05 | Mai 2007 Artikel versenden Artikel drucken

Studenten an kleinen Hochschulen sind viel zufriedener als ihre Kommilitonen an großen Universitäten.

Ein Einspruch | Fritz Peter Knapp

Mit den zusätzlichen Einnahmen aus Studiengebühren soll die Lehre an den Hochschulen verbessert werden – nicht zuletzt durch die Einstellung neuer Lehrkräfte. Inzwischen regnen nicht unerhebliche Summen auf die Universitäten herab, und es ist Zeit für eine erste Zwischenbilanz.Werden die Studiengebühren so verwendet, daß es den Studenten wirklich nutzt? Einige Anmerkungen zur Verteilungspraxis an der Universität Heidelberg.

Der Staat ist arm. Hochschulen sind teuer. Bildung und Ausbildung sollten jedermann kostbar sein. Also kann und darf sie der Staat nicht gratis verschenken. Das scheint einleuchtend, gleichermaßen jedoch, dass der Zugang zur Hochschule nicht von finanzieller, sondern von geistiger Potenz abhängen sollte. Soziale Barrieren sind da überaus problematisch. Mit einer schlechten Hochschule, die unter materieller Auszehrung leidet, ist aber auch wiederum niemandem gedient.

Die Entscheidung in dieser Frage lässt sich schwerlich objektiv treffen, sondern hängt von der politischen Grundposition ab. In den meisten deutschen Bundesländern ist sie für Studiengebühren gefallen. Die Mehrheit der Hochschullehrer hat sich wohl damit abgefunden, sofern den Begabten und Lernwilligen großzügig Stipendien zur Verfügung stehen. Den Hochschullehrern muss zuerst einmal die Qualität von Forschung und Lehre am Herzen liegen.

Nun kann da – wenn wir für unseren Zweck den Blick auf die Lehre einengen – zwar ein Einzelner schon eine ganze Menge leisten, wenn sich in ihm geniale Vortragskunst, pädagogischer Eros und unbändiger Arbeitseifer vereinigen. Aber eine unbegrenzte Zahl von Studierenden kann er trotzdem nicht betreuen. Studierende sollen auch die Wahl zwischen verschiedenen Lehrerpersönlichkeiten haben. Außerdem eignet sich für Massenveranstaltungen nur der Frontalunterricht. Niemand kann ihn als einzige Lehrform wollen. Allein eine vernünftige Beschränkung der Zahl der Teilnehmer ermöglicht aber die Mitarbeit und Diskussion aller in einer Lehrveranstaltung. Das sind alles Binsenweisheiten, auch wenn sie bis heute nicht in allen Köpfen der Bürokraten in den Ministerien und Hochschulverwaltungen angekommen zu sein scheinen.

Kein einziger Dauerposten für die Lehre wird hinzukommen.

Allen, denen aus eigener Anschauung die Überlastung der Lehrenden und die Überfüllung der Hörsäle vertraut sind, schien jedoch die Aussicht auf kleine Lerngruppen dank einer größeren Zahl von Lehrenden, und zwar qualifizierten, ausgewiesenen, routinierten Lehrenden, Professoren, Hochschuldozenten, Akademischen Räten doch zu verlockend. Es war doch immer von Verbesserung der Lehre die Rede. Wie ist sie anders als durch Verbesserung des Betreuungsverhältnisses zu erreichen?

Was geschieht aber jetzt, da der Geldsegen in wahrhaft reicher Fülle über die Hochschulen herabregnet? Kein einziger Dauerposten für die Lehre wird hinzukommen. Darin sind sich die Politiker, Bürokraten und Studierenden einig, allerdings aus ganz verschiedenen Gründen. Die Studierendenvertreter, die fast alle grundsätzlich die Gebühren ablehnen, befürchten nicht ohne Grund, dass diese der Politik nur als Einstieg in den Ausstieg aus der Verantwortung des Staates für die Hochschulen oder zumindest als Anlass für eine weitere Reduktion öffentlicher Mittel dienen könnten, wenn doch alles so gut mit privaten Mitteln läuft. Von Seiten des Staates und der Hochschulen kann man natürlich auf die unsichere Prognose zukünftiger Einkünfte aus Studiengebühren verweisen. Aber damit lässt sich auch zwanglos die steigende Vorliebe der Hochschulleitungen für die Auflösung angeblich verkrusteter Personalstrukturen unterstützen. Denn der mit vielen, vielen Zeitverträgen errichtete personelle Verschiebebahnhof ermöglicht die Stärkung und Schwächung bestimmter Fächer nach wissenschaftspolitischem Tagesbedarf. Da aber nach einer bestimmten Zahl von Jahren (derzeit zwölf außer bei Drittmittelbeschäftigten) niemand mehr einen weiteren Zeitvertrag in der Lehre bekommen kann, müssen selbst Privatdozenten, die keine Professur erreicht haben, die Universität verlassen. Das gab es zwar auch bisher, doch ihre Zahl steigt derzeit unaufhörlich umgekehrt proportional zur sinkenden Zahl der Professuren in vielen Fächern. Ein enormer Aderlass an hochqualifizierten Hochschullehrern ist die Folge.

Das nimmt man jetzt sehenden Auges hin und begnügt sich damit, Löcher zu stopfen. Ein großer, aber ständig wechselnder Kreis von Angestellten mit Einoder Zweijahresverträgen und eine Schar von Lehrbeauftragten sollen Grundkurse und Proseminare abhalten, unterstützt von einem Heer von Tutoren.

Natürlich war deren Zahl bisher zu gering, und auch ein paar Lehraufträge mehr kann das System schon vertragen. Auch mehr und besseres Lehrmaterial, Beamer, PCs etc., längere Bibliotheksöffnungszeiten durch mehr Aufsichtspersonal und Hilfskräfte für administrative und pädagogische Aufgaben sind Segnungen, die wir alle schätzen und gerne entgegennehmen.

Aber die Zahl derjenigen, welche für kurze Zeit und wenig Geld qualifizierte Lehre erteilen können und wollen, ist begrenzt und schon jetzt das Reservoir guter Lehrbeauftragter und Tutoren in vielen Fächern weitgehend erschöpft. So wird man irgend jemand nehmen – ein bedenklicher Brauch, wie ihn die Schulbehörde bei Lehrermangel, Gott sei’s geklagt, schon immer geübt hat. So führen Blinde Blinde in die Grube, während Habilitierte irgendeinen Job annehmen müssen, für den sie gar nie ausgebildet wurden.

Schon jetzt ist das Reservoir guter Lehrbeauftragter und Tutoren in vielen Fächern weitgehend erschöpft.

Nun mag das an den Universitäten anderer Bundesländer ja möglicherweise alles viel klüger geregelt sein. Für die Universität Heidelberg stellt sich die Lage jedenfalls so dar. Dabei hat die Universitätsleitung die studentenfreundlichste Regelung getroffen, die sich denken lässt. Kein Vorschlag für die Verwendung der Studiengebühren kommt aus einer Kommission, wo die Studierenden nicht die Mehrheit haben. Diese verwalten also quasi selbst die von ihnen gezahlten Beträge. Aber auch sie werden unter den gegebenen Umständen in den großen Fächern wie der Germanistik die Gebühren, wo sie ein Mehrfaches des regulären Institutsbudgets betragen, nur zum geringeren Teil wirklich sinnvoll ausgeben können. Also wird man auf weniger Sinnvolles verfallen, wie z. B. auf studentische Betreuer für Seminarhausarbeiten, die ja am Ende den – dann nur noch scherzhaft zu verstehenden – Vermerk tragen, sie seien selbständig verfertigt worden.

Während die Personalstruktur weiterhin an grundlegenden und dauernden strukturellen Schwächen leidet, wird statt des Nötigsten vieles weniger oder gar nicht Nötige bereitgestellt werden. Hier wirft man das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster, und gleichzeitig befindet zur Vermeidung angeblicher Verschwendung der Landesrechnungshof in völliger Sachunkenntnis, wissenschaftlicher Unterricht könne von einer einzelnen Lehrkraft im Akkord bis zu 25 Stunden in der Woche erteilt werden.

Wenn die Studiengebühren so verwendet werden, steht die Belastung der Studierenden in keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den sie daraus ziehen. Solange sich daran nichts ändert, darf niemand ihnen reinen Gewissens diese Belastung auferlegen. Denn eine wirkliche Verbesserung der Lehre wird es so nicht gegeben.

 

A U T O R

Fritz Peter Knapp ist Ordinarius für Ältere Deutsche Philologie an der Universität Heidelberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind regionale und vergleichende europäische Literaturgeschichte des Mittelalters, historische Poetik und historisch-kritische Editionen.


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