02 | Februar 2007 Artikel versenden Artikel drucken

Geistige Selbstkolonialisierung

Die Universitäten in der Wissensgesellschaft | Konrad Paul Liessmann

Was ein Mensch heute wissen kann oder wissen soll, bestimmen längst nicht mehr Bildungstheorien, sondern vor allem der sich permanent wandelnde Markt. Rasch herstellbar, läßt sich dieses Wissen schnell aneignen, aber auch schnell wieder vergessen. Welche Rolle spielen in diesem Prozeß die Universitäten?

Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Dieser Satz beflügelt Bildungspolitiker und Pädagogen, Universitätsreformer und EU-Kommissare, er bewegt Forscher, Märkte und Unternehmen. Wissen und Bildung sind, so heißt es, die wichtigsten Ressourcen des rohstoffarmen Europa und wer in die Bildung investiert, investiert in die Zukunft. Mit nicht geringem Pathos wird das Ende der industriellen Arbeit beschworen und alle Energie auf die „wissensbasierten“ Tätigkeiten konzentriert.

Der Begriff „Wissensgesellschaft“ ist allerdings ein Euphemismus. Vieles von dem, was unter diesem Titel propagiert und proklamiert wird, erweist sich bei genauerem Hinsehen als eine rhetorische Geste, die weniger einer Idee von Bildung, als handfesten politischen und ökonomischen Interessen geschuldet ist. Weder ist die Wissensgesellschaft ein Novum, noch löst sie die Industriegesellschaft ab. Eher noch lässt sich diagnostizieren, dass die zahlreichen Reformen des Bildungswesens auf eine Industrialisierung und Ökonomisierung des Wissens abzielen, womit die Vorstellungen klassischer Bildungstheorien geradezu in ihr Gegenteil verkehrt werden. Der flexible Mensch, der, lebenslang lernbereit, seine kognitiven Fähigkeiten den sich rasch wandelnden Märkten zur Disposition stellt, ist nicht einmal mehr eine Karikatur des humanistisch Gebildeten, wie ihn Wilhelm von Humboldt in seiner knappen Theorie der Bildung des Menschen skizziert hatte, sondern dessen krasses Gegenteil. Bei allem, was Menschen heute wissen müssen und wissen können – und das ist nicht wenig! –, fehlt diesem Wissen jede synthetisierende Kraft. Es bleibt, was es sein soll: Stückwerk – rasch herstellbar, schnell anzueignen und leicht wieder zu vergessen.

Weder ist die Wissensgesellschaft ein Novum, noch löst sie die Industriegesellschaft ab.

Welche Rolle spielen in diesem Prozess die Universitäten? Sie machen mit. Durch die unter dem Vorwand der Internationalisierung in einem Anflug geistiger Selbstkolonisierung vorgenommene Umstellung der Studienstruktur auf das Bachelor-Master-System wird eine gravierende Neudefinition universitärer Bildung inszeniert, die deren Ende bedeuten könnte. Durch die verpflichtende Einführung dreijähriger Bachelor- Studien für alle Fächer sollen die Universitäten die Aufgabe erhalten, primär eine protowissenschaftliche Berufsausbildung zu leisten. Auf kaltem Wege wird der Sinn der Universität als Stätte der wissenschaftlichen Berufsvorbildung, die ihre Voraussetzung in der Einheit von Forschung und Lehre hat, liquidiert. Der wissenschaftspolitische Sinn des Bakkalaureats, der es für viele Bildungsminister so attraktiv erscheinen lässt, liegt auf der Hand: Verkürzung der Studienzeit und Hebung der Akademikerquote – auch wenn unter der Hand mitunter zugegeben wird, dass man damit den Studienabschluss für Studienabbrecher geschaffen hat. Wie auch immer: die flächendeckende Einführung berufs- und bedarfsorientierter Kurzstudien, die die Lehre weiter marginalisiert, wird das Bild der Universität nachhaltiger verändern als alle anderen Reformen zuvor.

Betrachtet man schon existierende oder projektierte Studienprogramme neuen Typs, fällt allerdings eines auf: Alles, vom Bachelor über den Master bis zum PhD, wird nun durchstrukturiert, als modularisiertes „Programm“ angeboten. War es bislang, zumindest in den Geistes- und Humanwissenschaften, möglich, spätestens im Doktoratsstudium und natürlich in der Habilitation in thematischer Selbstbestimmung und methodischer Freiheit zu forschen, so führen die vernetzten Kollegs und vorgegebenen Doktoratsprogramme zu einem Wissenschaftsverständnis, das durch die Parameter Planbarkeit, Vernetzung, Standardisierung und Kontrolle gekennzeichnet ist. Zwar möchte man durch solche Graduiertenprogramme jungen Wissenschaftlern auch ökonomisch helfen, sie in bestehende Forschungszusammenhänge einbinden und so ihre Karrierechancen erhöhen, aber die Möglichkeiten für individuelle Zugänge, wirklich originelle Forschungsansätze und unorthodoxe Fragestellungen schwinden damit. Fast scheint es so, als kennten die modernen Universitätsreformer nur einen wirklichen Feind: einen unabhängig forschenden Geist, der sich ihren Vorstellungen von strukturierter und kontrollierter Wissenschaft entzieht.

Gefordert werden allerdings exzellenzträchtige Forschungsprogramme – zumindest von jenen wenigen Universitäten, die sich von der Masse der Ausbildungsstätten durch ihren Elitestatus abheben sollen. Diese sollen nun nicht mehr den Binnenmarkt der Hörsaalbesucher, sondern als ausgezeichnete Forschungsuniversitäten den Weltmarkt der Patente und Reputationen, der internationalen Rankings und Ranglisten und die Verschiebebahnhöfe von brain drain und brain gain bespielen. Durch die in diesem Zusammenhang vorgenommene, gepriesene Festsetzung vermeintlicher Standards wird der Wissenschaftsbegriff allerdings selbst normiert. Die Differenzen unterschiedlicher Wissenschaftskulturen werden dabei in der Regel ebenso ignoriert wie die Frage nach dem tatsächlichen Gehalt wissenschaftlicher Leistungen. Und vor allem: Evaluationen, Bewertungen und Wettbewerbe werden nach relativ willkürlichen, aber vorher festgelegten Kriterien vorgenommen, sind also gerade nicht geeignet, das Neue zu entdecken und zu fördern. Entscheidend scheint viel mehr zu sein, dass sich wissenschaftliche Forschung wenigstens der Form nach am Modell kollektiv organisierter anwendungsorientierter Wissenschaften auszurichten hat, was dazu führt, dass auch dort von Teamarbeit und Projekten, von Praxis und Nutzen schwadroniert wird, wo es die Ehrlichkeit und der Stolz gebieten würde, eine individuelle Leistung, die sich der Erkenntnis verpflichtet fühlt, zu verteidigen.

Ganz nebenbei produziert der künstlich erzeugte Wettbewerbsdruck eine neue, eigene Literaturgattung: die Antrags-, Projektbeschreibungs-, Selbstdarstellungs- und Bewertungsprosa. Zu dieser gehört nicht nur das gekonnte Jonglieren mit Zahlen und Statistiken, sondern auch die bemerkenswerte Fähigkeit, dem Zeitgeist genau abzulauschen, welche wissenschaftlichen Trends als zukunftsfähig gelten könnten und in welchen Segmenten es sich daher lohnt, jene transdisziplinär vernetzten und international begutachteten Projektanträge zu stellen, die dann bei einer allfälligen Evaluation als die großen Pluspunkte verbucht werden können. Unter diesen Bedingungen wächst natürlich nicht Forschung, wohl aber der organisatorische, bürokratische und poetische Aufwand für diese. Projektanträge erreichen mittlerweile Dimensionen, die dem Vernehmen nach dazu führen, dass manch ein Antragsteller gleich den Antrag als wissenschaftliche Publikation deklariert – was insofern durchaus sinnvoll ist, als ja, wie schon Daniel Defoe wusste, ein Projekt ein „großartiges Unternehmen ist, das zu breit angelegt ist, als dass aus ihm etwas werden könnte“.

Immerhin: all das ist für die Universitäten auch mit einem Zugewinn an Freiheit und Selbstverantwortung verbunden. Die in vielen Bereich in den letzte Jahren durchgesetzte sogenannte „Autonomie“ der Universitären entspricht aber leider nur auf den ersten Blick der Forderung nach Freiheit der Lehre und Forschung. Ausgestattet mit garantierten Budgets, die zumindest die Basisausstattung und zentrale Bereiche der Lehre abdecken sollen, können die Universitäten zunehmend frei über Personal, anzubietenden Studienrichtungen und Forschungsschwerpunkte entscheiden. Erstaunlich allerdings, dass dort, wo dieser Übergang in die Autonomie vollzogen wird, die davon Betroffenen nicht selten den Eindruck haben, dass Freiheitsräume nicht erweitert, sondern eingeengt werden. Die in einem institutionellen und ökonomischen Sinn autonome Universität ist deshalb noch lange keine freie Universität. Über Budgetvereinbarungen, Wissensbilanzen und europäische Vorgaben sind die Universitäten nicht nur nach wie vor der Politik ausgeliefert, über Drittmittelgeber, Akkreditierungs- und Evaluationsagenturen und Universitätsräte regieren zunehmend private Interessen in die Belange der Universitäten hinein. Die herrschende Ideologie der Entstaatlichung hinterlässt auch hier ihre Spuren. Der Zugriff des Marktes einerseits und eine Auslagerung der politischen Kontrolle auf informelle Öffentlichkeiten andererseits führen letztlich zu einer Einengung wissenschaftlicher Arbeit, die sich gerade für eine Gesellschaft als ziemlich kontraproduktiv erweisen könnte.

 

A U T O R

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ästhetik und Kulturphilosophie sowie die Philosophie des 19. Jahrhunderts. Im Zsolnay Verlag gibt er die Reihe Philosophicum Lech heraus.


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