05 | Mai 2008 Artikel versenden Artikel drucken

Zur Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses

Viel Förderung – aber zu wenig Professuren | Bernhard Kempen

Von sehr guten Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs sind die deutschen Universitäten noch
weit entfernt. Noch immer wenden sich zu viele und gerade die Besten von der Universität ab, um in der Wirtschaft ihr Glück zu suchen. Immer noch werden an den Hochschulen Stellen abgebaut, die der wissenschaftliche Nachwuchs dringend benötigt.Was ist zu tun? *

Ein einziges Mal habe ich erlebt, dass auf einer gediegenen und festlichen Veranstaltung ein Redner das Publikum so in Rage brachte, dass er mitten im Redefluss von aufgebrachten und zornigen Zuhörern unterbrochen wurde. Das war vor etlichen Jahren, als ein Kultur-Staatsminister des Bundes auf dem Hochschulverbandstag vortrug, die meisten Professoren würden sich jenseits der 50 in den inneren Ruhestand verabschieden und nicht mehr viel leisten. Was als Vortrag geplant und angekündigt war, geriet unversehens nach ersten tumultartigen Szenen zum lebhaften Streitgespräch mit den Zuhörern, einem Streitgespräch, an dem sich zur Überraschung des Staatsministers auch junge Professorinnen und Professoren beteiligten, deren 50. Geburtstag noch in weiter Ferne lag. Diejenigen von Ihnen, die damals dabei waren, werden sich erinnern, dass es dem hohen Gast nur mit Mühe gelang, zurückzurudern und das rettende Ufer des politischen Missverständnisses zu erreichen.

Nicht mehr aus eigener Kraft zurückrudern konnte Jahre später eine Bundeswissenschaftsministerin. Sie hatte mit einem flächendeckenden gesetzlichen Habilitationsverbot den wissenschaftlichen Nachwuchs aus Knechtschaft und Leibeigentum befreien wollen, obwohl die vermeintlich Unterdrückten in großer Zahl beteuerten, weder geknechtet noch versklavt zu sein. Die uneinsichtige Ministerin wurde dann zurückgerudert – vom Bundesverfassungsgericht, das zu Recht in der Juniorprofessur und der Habilitation zwei gleichwertige Qualifikationswege sah.

Das Kommen und Gehen der Nachwuchsgenerationen verlangt von jeder neuen Erkenntnis den Wahrheitsbeweis.

Wie konnte es eigentlich zu diesen peinlichen politischen Irrtümern und Fehleinschätzungen kommen? Sind sie nur die Folge schlechten ministeriellen Informiertseins, die Konsequenz sturer Beratungsresistenz oder handelt es sich gar um Projektionen der eigenen Erlebenswelt in die Welt der Wissenschaft? Ich habe darauf noch keine bschließende Antwort gefunden, aber ich bin froh und dankbar, dass in den letzten Jahren nicht nochmals die Sau des Generationenkonflikts durch das Dorf der Wissenschaft getrieben worden ist.

Wir haben heute und morgen ganz andere Sorgen und deshalb ganz anderes vor. Wir wollen die durch das akademische Berufsrecht vorgegebenen Aufstiegsstrukturen in den Blick nehmen, verschiedene wissenschaftliche Qualifikationswege betrachten, die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen jungen Forschens und Lehrens in Augenschein nehmen und, hin und her gerissen zwischen Bangen und Zuversicht, einen Blick in die Zukunft der jungen Wissenschaftsgeneration wagen. Das ist die Generation, die sich schon in wenigen Jahren ihrerseits sorgenvoll Gedanken über die Zukunft der dann heranwachsenden Nachwuchsgeneration machen wird. Von dem konstanten Kommen und Gehen der Nachwuchsgenerationen geht etwas ungemein Beruhigendes aus. Es setzt Bewährtes immer neuen Bewährungsproben aus, verlangt von jeder neuen Erkenntnis den Wahrheitsbeweis, führt jugendlichen Bilderstürmern den Wert des überlieferten wissenschaftlichen Erbes vor Augen, bewahrt altgediente Wissenschaftshaudegen vor Selbstgefälligkeit, bildet, kurz gefasst, den demographischen Faktor des wissenschaftlichen Fortschritts. Jedenfalls gilt das so lange, wie das Kommen und Gehen der Generationen nicht ins Stocken gerät. Und genau da beginnen unsere Probleme.

Gewiss, es werden viele promoviert, etliche habilitieren sich und einige werden Juniorprofessor. In Baden-Württemberg werden im Jahr knapp 3 800 Promotionsverfahren und gut 300 Habilitationsverfahren abgeschlossen, und es sind rund 50 Juniorprofessorinnen und -professoren tätig. Mit diesen Werten darf sich das Land stolz zu den besten drei Bundesländern zählen. Man tut hier etwas für den Nachwuchs, steuert
Erhebliches bei zu den 26 000 Promotionen, 2 000 Habilitationen und 650 Juniorprofessuren in Deutschland. Bei den Promotionen zählt Deutschland zur Weltspitze. Nach den jüngsten OECD-Zahlen müssen wir uns in der
„Doktoren-Produktion“ nur der Schweiz und Portugal geschlagen geben. Sollten wir da nicht jubeln? Sollten wir nicht mit Freudentränen auf die Politik im Bund und in den Ländern schauen, die mit dem Pakt für Forschung und Innovation, der Exzellenzinitiative und dem Hochschulpakt viel zusätzliches Geld in die Wissenschaft fließen lässt, Geld, das auch und gerade dem Nachwuchs eine bessere Zukunft verspricht? Müssen wir uns nicht geradezu freudetrunken in die Arme fallen, wenn wir in dem noch druckfrischen, vom Bundeswissenschaftsministerium herausgegebenen „Bundesbericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses“ lesen, dass der Wissenschaftsnachwuchs sich mit seiner beruflichen Situation zufriedener zeige als noch vor 15 Jahren?

Wir würden uns gerne freuen, wenn wir nicht Wissenschaftler wären mit der fatalen Neigung, den Dingen auf den Grund zu gehen. Schon der Zufriedenheitswert lässt uns nachhaken: Zufriedener, aber auch zufrieden? Die befragten Jungwissenschaftler erteilten auf einer Zufriedenheitsskala von 1 (sehr gut) bis 5 (mangelhaft) jetzt eine magere 2,5 statt der noch dürftigeren 3,1 vor 15 Jahren. Damit aber will sich der Deutsche Hochschulverband nicht zufriedengeben. Wir wollen, dass Deutschland der Staat wird, der motivierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern ausgezeichnete, und wenn schon nicht ausgezeichnete, so doch wenigstens sehr gute Bedingungen bietet. Ich glaube nicht, dass es zu pathetisch klingt, wenn ich sage: Nur wenn das gelingt, haben wir in Deutschland eine Chance, die Zukunft zu meistern.

Aus heute 23 000 Universitätsprofessuren sollen in einer Dekade 32 000 werden.

Von sehr guten Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs sind wir aber immer noch weit entfernt. Wir haben immer noch nicht zu einer gesunden brain circulation mit ausländischen Universitäten gefunden. Und immer noch wenden sich zu viele und gerade die Besten von der Universität ab, um in der Wirtschaft ihr Glück zu suchen. Immer noch werden an den Hochschulen die Stellen abgebaut, die der Nachwuchs benötigt. So sind in den letzten 12 Jahren allein 1.500 Professorenstellen dem Rotstift zum Opfer gefallen. Immer noch wird dem wissenschaftlichen Nachwuchs eine lächerlich niedrige Besoldung an den Hochschulen in Aussicht gestellt. Am Ende aller Qualifikationsmühen lockt auf der (W 2-) Professur ein Monatsgehalt von 3890 Euro. Immer noch warten andere Staaten mit wesentlich besseren Forschungs- und Lehrbedingungen auf. Das an deutschen Universitäten übliche Lehrdeputat von neun Semesterwochenstunden schadet Forschung und Lehre gleichermaßen und ist im Vergleich mit dem Ausland schlicht nicht wettbewerbsfähig. Immer noch bieten Frankreich, Großbritannien und die USA einem Postgraduierten bessere Aussichten, eine unbefristete und selbständige Stelle als Hochschullehrer zu erhalten. Immer noch leistet die Bundesrepublik Deutschland einen im internationalen Vergleich beschämend geringen Aufwand für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung. Das Ziel, diesen Aufwand auf den OECD-Durchschnitt von drei Prozent des Bruttoinlandprodukts zu steigern, hat Deutschland immer noch nicht erreicht.

Ich könnte die Liste fortsetzen, breche aber hier ab und erkläre: Der DHV wird dafür kämpfen, dass endlich mehr Geld in die Wissenschaft investiert wird, dass aus heute 23 000 Universitätsprofessuren in einer Dekade 32 000 werden, dass Nachwuchswissenschaftler eine im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähige Besoldung erhalten und dass hochqualifizierten Nachwuchswissenschaftlern eine konkrete Perspektive auf eine Lebenszeitprofessur eröffnet wird. Ich muss schon jetzt höflichst um Verständnis dafür bitten, dass wir dabei möglicherweise die bisher geübte vornehme professorale Zurückhaltung in Wort und Tat vermissen lassen werden. Doch das ist bereits ein Blick auf den Stil zukünftiger politischer Auseinandersetzungen, während es ja heute zuerst und vor allen Dingen um die Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses gehen soll. Ich bin dankbar, dass meine Begrüßungsansprache nicht von zornigen Zuhörern unterbrochen wurde, und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

 

A U T O R

Bernhard Kempen lehrt Ausländisches Öffentliches Recht und Völkerrecht an der Universität zu Köln und ist Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Völkerrecht, Europarecht, Öffentlichen Recht und Wissenschaftsrecht.


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