01 | Januar 2008 Artikel versenden Artikel drucken

To google or to think – this is the question

Über die gefesselte Phantasie in Wissenschaft und Universität | Rüdiger Görner

Phantasie spielt im gegenwärtigen eher utilitaristisch orientierten Nachdenken über Universitäten und Wissenschaft keine Rolle. Das überrascht nicht. Genauso wenig wie die Ausblendung der Phantasie als nicht relevant für die kühle Rationalität der Wissenschaft. Dagegen wird hier Einspruch erhoben: Phantasie ist ein intellektuelles Mittel der Wissenschaft.

Was ist ‚Phantasie’? Imagination im Sinne des englischen Aufklärers David Hume oder Vorstellungskraft, wie die deutschen Aufklärer dieses Wort zu übersetzen pflegten? In der Musik – und nur in ihr – ist sie eine Gattung: die Fantasia; gemeint ist damit eine Improvisation über ein Thema, man denke etwa an die „Fantasia on a theme by Tallis“ von Ralph Vaughn Williams.

Kunst setzt Phantasie voraus; in der Literatur entwickelte sich ein Bereich, der vorgab, die Phantasie zu steigern und als das Phantastische programmatisch werden zu lassen. Die Skala dieser Literaturform reicht von E.T.A. Hoffmann bis Stanislaw Lem, von Edgar A. Poe, Jules Verne, Leo Perutz bis zu Doris Lessing. Was die Besonderheit der phantastischen Literatur ist? Dass sie Wahrscheinlichkeit mit Wirklichkeit gleichsetzt und imaginativ bis an den äußersten Rand des Plausiblen steigert.

Phantasie versteht sich – zeitweise wenigstens – auch als ein Politikum. So bezeichnete um 1968 die Forderung „Phantasie an die Macht“ den Umschlagspunkt der kritischen Theorie in eine neo-romantisch konditionierte Emanzipation der Imagination – auch und gerade im Wissenschaftsbetrieb. Im Bereich der Kulturwissenschaften führte das zu mehr Pluralisierung, aber auch zu einer fortschreitenden Marginalisierung philologischer Kernkompetenzen. Erwiesen hat sich aber, dass sich gerade an en Randzonen der traditionellen Fachdisziplinen, in ihren Zwischenbereichen, die ungewöhnliche Fragestellungen ermöglichende Phantasie entzündet. Aber sie bliebe zu einem Strohfeuer- Dasein verurteilt, wenn sie vor lauter Kontexten die Texte vergäße.

Eine Reihenfolge schöner Experimente ist einer der höchsten Theatergenüsse.

Phantasie an die Macht, dieses Motto sollte heute weder wissenschaftsdiskursiven Selbstermächtigungen das Wort reden noch das bloß Phantastische erbringen, aber es soll als Ausdruck kritischer Phantasie zumindest eines neu begründen: Den Vorrang der Imagination vor utilitaristischen Erwägungen. Illustrieren lässt sich dies an Nietzsches These, dass man die Probleme der Wissenschaft vom Standpunkt der Kunst aus schärfer sehe: „Eine Reihenfolge schöner Experimente ist einer der höchsten Theatergenüsse“, notierte er im Herbst 1881. Das ist, wie ich finde, kein anachronistischer Standpunkt, sondern eine These, die das Anschaulich- Pädagogische in der wissenschaftlichen Erkenntnis und ihre Vermittlung durch eine auf Anschaulichkeit ausgerichtete Begrifflichkeit einklagt. Nietzsche spekulierte nicht einfach über diesen Problembereich; er leitete diese Behauptung aus seiner Beschäftigung mit Robert Mayers „Mechanik der Wärme“ ab und aus dessen Satz: „Der chemische Prozess ist stets größer als der Nutzeffekt“. Und dieses „Größer-Sein“ des geistigen Ertrages als die unmittelbare Anwendung eines Forschungsprogramms ist der Nährboden der Imagination, ohne die das Neue in Wissenschaft und Kunst nicht entstehen kann.

Der romantische Dichter Shelley hatte der Moderne ein poetisches Emblem kreiert, der ‚entfesselte Prometheus’; bezeichnenderweise hatte der junge Nietzsche dieses Motiv aufgenommen und auf das Titelblatt seiner „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ setzen lassen, eine Schrift, welche einen paradigmatischen Wendepunkt von Geistes- in eine philosophisch geprägte Kulturwissenschaft darstellt, von Altphilogie in eine Philologie des Neuen, Unerhörten. Die Suche nach Zusammenhängen in einer Welt der Brüche, die Verbindung von Divergentestem, beide erfordern sie Zeit zur imaginativen Reflexion und Freiheit von Formalisierungs- und Nivellierungstendenzen. Max Weber hatte in seiner Rede „Wissenschaft als Beruf“ (1917/19) die Naturwissenschaften davor gewarnt, sich einseitig von jeglichem ‚Intellektualismus’ befreien zu wollen und naiv-optimistisch auf die technische Beherrschung des Lebens hinzuarbeiten. Zwischen Experiment und Verstehen nun vermittelt eine kritische, d.h. sich selbst stets beobachtende Phantasie, die auch dabei helfen kann, die von Heinrich Rickert (1926) geforderte Vermittlung von Wissen und Handeln in Gang zu setzen, eine Vermittlung, die nicht formalisierend, sondern von Phantasie befördert
sich vollziehen solle.

Bologna hätte ein Referendum in der akademischen Welt Europas nötig gehabt.

Jedoch scheinen heute Formalisierungstendenzen im Wissenschaftssektor, sie reichen von einer bis ins Extreme kultivierten Raffinierung von Antragsprosa für Drittmittelanwerbung bis zum Bologna-Prozess, aber auch einem exzessiv betriebenen Evaluierungs- und Rankingverfahren, die Freiheit, die sich eigentlich in Forschung und Lehre verwirklichen soll, allenfalls noch zu karikieren. Dass zudem in Bologna das Geistige zu seinem Canossa-Gang gezwungen wurde, scheint sich inzwischen vor allem in den geisteswissenschaftlichen Fächern zu erweisen. Die musikalische Fantasie hat zwar viel mit Modulieren zu tun, akademische Phantasie jedoch wenig mit Modulen, die der willkürlichen Segmentierung von Wissenszusammenhängen nur wenig entgegenzusetzen hat. Wer von den Bologna- Enthusiasmierten hat sich denn wirklich die Mühe gemacht, sich auf die phantasiearme Realität des angelsächsischen BA-Systems einzulassen, das auf intellektueller Sparflamme köchelt und für beinahe jeden deutschsprachigen Gaststudenten aus den Staatsexamensoder Magister-Zügen im Seminar dankbar (gewesen) ist, vom schulischen Ausbildungssystem zu schweigen? Von welchen Geistern war man denn verlassen, als man behauptete, dieses insulare System sei effizienter? Hat man wirklich den Eindruck, dass drei A-Levels mit der interdisziplinäre Bezüge erst ermöglichenden breiteren Wissenskompetenz, die das Abitur nach wie vor eröffnet, für die Kultur-und Geisteswissenschaften bessere Voraussetzungen bieten? (Mir berichtete neulich eine britische MA-Studentin, dass sie in der Schule nur zwei Geschichtsmodule ableisten musste: Italien um 1870 und die Russische Revolution. Das sei es denn gewesen.)

Bildung und Reform sind, man weiß es hinlänglich, Synonyme; wenn dem so ist in unserem gemeiniglichen bildungsreformleidgeprüften Sprachgebrauch, dann liesse sich auch Bologna bald wieder reformieren. Denn Bologna hätte ein Referendum in der akademischen Welt Europas womöglich nötiger gehabt als der europäische Verfassungsentwurf in der Staaten der Gemeinschaft.

Kulturgeschichtlich gewachsene Strukturen im Bildungs- und Ausbildungsbereich zu planieren, Vereinheitlichung um der Vereinheitlichung willen bedeutet unweigerlich geistige Verarmung. Hier rächt sich, dass der Bologna- Prozess den europäischen Verfassungsprozess trotz Lissabon de facto und de iure überholt hat und es somit keinen verfassungsrechtlichen Rahmen in Europa für europäische Bildungspolitik gibt.

»Zeitwertpunkte und Wissensinhalte sind nicht unbedingt dazu geeignet, phantasievolle Lehre zu ermöglichen.«

Angesichts von nun europaweit grassierender Evaluierungs-und Rankingobsession mit dem UK-System des Research Assessment Exercise (RAE) als in diesem Falle wirklich perfidem albionischen Vorbild – wird der Geist als imaginativer Intellekt zu seinem eigenen Gespenst. In Britannien hat dieses immerhin seit 1991 etablierte, rigide formalisierte, bislang auf einen Fünf- Jahresrhythmus angelegte Evaluierungssystem der Forschung inzwischen nicht nur zu einer Kurzfristigkeitskultur in der Forschungsperspektivierung geführt, sondern auch dazu, dass die Universitäten als Zentren eines in die Öffentlichkeit wirkenden Denkens im Grunde ausgeschaltet worden sind. Mit voller Berechtigung fragte dieser Tage der Rektor einer Universität, weshalb in Britannien ein Noam Chomsky inzwischen undenkbar sei. Besagter Rektor konnte sich diese Frage nur deswegen öffentlich zu stellen erlauben, weil die Mehrzahl der Fakultäten seiner Universität als einer Neugründung ohnehin keine Chancen beim RAE hat.

In unserer Wissenschaftswelt stellt sich heute für die Studierenden eine neue Hamlet-Problematik: To google or to think – this is the question. Ob das die Phantasie, den hemmungslos zur Schau gestellten Dilettantismus oder – nach Konrad Paul Lissmann die Unbildung – befördert, bleibt abzuwarten. Lissmann hat übrigens überzeugend gezeigt, wie das European Credit Transfer System oder Leistungspunkteprinzip die in den Wirtschaftswissenschaften längst verpönte Arbeitswertlehre von Marx anwendet. Zeitwertpunkte und formalisierte Wissensinhalte sind nicht unbedingt dazu geeignet, phantasievolle Lehre zu ermöglichen. Denn es ist in der Lehre, wo eine die studentische Phantasie beflügelnde Wissensvermittlung, die immer auch Entgrenzung bedeuten sollte, stattfindet.

Der forschend Lehrende versteht sich inzwischen zunehmend als Netzwerker, Clusterbuilder, der die Individualität seiner Forschung in einem Verbundsystem neutralisiert – im Bereich der Kultur- oder Wirklichkeitswissenschaften (so der neue vom Internationalen Forschungszentrum für Kulturwissenschaft ausgegebene Begriff) eine noch immer neue Erfahrung, die aber vielleicht eine Vorgabe im mittelalterlichen Künstler findet, der namenlos nur seine Arbeit sprechen ließ. Das Individuelle eigenständiger (wagt man noch zu sagen ‚phantasienreicher’) Forschungsansätze und unorthodoxe, gegen den mainstream vorgetragene Fragestellungen werden dann aber schwieriger zu entwickeln sein, wenn Forschungskollektive auch in den Geistesund Kulturwissenschaften von den uteilungsgremien zur Regel erklärt und überdies noch von verschulten Promotionsstudiengängen sekundiert werden. Hinzu kommt, dass zunehmend nur noch Jargon überfrachtete Trendthemen in der (kulturwissenschaftlichen)

Forschung Förderungschancen haben. »Wer nie frei phantasiert hat – in Gedanken oder auf dem Papier – hat nie geschaffen.«

Aus dem Gesagten ergeben sich aus meiner Sicht die folgenden Thesen zur Frage der ‚gefesselten Phantasie’ als einem Problembereich in den Wissenschaften:

  • Im Freisetzen von Phantasie verwirklicht sich das Impulspotential in und zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen.
  • Die institutionellen Rahmenbedingungen des Wissenschaftsbetriebs müssen das freie Zwischenspiel von immer vorläufigem Wissen und Experiment, das stets auch gesellschaftlicher Natur ist, fördern.
  • In der intellektuellen Phantasie kommt der schöpferische Mensch nicht nur zu sich selbst; er weist über seine bisherigen Horizonte hinaus. Phantasie ist die Vorstufe zum Wagnis, zum Risiko. Gerade deswegen bedarf es kritischer Begleitung, die sie jedoch nicht ersticken soll.
  • Phantasie ist ein intellektuelles Mittel der Wissenschaft, selten ihr Gegenstand, es sei denn in der Kreativitätsforschung. Phantasie versteht sich als Imagination oder Vorstellungskraft sowie als Verwandte des Unerhörten. Das freie Phantasieren darf nicht nur in der Musik möglich sein. Wer nie frei phantasiert hat – in Gedanken oder auf dem Papier – hat nie geschaffen.
  • Phantasien entstehen an der Schnittstelle von Wissen und der Einsicht in dessen Unzulänglichkeiten; sie sind ins Spiel aufgelöste Wissensformen und Vermutungen. Ohne diesen Spielraum verkäme der Wissenschaftsbetrieb zur Anstalt. Das Sichern kreativer Freiräume im akademischen Bereich bleibt also nach wie vor eine ebenso wissenschafts- wie gesellschaftspolitische Notwendigkeit.
 

A U T O R

Rüdiger Görner ist Professor für Neuere Deutsche Literatur am Queen Mary College der University of London. Er ist dort Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations. Seine gegenwärtigen Forschungsgebiete sind Poetik um die Jahrhundertwenden (seit 1800); Ästhetik der Wiederholung; Pluralektik als romantische Denkfigur. Er hat Bücher veröffentlicht u.a. über die Kunst des Absurden (1996), zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und zuletzt „das Zeitalter des Fraktalen. Ein kulturkritischer Essay (Passagen: Wien 2007).


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