ist, ist es auch wichtig, den Einstieg, also die Frage, das Problem oder die Thesen bei den Studenten „wirken“ zu lassen; d.h. sie kurz darüber nachdenken zu lassen, anstatt ohne jegliches Innehalten in die Vorlesung überzugehen. Dieses Innehalten dient dazu, dass die Studenten versuchen können, die Frage auf der Basis ihres bestehenden Wissens zu beantworten, eine Lösung für das geschilderte Problem zu finden usw. Sie aktivieren dadurch ihr Vorwissen und schaffen Anknüpfungspunkte für das neue Wissen, mit welchem sie in der nun folgenden Vorlesung konfrontiert werden.

Nachdem also die Aufmerksamkeit der Studenten erlangt wurde und sie ihr Vorwissen aktiviert haben, beginnt die eigentliche Vorlesung. Diese sollte die Antworten auf die zu Beginn gestellte Frage bzw. die Lösung für das Problem systematisch darbieten.

Auch wenn zunächst die Aufmerksamkeit gewonnen wurde, ist es keinesfalls so, dass diese ad ultimo bestehen bleibt. Die Studenten müssen deshalb auch zwischendurch immer wieder aktiviert und zum aktiven Konstruieren ihres Wissens angeregt werden.

Es bietet sich daher an, die Vorlesung immer wieder zu unterbrechen und den Studenten kleine Aufgaben zu geben. Man spricht hier von Stopps (Macke, Hanke, Viehmann 2008). Hat man die Studenten zu Beginn mit einer Frage oder einem Problem o.ä. provoziert, ist es sinnvoll, diese Frage bzw. das Problem auch in den Stopps zu thematisieren. Z.B. können die Studenten in den Stopps gebeten werden, jeweils einen Teilaspekt der Frage oder des Problems zu bearbeiten. Dabei kann es sinnvoll sein, die Studenten zu bitten, zu zweit zu arbeiten und/oder ihnen die Aufgabe zu geben, ihre Überlegungen bzw. Lösungen ufzuschreiben. Je konkreter die Aufgabenstellung ist, desto aktiver werden die Studenten sein und desto mehr von ihnen werden aktiv mitarbeiten. Es ist daher sehr zu empfehlen, die Aufgabenstellung schriftlich zu formulieren und auch die zur Verfügung stehende Zeit schriftlich zu präsentieren. In einer so großen Gruppe von Studenten, wie man sie häufig in Vorlesungen antrifft, hat man sonst als Lehrender kaum eine Chance, die Studenten wirklich dazu zu bringen, das zu tun, was man als Lehrender beabsichtigt. In den Stopps arbeiten die Studenten also kurzzeitig (zwei bis maximal fünf Minuten) alleine oder zu zweit, reflektieren das Gehörte oder üben etwas ein, was sie zuvor gehört haben. Diese Stopps fördern das aktive Konstruieren von Wissen und bündeln immer wieder die Aufmerksamkeit.

Eine Ergebnissicherung der Aufgaben aus den Stopps im Plenum ist nicht unbedingt nötig. Z.T. kann einfach mit der Vorlesung fortgefahren werden oder die Lösung einer Aufgabe wird durch den Lehrenden präsentiert. Wenn Stimmen aus dem Plenum gehört werden sollen, ist es wichtig sicherzustellen, dass alle Studenten das Gesagte auch verstehen; ggf. muss der Lehrende das Gesagte wiederholen.

ablauf-vorlesungDas Ende der Vorlesung sollte dann auf jeden Fall die vollständige Antwort auf die Frage und/oder die Zusammenfassung der Problemlösung enthalten. Damit ist der Kreis zum Anfang geschlossen und die Vorlesung in sich eine runde Sache mit klarem roten Faden.

Eine grobe Übersicht über einen möglichen Ablauf einer lernförderlichen Vorlesung gibt die Tabelle.

Eine Vorlesung, die in diesem Stile gestaltet ist, ist also keineswegs sinnlos, sondern fördert das aktive Konstruieren von Wissen und damit das Lernen und macht obendrein allen Beteiligten Spaß.

 

A U T O R

Dr. Ulrike Hanke ist Akademische Rätin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Freiburg. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die Lehr-Lern-Forschung. Seit 2003 ist sie Dozentin für Hochschuldidaktik an verschiedenen Universitäten in Deutschland und der Schweiz.


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