09 | September 2008 Artikel versenden Artikel drucken

Erforschung der Welt und Befreiung des Geistes

Thesen für eine Universität der Zukunft | Sascha Liebermann, Thomas Loer

Die Zeiten, in denen von „Universität“ nur in einem Atemzug mit ihrer „Idee“ gesprochen wurde, sind lange vorbei. In der pragmatischen Gegenwart ist sie ein Hochschultyp neben anderen und vor allem Gegenstand des Managements und der Organisationsentwicklung. Grund genug, sich der Frage zu stellen, welchen Zweck eine Universität der Zukunft haben könnte.

Die Stimmen werden lauter, die in der Umgestaltung von Universitäten zu höheren Lernfabriken den Zweck der Universität, der Wissenschaft zu dienen, verloren gehen sehen. Nach langem Schweigen und Erdulden der Umgestaltung, nach verbreitetem vorauseilenden Gehorsam und vereinzeltem Widerstand fragen sich Wissenschaftler an Universitäten und einige Journalisten: Waren die jetzt erkennbaren Folgen der Umgestaltung das, was erreicht werden sollte? Kritisch beäugt werden meist nur die noch größere Lehrbelastung, das gestiegene Prüfungsaufkommen, die geringere Mobilität von Studenten und auch eine höhere Abbrecherquote. Es gibt wenige Stimmen, die den Geist von ‘Bologna’ als solchen kritisieren, die etwa darauf hinweisen, dass die Systematik einer Modularisierung der Lehre mit der Jahrgangsbildung von Studenten eine wichtige Voraussetzung von universitärer Lehre zerstört; die der Bildung förderliche implizite Mentorendynamik jahrgangsübergreifender Lehrveranstaltungen wird abgeräumt. Einst unerlässliche Maximen wie Verantwortungszumutung und Vertrauen in die Neugierde von Studenten zählen nicht mehr. Wurde früher Selbständigkeit gefördert, indem Studenten sich ihren Weg suchen mussten, breitet sich nun Dauerbetreuung aus. Bei all dem aber spricht niemand der Universität die Berechtigung ab, der ausgezeichnete Ort für Wissenschaft zu sein. Auch steht die Alimentierung nicht grundsätzlich in Frage, wohl aber ihre Ausgestaltung. Rechtfertigungsund Begründungsbedarf besteht hinsichtlich einer Klärung dessen, was die Universität leisten sollte, wozu sie überhaupt da ist, was sie – bei allen Illusionen darüber – nicht leisten kann und worin eine Überforderung besteht. Um zu dieser Diskussion einen Beitrag zu leisten, möchten wir thesenartig formulieren, worin wir den Zweck einer Universität der Zukunft erkennen.

    Wurde früher Selbständigkeit gefördert, breitet sich heute Dauerbetreuung aus.

  1. Die Universität dient der Wissenschaft. Als Ort von Forschung und Lehre wird in ihr Wissenschaft betrieben und werden die zur Fortführung von Wissenschaft notwendigen Voraussetzungen wissenschaftlichen Handelns weitergegeben. Alle anderen Zwecke der Universität sind davon abgeleitet und haben sich danach zu richten.
  2. Wissenschaft heißt die systematisch- methodische Erweiterung des Wissens um seiner selbst willen einschließlich der Bearbeitung von Fragen der Geltung dieses Wissens.
  3. Wissenschaft bedarf der Alimentierung. Erst dann kann sie um ihrer selbst willen betrieben werden, ohne auf die Verwertung ihrer Erkenntnisse hoffen oder dazu gar beitragen zu müssen.
  4. Wissenschaft muss sich gegenüber dem Gemeinwesen, das sie alimentiert, rechtfertigen; sie kann dies nur auf einem Weg: durch Kollegialität und Kritik.
  5. Kollegialität und Dauerkritik sind notwendige Momente von Wissenschaft. Der Ort, an dem sie selbst diese Momente – in Einübung und Vollzug – fördern kann, ist die selbstverwaltete Universität.
  6. Kollegialität und Dauerkritik als notwendige Momente von Wissenschaft bedürfen einer bestimmten Haltung, die sie selbstverständlich hervorbringt: eines wissenschaftlichen Habitus
  7. Der wissenschaftliche Habitus kann und muss im Studium eingeübt werden. Wie die Forschung eines Schonraumes bedarf, so auch die Lehre. Nur wo Lehre aus Forschung sich nährt, ist die Einübung dieses Habitus möglich.
  8. Wissenschaftliche Forschung findet in gegenstandsspezifischen Disziplinen statt. Die Universität ist der Ort, an dem die Einheit der Wissenschaft in der Vielfalt der Fächer organisiert wird.

Die Diskussion um die Zukunft der Universität, soll sie vorankommen, muss an der Frage nach ihrem Zweck ansetzen. Denn der weck, dem sie dient, ist es, vor dem sich alle ihre Mitglieder in ihrem Handeln rechtfertigen müssen. Bei allen Missständen und Problemen, die schon lange bestehen (auch hinsichtlich der Verschulung, die jetzt nur weitergetrieben wird) war bis zu den Umgestaltungen unter dem Signum ‚Bologna’ eines unverrückt: dass der Charakter eines universitären Studiums sich an der Wissenschaft orientiert. Genau dies ist abgeräumt orden. Denn in einem Bachelor-Studium, das auf den Arbeitsmarkt vorbereiten soll (auf die beruflichen Felder weisen die Studienordnungen hin), kann ein Dozent sich auf die Wissenschaftlichkeit nicht mehr berufen. Sie ist nicht länger führend. Wie sie dann im Masterstudium wieder hineingelangen soll, bleibt unklar, vielleicht sogar eine Illusion.

Die Beantwortung der Frage nach dem Zweck, muss Folgendes berücksichtigen:

  • Die Verantwortung der Wissenschaft besteht darin, ihren jeweiligen, disziplinenspezifischen Gegenstand methodisch aufzuschließen und auf den Begriff zu bringen und so unvoreingenommen zur Erkenntnis der Welt beizutragen.
  • Die Verantwortung der Universität besteht darin, Wissenschaft angemessen zu organisieren, das heißt Wissenschaftlern den Handlungsraum zu ermöglichen, in dem sie zweckfrei, geduldig und beharrlich Forschung betreiben und diese einem kritischen Diskurs unter Kollegen aussetzen sowie im Austausch unter den Disziplinen der Einheit in der Vielfalt der Erkenntnis dienen können. – Universität ermöglicht die Erforschung der Welt.
  • Die Verantwortung der Universität besteht zugleich darin, Studenten als Novizen, als „geleitete Forscher“ in die wissenschaftliche Haltung zur Welt durch wissenschaftliche Forschung und Lehre praktisch einzuüben. – Universität ermöglicht die Befreiung des Geistes.

Die Wissenschaftlichkeit ist in einem Bachelor-Studium nicht mehr länger führend.

Eine so bestimmte Universität muss diesen Zweck in jedes Element ihrer konkreten Organisation aufnehmen – von der Berufung der Kollegen über die Finanzierung und personale Unterstützung der Forschung, die Durchführung der Lehre, die Organisation des Studiums und der Prüfungen, die Nachwuchsförderung bis hin zur Selbstverwaltung – als zentralem Aspekt. Diese konkreten usarbeitungen zur inneren und äußeren Organisation der Universitäten können hier nicht vorgelegt werden. Dass sie aber aus der Mitte der Universitäten heraus dringend vorgelegt werden müssen, liegt angesichts der Lage, in die sie sich durch die Reformen gebracht haben, auf der Hand.

 

A U T O R

Dr. Sascha Liebermann (linkes Bild) ist Soziologe und lebt in Frankfurt am Main Dr. Thomas Loer ist Privatdozent an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Dortmund und Herausgeber „sozialer sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung“


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken