10 | Oktober 2008 Artikel versenden Artikel drucken

Erkennen, nicht lernen ist der Zweck der Universität

Fragen zur Qualität der Lehre an Friedrich Schleiermacher | Friedrich Schleiermacher

Wie wurde die Lehre an der Universität, die Vorlesung und die Betreuung der Studenten früher gesehen? Sind die Konzepte und Einsichten von vor 200 Jahren heute überholt oder gar so aktuell, dass sich daraus Anregungen für heute ziehen lassen? Ein fiktives Gespräch mit einem der Vordenker der modernen Universität.

Forschung & Lehre: Die Qualität der Lehre an den Universitäten ist seit kurzem wieder in aller Munde. Viele schlagen vor, die Universitäten mehr als höhere Schulen zu verstehen. Ist das angemessen?

Friedrich Schleiermacher:
Nein. Es ist geradezu verderblich, wenn die Universitäten nur fortgesetzte Schulen werden. Die Schulen beschäftigen sich nur mit Kenntnissen als solchen; die Einsicht in die Natur der Erkenntnis überhaupt, den wissenschaftlichen Geist, das Vermögen der Erfindung und der eigenen Kombination suchen sie nur vorbereitend anzuregen, ausgebildet aber wird dies alles nicht in ihnen.

F&L: Das heutige Studium wird durch die Modularisierung immer engmaschiger. Studenten und Hochschullehrer beklagen den Rückgang der akademischen Freiheit. Welche Bedeutung hat die Freiheit für die Universität?

Friedrich Schleiermacher: Das Lernen an und für sich ist nicht der Zweck der Universität, sondern das Erkennen. Es soll nicht das Gedächtnis angefüllt, auch nicht bloß der Verstand bereichert werden. Es soll ein ganz neues Leben, ein höherer, der wahrhaft wissenschaftliche Geist soll erregt werden. Dies aber gelingt nun einmal nicht im Zwang. Der Versuch kann nur angestellt werden in der Temperatur einer völligen Freiheit des Geistes. Zur Wissenschaft und zum Erkennen, welches ihn befreit vom Dienst jeder Autorität, kann der Student nicht durch irgendeine Gewalt oder durch einen Zwang äußerer Übungen. Es muss Raum gelassen werden allem, was jedem von innen kommt. Je mehr sich der Geist der Wissenschaft regt, desto mehr wird sich auch der Geist der Freiheit regen, und sie werden sich nur in Opposition stellen gegen die ihnen zugemutete Dienstbarkeit.

F&L: Die Universitäten sollen viele Aufgaben erfüllen wie z.B. für den globalen Arbeitsmarkt ausbilden und für die Wirtschaft umsetzbare Forschungsergebnisse liefern. Was ist die Hauptaufgabe einer Universität? Friedrich Schleiermacher: Die Universität hat es vorzüglich mit der Einleitung eines Prozesses zu tun, und zwar eines ganz neuen geistigen Lebensprozesses. Die Idee der Wissenschaft soll erweckt, ihr zur Herrschaft über die Studenten verholfen werden, und zwar auf demjenigen Gebiet der Erkenntnis, dem jeder sich besonders widmen will, so daß es ihnen zur Natur werde, alles aus dem Gesichtspunkt der Wissenschaft zu betrachten, alles Einzelne nicht für sich, sondern in seinen nächsten wissenschaftlichen Verbindungen anzuschauen, und in einen großen Zusammenhang einzutragen, daß sie lernen, in jedem Denken sich der Grundgesetze der Wissenschaft bewußt zu werden, und eben dadurch das Vermögen selbst zu forschen, zu erfinden und darzustellen, allmählich in sich herausarbeiten, dies ist das Geschäft der Universität.

Je mehr sich der Geist der Wissenschaft regt, je mehr wird sich auch der Geist der Freiheit regen

F&L: Sollte nicht doch mehr Wert auf die Berufstauglichkeit der Absolventen z.B. für den Staatsdienst gelegt werden?

Friedrich Schleiermacher: Von jeher sind die jungen Männer aus den Schulen der Weisen unmittelbar in die Säle der Gerichtshöfe und die Verwaltungskammern geströmt. Schauen und tun, wenn sie auch gegeneinander reden, arbeiten einander immer in die Hände; das Verhältnis zwischen denen, welche sich der bloßen Wissenschaft widmen, und den übrigen bestimmt die Natur immer richtig und sehr ebenmäßig. Die Hauptsache der Universitäten darf nicht unter einer Menge von Nebendingen erstickt werden. Der Staat beraubte sich selbst auf die Länge der wesentlichsten Vorteile, welche ihm die Wissenschaften gewähren, indem es ihm je länger je mehr an solchen fehlen muß, die Großes auffassen und durchführen und mit scharfem Blick die Wurzel und den Zusammenhang aller Irrtümer aufdecken könnten.

F&L: Können Sie eine „Schlüsselkompetenz“ des universitären Studiums nennen?

Friedrich Schleiermacher: Gelingt es, die Prinzipien und gleichsam den Grundriß allen Wissens auf zur Anschauung zu bringen, entsteht daraus die Fähigkeit, sich in jedes Gebiet des Wissens hineinzuarbeiten. An der Universität geht es um das Lernen des Lernens. Es geht darum, daß die Idee des Erkennens, das höchste Bewußtsein der Vernunft, als ein leitendes Prinzip in dem Menschen aufwacht.

F&L: Die Vorlesung hat seit einigen Jahren keinen guten Ruf. Ist sie überholt?

Friedrich Schleiermacher: Die ganze Universität ist ein wissenschaftliches Zusammenleben und die Vorlesungen insbesondere das Heiligtum desselben. Wenige verstehen die Bedeutung des Kathedervortrages; aber zum Wunder hat er sich, ohnerachtet immer von dem größten Teile der Lehrer sehr schlecht durchgeführt, doch immer erhalten, zum deutlichen Beweise, wie sehr er zum Wesen einer Universität gehört und wie sehr es der Mühe lohnt, diese Form immer aufzusparen für die wenigen, die sie von Zeit zu Zeit recht zu handhaben wissen. Ja, man könnte sagen, der wahre eigentümliche Nutzen, den ein Universitätslehrer stiftet, stehe immer in gradem Verhältnis mit seiner Fertigkeit in dieser Kunst.

F&L: Aber läuft das nicht auf „Frontalunterricht“ hinaus, der didaktisch doch überholt ist?

Friedrich Schleiermacher: Nein, denn der Kathedervortrag der Universität muß die Natur des alten Dialogs haben, wenn auch nicht seine äußere Form; er muß danach streben, einerseits das gemeinschaftliche Innere der Zuhörer, ihr Nichthaben sowohl als ihr unbewußtes Haben dessen, was sie erwerben sollen, andererseits das Innere des Lehrers, sein Haben dieser Idee und ihre Tätigkeit in ihm recht klar ans Licht zu bringen.

F&L: Wären nicht individuellere Formen, wie z.B. das Gespräch zwischen Hochschullehrer und Student, besser für die Lehre geeignet?

Friedrich Schleiermacher: Jede Gesinnung bildet und vervollkommnet sich nur im Leben, in der Gemeinschaft mehrerer. Durch Ausströmung aus den Gebildeten, Vollkommenen wird sie zuerst aufgeregt und aus ihrem Schlummer erweckt in den Neulingen; durch gegenseitige Mitteilung wächst sie und stärkt sich in denen, die einander gleich sind. Man sollte meinen, das Gespräch könne am besten das schlummernde Leben wecken und seine ersten Regungen hervorlocken. Allein es muß wohl nicht so sein unter vielen und in der neueren Zeit, weil doch ohnerachtet so mancher erneuerten Versuche das Gespräch nie als allgemeine Lehrform auf dem wissenschaftlichen Gebiet aufgekommen ist, sondern die zusammenhängende Rede sich immer erhalten hat. Es ist auch leicht einzusehen warum. Unsere Bildung ist weit individueller als die alte, das Gespräch wird daher gleich weit persönlicher, so daß kein Einzelner im Namen aller als Mitunterredner aufgestellt werden kann und das Gespräch eine viel zu äußerliche, nur verwirrende und störende Form sein
würde.

Ohnerachtet der Kathedervortrag von dem größten Teile der Lehrer sehr schlecht durchgeführt wurde, hat er sich doch erhalten

F&L:Was ist für einen guten Vortrag besonders wichtig?

Friedrich Schleiermacher: Der Lehrer muß alles, was er sagt, vor den Zuhörern entstehen lassen; er muß nicht erzählen, was er weiß, sondern sein eignes Erkennen, die Tat selbst, reproduzieren, damit sie beständig nicht etwa nur Kenntnisse sammeln, sondern die Tätigkeit der Vernunft im Hervorbringen der Erkenntnis unmittelbar anschauen und anschauend nachbilden. Dabei müssen sich zwei Tugenden vereinigen: Lebendigkeit und Begeisterung auf der einen Seite. Das Reproduzieren muß kein bloßes Spiel sein, sondern Wahrheit; so oft der Hochschullehrer seine Erkenntnis in ihrem Ursprung anschaut, so oft er
den Weg vom Mittelpunkt zum Umkreise der Wissenschaft beschreibt, muß er ihn auch wirklich machen. Bei keinem wahren Meister der Wissenschaft wird das auch anders sein; ihm wird keine Wiederholung möglich sein, ohne daß eine neue Kombination ihn belebt, eine neue Entdeckung ihn an sich zieht; er wird lehrend immer lernen, und immer lebendig und wahrhaft hervorbringend dastehn vor seinen Zuhörern.

Ebenso notwendig ist ihm aber auch Besonnenheit und Klarheit, um, was die Begeisterung wirkt, verständlich und gedeihlich zu machen, daß er nicht etwa nur für sich, sondern wirklich für sie rede und seine Ideen und Kombinationen ihnen wirklich zum Verständnis bringe und darin befestige, damit nicht etwa nur dunkle Ahndungen von der Herrlichkeit des Wissens in ihnen entstehen statt des Wissens selbst. Kein Universitätslehrer kann wahren Nutzen stiften, wenn er von einer dieser Trefflichkeiten ganz entblößt ist. Es geht nicht um eine Anhäufung von Literatur, welche dem Anfänger nichts hilft und vielmehr in Schriften muß niedergelegt als mündlich mitgeteilt werden. Die echte Klarheit besteht nicht in unermüdetem Wiederkäuen und Dünne und Dürre des Gesagten. Die wahre Lebendigkeit nicht im Reichtum gleichbedeutender Beispiele und, gleichviel ob guter oder schlechter, nebenherlaufender Einfälle und polemischer Ausfälle.

F&L: Was ist mit den Hochschullehrern, die über Jahre immer wieder das Gleiche vortragen?

Friedrich Schleiermacher: Nichts jämmerlicheres zu denken als dieses. Ein Professor, der ein ein für allemal geschriebenes Heft immer wieder abliest und abschreiben läßt, mahnt uns sehr ungelegen an jene Zeit, wo es noch keine Druckerei gab und es schon viel wert war, wenn ein Gelehrter seine Handschrift vielen auf einmal diktierte, und wo der mündliche Vortrag zugleich statt der Bücher dienen mußte. Jetzt aber kann niemand einsehn, warum der Staat einige Männer lediglich dazu besoldet, damit sie sich des Privilegiums erfreuen sollen, die Wohltat der Druckerei ignorieren zu dürfen, oder weshalb wohl sonst ein solcher Mann die Leute zu sich bemüht und ihnen nicht lieber seine ohnehin mit stehenbleibenden Schriften abgefaßte Weisheit auf dem gewöhnlichen Wege schwarz auf weiß verkauft. Denn bei solchem Werk und Wesen von dem wunderbaren Eindruck der lebendigen Stimme zu reden, möchte wohl lächerlich sein.

F&L: Aber die Vorlesung alleine macht doch noch keine gute Lehre. Wie steht es mit der Betreuung der Studenten?

Friedrich Schleiermacher: Freilich dürfen die eigentlichen Vorlesungen nicht das einzige Verkehr des Lehrers mit seinen Schülern sein. Steife Zurückgezogenheit und Unfähigkeit, auch außerhalb des Katheders noch etwas für die studierende Jugend zu sein, hängen auch gewöhnlich mit den schon gerügten Untugenden des Vortrages zusammen. Wenn der Lehrer mit Nutzen anknüpfen soll an den Erkenntniszustand der Zuhörer; wenn er ihnen helfen soll, die Abweichungen zu vermeiden, zu welchen sie hinneigen; wenn er sich glücklich hindurcharbeiten soll durch die unter ihnen herrschenden Unfähigkeiten im Auffassen: so müssen noch andere Arten und Stufen des Zusammenlebens mit ihnen ihm zustatten kommen, um ihn in der nötigen Bekanntschaft mit den immer abwechselnden Generationen zu erhalten.

Der Lehrer muß alles, was er sagt, vor den Zuhörern entstehen lassen, sein eignes Erkennen reproduzieren.

F&L: Aber das ist doch in der heutigen Massenuniversität mit ihren überfüllten Seminaren und Studiengängen nicht möglich!

Friedrich Schleiermacher: Man sage nicht, daß dies der Zahl wegen unmöglich sei. Es schließt sich an die Vorlesungen eine Kette von Verhältnissen, an denen, je vertrauter sie werden, schon von selbst desto wenigere teilnehmen, Konversatorien, Wiederholungs- und Prüfungsstunden, solche, in denen eigne Arbeiten mitgeteilt und besprochen werden, bis zum Privatumgang des Lehrers mit seinen Zuhörern, wo das eigentliche Gespräch dann herrscht und wo er, wenn er sich Vertrauen zu erwerben weiß, durch die Äußerungen der erlesensten und gebildetsten Jünglinge von allem Kenntnis erlangt, was irgend auf eine merkwürdige Weise in die Masse eindringt und sie bewegt. Nur indem er allmählich diese Verhältnisse knüpft und benutzt, kann der Lehrer die herrliche Sicherheit der Alten, welche immer den rechten Fleck trafen in ihren Unterredungen, verbinden mit der edlen Bescheidenheit der Neueren, welche eine schon angefangene und selbständig fortgehende individuelle Bildung jedes Einzelnen immer voraussetzen müssen.

F&L: Zum Schluss: wie beurteilen Sie den Bologna-Prozess?

Friedrich Schleiermacher: Es ist dem ganzen Gang neueuropäischer Bildung angemessen, daß die Regierungen auch der Wissenschaften sich aufmunternd annehmen und die Anstalten zu ihrer
Verbreitung in Gang bringen mußten. Allein hier wie überall kommt eine Zeit, wo diese Vormundschaft aufhören muß.

F&L: Also mehr Autonomie für die Universitäten?

Friedrich Schleiermacher: Der Staat muss die Wissenschaften sich selbst überlassen, alle innern Einrichtungen gänzlich den Gelehrten als solchen anheimstellen und sich nur die ökonomische Verwaltung und die Beobachtung des unmittelbaren Einflusses dieser Anstalten auf den Staatsdienst vorbehalten. Schulen und Universitäten leiden je länger, je mehr darunter, daß der Staat sie als Anstalten ansieht, in welchen die Wissenschaften nicht um ihrer-, sondern um seinetwillen betrieben werden, daß er das natürliche Bestreben derselben, sich ganz nach den Gesetzen, welche die Wissenschaft fordert, zu gestalten, mißversteht und hindert, und sich fürchtet, wenn er sie sich selbst überließe, würde sich bald alles in dem Kreise eines unfruchtbaren, vom Leben und von der Anwendung weit entfernten Lernens und Lehrens herumdrehen. Vor lauter reiner Wißbegierde würde die Lust zum Handeln vergehn und niemand würde in die bürgerlichen Geschäfte hinein wollen. Dies scheint seit langer Zeit die Hauptursache zu sein, weshalb der Staat sich zu sehr auf seine Weise dieser Dinge annimmt.

 

A U T O R

Friedrich Schleiermacher (1768-1834), Theologe, Philosoph, Pädagoge, Platonübersetzer u.v.a.m. Schleiermacher trug wesentlich zur Konzeption der 1810 gegründeten Universität in Berlin bei, war Dekan der theologischen Fakultät und 1815 Rektor der Universität.


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